Die Gefahr kommt klein daher, und genau das ist das Problem. Die niedrigen Zinsen an den Kapitalmärkten setzen die Lebensversicherer unter Druck. Experten prophezeien schwere Zeiten, wenn die Versicherungsunternehmen weiterhin so wenig Geld damit verdienen, die Milliarden für ihre Kunden anzulegen.

Nikolaus von Bomhard, der Vorstandsvorsitzende des Branchenriesen Munich Re, warnte jüngst: Mit den historischen Minizinsen könnten die Lebensversicherer nicht ewig leben, »das stresst uns gewaltig«. Wenn die Erträge, die Versicherer erzielen, weiter schrumpfen, könnte die Branche ihre Zusagen gegenüber den Versicherten irgendwann nicht mehr einhalten. Sie müsste Auszahlungen und Rentenhöhen womöglich drastisch reduzieren. Das ist das Drohszenario.

Und nun drängt auch noch die deutsche Finanzaufsicht BaFin die Unternehmen, ihre Zinszusatzreserve aufzustocken. Das bedeutet, dass sie bald etliche Milliarden Euro als Sicherheitspuffer zurücklegen müssen, damit sie die Versprechen, die sie ihren Kunden in Millionen Verträgen gegeben haben, langfristig wirklich einhalten können. Mit bis zu sechs Milliarden Euro beziffert das Analysehaus Assekurata die Zusatzreserve für 2012. Bundesweit stöhnen Versicherungsunternehmen über die »Milliardenlast«. Sie entzieht ihnen weiteres Geld, das sie nicht mehr anlegen können.

Schon denken Branchenvertreter darüber nach, die Garantiezinsen für Versicherungsverträge noch weiter zu kappen. Kunden, die heute einen Vertrag abschließen, bekommen ohnehin nur noch magere 1,75 Prozent dafür zugesagt, dass sie einem Versicherer die nächsten 30 oder 35 Jahre ihr Geld anvertrauen – und obendrauf natürlich noch Gebühren bezahlen. Ob solche Verträge inklusive aller Kosten und Inflation am Ende überhaupt mehr Geld abwerfen, als der Kunde eingezahlt hat, bezweifeln Verbraucherschützer schon lange.

Das Klagen der Versicherer über die Minizinsen, es ist berechtigt – und doch nur die halbe Wahrheit. Denn das Jammern passt nicht zu den steigenden Gewinnen, die die Unternehmen seit Jahren einfahren.

Es stimmt schon: Für die Assekuranzen wird es schwerer, die Kundengelder gewinnbringend anzulegen. Aktuell schaffen es die Lebensversicherer, auf das Kapital im Schnitt 3,9 Prozent Zinsen zu erwirtschaften. Zum Vergleich: Vor gut zehn Jahren lag die Rendite mit 7,5 Prozent noch knapp doppelt so hoch. Schon in fünf Jahren, so schätzt der Anleihemanager Bantleon, könnte die Rendite bei bloß 2,5 Prozent liegen. Das ist nicht unrealistisch, wenn die Notenbanken die Politik des billigen Geldes fortsetzen und die Zinsen für europäische Staatsanleihen bester Bonität weiter auf so niedrigem Niveau wie derzeit verharren. Denn die gelten als Referenzzinsen für Versicherer. Schließlich ist die Branche per Gesetz dazu gehalten, das Geld ihrer Kunden extrem sicher und langfristig anzulegen. Deshalb hat sie einen Großteil in sehr sichere Papiere investiert. Von den 750 Milliarden Euro des verwalteten Vermögens stecken rund 90 Prozent in Staatsanleihen, Staatsdarlehen, Pfandbriefen und anderen festverzinslichen Papieren, wie der Branchenverband GdV ausgerechnet hat. Das sind allesamt Papiere, die derzeit magere Renditen abwerfen.

Früher legte die Branche noch viel stärker in Aktien an, doch nach dem Crash der New Economy im Jahr 2000 fuhr sie ihre Aktienquote drastisch herunter. Diese macht inzwischen laut GdV nur noch drei Prozent des Anlegergeldes aus. Heute erscheinen Aktien attraktiver als Anleihen, doch gerade die Zurückhaltung am Aktienmarkt bewahrte die Branche im Kurssturz 2008 vor größerem finanziellem Schaden.

Mit knapp vier Prozent sind Versicherer in Immobilien investiert, die gelten hierzulande als relativ solide Anlage. Einige Anbieter wie die Allianz wollen den Immobilienanteil erhöhen. Doch das geht nicht von heute auf morgen, denn gute Objekte sind rar, und um die wenigen reißen sich immer mehr Käufer.