Was für eine zwingende Idee diesem erschreckenden und tief in die Abgründe menschlicher Existenz zielenden Roman zugrunde liegt: ein zugezogenes Fräulein, das im Novi Sad der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als man auch dort schon »den Atem des Krieges spürt«, privat Deutschstunden gibt. Die Stunden bei dem Fräulein nehmen Leute, »die nicht hinter den Ereignissen zurückbleiben wollen«, und dort treffen sich auch die beiden Hauptfiguren des Romans, Vera, die Tochter eines jüdischen Kaufmanns und einer Deutschen, und Sredoje, der aus serbisch-nationalem Elternhaus stammt. Allerdings gehen sie aus den entgegengesetzten Gründen in den Deutschunterricht: Für Veras Vater, der ein paar Jahre in Wien verbracht hat, steht das Deutsche immer noch für ein »sinnerfülltes Leben«, Sredojes Vater hingegen sieht darin eine Möglichkeit, seinen Sohn »für den Kampf Mann gegen Mann zu rüsten«. Über das »Zusammenleben der Völker« im ersten wie im zweiten Jugoslawien ist viel Blumiges geschrieben worden, aber der Schriftsteller Aleksandar Tišma (1924 bis 2003) lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass in diesem Teil Europas Herkunftszuschreibungen zuallererst für die unterschiedlichen Arten stehen, wie man zum Opfer oder zum Täter oder zu beidem zusammen werden kann.

Als sich Vera und Sredoje fünf Jahre nach dem Krieg in Novi Sad wiedertreffen, sind sie eines der unglaublichsten Paare der Weltliteratur. Sie kommt aus dem Lager, eine Tätowierung über der linken Brust markiert sie als »Feldhure«. Er ist nach anfänglicher Kollaboration, die er weidlich dazu genutzt hat, im Belgrader Prostituiertenmilieu seinen sadistischen Neigungen nachzugehen, bei den Partisanen gelandet. Ich kenne keinen anderen Roman, in dem Sexualität und Gewalt auf derart verheerende Weise miteinander verquickt sind, und kaum einen, in dem die Selbstanklage der Überlebenden so schmerzhaft thematisiert wird: Veras Gefühl, zu den Siegern zu gehören, weil sie überlebt hat, ihre Frage, welche Fehler die Toten gemacht haben, die Kontinuität ihrer Erniedrigung und Selbsterniedrigung nach dem Krieg, als sie sich wahllos Männern hingibt.

In einer der am schwersten ertragbaren Szenen des Romans sprechen Vera und Sredoje über das Tagebuch des Fräuleins, das nach dessen Tod in ihre Hände fällt. Man weiß als Leser von Anfang an von seiner Existenz, bekommt es aber erst gegen Ende des Romans im Wortlaut vorgesetzt. Die Erwartung ist dann groß, darin auch etwas über die Zeitläufte und vielleicht sogar über die ehemaligen Schüler zu finden. Es ist aber nur das traurige Protokoll eines nicht gelebten Lebens, das »sang- und klanglos« vorbeigeht, wie es mehrfach wörtlich heißt. Das Fräulein hat nicht Gebrauch von sich machen lassen, und was im Kontext des Romans natürlich wichtiger ist: Es hat nicht Gebrauch von sich machen lassen müssen. Die erste Eintragung lautet ausgerechnet »Mit Gott«, und wenn man die dann folgenden leeren Klagen liest und weiß, dass das Fräulein 1940 gestorben ist und den Vorstoß der Deutschen nach Novi Sad nicht mehr erlebt hat, möchte man fast von der Gnade des frühen Todes sprechen. Das Fräulein ruft Gott an, sehnt sich nach Verehrern und weist sie gleichzeitig ab und hat für nichts und niemanden sonst einen Blick. Es ist eine dieser paradoxen Parallelführungen, mit denen Tišma immer wieder die gewöhnlichen Kategorien von Psychologie und Moral (und übrigens auch Literaturkritik) außer Kraft setzt, als Vera und Sredoje sich die Frage stellen, ob nicht vielleicht das Leben des Fräuleins unglücklicher gewesen sei als ihr eigenes. Eine erschreckende Frage, erschreckend wie der ganze Roman in seinem Willen, wehzutun. Das Wort Auschwitz findet sich ein einziges Mal im Buch, gleich auf den ersten Seiten, und das Bestürzende ist, es findet sich in einer Aufzählung der »Wohnstätten«, gleichberechtigt neben anderen, eher wohl bürgerlich zu nennenden. Es ist diese Emotion der Emotionslosigkeit, mit der Tišma das Unmenschliche mitten im menschlich Möglichen platziert, wo es leider hingehört. Da helfen alle guten Wünsche der Sonntagsprediger und Moralapostel nichts. Muss ich es noch sagen? Ein großer, ein ganz großer Roman!