Chinesische StudentinJetzt kommt es darauf an

Eine chinesische Studentin bei der Deutschprüfung in Peking. Besteht sie, darf sie an der FH Aachen studieren. von Lutz Bernhardt

Jing Guo studiert ein Fach, das sie hasst, an einem Ort, den sie verlassen möchte. Sie ist fast 22, ihre Eltern erwarten von ihr Parteieintritt, Heirat, Haus und Kind – in dieser Reihenfolge. Was Jing über ihr Heimatland China denkt, sagt sie, wenn sie über Deutschland spricht: »In Deutschland kann ich herausfinden, wer ich wirklich bin.«

Deswegen will Jing heute eine besondere Prüfung in Peking bestehen: die Zulassungsprüfung zum sogenannten Freshman-Programm der Fachhochschule Aachen. Dies ist für sie der einzige Weg, um ins Ausland zu gehen. Und um Geografie zu studieren, wie sie es schon immer wollte – nicht Personalmanagement, wie es ihr in der in China üblichen Weise von der Hochschulbehörde vorgeschrieben wurde.

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Am Tag zuvor ist die junge Frau aus Hohhot angereist, der Hauptstadt des Autonomen Gebiets Innere Mongolei. Die Fahrt dauerte 38 Stunden, nach ihrer Ankunft bezog sie ein Zimmer in einer WG im Pekinger Bezirk Chaoyang. Um heute pünktlich zum Prüfungsbeginn um 9 Uhr im Hörsaal 203 der Technischen Universität zu sein, musste sie um kurz nach fünf aufstehen, lange zu Fuß gehen und zwei Stunden in U-Bahn und Bus sitzen. Gleich geht es los.

In den Stuhlreihen sitzen fast 60 junge Männer und Frauen im Alter zwischen 17 und 22. Gegen die drückende Hitze blasen drei große Klimaanlagen 18 Grad kalte Luft in den Raum. Die Prüfer aus Deutschland, zwei Frauen und ein Mann, die für das Sprachenzentrum der FH Aachen arbeiten, gehen durch die Reihen und vergleichen die Pässe mit den Anmeldedaten. Stifte, Aufgabenzettel und blaues Schmierpapier werden ausgeteilt. Die Prüfung besteht aus einer Matheklausur, einem schriftlichen Sprachtest und einem Interview.

Ihre Eltern sagten Jing, dass sie nutzlos sei

Wer hier besteht, absolviert ein Studienjahr mit Deutschunterricht und fächerspezifischen Vorbereitungskursen an der FH Aachen und anderen nordrhein-westfälischen Hochschulen, die an das Freshman-Programm angebunden sind, zum Beispiel die Hochschule Rhein-Waal und die Uni Duisburg-Essen. Am Ende steht eine Prüfung, die zum Bachelorstudium an einer der Hochschulen berechtigt. In diesem Jahr werden 420 Studierende aus aller Welt am Freshman-Programm teilnehmen, davon knapp 300 aus China. Die Teilnahme kostet 16.000 Euro. Für finanzschwache Studierende gibt es Landesstipendien in Höhe von 5.000 Euro.

Deutschland ist schon vor Jahren in das Leben von Jing gekommen, ohne dass sie je dort gewesen wäre. Damals war sie 13, es war, wie sie sagt, »die schlechte Zeit«. Sie habe in der Schule unterdurchschnittliche Noten geliefert. »In China gibt es immer einen Score. Meine Lehrer machten Druck. Meine Eltern sagten: Wie nutzlos du bist!« Die einzige Person, an die Jing sich mit ihrem Kummer wenden konnte, war ihre Deutschlehrerin.

Sie entwickelte eine Faszination für dieses geordnete Deutsch, in dem alles aufeinander aufbaut. Deutsche Wörter, sagt sie, besitzen Kraft bei Martin Luther und sind schön bei Hermann Hesse. Ihr Lieblingswort spricht sie langsam und mit Vergnügen: »Sel – bst – ver – ständ – lich.«

10.55 Uhr. Die meisten Kandidaten hängen tief gebeugt über ihren Klausurbögen. Aufgabe 11: »Drehe ein Quadrat um seine Diagonale, und du erhältst einen Körper. Finde dessen Volumen V.« In den vergangenen zwei Tagen hat Jing sich ihr altes Mathebuch vorgenommen und Formeln gepaukt. Dieser Stoff ist kein Problem für sie. Auch der Multiple-Choice-Test zum Sprachverständnis sei leicht gewesen, sagt sie später in der Mittagspause.

Leserkommentare
  1. Danke für diese Menschliche Beleuchtung eines sonst so trocken anmutenden Auswahlverfahrens.
    Das im zweiten Absatz angedeutete eingreifen des Staates in Dinge, die aus meiner Sicht privatssphäre sind zeigt deutlich, warum ich froh bin, dass die Mehrheit in Deutschland den Staat nicht als Allheilbringer sieht.
    Es freut mich, dass Jing jetzt die Chance hat das zu studieren, was sie immer wollte.

