SchuleWenn Lehrer bloggen

In anonymen Blogs wie "Kreide fressen" oder "Frl. Rot" schreiben Lehrer darüber, wie es ihnen im Schulalltag wirklich geht. von Hadija Haruna

Fräulein Rot, Mitte dreißig, Deutschlehrerin. Was sie kann: in einer Klasse von 30 lauten Schülern den Vibrationsalarm eines Handys hören und lokalisieren. Was sie grün vor Neid macht: Lehrerkollegen, die es schaffen, freitags einen Klausurensatz mit nach Hause zu nehmen und ihn montags fertig korrigiert zurückzugeben. So stellt Frl. Rot sich vor – selbstironisch in ihrem gleichnamigen Blog. Der Untertitel: Hilfe, mein Lehrer ist im Internet.

Rot unterrichtet in einer Großstadt in Deutschland, »an einer normalen Schule, in einem 08/15-Stadtteil ohne besondere Problematiken«. Ihre Seite wird täglich zwischen 400- und 1400-mal besucht. Fräulein Rot schreibt anonym, weil sie ihre Geschichten sonst nicht so überzogen und manchmal wenig schmeichelhaft für die Beteiligten erzählen könnte, wie sie erklärt. Sie blogge aus selbsttherapeutischen Zwecken und weil ihre Nichtlehrerfamilie die Geschichten aus ihrem Schulalltag an einem Gymnasium nicht mehr hören könne. Damit ist sie nicht allein.

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Rund 60 bloggende Lehrer gibt es in Deutschland. Dabei gleicht kaum ein Angebot dem anderen. Themenwahl und Design variieren. Lehrerblogger meckern, witzeln, manche bleiben sachlich und rational. Während viele anonyme Blogger vor allem ihren Frust ablassen, lustige bis heftige Anekdoten erzählen oder sich mehr Verständnis für ihr Dasein wünschen, schreiben andere mit Klarnamen und nutzen ihr Blog als modernes Archiv, erörtern Schulverordnungen oder geben didaktische Tipps. Sie machen ihrem Wissen Luft – auch um damit nicht allein zu sein.

»Lehrerblogger lassen sich nicht in trennscharfe Kategorien unterteilen«, sagt der Gründer des Onlineportals Lehrerfreund, Berthold Metz. »Bloggende Lehrer haben jedoch eine gewisse Persönlichkeit, die sie zum Schreiben motiviert.« So schreibe die eine Gruppe, um sich zu entlasten, eine andere, um sich öffentlich zu präsentieren. Der Gruppe der Engagierten gehe es um den reinen Spaß, ihr Lehrerleben abzubilden, und ein weiterer Typus seien Lehrer, die ihren Erkenntnisgewinn nach außen tragen wollten. »Relativ neu ist die Gruppe der Reflektierer. Es ist Mode geworden, sich Gedanken darüber zu machen, wie man den Unterricht besser gestalten kann oder was Bildung bedeutet«, sagt Metz. Insgesamt sei die Gruppe der Lehrer mit Onlinepräsenz aber überschaubar und nicht repräsentativ für die Masse an Lehrern in Deutschland.

2009 nominierte eine 20-köpfige Jury aus Lehrern, Fachjournalisten und Professoren auf Lehrerfreund die drei besten Lehrerblogs. Auf Platz eins wurde Thomas Rau gewählt, der in seinem Blog schul- und bildungsrelevante Themen diskutiert. Es sind Einblicke in den Alltag eines Lehrers, der gerne alte Bücher liest und mit seinen Schülern ins Theater geht.

Gegen das Einzelkämpfertum

Der Englischlehrer Jochen Lüders wiederum versteht sein Blog, in dem er sein Wissen teilen will, als »Beitrag im Kampf gegen das weit verbreitete Einzelkämpfertum unter Lehrern«. Seit mehr als zwanzig Jahren unterrichtet er Englisch und Sport am Maria-Theresia-Gymnasium in München. Er schreibt JochenEnglish in erster Linie für Englischlehrer und Schüler der Oberstufe. »Leider sind viele Lehrer Sammler und Jäger und sitzen auf ihren eigenen Materialien, anstatt sie zu teilen«, kritisiert er. Ein wenig enttäuscht über dieses Verhalten, lädt er auf sein Blog dennoch weiter Materialien hoch und präsentiert praxiserprobte Vorschläge für den Unterricht – alles zum Anklicken (und manchmal entdeckt er bei anderen Schülern Materialien, die sich deren Lehrer bei ihm heruntergeladen haben muss). Nur persönliche Geschichten spielen in Lüders’ Blog keine Rolle. Das überlässt er anderen, »die das besser können«. Und meint damit Geschichten abseits der Lehrpläne: die großen und kleinen zwischenmenschlichen Dramen, die liebenswürdigen Erlebnisse und Konflikte zwischen Lehrern und Schülern.

