DIE ZEIT: Herr Blossfeld, Sie leiten die größte sozialwissenschaftliche Studie der Welt, das sogenannte Nationale Bildungspanel, bei dem seit fünf Jahren rund 100.000 Teilnehmer untersucht werden. Was haben Sie bislang herausgefunden?

Hans-Peter Blossfeld: Wir sind jetzt in der Lage, die typischen Lebensläufe aller nach 1945 geborenen Männergenerationen zu rekonstruieren.

ZEIT: Wieso nur die von Männern?

Blossfeld: Wir haben unsere Analyse mit den Männern angefangen, weil ihre Lebensläufe viel einfacher zu analysieren sind als die von Frauen. Männer leben heute noch so wie vor 40 Jahren. Da hat sich nicht viel geändert.

ZEIT: Männer sind für Soziologen also langweilig, Frauen hingegen spannend?

Blossfeld: Exakt. Bei Frauen laufen faszinierende soziale Phänomene ab. Noch bei den 1920 geborenen Frauen hatten 60 Prozent keinerlei Ausbildung. 60 Prozent! Die große Mehrheit hatte also ein minimales Bildungsniveau, noch in den sechziger Jahren. Doch plötzlich ist etwas passiert. Während bei den Männern die Entwicklung relativ träge verlief, hat sich im Vergleich zum Geburtsjahrgang 1920 heute die Zahl der Gymnasiastinnen in der Oberschicht verneunfacht, in der Unterschicht sogar verzwanzigfacht. Soll heißen: Wenn wir in den vergangenen Jahrzehnten überhaupt einen Rückgang der sozialen Ungleichheit in der Bildung beobachten, dann liegt das vor allem an den Frauen.

ZEIT: Eine Arbeitertochter findet heute leichter den Weg ans Gymnasium als ein Arbeitersohn. Woran liegt das?

Blossfeld: Oft heißt es, Mädchen seien angepasster und folgsamer und bekämen daher bessere Noten als Jungs, die gern mal für Ärger sorgen. Ich finde das nicht plausibel, denn dass Mädchen und Jungen sich in ihrem Verhalten unterscheiden, dürfte schon vor 100 Jahren so gewesen sein. Das kann nicht die Ursache sein für die tief greifenden Veränderungen.

ZEIT: Was dann?

Blossfeld: Noch vor 50 Jahren war die gesellschaftliche Botschaft an Mädchen: »Und wenn ihr noch so schlau seid, vergesst es. Ihr habt keine Chance auf Karriere.« Heute lautet das Versprechen an die Frauen: »Ihr könnt mit Bildung etwas werden, ihr müsst eure Chancen nur wahrnehmen.« Was wir noch nicht genau wissen: wann der Punkt war, an dem das ins Positive gekippt ist. Was wir wissen: Wenn so ein Prozess einmal läuft, lässt er sich nicht mehr stoppen. Höhere Bildung führt zu höherer Erwerbstätigkeit, die führt zu höheren Einkommen, zu erfolgreicheren Karrieren, was wiederum zu höherer Bildung bei den Frauen in der nächsten Generation führt.

ZEIT: Ist das bei den Männern anders?

Blossfeld: Bei den Männern hat die soziale Herkunft 1950 über die Bildungschancen entschieden, und sie entscheidet auch heute noch darüber.

 "Wenn das erste Kind da ist, kippt das System zurück in die traditionellen Strukturen"

ZEIT: Aber heute gehen doch auch viel mehr Jungs aufs Gymnasium als früher!

Blossfeld: Stimmt. Nur hat sich unter den Arbeitersöhnen die Zahl der Gymnasiasten seit den sechziger Jahren lediglich vervierfacht, in der Mittelschicht aber versiebenfacht. Man kann sogar behaupten, dass sich die relativen Bildungschancen der Unterschicht bei den Männern verschlechtert haben.

ZEIT: Die Bildungsreformer von einst sind also gescheitert?

Blossfeld: Bei den Jungs ja. Bei den Mädchen nicht. Für die Bildungsreformer der Sechziger und Siebziger war das sprichwörtliche katholische Arbeitermädchen vom Lande die Personifizierung der Bildungsbenachteiligung. Heute sind 55 Prozent der Studienanfänger Frauen. Das ist eine Revolution.

ZEIT: Genau deshalb beschweren sich junge Männer immer häufiger, dass sie keine Chance mehr beim Berufseinstieg hätten.

