Der frühere britische Premier Tony Blair © Dan Kitwood - WPA Pool/Getty Images

Am Münchner General Aviation Terminal, an dem die Privatflugzeuge abgefertigt werden, tragen zwei junge Damen schwer an ihren Prada-Golftaschen. Rachel »aus Tonys Büro« hält in der Lounge die Stellung, während der Chef noch von der Kreut-Alm bei Murnau zurückerwartet wird, wo er einen Vortrag vor amerikanischen Managern gehalten hat. Gleich nach dem Gespräch, mahnt ein Sicherheitsbeamter, müsse Mister Blair pünktlich aufbrechen. Der Londoner Luftraum ist wegen der Olympischen Spiele verstopft. Dann kommt er, der Hubschrauber von der Alm ist gelandet: »Hi, I’m Tony, nice to meet you.« Eines Tages, schwört er, werde er in Bayern Urlaub machen. »Marvellous around here!«

DIE ZEIT: Herr Blair, die Herausforderungen Ihrer Amtszeit waren Terrorismus und Krieg. Ihre Amtskollegen haben heute die Euro-Krise zu bewältigen. Denken Sie, die haben die schwierigere Aufgabe?

Tony Blair: Ja. Es ist die größte Herausforderung für die derzeitige Generation von Politikern seit dem Zweiten Weltkrieg, seit der Gründung der Europäischen Union. Sie ist einfach fantastisch kompliziert. In der Politik geht man normalerweise keine Risiken ein oder, wenn man es tut, kalkulierbare Risiken. Das Problem ist, wenn man den Euro retten will, muss man ein unkalkulierbares Risiko eingehen. Welchen Weg man auch wählt – die Wahl ist ziemlich hässlich. Alles, was ich sage, sage ich mit Demut. Dies ist ein Moment, in dem große Entscheidungen getroffen werden müssen.

ZEIT: Sie sind ganz froh, dass Sie nicht mehr im Amt sind, wenn Sie Angela Merkel, François Hollande oder Mario Monti sehen?

Blair: (lacht) Das sagt man natürlich nie als Politiker! Aber nein: Ich habe tiefste Sympathie für sie. Es ist eine Wahnsinnsaufgabe. Was Merkel angeht, glaube ich, dass sie viel Mut und Standhaftigkeit bewiesen hat.

ZEIT: Sie haben versucht, Großbritannien in den Euro zu führen. Sind Sie heute froh, damit gescheitert zu sein?

Blair: Um historisch korrekt zu sein: Ich bin nie an den Punkt gekommen, an dem ich gesagt hätte, jetzt sollten wir dem Euro beitreten. Politisch wollte ich unbedingt, dass Großbritannien beitritt. Ich habe aber auch immer gesagt, das Problem ist, dass die Währungsunion eine wirtschaftliche Union ist und dass die wirtschaftlichen Voraussetzungen stimmen müssen. Das taten sie nicht, und deswegen habe ich den Briten auch nie den Beitritt zur Volksabstimmung vorgelegt.

ZEIT: Das heißt, Sie hatten schon damals Zweifel, dass die Währungsunion funktionieren würde?

Blair: Ja. Mittlerweile ist allen klar, dass der Euro einen Konstruktionsfehler hat. Ich kann mich noch an die Debatte vor seiner Einführung erinnern. Es ging im Grunde um eine simple Frage. Schafft man eine Euro-Zone und erweitert sie dann um Länder, die ökonomisch dafür reif sind? Oder bündelt man sie – als politischen Akt – alle zusammen und erwartet, dass sie sich ökonomisch angleichen? Letztlich wurde die zweite, politische Version gewählt. Das Problem dabei ist: Hinter dem Gedanken einer Einheitswährung mag eine politische Motivation stecken – aber ausdrücken muss sie sich wirtschaftlich. Die fehlende Übereinstimmung von Politik und Wirtschaft ist der Kern des Problems.

ZEIT: Der Euro war also ein romantischer Fehler?

Blair: Grundsätzlich denke ich nicht, dass die Einheitswährung ein Fehler war. Der Fehler war, dass man die Angleichung, von der ich sprach, erwartete, ohne über Mechanismen zu verfügen, die diese Angleichung notfalls erzwingen. Wenn ein Land wie Italien der Euro-Zone beitritt, fallen die Zinsen, die es auf seine Staatsanleihen ausgeben muss, plötzlich gewaltig. Nicht weil es Italien plötzlich besser ginge. Sondern weil es auf einmal sozusagen zum Markengebiet Deutschland gehört. Die Frage lautet jetzt: Können wir diesen Konstruktionsfehler inmitten einer Krise beheben?

ZEIT: Aber hat die Krise nicht gerade dazu geführt, dass bestimmte Staaten nun zur Anpassung gezwungen werden können? Noch nie gab es einen solchen Reformdruck auf die südlichen EU-Staaten.