ZEIT: Aber heute gehen doch auch viel mehr Jungs aufs Gymnasium als früher!

Blossfeld: Stimmt. Nur hat sich unter den Arbeitersöhnen die Zahl der Gymnasiasten seit den sechziger Jahren lediglich vervierfacht, in der Mittelschicht aber versiebenfacht. Man kann sogar behaupten, dass sich die relativen Bildungschancen der Unterschicht bei den Männern verschlechtert haben.

ZEIT: Die Bildungsreformer von einst sind also gescheitert?

Blossfeld: Bei den Jungs ja. Bei den Mädchen nicht. Für die Bildungsreformer der Sechziger und Siebziger war das sprichwörtliche katholische Arbeitermädchen vom Lande die Personifizierung der Bildungsbenachteiligung. Heute sind 55 Prozent der Studienanfänger Frauen. Das ist eine Revolution.

ZEIT: Genau deshalb beschweren sich junge Männer immer häufiger, dass sie keine Chance mehr beim Berufseinstieg hätten.

Blossfeld: Das ist Unsinn. Richtig ist: Männer steigen heute später ins Berufsleben ein, als sie es früher taten, aber das ist nicht die Schuld der Frauen, sondern eine Folge der Bildungsexpansion, weil mehr von ihnen Abitur machen und studieren. Grundsätzlich aber gilt: In der Lebensmitte sind fast genauso viele Männer Vollzeit erwerbstätig wie vor 40 oder 50 Jahren.

ZEIT: Also wieder alles ziemlich langweilig.

Blossfeld: Genau. Erst recht, wenn man sich im Vergleich dazu die Frauen anschaut. Auch sie bleiben länger im Bildungssystem. Dafür schieben sie Heirat und Kinder immer weiter hinaus. Nach ihrem Berufs- oder Studienabschluss folgen zwei, drei Jahre sehr intensiver Erwerbstätigkeit, und dann explodieren die Heirats- und Geburtenzahlen regelrecht. Mit der Folge, dass die Erwerbsquote bei den Frauen in den Keller geht. Ein paar Jahre später steigt sie wieder an, aber so richtig erholen sich die Quoten nie wieder. Wer also ein Gleichziehen der Frauen vermutet, der kann die Daten nicht richtig lesen. In der Mitte des Lebens, wenn Männer Karriere machen, machen Frauen Teilzeit.

ZEIT: Das gesellschaftliche Versprechen an die jungen Frauen, »Ihr könnt mit Bildung was werden«, bleibt also eine Phrase?

Blossfeld: An einem bestimmten Punkt zumindest verkehrt es sich ins Gegenteil. Die Frauen laufen vorneweg, und plötzlich, wenn das erste Kind da ist, kippt das System zurück in die traditionellen Strukturen. Wir können das anhand jahrelanger Studien über die Verteilung der Hausarbeit gut nachweisen. Wir haben Paare über einen Zeitraum von 15 Jahren verfolgt, und es ergibt sich das immer gleiche Bild: Sie kommen zusammen, anfangs teilt sich die Mehrheit die Arbeit im Haushalt. Das erste Kind wird geboren, und plötzlich macht die Frau alles allein – egal, ob sie im Vergleich zu ihrem Partner eine hohe oder eine geringe Bildung hat, ob sie arbeitet oder nicht, ob sie viel verdient oder wenig.

ZEIT: Was passiert da?

Blossfeld: Da wirken uralte normative Muster. Nehmen wir ein anderes Beispiel, den Heiratsmarkt, zu dem wir auch ausführlich geforscht haben. Traditionell haben Männer wie Frauen sich jeweils einen Partner auf Augenhöhe gesucht, also jemanden, der zum Beispiel ein ähnliches Bildungsniveau hat. Ein häufiges Muster war aber auch, dass die Männer sich bei der Partnerwahl vom Bildungsniveau nach unten und die Frauen nach oben orientierten. Um ein Beispiel zu geben: Ein Arzt heiratet eine Krankenschwester, das war und ist ein gängiges Muster, bis heute. Wenn aber eine Ärztin einen Pfleger heiratet, ist das überraschend, dann wird sie erklärungspflichtig den Eltern und Freunden gegenüber, weil es nicht der Norm entspricht. Man sollte denken, im Zuge der Bildungsexpansion hätte sich das geändert. Hat es aber nicht. Das Verhalten von Männern und Frauen bei der Partnerwahl ist weitgehend gleich geblieben. Das kann nicht gut gehen.

ZEIT: Wieso?

Blossfeld: Machen wir eine einfache Rechnung: 55 Prozent der Studienanfänger sind Frauen, nur 45 Prozent Männer. Von den 45 Prozent Männern suchen sich 10 oder 15 Prozent eine Frau mit einem niedrigeren Bildungsniveau. Bleiben vielleicht noch 30 Prozent Männer für 55 Prozent Frauen auf der hohen Bildungsebene. Eine Reaktion der Frauen wäre, zu sagen: Wenn Männer sich nach unten orientieren können, können wir das auch. Aber das tun sie nicht. Natürlich gab es immer schon einige wenige Frauen, die sich in einen weniger gebildeten Mann verliebt haben, und dann wurde geheiratet. Aber für die meisten Frauen ist das undenkbar.