Geschichten, wie sie zum Beispiel Janina Scheidmann beschreibt. Auf ihrem Blog Kunstkrempel präsentiert sie Schülergrübeleien und »Geniestreiche« in Krakelschrift auf handgeschriebenen Zetteln, die sie einscannt und hochlädt. In einem ihrer Beiträge heißt es: »Das Leben in und mit einer sechsten Klasse ist ziemlich schwierig – insbesondere, wenn man sich nicht rechtzeitig gegen Pubertät hat impfen lassen – von meinen Schülern hat das anscheinend kaum jemand getan.«

Leserkommentare
    • AndreD
    • 20. August 2012 19:57 Uhr

    mal solche Blogs ansehen, dann können sie sehn, was G8 anrichtet.

  1. würde unser Jüngster sagen. Was Lehrer wirklich denken und darüber auch noch schreiben interessiert natürlich SchülerInnen ganz besonders - wo anders als im Netz lässt sich das ausleben?

    Ich poste ihm gleich mal den Link zum Artikel via Facebook, dann geht der gesharte Text gefühlte 300mal an die FB-Freunde.

    Danke für diesen Hinweis auf bloggende Lehrer!

  2. und ich werde wohl auch mal auf die Seiten gehen. Das ist sehr interessant.
    Ich hoffe, dass die LehrerInnen auf ihren Blogs auch richtig gute, konstruktive Kritik an dem System formulieren können, was zu einer Verbesserung der Gesamtsituation führen könnte.
    Gewerkschaft Erziehung und die vielen Nichtinitiativen von seiten der LehrerInnen bräuchten endlich hierbei ein wieder stärker aktiv werdendes Netzwerk, um die Mängel zu politisieren und Probleme zu lösen.

    • cucco
    • 21. August 2012 8:06 Uhr

    Ich sehe den blog als Konfessionsbuch der Kleingeister, die so ueberrascht tun, wenn Schueler sich anders verhalten, als sie es erwarten. Es gibt tatsaechlich immer einige wenige Schueler, die nichts mitbekommen von den Konflikten der anderen um Konkurrenz, Neid, Sex, den Anfaengen von Beziehungen zum anderen Geschlecht, und Schueler - Lehrer Probleme.
    Mein Mathe Lehrer hatte meinen Grossvater, meinen Vater und mich im Unterricht. Er meinte, alle Generationen seien sich gleich. [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf polemische Behauptungen und bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/au.

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    [...]
    Mobbing als "Brandmarken" aus "gesundem Empfinden" heraus zu bezeichnen ist auch nicht das, was ich unter dem Begriff "christlich" verstehe - zumindest nicht nach den proklamierten Grundsätzen der Christen.
    Zudem gibt es keine "logischen Grundsätze". Entweder sind es Grundsätze, also ähnlich wie Axiome oder Prämissen und Festlegungen, oder aber sie sind logisch hergeleitet von einem solchen. Nebenbemerkung: Ein Mathelehrer, der über drei Personen eine Meinung äußert, ist knapp vor dem Erhebungswert "hab ich mal von jemandem gehört".
    Letzlich, und damit kommen wir zum Thema des Artikels zurück, ist dieser Blogbereich nur in sehr geringem Maße von "überraschten Kleingeisten" bestimmt, es handelt sich mehr um eine Fortsetzung der Epik mit anderen Mitteln, zugleich um eine Austauschplattform und Informationsquelle für Lehrer und interessierte Schüler/ Eltern.

    Gekürzt. Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile gekürzt. Danke, die Redaktion/au.

    ...wenn man sich so ansieht, wie gnadenlos sich das von Ihnen gelobte "gesunde Empfinden" der Schüler austobt, dann wünscht man sich weniger "logische christliche Grundsätze".
    Da wird jemand als "schwule Sau" beschimpft, von den anderen geschnitten, von den anderen vielleicht sogar getreten (wenn es sich denn ergibt), weil er die falsche T-shirt-Marke trägt. Weil er seine Hausaufgaben macht. Weil er seine Hausaufgaben nicht zum Abschreiben freigibt. Weil er etwas längere Haare hat als die anderen. Weil er etwas kürzere Haare hat als die anderen. Weil irgendjemand eine schlechte Note hat und sich abreagieren will. Usw. usf.

