Christian Thielemann"Dann bin ich die Avantgarde"

Seitenscheitel, Preußentum und Richard Wagner: Früher eckte der Dirigent Christian Thielemann gerne an. Heute sieht er nicht gleich rot, wenn ein 68er auftaucht. von  und Christine Lemke-Matwey

DIE ZEIT: Herr Thielemann, länger als sieben Jahre haben Sie es bislang in keiner Position ausgehalten, weder in Nürnberg noch an der Deutschen Oper Berlin noch bei den Münchner Philharmonikern. Jetzt gehen Sie als Chefdirigent der Semperoper nach Dresden. Sind Sie ein unsteter Mensch?

Christian Thielemann: Na, das hat mir noch niemand gesagt.

ZEIT: Vielleicht langweilen Sie sich ja auch nur schnell oder vertragen keinen Widerspruch.

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Thielemann: Im Gegenteil, ich vertrage immer mehr Widerspruch! Außerdem sind die Arbeitsbedingungen in Dresden für mich ein Glücksfall – zum ersten Mal in meinem Leben kann ich mit einem Orchester arbeiten, das im Konzertbereich genauso potent ist wie in der Oper, ein tolles Privileg, das es sonst nur bei den Wiener Philharmonikern oder der Berliner Staatskapelle gibt. Also ich bin von Kopf bis Fuß auf Dresden eingestellt und werde dieses Pfund nicht so schnell wieder aus der Hand geben. Ich fühle mich total bereit fürs Offene, fürs Neue. Ulrike Hessler...

Christian Thielemann

ist Jahrgang 1959 und wuchs in einem musikalischen Berliner Elternhaus auf. Nach dem Abitur wurde er Assistent von Herbert von Karajan und absolvierte die kapellmeisterliche »Ochsentour« durch die internationale Provinz. Er machte Karriere als Generalmusikdirektor in Nürnberg und Berlin und wechselte nach kulturpolitischen Querelen 2004 zu den Münchner Philharmonikern. Thielemann gilt als konservativer Querschädel und Spezialist des deutschen Fachs von Beethoven bis Bruckner. Seit 2000 ist er einer der maßgeblichen Dirigenten bei den Bayreuther Festspielen. Am 1. September tritt er sein neues Amt als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle in Dresden an.

ZEIT: ...die kürzlich verstorbene Intendantin der Semperoper...

Thielemann: ...war eine starke Persönlichkeit, eine hochintelligente Frau, die hervorragend mit Menschen umgehen konnte. Immer diskutierfreudig, nie beratungsresistent. Ihr Tod ist ein tragischer Verlust für das Haus, den müssen wir erst verkraften. Wobei ich wirklich sagen muss, je gelassener ich werde, desto mehr Widerspruch vertrage ich, das gilt auch für die Arbeit mit Intendanten.

ZEIT: Was gibt Ihnen die Gelassenheit?

Thielemann: Der Ring in Bayreuth zum Beispiel oder dass ich mit den Wiener Philharmonikern alle neun Beethoven-Sinfonien eingespielt habe. Es gibt Fixpunkte in einem Dirigentenleben, wenn man die erreicht, vielleicht sogar zur Freude des Publikums, dann wird man innerlich ruhiger. Dann merkt man, wie verkrampft man vorher war. Ich bin heute nicht mehr so verkrampft.

ZEIT: Hilft Ihnen das auch im Umgang mit unliebsamen Regisseuren? Sie gelten nicht gerade als Apologet des Regietheaters.

Thielemann: Meiner Meinung nach ist das Regietheater tot.

ZEIT: Sind Sie sicher?

Thielemann: Ich bin froh, in Bayreuth etwas wie die Tannhäuser-Inszenierung von Sebastian Baumgarten zu dirigieren. Anfangs hat mich die Szene, Jaap van Lieshouts Alkoholator, diese monströse Selbstverdauungsmaschinerie, nun ja, verwirrt. Inzwischen nehme ich sie als geistiges Trainingslager. Aber ich bin wirklich dankbar dafür, weil ich glaube, dass diese Art der Provokation der Vergangenheit angehört – und dass es gleichwohl wichtig ist für die Zukunft, sie mitbekommen zu haben. Wir müssen keine Klassiker mehr vom Sockel stürzen, die sind alle unten, wir dürfen sie heute wieder draufstellen. Schlingensiefs Parsifal war zweifellos eine außerordentliche Arbeit, aber schon 2004 hatte ich das Gefühl, dass sie den Endpunkt einer Entwicklung markiert. Die Frage ist nur, was jetzt, was danach kommt.

