ArchitekturSchlösser fürs Volk

Kann Architektur ein neues Gesellschaftssystem erschaffen? Eine sehenswerte Ausstellung in München erzählt die Geschichte der engagierten Architektur. von Tobias Timm

Craig Hodgetts, "Ecotopia", Blick auf die Bucht von San Francisco mit Solarkraftwerken, 1982

Craig Hodgetts, "Ecotopia", Blick auf die Bucht von San Francisco mit Solarkraftwerken, 1982  |  © Hodgetts + Fung, Culver City, California, USA

Die Utopie bauen, davon träumte Friedrich Heinrich Ziegenhagen. Wahrlich Großes hatte er mit der Menschheit vor, er wollte nicht weniger als eine Welt in Frieden und Harmonie erschaffen. »Liebt Ordnung, Ebenmaß und Einklang! Liebt euch selbst und eure Brüder! Körperkraft und Schönheit sei eure Zier, Verstandeshelle euer Adel!« So heißt es in der Kleinen deutschen Kantate, deren Vertonung Ziegenhagen bei Mozart – beide waren sie Freimaurer – in Auftrag gab. Die Kantate sowie Kupferstiche von Daniel Chodowiecki, auf denen der neue Mensch beim Studium der Naturlehre oder in der Anatomischen Lehranstalt gezeigt wurde, dienten Ziegenhagen (1753 bis 1806) als multimediale Propaganda für seine Ziele. Das wesentliche Mittel, um seine Utopie Realität werden zu lassen, war jedoch die Architektur. Der Tuchhändler schrieb 1792 eine Lehre vom richtigen Verhältnisse und baute dann ein Landgut vor Hamburg in einen offenen Musterhof um, in dem die Gebäude in Einklang mit der Natur stehen sollten.

Zeichnungen von Ziegenhagens Musterkolonie kann man derzeit im Münchner Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne bestaunen, sie sind Teil der Ausstellung L’Architecture engagée, die sich architektonischen Manifesten zur Veränderung der Gesellschaft widmet. Der forschende Direktor Winfried Nerdinger, der im September das von ihm mitgegründete Museum verlässt, hat mit dieser Ausstellung noch einmal ein Zeichen setzen wollen: für eine Architektur, die sich nicht allein mit Form- und Kostenfragen beschäftigt. Aufgenommen wurden in die Ausstellung ausschließlich solche Manifeste und Architekturen, die dem Geist der Aufklärung entspringen, eine emanzipatorische Utopie verfolgen und von der Veränderbarkeit der Menschen und ihrer Lebenswelt überzeugt sind. Nur wahrhaft revolutionäre Programme also, die auch die Frage nach dem Besitz an Grund und Boden stellen.

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Die Ausstellung baut auf einer These auf: Es gibt heute keine radikal engagierte Architektur mehr. Und die Ausstellung verschreibt sich einer Hoffnung: dass die Präsentation all der historischen Manifeste vielleicht doch einen neuen Anstoß zu wildem Denken und utopischem Entwerfen gibt.

Ausstellung

»L’Architecture engagée. Manifeste zur Veränderung der Gesellschaft«, Pinakothek der Moderne in München, bis zum 2. September 2012, der Katalog kostet in der Ausstellung 35 Euro

Dabei verschweigen die Ausstellungsmacher nicht, dass die Geschichte der engagierten Architektur vor allem eine des Scheiterns und des totalitären Kontrollwahns ist. Dieser Kontrollwahn war in den meisten Utopien schon von Anfang an angelegt, denn viele Vordenker glaubten, dass man den Menschen nur mit strenger Hand zum freien und besseren Menschen erziehen könne. So war es etwa bei dem heute fast völlig vergessenen Friedrich Heinrich Ziegenhagen: Wie so häufig endete auch diese Utopie in einer »Diktatur der Philanthropen« (Gerd de Bruyn). Die jugendlichen Hamburger, die Ziegenhagen in seiner Gartenkolonie zu neuen Menschen erziehen wollte, mussten ein bäuerliches Leben führen, sie wurden streng kontrolliert, erst mit 25 Jahren durften sie heiraten und Sex haben. Aber dann, Ordnung muss sein, auch nur einmal im Jahr und ausschließlich zum Zwecke der Fortpflanzung.

Recht rigide Vorstellungen hatte auch schon Thomas Morus (1478 bis 1535) vom Leben auf der Insel Utopia gehabt – und dabei sehr konkrete städtebauliche Vorgaben entwickelt, die im Gegensatz zur gewachsenen spätmittelalterlichen Stadt auf rationalen, geometrischen Prinzipien beruhten. Eine standardisierte Stadt, so Morus, sei Voraussetzung für eine Gesellschaft, die auf das Privateigentum verzichtet und in der alle gemeinsam wirtschaften. Auch die Architektur der Häuser beschrieb er genau, alle sollten drei Stockwerke hoch sein, ein Vordertor zur Straße und eine Pforte zum Garten haben, die Türen sollten sich durch leichten Druck öffnen lassen – so leistet schon die Architektur der Überwachung des Lebens hinter der Tür Vorschub.

Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kamen vermehrt anarchistische, vom Kontrollwahn befreite Utopien in Mode, in denen dann jedoch die Architektur oft keine große Rolle mehr spielte – stellte man sich das Leben in diesen freizügigen Utopien doch in Hütten oder Zelten vor, als ein Zurück zum wilden Leben des goldenen Zeitalters. Erst bei dem Frühsozialisten Charles Fourier (1772 bis 1837) verbanden sich anarchistische Momente mit den Vorstellungen von einer Idealstadt: Als genossenschaftliche Wohneinheiten für 900 bis 2.000 Menschen wollte er sogenannte Phalanstères bauen – um einen Hof gruppierte Schlösser mit Seitentrakten, in denen die Menschen schlafen und arbeiten, forschen und feiern sollten. Die Architektur war so angelegt, dass die Menschen einfach und schnell zwischen verschiedenen Tätigkeiten, zwischen dem Arbeiten in Manufakturen und der wissenschaftlichen oder künstlerischen Betätigung wechseln konnten. Anders als in der von Fourier verpönten zivilisierten Welt sollten die Menschen in den Phalanstères uneingeschränkt ihre sexuellen Bedürfnisse befriedigen dürfen; die Frauen wären emanzipiert, und die Kinder würden in den Genossenschaftsschlössern, so seine Hoffnung, auch nicht mehr zanken und brüllen.

Doch die Kinder zanken und brüllen noch heute, aus Fouriers Schlössern fürs Volk wurde nichts. Und so erstarrten später auch die utopischen Entwürfe des 20. Jahrhunderts in der Realität der Diktaturen, wurden verfremdet oder – wie Craig Hodgetts’ Entwürfe für eine ökologische Stadt namens Ecotopia – gar nicht erst gebaut. Mit den Bildern von dieser Ecotopia enden die Ausstellung und auch der sehr lesenswerte Katalog. Seit den achtziger Jahren herrsche die große geistige Leere, so die These. Die Architekten würden sich kaum mehr Gedanken um eine progressive Veränderung der Gesamtgesellschaft machen. Die Erfahrung all der missglückten und missratenen Versuche habe viele zu Zynikern werden lassen. »Um jedes Utopia rankt sich eine Girlande von Stacheldraht«, sagt Rem Koolhaas, der sich auf das Bauen für Diktaturen und Banken verlegt hat. Zwar gibt es auch heute noch zahlreiche Projekte, mit denen Architekten in kleinen Schritten bestimmte Lebensverhältnisse ändern wollen – ausgerechnet Andres Lepik, Nerdingers designierter Nachfolger am Architekturmuseum, widmete diesen Architekturen im Herbst 2010 die Ausstellung Small Scale, Big Change am New Yorker Museum of Modern Art. Doch die gegenwärtige Entwicklungshilfe- oder Charity-Architektur drängt selten auf eine Abschaffung des herrschenden Systems. Dabei würde es so manchen frustrierten Architekten bestimmt ganz wunderbar befreien, denkt man sich beim Verlassen der Münchner Ausstellung, wenn er mal wieder nach den Besitzverhältnissen bei Grund und Boden fragen würde. Und sich dann auf die Suche nach neuen Alternativen machte. Trotz all dieser Geschichten des Scheiterns.

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Leserkommentare
    • thbode
    • 19. August 2012 12:19 Uhr

    Die Mittelschicht ist der Träger von Progression, und da herrschen seit langem vor allem Angst, Kleinmut und Besitzstandswahrung. Warum?
    Das Vertrauen zueinander ist vermutlich erodiert, darin also dass der Andere solidarisch ist wenn es darauf ankommt. Das ist ein sich selbst hochschaukelnder Prozess für den HartzIV und Sprüche lupenreiner Sozialdemokraten wie "kein Recht auf Faulheit" symptomatisch sind.
    Alternativlosigkeit ist auch das Motto der gegenwärtigen politischen Führung.
    Die Frage ist wie dieser Zirkel durchbrochen werden kann, und wann. Hoffentlich bald.

    3 Leserempfehlungen
  1. Welche Ideologie 'steckt hinter' dem Siedlungsbau des International Style? Das kann man nicht pauschal beantworten. Aber im Falle des Zeilenbau-Pioniers Haesler lässt sich Genaueres sagen (siehe auch Anmerkung 1):
    http://www.kunstgeschicht...

  2. haben soziales Träumen eingestellt. Auch Philosophen, Okonomen, Parteien und Politiker, Kapitaleigner ("Unternehmer" haben das Träumen verlernt. Auch mir fällt es schwer an bessere gesellschaftliche Entwicklungen und Verhältnisse zu glauben, ist doch jede gute soziale Idee von Fanatikern oder Bürokraten pervertiert wurden. Doch der Kapitalismus heutiger Ausprägung, mit seiner unglaublichen Gier nach Profit und Macht, ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Der Samen der neuen Gesellschaft keimt in der alten.
    So war es bisher und darauf vertraue ich.

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