Geschichte Italiens"Freiheit und Volk!"
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Freiheit als "Rohstoff für die europäische Demokratie"

Dabei ist die Republik Florenz bis heute ein geradezu mythisches Kapitel der europäischen Geschichte geblieben. Die Stadt war um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert neben Venedig und Genua eine der drei großen noch verbliebenen Republiken Italiens. Mit dem Kirchenstaat, dem Herzogtum Mailand und dem Königreich Neapel bildeten sie die italienischen »Großmächte«.

Florenz’ Selbstbild freilich, das Gelehrte und Künstler in alle Welt verbreiteten, war wesentlich älteren Datums. Berühmt wurde eine zu Beginn des 15. Jahrhunderts in geschliffenem Latein ausgetragene Debatte mit den Humanisten des Herzogtums Mailand. Darin hielt der florentinische Kanzler Coluccio Salutati den Mailändern vor, einem »Tyrannen« zu gehorchen, »der alles nach seiner Willkür entscheidet«, während die Florentiner allein den Gesetzen unterworfen seien, »die alle auf die gleiche ganz gerechte Weise respektieren«. Salutatis Nachfolger Leonardo Bruni formulierte in seiner Laudatio florentine urbis den Freiheitsbegriff, auf den alle Florentiner stolz waren, in prägnanter Kürze: »Nirgends kann man ein solches Maß an Freiheit und gleichen Rechten für die höheren und niedrigen Klassen finden.«

Diese Idee der Freiheit macht die Einzigartigkeit der italienischen Stadtstaaten an der Schwelle zur frühen Neuzeit und ihre langfristige Wirkung auf die italienische und europäische Geschichte aus. Sie ist zu Recht als »Rohstoff für die europäische Demokratie« bezeichnet worden. Während sich in weiten Teilen Europas die Monarchie als gottgewollte Staatsform weiterentwickelte bis hin zum französischen Absolutismus, etablierte sich in Italien ein Staatsverständnis, das jede übergeordnete geistliche oder weltliche Autorität ablehnte und einzig und allein das »Volk« als Souverän in den Mittelpunkt stellte. In Florenz wurde dies am radikalsten formuliert. Ein »Parlament«, das heißt eine Volksversammlung auf der Piazza della Signoria, bekräftigte 1378 die »umfassende, vollkommenste und unantastbare Autorität und Macht des Volkes«.

Trotz dieses sehr modernen Freiheits- und Gleichheitsanspruchs waren die italienischen Republiken keine im modernen Sinn demokratischen Staaten. Sie konnten es gar nicht sein, ruhten sie doch auf einer ganz eigenen und für Italien spezifischen gesellschaftlichen Basis. Zwar war der Feudaladel, der im Auftrag von Papst oder Kaiser die Städte beherrscht hatte, zumindest vorübergehend vertrieben oder politisch ausgeschaltet worden. Doch nachdem sie dessen Macht gebrochen hatten, integrierten die wohlhabenden Familien der Kaufleute, Bankiers und Handwerker das Modell der adeligen Geschlechterverbände, der consorterie, in das der in Italien nie ganz verschwundenen Familienverbände (gentes) mit ihrem Klientelwesen. Statt einer streng hierarchisch gegliederten Ständeordnung entstand so eine horizontale Ordnung geschlossener Kreise in ständiger Bewegung.

Der Unterschied drückte sich am deutlichsten im Wandel der Architektur aus. Anders als die Adeligen verbarrikadierten sich die bürgerlichen Familienverbände nicht mehr in festungsartigen Palazzi mit hohen Geschlechtertürmen. Die Häuser der consorterie, die oft ganze Straßenzüge einnahmen, öffneten sich nach außen und boten in den Loggien einen Zwischenbereich zwischen öffentlichem und privatem Raum. Diese Loggien erlaubten es den Familien, die sich selbst als »Optimaten« (die Besten) verstanden, sich im Kreise ihrer Mitbürger zu zeigen, hier wurden private und öffentliche Feste gefeiert. Vor allem über die Hochzeiten, mit denen man neue Bündnisse zwischen den Clans schmiedete, wird Sagenhaftes berichtet, es gab auf Straßen und Plätzen tagelang Bankette, Schauspiel und Musik. Durch die großzügige Einbeziehung der gesamten Nachbarschaft entstand eine Klientel, die bei vielen Anlässen nützlich werden konnte. So entschied sich, wer in einem Viertel das Sagen hatte – und wer in einem Viertel das Sagen hatte, bestimmte am Ende mit darüber, wer in der ganzen Stadt das Sagen hatte, in der Signoria, der etwa zwanzigköpfigen Stadtregierung.

Auf dieser gesellschaftlichen Basis war in Florenz ebenso wie in Venedig und Genua das seltsame Konstrukt einer ihrem Wesen nach oligarchischen Republik entstanden, die im Übrigen auch eine Gewaltenteilung im modernen Sinne noch nicht kannte. Anders als in Venedig und Genua wurde in Florenz jedoch nie festgeschrieben, wer dem Kreis der »republikanischen Aristokratie« angehörte. Nur hier blieb die Spannung zwischen dem hohen Freiheits- und Gleichheitsanspruch und der auf den consorterie basierenden sozialen Ordnung konsequent erhalten.

