BioethikIm Dauertest

Wieder wird um die genetische Prüfung von Embryos gestritten. von 

Hatte man tatsächlich hoffen dürfen, die Debatte um die Präimplantationsdiagnostik (PID) sei beendet? Nein, wirklich realistisch war das nicht. Ende vergangenen Jahres hatte das Parlament sich dazu durchgerungen, die genetische Untersuchung künstlich gezeugter Embryonen zu erlauben, wenn eine schwere Erbkrankheit, eine Tot- oder Fehlgeburt droht. Nun hat das Bundesgesundheitsministerium eine Rechtsverordnung vorgelegt, die praktische Fragen der Anwendung regelt. Sie enthält Bestimmungen zur Zulassung von PID-Zentren und zur Arbeit der Ethikkommissionen, die jede PID prüfen müssen.

Prompt hagelt es wieder Kritik und Unterstellungen. Hubert Hüppe, der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, erkennt im Entwurf gar die völlige Freigabe der PID durch die Hintertür. Weil der Entwurf die Zahl der PID-Zentren nicht begrenzt und die Entscheidungskriterien der Ethikkommissionen nicht strikt reglementiert. Ebenso möchte Hüppe es Hilfe suchenden Paaren ausdrücklich verbieten, ihren PID-Antrag im Falle einer Ablehnung in einem anderen Kinderwunschzentrum erneut zu stellen.

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Dabei ist all dies gar nicht nötig. Nach den Erfahrungen aus dem Ausland werden jährlich allenfalls ein- bis zweihundert Paare für eine PID infrage kommen. Es wird sich deshalb nur für wenige Zentren rechnen, die erforderliche Infrastruktur und Expertise aufzubauen. Auch die Befürchtung, die Paare würden durch die Republik von einem Gremium zum nächsten reisen, ist abwegig. Denn jede PID ist mit langwierigen Voruntersuchungen sowie einer enorm belastenden künstlichen Befruchtung verbunden.

Ernster zu nehmen ist ein Einwand der Medizinhistorikerin Christiane Woopen. Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats verlangt eine detaillierte Dokumentation der Anlässe für die Untersuchung der Embryos. Bislang ist im Entwurf des Ministeriums nur die Erfassung des »Begründungstypus« vorgesehen – also ob die Prüfung wegen einer Erbkrankheit stattfand oder aber, um die Gefahr einer neuerlichen Fehlgeburt auszuschließen. Tatsächlich wären diese Informationen wünschenswert: Aufgrund welchen Erbleidens werden wie viele Embryonen in Deutschland untersucht? Wie verändern sich die Zahlen über die Jahre? Schließlich hatte der Bundestag sein Ja zum Gentest mit der Verpflichtung verbunden, die PID-Praxis aufmerksam zu beobachten. Wer allerdings eine genaue Statistik führt, erhält automatisch eine quasi offizielle Liste von Leiden, mit denen es sich anscheinend nicht zu leben lohnt. Genau das aber hatte der Gesetzgeber, um Diskriminierungen zu vermeiden, nicht gewollt. Über diesen Zielkonflikt kann man durchaus noch einmal streiten.

Eines ist schon jetzt gewiss: Wenn die Zeit kommt, sagen wir in fünf oder zehn Jahren, die Praxis der PID in Deutschland zu bilanzieren, ist die Welt der Fortpflanzungsmedizin eine andere. Ihre Basiswissenschaften – Humangenetik, Reproduktions- und Zellbiologie – werden dann einen Stand erreicht haben, der wohl ein neues Gesetz erforderlich machen wird. Frische Argumente wird es auch dann nicht geben, aber bestimmt wieder Streit.

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    • Schlagworte Präimplantationsdiagnostik | Embryo | Ethik | Bioethik
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