Blossfeld: Das ist Unsinn. Richtig ist: Männer steigen heute später ins Berufsleben ein, als sie es früher taten, aber das ist nicht die Schuld der Frauen, sondern eine Folge der Bildungsexpansion, weil mehr von ihnen Abitur machen und studieren. Grundsätzlich aber gilt: In der Lebensmitte sind fast genauso viele Männer Vollzeit erwerbstätig wie vor 40 oder 50 Jahren.

ZEIT: Also wieder alles ziemlich langweilig.

Blossfeld: Genau. Erst recht, wenn man sich im Vergleich dazu die Frauen anschaut. Auch sie bleiben länger im Bildungssystem. Dafür schieben sie Heirat und Kinder immer weiter hinaus. Nach ihrem Berufs- oder Studienabschluss folgen zwei, drei Jahre sehr intensiver Erwerbstätigkeit, und dann explodieren die Heirats- und Geburtenzahlen regelrecht. Mit der Folge, dass die Erwerbsquote bei den Frauen in den Keller geht. Ein paar Jahre später steigt sie wieder an, aber so richtig erholen sich die Quoten nie wieder. Wer also ein Gleichziehen der Frauen vermutet, der kann die Daten nicht richtig lesen. In der Mitte des Lebens, wenn Männer Karriere machen, machen Frauen Teilzeit.

ZEIT: Das gesellschaftliche Versprechen an die jungen Frauen, »Ihr könnt mit Bildung was werden«, bleibt also eine Phrase?

Blossfeld: An einem bestimmten Punkt zumindest verkehrt es sich ins Gegenteil. Die Frauen laufen vorneweg, und plötzlich, wenn das erste Kind da ist, kippt das System zurück in die traditionellen Strukturen. Wir können das anhand jahrelanger Studien über die Verteilung der Hausarbeit gut nachweisen. Wir haben Paare über einen Zeitraum von 15 Jahren verfolgt, und es ergibt sich das immer gleiche Bild: Sie kommen zusammen, anfangs teilt sich die Mehrheit die Arbeit im Haushalt. Das erste Kind wird geboren, und plötzlich macht die Frau alles allein – egal, ob sie im Vergleich zu ihrem Partner eine hohe oder eine geringe Bildung hat, ob sie arbeitet oder nicht, ob sie viel verdient oder wenig.

ZEIT: Was passiert da?

Blossfeld: Da wirken uralte normative Muster. Nehmen wir ein anderes Beispiel, den Heiratsmarkt, zu dem wir auch ausführlich geforscht haben. Traditionell haben Männer wie Frauen sich jeweils einen Partner auf Augenhöhe gesucht, also jemanden, der zum Beispiel ein ähnliches Bildungsniveau hat. Ein häufiges Muster war aber auch, dass die Männer sich bei der Partnerwahl vom Bildungsniveau nach unten und die Frauen nach oben orientierten. Um ein Beispiel zu geben: Ein Arzt heiratet eine Krankenschwester, das war und ist ein gängiges Muster, bis heute. Wenn aber eine Ärztin einen Pfleger heiratet, ist das überraschend, dann wird sie erklärungspflichtig den Eltern und Freunden gegenüber, weil es nicht der Norm entspricht. Man sollte denken, im Zuge der Bildungsexpansion hätte sich das geändert. Hat es aber nicht. Das Verhalten von Männern und Frauen bei der Partnerwahl ist weitgehend gleich geblieben. Das kann nicht gut gehen.

ZEIT: Wieso?

Blossfeld: Machen wir eine einfache Rechnung: 55 Prozent der Studienanfänger sind Frauen, nur 45 Prozent Männer. Von den 45 Prozent Männern suchen sich 10 oder 15 Prozent eine Frau mit einem niedrigeren Bildungsniveau. Bleiben vielleicht noch 30 Prozent Männer für 55 Prozent Frauen auf der hohen Bildungsebene. Eine Reaktion der Frauen wäre, zu sagen: Wenn Männer sich nach unten orientieren können, können wir das auch. Aber das tun sie nicht. Natürlich gab es immer schon einige wenige Frauen, die sich in einen weniger gebildeten Mann verliebt haben, und dann wurde geheiratet. Aber für die meisten Frauen ist das undenkbar.

 "Es gibt feste Vorstellungen davon, was Frauenarbeit ist und was Männerarbeit"

ZEIT: Selbst wenn sie ohne Partner bleiben?

Blossfeld: Schauen Sie sich die Singlequoten an. Die höchsten finden sich heutzutage unter hoch qualifizierten Frauen und unter wenig gebildeten Männern, weil die für Frauen unattraktive Heiratspartner sind. Eigentlich schon immer waren.

ZEIT: Was folgt daraus?