ZEIT: Ob überhaupt noch etwas kommt, und was es soll, die ewig gleichen Werke immer neuen Interpretationen zu unterwerfen?

Thielemann: Abstrakte Sinnfragen wie diese stelle ich mir nicht. Ich weiß nur, dass wir uns wieder aufs Handwerk besinnen müssen, in allen Disziplinen. Das Handwerk wird uns den Weg weisen. Das lernt man übrigens nirgends so gut wie in Bayreuth. Dieses Haus hat seine Gesetze, und wenn ich die nicht sauber analysiere, dann rächt es sich bitterlich. Der Wagnersche Dunst entsteht nicht, indem wir unten im Graben dunstig sind, der entsteht durch Deutlichkeit.

Leserkommentare
  1. Wesentliches Merkmal der 68iger Bewegung ist gewesen, dass vieles Althergebrachte und Traditionelle kurzerhand über Bord geworfen und Traditionen unwiederbringlich abgebrochen, man wollte modern und fortschrittlich sein. Bis heute verhindert Ideologie wirklich hinter die Dinge zu schauen und echte musikalische Qualität von Mittelmaß und Event-Kultur zu unterscheiden.

    Insofern ist Th

  2. Insofern ist Thielemann seiner Zeit voraus, wenn er die echte Qualität und Lebendigkeit von Tradition erkennt und behutsam das Wesentliche daran für das Heute aufbereitet. Damit ist er in Dresden genau richtig.

    Und wer einmal vom einmaligen Klang der Staatskapelle Dresden infiziert wurde, ist froh, dass die 68iger Bewegung dem kuturellen Biotop dieser Stadt erspart blieb!

    Zu guter Letzt sei Herrn Thielemann zum Thema Bach noch die Aufführungspraxis der "Konkurrenz" aus Leipzig empfohlen. Das Gewandhauseorchester spielt mittels feinem sächsischen Streicherklang eine weichen, modernen Bach.

  3. Aus dem geschundenen Dresden, das seine mit finanzieller Hilfe aus dem In- und Ausland bewerkstelligte Auferstehung als Wunder des Barock einer deutschen und internationalen Sühneleistung verdankt, wurde nach und nach eine verhätschelte, selbstbezogene und selbstzufriedene Stadt, die Anspruch auf absolute Autonomie zu haben meint, die Zerstörung und Streichung des Elbtals von der Welterbeliste brutale Selbstverstümmelung! Über dieses Thema muss Tielemann tratitionell schweigen!

  4. Irgendwie ist dieses Interview ja ein starkes Stück. Da unterscheidet Herr Thielemann feinsinnig zwischen Kunst und Gesinnung bei seinen beiden Lieblingen, dem Erz-Nazi Pfitzner und dem Adabei-Nazi Richard Strauss, aber ein Tattoo, das ein leichtsinniger russischer Ex-Punk-Rocker mal auf der Brust hatte, geht auf keinen Fall.

    Ich habe ja überhaupt nichts dagegen, dass man heute Pfitzner und Strauss aufführt. Das kann und muss eine liberale Gesellschaft aushalten (mein Geschmack ist es nicht). Doch umso unangemessener finde ich, dass man sich dann ausgerechnet bei einer Angelegenheit wie Nikitin zum Gesinnungsrichter aufschwingt.

    Eine Leserempfehlung
    • fs0
    • 24. September 2012 18:40 Uhr

    Die Wahrscheinlichkeit, dass in einer Internetdiskussion (oder einem Interview der ZEIT) ein Hitlervergleich auftritt, tendiert mit der Länge des Gesprächs gegen 1.

    Man muss sich in die komfortable Lage der Interviewer/innen versetzen: Aus der Position der mit Schlagfallenartigen Tabus bewehrten politischen Korrektheit dürfen sie mehr als die Hälfte der Zeit damit verplempern, sich über des Gastes Seitenscheitel und seine Pfitzner-Aufführungen zu mokieren.

    Und der Gast bleibt galant und rechtfertigt sich artig.

    Das ist kein Interview sondern RTL2-Nachmittag.

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  • Schlagworte Dirigent | Christian Thielemann | Bayreuther Festspiele | Dresden
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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