DIE ZEIT: Herr Thielemann, länger als sieben Jahre haben Sie es bislang in keiner Position ausgehalten, weder in Nürnberg noch an der Deutschen Oper Berlin noch bei den Münchner Philharmonikern. Jetzt gehen Sie als Chefdirigent der Semperoper nach Dresden. Sind Sie ein unsteter Mensch?

Christian Thielemann: Na, das hat mir noch niemand gesagt.

ZEIT: Vielleicht langweilen Sie sich ja auch nur schnell oder vertragen keinen Widerspruch.

Thielemann: Im Gegenteil, ich vertrage immer mehr Widerspruch! Außerdem sind die Arbeitsbedingungen in Dresden für mich ein Glücksfall – zum ersten Mal in meinem Leben kann ich mit einem Orchester arbeiten, das im Konzertbereich genauso potent ist wie in der Oper, ein tolles Privileg, das es sonst nur bei den Wiener Philharmonikern oder der Berliner Staatskapelle gibt. Also ich bin von Kopf bis Fuß auf Dresden eingestellt und werde dieses Pfund nicht so schnell wieder aus der Hand geben. Ich fühle mich total bereit fürs Offene, fürs Neue. Ulrike Hessler...

ZEIT: ...die kürzlich verstorbene Intendantin der Semperoper...

Thielemann: ...war eine starke Persönlichkeit, eine hochintelligente Frau, die hervorragend mit Menschen umgehen konnte. Immer diskutierfreudig, nie beratungsresistent. Ihr Tod ist ein tragischer Verlust für das Haus, den müssen wir erst verkraften. Wobei ich wirklich sagen muss, je gelassener ich werde, desto mehr Widerspruch vertrage ich, das gilt auch für die Arbeit mit Intendanten.

ZEIT: Was gibt Ihnen die Gelassenheit?

Thielemann: Der Ring in Bayreuth zum Beispiel oder dass ich mit den Wiener Philharmonikern alle neun Beethoven-Sinfonien eingespielt habe. Es gibt Fixpunkte in einem Dirigentenleben, wenn man die erreicht, vielleicht sogar zur Freude des Publikums, dann wird man innerlich ruhiger. Dann merkt man, wie verkrampft man vorher war. Ich bin heute nicht mehr so verkrampft.

ZEIT: Hilft Ihnen das auch im Umgang mit unliebsamen Regisseuren? Sie gelten nicht gerade als Apologet des Regietheaters.

Thielemann: Meiner Meinung nach ist das Regietheater tot.

ZEIT: Sind Sie sicher?

Thielemann: Ich bin froh, in Bayreuth etwas wie die Tannhäuser-Inszenierung von Sebastian Baumgarten zu dirigieren. Anfangs hat mich die Szene, Jaap van Lieshouts Alkoholator, diese monströse Selbstverdauungsmaschinerie, nun ja, verwirrt. Inzwischen nehme ich sie als geistiges Trainingslager. Aber ich bin wirklich dankbar dafür, weil ich glaube, dass diese Art der Provokation der Vergangenheit angehört – und dass es gleichwohl wichtig ist für die Zukunft, sie mitbekommen zu haben. Wir müssen keine Klassiker mehr vom Sockel stürzen, die sind alle unten, wir dürfen sie heute wieder draufstellen. Schlingensiefs Parsifal war zweifellos eine außerordentliche Arbeit, aber schon 2004 hatte ich das Gefühl, dass sie den Endpunkt einer Entwicklung markiert. Die Frage ist nur, was jetzt, was danach kommt.

ZEIT: Ob überhaupt noch etwas kommt, und was es soll, die ewig gleichen Werke immer neuen Interpretationen zu unterwerfen?

Thielemann: Abstrakte Sinnfragen wie diese stelle ich mir nicht. Ich weiß nur, dass wir uns wieder aufs Handwerk besinnen müssen, in allen Disziplinen. Das Handwerk wird uns den Weg weisen. Das lernt man übrigens nirgends so gut wie in Bayreuth. Dieses Haus hat seine Gesetze, und wenn ich die nicht sauber analysiere, dann rächt es sich bitterlich. Der Wagnersche Dunst entsteht nicht, indem wir unten im Graben dunstig sind, der entsteht durch Deutlichkeit.