Blossfeld: Sowohl Frauen als auch Männer müssten ihre normativen Vorstellungen von dem, was ein attraktiver Partner und eine erfolgreiche Beziehung ist, ändern. Bei Frauen gibt es bislang aber keinerlei Anzeichen dafür, dass das geschieht, zumindest hierzulande nicht. Männer dagegen scheinen eher bereit zu sein, ihr Muster zu ändern und sich nach oben zu orientieren. Das zeigen unsere Studien der Partnerwahl im Internet.

ZEIT: Na klar: Sie gewinnen schließlich, während die Frauen verlieren.

Blossfeld: Ganz so einfach ist das nicht. Für einen Mann, der die traditionellen Vorstellungen im Kopf hat, von wegen: »Der Mann ist der Ernährer«, für so einen Mann ist es eine Art Entmännlichung, eine Frau zu heiraten, die gebildeter ist als er selbst, die mehr Geld verdient und mehr Einfluss und Macht hat. Trotzdem: Die Männer sind offenbar eher bereit, ihr Muster zu ändern. Wir haben zum Beispiel eine digitale Heiratsbörse analysiert, mehrere Zehntausend anonymisierte Datensätze: Wer schreibt wen an, und wer schreibt wem zurück. Da zeigt sich: Es gibt einige Männer, die gegen alle Normen versuchen, bei besser gebildeten Frauen zu landen, aber die lassen sie abblitzen. Das heißt, der Widerstand gegen das Aufbrechen der traditionellen Rollenmuster ist eher bei den Frauen anzusiedeln als bei den Männern.

ZEIT: Klingt aussichtslos.

Blossfeld: Es gibt auch Paare, bei denen das funktioniert. Aber die Frau, die erfolgreich ist und einen Mann mit niedrigerem sozialen Status wählt, zahlt dafür einen Preis: Sie hat die Mehrfachbelastung mit Beruf, Familie und Haushalt.

ZEIT: Selbst wenn er weniger zu tun hat im Job?

Blossfeld: Ja. Wenn Menschen so funktionierten, wie Ökonomen das behaupten, wäre alles ganz einfach. Dann würde derjenige den Haushalt machen, der weniger arbeitet und weniger verdient, und derjenige, der erfolgreich ist im Job, bringt das Geld nach Hause. Aber das klappt in der Realität nicht. Es gibt in unserer Gesellschaft immer noch feste Vorstellungen davon, was Frauenarbeit ist und was Männerarbeit. Wenn er das Auto repariert, macht er das nicht zwangsläufig, weil er das besser kann, sondern weil er zeigen kann: Ich bin ein Mann. Und wenn sie die Wäsche macht, dann auch, weil sie damit zeigen kann: Ich bin eine Frau. Die Geschlechtsidentitäten werden anhand alltäglicher Tätigkeiten ständig reproduziert.

ZEIT: Was passiert in einem System, in dem die Frauen plötzlich die besser Ausgebildeten sind?

Blossfeld: Unsere Beobachtungen legen nahe: Je mehr Frauen die Ernährerrolle übernehmen und den Mann dabei überflügeln, desto mehr muss sich der Mann seiner Geschlechtsidentität versichern. Die aber würde er noch stärker gefährden, wenn er auch noch bügelte, kochte oder die Kinder wickelte. Im Extremfall heißt das: Sie verdient das Geld und macht den Haushalt, er ist arbeitslos und macht nichts.

ZEIT: Das ist arg zugespitzt, oder?

Blossfeld: Ja, sicher, aber unsere Daten belegen es genau so: Sobald das erste Kind geboren wird, treten fast automatisch die traditionellen Strukturen in Kraft. Das ist der Moment, in dem die Männer wieder an den Frauen vorbeiziehen. Und spätestens nach 15 Jahren Beziehung laufen 85 Prozent der Ehen nach dem Muster ab, dass die Frau die komplette Hausarbeit erledigt.

ZEIT: Ein Argument gegen das Betreuungsgeld.

Blossfeld: Die Unternehmen verhalten sich auch zwiespältig. Auf der einen Seite wollen sie die hoch qualifizierten Frauen umwerben – indem sie Kinderbetreuungsmöglichkeiten anbieten, vernünftige Arbeitszeiten ermöglichen und so weiter. Gleichzeitig aber werden sie einen Teufel tun, Männer, die hervorragende Mitarbeiter sind, für eine längere Zeit in die Familie zu schicken. Also senden die Unternehmen ständig ambivalente, geschlechtsspezifische Botschaften. Mit Chancengleichheit hat das nichts zu tun.