Deshalb blieben die modi civili in Florenz das Maß aller Dinge. Das hieß für den florentinischen Bürger: Er sollte einen zünftigen Beruf ausüben und mit jedem, der dies auch tat, von Gleich zu Gleich verkehren. Für das politische Leben indes bedeutete dies regelmäßige mutazioni. Wenn die Bewohner der Stadt mit den Worten Libertà e popolo! (»Freiheit und Volk!«) zur Volksversammlung auf die Piazza della Signoria gerufen wurden, ging es gewöhnlich darum, eine übermächtig gewordene Familie und deren Anhänger aus der Stadt zu vertreiben – damit sie einem oder mehreren anderen Clans Platz machten.

Dass die Republik an solchen Rivalitäten nicht zerbrach, war lange das Verdienst der Medici, die ursprünglich als Wollhändler ihr Geld gemacht hatten. Vor allem Cosimo der Alte (1389 bis 1464) und sein Enkel Lorenzo der Prächtige (1449 bis 1492) verfügten über die nötige diplomatische Kunst, alle Interessen auszutarieren, den schönen Schein von Freiheit und Gleichheit zu wahren, die partikularen, vor allem geschäftlichen Interessen des eigenen Clans durchzusetzen und die der anderen, nicht an der Macht beteiligten, dennoch nicht zu verletzen. Seinem ältesten Sohn Piero gab Lorenzo den Rat mit: »Auch wenn du mein Sohn bist, bist du doch nichts anderes als ein Bürger von Florenz wie alle anderen.«

Doch Piero besaß nicht das Talent seines Vaters. Als zwei Jahre nach Lorenzos Tod der französische König Karl VIII. auf seinem Feldzug gegen Neapel von Florenz die Herausgabe wichtiger Festungen und riesige Subsidien verlangte, gab Piero einfach nach. Da war es mal wieder Zeit für eine mutazione, und 1494 musste Piero mit seiner gesamten Anhängerschaft aus der Stadt fliehen.

Leserkommentare
  1. Assassin's Creed 2 kenn ich die Geschichte XD
    Da soll noch einer sagen das Videospiele nicht bilden ^^

    • joG
    • 19. August 2012 12:50 Uhr

    ...Gleichheitsanspruchs waren die italienischen Republiken keine im modernen Sinn demokratischen Staaten. "

    Ein wenig hört sich das an angesichts der letzten Entwicklungen hier bei uns und in Euroland, Schengen und der EU wie Hybris. Es ist zwar viel besser als zur Zeit der Florentiner Republik. Aber den Ansprüchen an freiheitliche und demokratische Bedingungen "im modernen Sinn", sind wir doch erheblich entfernt. Die Parlamente sind Zyklus um Wahlzyklus in Hand der der öffentlichen Hand nahen Gruppen, die Führer der Mehrheit der Legislativen sind personenidentisch mit der Exekutiven. Die Judikative entstammt der sozioökonomischen Gruppe der öffentlichen Hand, während Ausbildung, Höhere Bildung, Staatsanwaltschaft, Polizei und nur sehr wichtig geworden das Militär ebenfalls dieser Interessengemeinschaft angehören.

    Wie sehr das sich vom "Freiheits- und Gleichheitsanspruchs waren die italienischen Republiken keine im modernen Sinn demokratischen Staaten" entfernt ist, kann man an so vielen negativen Folgen dieses Systems nunmehr in allen Aspekten der Politik erkennen. Und die ungebremste Arroganz aus ihrer Unantastbarkeit, mit der die öffentliche Klasse ihre eigenen Interessen durchsetzt sieht man alleine schon am Unterschied in ihrer Gesundheitsvorsorge oder ihren Pensionen im Vergleich zu den Normalos.

    Also bitte, Frau Autorin, machen Sie sich nicht lustig über die Bevölkerung.*)

    *) Wobei ich vermute, dass Sie es gar nicht bemerkten.

  2. Wenn ich die details des sehr lesenswerten Artikels mal genauser brachte, so fällt mir folgendes auf: Beim Herrschaftssystem von Florenz handelt es sich um eine Oligarchie von mächtigen Kaufmanns/Handwerker-Ständen, die schon mal zu machtsüchtige aus der Stadt jagen.

    Wo ist jetzt der große fundamentale Unterschied zu den freien (und) Reichsstädten, wie z.B. Köln? Die Stadt Köln hatte z.B. seit dem 1400 Jahrhundert einen Stadtrat, der sich an den Gaffeln (grob Handwerkerverbünden) orientierte. Beide Städte waren um 1400 auch Teil des Heiliges Römisches Reichs.

    Wo ist eigentlich das besondere? Mal jenseits von Michelangelos David?

    • Tiroler
    • 21. August 2012 17:05 Uhr

    Der vitale Papst Julius II. (Giuliano della Rovere), Vater dreier Töchter, hat zwar mit seinen Kriegen das militärische Gleichgewicht auf der italischen Halbinsel durcheinandergebracht, dass aber deswegen die ganze Halbinsel "schließlich zum Raub der Habsburger" wurde, ist falsch und würde die Bedeutung dieses Papstes überschätzen. Die Toskana ist ja erst 200 Jähre später, nach dem Aussterben der von Kaiser Karl V. zu Großherzögen beförderten Medici 1737 durch Erbschaft und nicht durch Raub an Kaiser Stephan von Lothringen gefallen. Dessen Sohn Peter Leopold hat als Großherzog Pietro Leopoldo die Toskana zu einem aufgeklärten Musterstaat gemacht, in dem als erstem Staat der Welt die Todesstrafe abgeschafft wurde.

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