Philipp Rösler gilt in der FDP als gescheiterter Vorsitzender. Innerhalb der Partei wird nicht mehr darüber diskutiert, ob er sich noch halten kann, sondern immer offener danach gefragt, wann er geht. Mit Rösler an der Spitze, so die Überzeugung unter fast allen Liberalen, wird die FDP nicht in den Bundestagswahlkampf 2013 ziehen.

Nach Monaten des Niedergangs und der Depression erreichte die FDP bei den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen im März dieses Jahres 8,2 beziehungsweise 8,6 Prozent. Die überraschend guten Ergebnisse waren, wie Wählerbefragungen zeigen, allein der Popularität der Spitzenkandidaten Wolfgang Kubicki und Christian Lindner geschuldet. Parteichef Rösler konnte von dem Aufwärtstrend nicht profitieren, im Gegenteil. 77 Prozent der Wähler sind laut Deutschlandtrend unzufrieden oder sehr unzufrieden mit seiner Arbeit. Rösler ist damit unbeliebter, als es Guido Westerwelle, der eigentlich Verantwortliche für den Absturz der FDP, je war. Seine Partei zieht er damit wieder nach unten. Nach dem Zwischenhoch im Frühjahr pendelt sie nun zwischen vier und fünf Prozent, an der Schwelle zwischen parlamentarischem Sein oder Nichtsein. Der Chef wird da als Last empfunden.

Der Kieler Wahlsieger Kubicki empfahl bereits den Düsseldorfer Wahlsieger Lindner als »den geborenen neuen Bundesvorsitzenden«. Das war der erste von zwei Angriffen, die Rösler in diesen Tagen parieren musste. Der zweite, subtilere und zielsicherere, erfolgte durch Hans-Dietrich Genscher. In einem Beitrag für den Tagesspiegel kritisierte der FDP-Ehrenvorsitzende das »Gerede« über Europa und den Euro, sprach von »neonationalistischem Blech«, das er da höre. Es gezieme sich, so Genscher mit Blick auf die Reformanstrengungen Griechenlands, »den Bericht der Troika abzuwarten und sein Ergebnis nicht vorwegzunehmen«. Genau dies hatte aber Rösler getan. Indem Genscher auf Distanz zu Rösler geht, schafft er Raum für neue Attacken.

Verwundert, ja verärgert stellen die Liberalen fest, dass ihr Vorsitzender aus Fehlern nicht lernt. Zuerst sprach Rösler zur Unzeit von einer »geordneten Insolvenz« für Griechenland, dann verkündete er Tage vor dem Ende des FDP-Mitgliederentscheids zum Euro-Rettungsschirm ESM dessen Ergebnis, und schließlich dachte er ebenso laut wie deutlich vorfristig darüber nach, dass ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone seinen Schrecken verloren habe. Warum er das tut, wird nicht recht klar, dass es ihm schadet, ist offenkundig.

Am 20. Januar 2013 wählt Niedersachsen einen neuen Landtag. Das könnte der Tag sein, an dem Röslers Schicksal besiegelt wird. Scheitern die Liberalen an der Fünfprozenthürde – derzeit liegen sie bei vier –, wird der FDP-Chef Rösler zurücktreten müssen. Ziehen sie knapp in den Landtag ein – an einen Triumph in der Lindner-Klasse glaubt niemand –, wird es kaum anders kommen. Wie soll ein Mann den Existenzkampf der FDP bundesweit kraftvoll bestreiten, wenn er sich in seiner eigenen Heimat Niedersachsen mit knapper Not ins Ziel gerettet hat? Beim Bundesparteitag im Mai 2013 würde dann ein neuer Vorsitzender gewählt.

Vielleicht erlebt Rösler den 20. Januar aber auch bereits als einfaches Parteimitglied. Sollten die Umfragen zum Jahresende hin nicht besser werden, könnte die Niedersachsen-FDP versucht sein, einen Befreiungsschlag zu wagen. Indem sie Rösler bittet, den Weg für einen Neuen frei zu machen und zurückzutreten.

Die Ironie der Geschichte des Vorsitzenden Rösler liegt darin, dass sich sein Schicksal just an dem Tag entschied, an dem es sich zum Besseren zu wenden schien: als er die Kanzlerin dazu zwang, Joachim Gauck als Bundespräsidenten-Kandidaten zu nominieren. Indem er zuerst die internen Beratungen veröffentlichte, um den Druck auf Merkel zu erhöhen, und dann seinen Erfolg beim TV-Talk ausschlachtete, machte Rösler deutlich, dass er mit Siegen nicht klug umzugehen weiß. Dabei gibt es in der FDP so wenig zu siegen.