  2. Es ist schon seltsam wie man in China Kraft aus deutschen Regularien beziehen und sich darin geborgen fühlen kann im krassen Gegensatz zu den bizarren gesellschaftlichen Erwartungen und Gängelungen.

    Es ist nur schade, dass man es in Deutschland mit Zeugnissen, nach Bundesland und Abschluss etc. nicht so leicht hat zum gleichen (bezahlten) Studium zugelassen zu werden wie in China mit Matheklausur, einem schriftlichen Sprachtest und einem Interview - laut Artikel. Am besten man lässt sich in China einbürgern, um auch an diesem Test teilnehmen zu können.

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    • t_t_h
    • 19. August 2012 13:33 Uhr

    Ich behaupte mal, es ist weitaus schwerer, über China an eine deutsche Uni zu kommen, als über ein deutsches Abitur.
    Frau Guo hat mit Sicherheit ihre Chinesischen Hochschulreife bereits in der Tasche, außerdem muss sie ja noch ein extra Vorbereitungsjahr in Deutschland absolvieren, bevor sie hier ins erste Semester einsteigen darf.
    Der Arbeitsaufwand, den sie leistet, ist sicherlich vergleichbar mit einem Abitur, vielleicht sogar mit einem Bayrischen (welches ja nur so "schwer" ist, weil dort schon nach der Grundschule kräftig gesiebt wird)

  3. meinen respekt für die junge dame.

    wenn man bedenkt, das hier manchen die forderung aufstößt, einwanderern deutschkenntnisse abzuverlangen, machte sie für diese qualifikation einen schweren weg durch.

    ich wünsche ihr viel erfolg.

  4. Ein Happy Ending, wie schön.

    Aber ohje tatsächlich wird dieses Glück nur einer Minderheit zuteil. Jing ist privilegiert, gehört zur 'aufstrebenden Mittelschicht' und ihre Eltern haben so viel Geld, dass sie ihr 16.000 Euro zur Verfügung stellen können. Zwischen ihr und der 'Freiheit' steht also nur noch das große zentrale Auswahlverfahren in der Hauptstadt Beijing.

    Die Dimensionen können hier leicht durcheinander geraten: Jing tritt nicht gegen 60 Mitstreiter an um einen der 300 Plätze zu bekommen, sondern vermutlich gegen Tausende. Im zentralen Hochschulsystem in China ist es nicht ungewöhnlich, dass auf 1 begehrten Studienplatz 2000 Wettbewerber kommen.

    Die Matheklausur, war mit Sicherheit nicht "leicht" wie Jing uns glauben lässt und die Deutschklausur auch nur deshalb zu bestehen, da Jing ja auch Herman Hesse liest.

    Glueckwunsch, Jing!;)

  5. Es ist wunderschön, dass Sie Ihren Traum verwirklichen kann, um in DE zu studieren. Sie hat meinen Respekt.

    Doch, um Ihre Ziele zu erreichen, sollte Sie nicht lieber Physik anstatt Geographie studieren?

    Nur so ein Gedanke!

    • Lukan
    • 19. August 2012 2:38 Uhr
    6. Guter

    Artikel/Report.

  6. Die Zugfahrt von Hohhot nach Peking dauert 7 bis maximal 12 Stunden, täglich gibt es über 20 Flugverbindungen zwischen den beiden Städten, deren Tickets nur unwesentlich teurer und auch viel leichter zu bekommen sind als Bahntickets . Direkt vor der von Ihnen erwähnten Technischen Universität liegt ein U-Bahnhof der Linie 4. Ohnehin würde man zu so einem Termin nur mit der U-Bahn fahren, falls man annimmt, damit wesentlich schneller zu sein als mit einem Taxi, was trotz gestiegener Preise immer noch für absolut jeden, der sich den Aufenthalt in Pekings Innenstadt leisten kann, erschwinglich ist. Ihre Aussagen zum innerchinesischen Transport wähnen den Leser im Jahr 1980. Mit solchen Fehlinformationen verspotten Sie jeden, der in Nordwestchina lebt und auch jeden Ausländer, der sich nur halbwegs in China auskennt.

    • shunya
    • 19. August 2012 11:07 Uhr

    Jede Wette, die Mehrheit der 17- bis 22-jährigen Deutschen kann die im Artikel genannte Matheaufgabe nicht lösen. Ach halt, das Alter ist irrelevant. Jede Wette, die Mehrheit der Deutschen kann die Aufgabe nicht lösen.

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    • R_B
    • 19. August 2012 15:14 Uhr

    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

    • Macbird
    • 20. August 2012 18:50 Uhr

    Ich gestehe jetzt mal die Aufgabe tatsächlich nicht lösen zu können, ich fasse das zwar nicht als elementaren Mangel auf, zwicken tuts trotzdem ;-).

    Habe vor zwei Jahren Abitur gemacht und bekomme das vl. nicht hin - warum? Weil wir so etwas nie gemacht haben. Dafür beherrschen meine ehem. Mitschüler und ich wahrscheinlich haufenweise Berechnungen, die die Chinesin im Artikel in der Schule nie durchgenommen hat. Jeder Staat setzt andere Schwerpunkte.

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