Sommerfilm "Jeff": Es gibt keinen Unsinn
Mit ihrem Film "Jeff, der noch zu Hause lebt" legen die Brüder Jay und Mark Duplass ein modernes Kinomärchen vor.
Das Dumme am Schicksal ist, dass es einem zustoßen muss. Jeff, Anfang dreißig, wartet schon sein ganzes Leben darauf, dass womöglich etwas Weltbewegendes passieren könnte. Und obwohl er der Fügung, so gut er kann, dabei entgegenkommt, ihn zu finden – er sitzt noch immer dort, wo er von ihr in die Welt gesetzt worden ist: bei seiner Mutter auf dem Sofa – passiert nichts. Kein Zeichen des Universums erreicht ihn, nur die Werbung für Vitaminpillen im Fernsehen. Und jemand, der sich verwählt hat. Verwählt? »Was«, fragt sich Jeff ehrfürchtig, »wenn er sich nicht verwählt hat? Vielleicht ist man ja immer richtig verbunden?« Für ihn ist der irregeleitete Anruf der Anfang von etwas Großem, das Zeichen, vor die Tür zu gehen und dort weiter nach seiner Bestimmung zu suchen.
Im amerikanischen Kinomärchen des Sommers, Jeff, der noch zu Hause lebt, erzählen die Brüder Jay und Mark Duplass die Geschichte einer persönlichen Sinnsuche, die ihre gesamte Umwelt mitreißt und von der Skepsis hin zum Glauben verwandelt. Stoisch wie ein unbeirrbar meditierender Buddha bewegt sich Jeff, der arbeitslose Stubenhocker und vor sich hin träumende Loser (gespielt von Jason Segel), zunächst scheinbar verloren im dunklen Gammel-Hoodie durch die Kulisse der amerikanischen Kleinstadt, in der die Normalität, der Konsum und die Funktionalität die Menschen betäuben.
Anders als alle anderen weigert sich Jeff, dieser massive, ruhige Riese, in einem der grauen Großraumbüros wie dem seiner stress- und migränegeplagten Mutter (Susan Sarandon) zu arbeiten, die sich alt und faltig, einsam und stagniert fühlt. Ihr einziger Halt besteht darin, bei einer nahenden Sinnkrise mantraartig auf das Bild eines Wasserfalls zu starren, das neben ihrem Computer hängt.
Auch das beklemmend saubere Leben von Vorzeigebruder Pat, das sich zwischen den gesättigten Koordinaten »Meine Frau«, »Mein Haus«, »Mein Auto« bewegt, lehnt Jeff ab. Der angerufene Prophet versucht gar nicht erst, die Sehnsucht nach Bedeutung mit äußerlicher Struktur zu kompensieren. Er harrt lieber der Dinge. Schaut hinauf zu den Vögeln, lächelt und verkündet von Zeit zu Zeit den Betäubten um ihn herum die frohen Botschaften, von denen sie alle nichts wissen wollen: Es gibt keinen Unsinn. Nichts geschieht ohne Grund. Das Leben ist an sich schon einzigartig, ihr müsst es nur sehen.
Stark schablonenhaft, doch mit erfrischend wenig Klamauk und Pathos beschreibt Jeff, der noch zu Hause lebt schließlich den Umbruch, der alle »Normalen« aus ihrer gewohnten Umlaufbahn wirft und damit plötzlich Jeff, diesen Dorftrottel der Moderne, der die Wahrheit schon immer hinauskrakeelt hat, zum Propheten macht.
Innerhalb weniger Stunden ist Pats Ehe durch die Aufdeckung einer Affäre am Ende, der Porsche zu Schrott gefahren und die überhebliche Selbstsicherheit des erfolgreichen, erwachsenen Bruders passé. »Was soll ich jetzt tun?«, fragt der plötzliche verzweifelte Verlierer Pat nun Jeff, den er eben noch als spinnerten Kiffer verhöhnt hat.
Und auch Jeffs Mutter erlebt ihr Erweckungserlebnis. Ihr Zeichen, das sie die Welt mit anderen Augen sehen lässt, ist die Chatnachricht eines vermeintlichen Verehrers. Sekundenlang studiert die Kamera das Gesicht der wie immer großartigen Susan Sarandon, wie sie, während alle anderen Bürosklaven bei einem Feueralarm das Gebäude verlassen, einfach sitzen bleibt. Wie sie ihre Aktenordner und das Wasserfallfoto links liegen lässt und sich langsam unter der Sprinkleranlage erhebt, um den künstlichen Regen zu spüren. Wie ihre Züge dabei alle Spuren der Angespanntheit verlieren, wie sie loslässt – und lächelt.
Es ist genau diese entlastende Botschaft, mit der Jeff, der noch zu Hause lebt so sympathisch die modernen Individuen im grauen Amerika bekehrt: Besinne dich. Spüre dich. Glaube. Und bleibe wach! Dann wird dir das Leben schon passieren.
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