    Das hat mit "gesundem Empfinden" gar nichts zu tun, sondern mit dem sehr rohen Umgangston von z. T. schlecht erzogenen, z. T. recht unsozialen Kindern und Jugendlichen.

    Im Übrigen kann ich mich nur schieflachen, sehen Sie doch mal in ein Lehrerblog rein, bevor sie sie einfach abtun. Da geht es meist gar nicht darum, dass sich Schüler anders verhalten als erwartet. Meistens verhalten sie sich genauso wie erwartet. ...Und sehr oft geht es gar nicht um Schüler, sondern um Fachinhalte und Unterrichtsgestaltung. Überraschung!

  3. [...]
    Mobbing als "Brandmarken" aus "gesundem Empfinden" heraus zu bezeichnen ist auch nicht das, was ich unter dem Begriff "christlich" verstehe - zumindest nicht nach den proklamierten Grundsätzen der Christen.
    Zudem gibt es keine "logischen Grundsätze". Entweder sind es Grundsätze, also ähnlich wie Axiome oder Prämissen und Festlegungen, oder aber sie sind logisch hergeleitet von einem solchen. Nebenbemerkung: Ein Mathelehrer, der über drei Personen eine Meinung äußert, ist knapp vor dem Erhebungswert "hab ich mal von jemandem gehört".
    Letzlich, und damit kommen wir zum Thema des Artikels zurück, ist dieser Blogbereich nur in sehr geringem Maße von "überraschten Kleingeisten" bestimmt, es handelt sich mehr um eine Fortsetzung der Epik mit anderen Mitteln, zugleich um eine Austauschplattform und Informationsquelle für Lehrer und interessierte Schüler/ Eltern.

    Gekürzt. Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile gekürzt. Danke, die Redaktion/au.

  4. 6. Wow...

    ...wenn man sich so ansieht, wie gnadenlos sich das von Ihnen gelobte "gesunde Empfinden" der Schüler austobt, dann wünscht man sich weniger "logische christliche Grundsätze".
    Da wird jemand als "schwule Sau" beschimpft, von den anderen geschnitten, von den anderen vielleicht sogar getreten (wenn es sich denn ergibt), weil er die falsche T-shirt-Marke trägt. Weil er seine Hausaufgaben macht. Weil er seine Hausaufgaben nicht zum Abschreiben freigibt. Weil er etwas längere Haare hat als die anderen. Weil er etwas kürzere Haare hat als die anderen. Weil irgendjemand eine schlechte Note hat und sich abreagieren will. Usw. usf.

    Das hat mit "gesundem Empfinden" gar nichts zu tun, sondern mit dem sehr rohen Umgangston von z. T. schlecht erzogenen, z. T. recht unsozialen Kindern und Jugendlichen.

    Im Übrigen kann ich mich nur schieflachen, sehen Sie doch mal in ein Lehrerblog rein, bevor sie sie einfach abtun. Da geht es meist gar nicht darum, dass sich Schüler anders verhalten als erwartet. Meistens verhalten sie sich genauso wie erwartet. ...Und sehr oft geht es gar nicht um Schüler, sondern um Fachinhalte und Unterrichtsgestaltung. Überraschung!

  5. "Frl. Rot" ist ein schönes Beispiel dafür, a) dass anonyme Publikationsmöglichkeit wichtig ist und b) wie wirklichkeitsfremd unsere diesbezügliche Gesetzgebung ist.

    Denn, das ist ja alles gar nicht vorschriftsmäßig und nicht besonders rechtskundig, was Lehrerin Frl. Rot da macht: es werden anonym verwendbare Dienste für Blog und Email verwendet, es fehlt der Name im Impressum, dafür gibt es überdurchschnittlich riesige aber unerhebliche Textwüsten zu Link-Haftung, Urheberrecht usw.

    Ob der Hinweis, dieses Blog richte sich an Verwandte und Bekannte, im Impressum ausreichend ist ... darf bezweifelt werden.

    Ein Widerspruch, der wirklich peinlich ist und in unserer Politiklandschaft auch nicht aufzulösen ist: Urheberrecht bis zum abwinken einfordern, bei Linkhaftung bemüht korrekt, anonym bloggen ...

  6. Ich befuerchte, Frl. Rot ist fake.

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    Liebe Miss Lupescu,

    ich muss Sie enttäuschen: Ich bin kein Fake.

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