Für die Weltliteratur des 20. Jahrhunderts bedeutete die späte Entdeckung des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa (1888 bis 1935) ein ähnliches Wunder, als wäre auf unserem Erdball über Nacht ein neuer Kontinent entdeckt worden. Erst recht ein Wunder, dass der poetische Kontinent Pessoa nicht nur den einen Dichter dieses Namens umfasst, sondern eine große Anzahl völlig unterschiedlicher Dichter, in die sich Pessoa proteushaft verwandelte und die er als seine Heteronyme bezeichnete. Um nur die drei wichtigsten zu nennen: der futuristischem Furor verpflichtete Avantgardist Alvaro de Campos, der elegische Bukoliker Alberto Caiero sowie der agnostische Klassizist Ricardo Reis. Fast unvorstellbar, dass sie alle einem einzigen Dichterhirn entsprossen sein sollen!

Als Pessoa, erst siebenundvierzigjährig, 1935 in Lissabon an Leberzirrhose starb, war er nur wenigen Kennern ein Begriff und hatte unter seinem eigenen Namen gerade ein einziges Buch veröffentlicht, Mensagem ("Botschaft") betitelt, in dem er die einstige Größe der portugiesischen Nation auf mystisch-okkultistische Weise beschwor. Sein Nachlass bestand aus einer riesigen Kiste, aus der im Lauf der nächsten Jahrzehnte fast 35.000 Manuskriptseiten ans Licht kamen, darunter auch jene fragmentarischen Aufzeichnungen, die erst 1982 unter dem Titel Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernard Soares in Portugal publiziert wurden, aber schon bald in viele Sprachen übersetzt wurden und in den achtziger Jahren eine Stimmung der Melancholie und des Rückzugs trafen und weltweit zum Kultbuch avancierten.

Pessoa apostrophierte Bernardo Soares einmal als "Halbheteronym", vielleicht weil dieser Hilfsbuchhalter, der in einem Kontor der Lissabonner Unterstadt, der Baixa, arbeitet, doch viel Ähnlichkeit mit Pessoa selbst aufweist, der in ebendieser Baixa seinen Lebensunterhalt mit dem Übersetzen französischer und englischer Handelspapiere verdiente.

"Ich mache es mir an meinem Schreibtisch bequem wie an einem Bollwerk gegen das Leben", notiert Bernardo Soares, der Zärtlichkeit empfindet für sein altes Tintenfass, seine Geschäftsbücher und den gebeugten Rücken Sérgios, der neben ihm Warenbegleitpapiere ausfertigt: "Ich liebe das alles, vielleicht weil ich sonst nichts zum Lieben besitze – oder vielleicht auch deshalb, weil nichts die Liebe einer Seele wert ist und, wenn wir es schon für ein Gefühl halten, es ebenso lohnend ist, dieses Gefühl meinem kleinen Tintenfass entgegenzubringen wie der großen Gleichgültigkeit der Gestirne."

Der Hilfsbuchhalter Soares, dem "das Leben als ein metaphysischer Irrtum der Materie" erscheint, ist ein geheimer Philosoph, ein Philosoph des Verzichts, und er ist eine vorsätzliche Randfigur. Er bewegt sich in der Baixa fast nur zwischen seinem möblierten Zimmer, einigen der kleinen Speisegaststätten mit Obergeschoss und seinem Kontor, und als "äußerste Schwäche der Einbildungskraft" erscheint ihm die Vorstellung, man müsse "den Ort wechseln, um zu fühlen". "Existieren ist reisen genug", lautet seine Devise. Tatsächlich entdeckt er in seiner kleinen Welt mehr als die meisten in der sogenannten großen, weiten Welt, ist er doch nicht auf Abenteuer aus, sondern es erscheint ihm schlechthin alles abenteuerlich.

"Die Ekstase des Schauens" ist es, die diesen Mystiker des Alltags beherrscht, und als "Hauptsorge seines Schicksals" bezeichnet er den Blick zum Himmel mit seinen Wolkenbildungen. Für Bernardo Soares sind "Sehen und Hören die einzigen edlen Dinge, die das Leben enthält, die übrigen Sinne sind plebejisch und rein körperlich". Entsprechend entsagt er auch der geschlechtlichen Liebe: "Die Frau ist eine gute Quelle für Träume. Berühre sie nie!" Die einzige Illusion, die Pessoas Alter Ego Soares akzeptiert, ist die Kunst: "In der Kunst gibt es keine Enttäuschung, weil die Täuschung von Anfang an inbegriffen war." Dem Hilfsbuchhalter Soares gilt der Traum mehr als die Tat: Was könnte seinen Schöpfer Pessoa mehr als Portugiesen ausweisen! Mit seinem Buch der Unruhe, diesem wahrhaft unerschöpflichen Traum- und Lebensbuch, rückte Pessoa Portugal wieder ins Blickfeld der geistigen Welt. Und von Pessoas Lissabon spricht man dort nun ebenso ehrfürchtig wie von Prousts Paris, Kafkas Prag oder Joyce’ Dublin.

Mir lieferte Fernando Pessoa mein Lebensmotto: Könnte das Herz denken, stünde es still.