Neulich wartete ich in einer Stadt in der Romandie auf einen Bus. Ich kam aus den Ferien nach Hause und hatte bei mir: zwei Kinder, einen schweren Rollkoffer und eine Tasche. Der Bus kam, ich schulterte die Tasche, befahl mit dem freien Arm die Kinder in den Bus und setzte an, den Koffer hineinzuwuchten. Da trat ein attraktiver Herr in mittleren Jahren zu mir und griff nach meinem Koffer. Ich lächelte freundlich, sagte: »Geht schon«, und hievte das Gepäckstück Koffer selbst ins Gefährt. Das Lächeln des Mannes verschwand, leicht indigniert trat er einen Schritt zurück und ließ mir den Vortritt.

Ich bin gewohnt, Dinge selber zu erledigen, und bilde mir etwas darauf ein, unabhängig zu sein, mir selber helfen zu können. Aber im stickigen Bus mit meiner Bagage an Bord machte ich mir Vorwürfe. Dieser Mann hatte mir nicht aus dem Grund den Arm geboten, weil er glaubte, ich sei zu schwach, das Gewicht selber zu stemmen. Sondern um meinem Geschlecht die Ehre zu erweisen. Und ich hatte ihn vor den Kopf gestoßen. Ich sollte mich entschuldigen, dachte ich. Das hilft jetzt auch nichts mehr. Ich will aber. Ich kann nicht. Ich muss. Aber es war schon zu spät. Unsere Haltestelle kam, und wir stiegen aus. Ich sah ein letztes Mal zu ihm hin, und ich bin sicher, er dachte: Blöde Kuh. Aber er war Gentleman genug, sich nichts anmerken zu lassen.

Früher war es einfach. Der Mann hatte die Macht, die Frau hatte den Sex, und man arrangierte sich mit Ehe, Kindern und gemeinsamer Wirtschaft. Heute verdienen die Frauen ihr eigenes Geld und können wählen, ob sie sich mit einem Mann zusammentun oder ihr eigenes Leben führen möchten. Das mit der Macht und dem Sex ist nicht mehr so eindeutig. Man arrangiert sich zwar immer noch, aber die Ansprüche an den Mann sind gestiegen. Dem Mann stellt sich das Rätsel, vor dem schon Sigmund Freud, sonst nie um eine Antwort verlegen, kapitulieren musste: »Dreißig Jahre habe ich die weibliche Seele erforscht, doch bis heute ist es mir nicht gelungen, jene Frage zu beantworten, die bislang noch nie beantwortet wurde: Was will das Weib?«

Darauf weiß ich auch keine Antwort. Aber auch wenn es völlig unkorrekt ist, pauschal über Geschlechter zu sprechen, weil der individuelle Unterschied oft maßgebender ist als der geschlechtsspezifische, möchte ich hier mal festhalten: Tatsache ist auch, dass die einen Menschen mit einem Penis geboren werden und die anderen nicht. Ich habe zwei Kinder, von jeder Sorte eines. Das mit dem Penis muss irgendwo einen kleinen Radar versteckt haben, denn sobald es sich bewegen konnte, fand es im Spielzeugarsenal seiner älteren Schwester, bestehend aus Puppen, Bilderbüchern, Kochutensilien und Prinzessinnenkleidern, zielsicher das einzige vorhandene Spielzeugauto.

Um das nur einmal klargestellt zu haben: Männer und Frauen sind unterschiedlich. Wir begehren anders. Und wir haben andere Aufgaben. Frauen wählen Männer aus, mit denen sie sich vorstellen könnten, Kinder zu haben. Männer werden Väter, um ihren Söhnen zu zeigen, was es heißt, ein Mann zu sein.

Was aber muss einer dazu an männlichen Eigenschaften mitbringen? Das ist einfach. Ein richtiger Mann ist ein Gentleman. Und er muss eine Hütte mit eigenen Händen bauen und einen Computer flicken können, muss höflich, zuverlässig und zuvorkommend sein. Er darf seine Ansprüche nicht über ihre stellen und muss bei der Familienarbeit mithelfen. Durchsetzungsfähig und rücksichtsvoll, erträgt ein echter Mann eine starke Frau an seiner Seite, ohne sich zu unterwerfen. Ein richtiger Mann gehört sich selbst. Er muss wissen, wann er sich zurücknehmen und wann er zupacken soll, wann die Zeit zum Reden ist und wann zum Schweigen. Er muss ein Nein immer akzeptieren, aber interpretieren können, wann ein Vielleicht eigentlich auch eher ein Ja sein könnte. Denn das tut ein richtiger Mann – er geht mit seiner Stärke verantwortungsvoll um.