Geschichte Italiens"Freiheit und Volk!"
Seite 3/3:

Michelangelos "David" soll die Unabhängigkeit feiern

Obwohl die Medici jetzt als Tyrannen galten und man die Rückkehr zur alten Freiheit feierte, änderte sich – nach dem Zwischenspiel des »Gottesstaates« unter dem Einfluss des fundamentalistischen Dominikanermönchs Girolamo Savonarola – tatsächlich wenig. An die Stelle der Medici traten die Soderini und ihre Anhängerschaft. Piero Soderini ließ sich sogar in seinem Amt als Regierungschef, als Gonfaloniere di Giustizia, auf Lebenszeit bestätigen und durchbrach damit eine der Grundregeln der florentinischen Verfassung.

Dennoch oder gerade deshalb wurde die neue alte Republik mit Pomp gefeiert. Die Signoria vergab an den 26-jährigen Michelangelo den Auftrag, eine kolossale Statue des biblischen David zu schaffen. Und so steht seit 1504 vor dem Palazzo della Signoria die Allegorie des kleinen tapferen Florenz: ein über fünf Meter hoher Jüngling aus herrlichstem Carrara-Marmor, ein David, der mit der Schleuder über der Schulter, dem Kampf seines Lebens gelassen entgegensieht (heute eine Kopie; das Original befindet sich in der Galerie der Akademie).

Anzeige

Als Giovanni de’ Medici nach seiner Wahl zum Papst die Stadt besuchte, errichteten die Florentiner genau gegenüber, in der Loggia, die heute dei Lanzi heißt, die Statue eines Herkules, der seinerseits kampfbereit eine Waffe über der Schulter trug, eine Keule. Die Figur war freilich nur aus Gips und wurde ein Opfer der Zeiten.

Es war denn auch nicht die mutazione von 1512 an sich, welche die Republik für immer veränderte und – um in den Bildern der Zeit zu sprechen – den Herkules mit der Keule an die Stelle des David mit der Schleuder setzte, sondern es waren die politischen Ereignisse außerhalb von Florenz. Und vor allem: die Alliierten, zu denen die Medici sich geflüchtet hatten, um zurückkehren zu können.

Nach dem Tod seines Bruders Piero war Giovanni de’ Medici im römischen Exil zum treuen Gefolgsmann von Papst Julius II. geworden. Dieser Kunst- und Kriegsliebhaber, den Martin Luther als »Blutsäufer« titulierte, hatte noch als Kardinal gegen seinen Erzfeind, den Borgia-Papst Alexander VI., die Franzosen ins Land geholt und damit Geister gerufen, die weder er noch seine Nachfolger wieder loswurden. Als Papst (1503 bis 1513) betrieb er in abenteuerlich wechselnden Bündnissen mit Spanien, Frankreich, dem Kaiser und den italienischen Staaten eine skrupellose Machtpolitik im Interesse des Kirchenstaats und seiner eigenen Familie. Dadurch wurde das mühsam geschaffene Gleichgewicht zwischen Italiens Staaten zerstört – und die ganze Halbinsel schließlich zum Raub der Habsburger.

Giovanni marschierte mit. Im Auftrag der von Papst Julius 1511 gegen Frankreich geschmiedeten spanisch-venezianischen-eidgenössischen »Heiligen Liga zur Befreiung Italiens« fiel der Medici-Kardinal mit einem spanischen Heer in die Toskana ein. An der kaum zehn Kilometer von Florenz entfernten Stadt Prato führte er vor, was Florenz von dieser Art der »Befreiung« zu erwarten hatte: Die Soldateska der Spanier unter dem spanischen Vizekönig Ramón de Cardona verübte, nachdem sie am Sonntag, dem 29. August 1512, durch eine kleine Bresche in die Stadt eingedrungen war, ein Gemetzel, dem schätzungsweise 5.000 bis 6.000 Menschen zum Opfer fielen. Die Folterungen, Schändungen und anderen Gräuel und die Zerstörung der Wohnhäuser, öffentlichen Gebäude und Kirchen waren so unerhört, dass die Schreckensnachrichten sich wie ein Lauffeuer in ganz Italien verbreiteten und die Untat als Sacco di Prato in die Geschichte eingegangen ist.

Der fromme Giovanni bot zwar einigen Frauen und Kindern in einer Kirche Schutz, trat dem Massaker jedoch nicht ernsthaft entgegen und rechtfertigte es dem Papst gegenüber damit, dass es nur »den anderen« zum Exempel und zur Abschreckung diene. Deshalb sei er davon überzeugt, dass »die Dinge einen guten Ausgang nehmen werden«.

Die »anderen«, die gemeint waren, verstanden die Botschaft sofort. In Florenz brachen Tumulte aus, die amtierende Regierung wurde gestürzt und musste fluchtartig die Stadt verlassen. Gleichzeitig verständigten sich die Medici mit ihren Anhängern innerhalb der Stadt mittels eines seit Langem eingespielten geheimen Kuriersystems: Ein entfernter Verwandter der Medici, als Pilger verkleidet, traf sich im Wald vor den Toren mit einem Bauern, um ihm ein Bleiröhrchen mitzugeben. Darin steckte ein Brief ohne Adresse. Der Bauer schob sich das Röhrchen in seinen Allerwertesten, schmuggelte es in die Stadt und deponierte es in einer Mauernische der Kirche Santa Maria Novella, wo es die Vertrauten der Medici herausholten. Auf demselben Weg ging dann ein Brief zurück.

So war alles bestens vorbereitet für den großen Tag, an dem der allseits geliebte Bürger Giuliano de’ Medici, in seine Heimatstadt zurückkehren würde. Familienoberhaupt Kardinal Giovanni de’ Medici empfing bereits in einem kleinen Dorf auf halbem Weg nach Prato Abgesandte aller wichtigen Florentiner Sippen und verhandelte mit ihnen über ihre politische Zukunft.

Welche Zukunft zu erwarten war, erkannte ausgerechnet ein Anhänger und Protegé der Medici klarer als viele andere. Francesco Guicciardini, der später mit seiner Geschichte Italiens zu einem der ersten modernen Historiker werden sollte, schrieb gleich 1512: »Ich glaube, dass unsere Stadt, wenn Gott ihr nicht hilft, ihre Freiheit in wenigen Jahren verlieren wird. [...] Wenn man bedenkt, mit wie viel Mühe man zu der Zeit, als noch keine fremden Fürsten im Land waren, die Freiheit der Republik verteidigte, wie viel schwieriger wird es dann jetzt erst sein, wo so große Raubvögel in unseren Eingeweiden wühlen. Deshalb sehe ich unsere Sache in großer Gefahr, denn wir haben nicht genügend Kräfte, um uns zu verteidigen, weil wir unbewaffnet sind und im Vergleich zu früher durch den Niedergang des Handels weniger Geld haben, mit dem wir uns so oft haben retten können.«

Die Republik existierte dem Namen nach noch zwei Jahrzehnte, bevor die Medici von Habsburgs Gnaden zu Herzögen erhöht wurden und der schöne Schein der Freiheit, auf die Florenz zweihundert Jahre lang so unendlich stolz gewesen war, endgültig verschwand. Geblieben ist allein Michelangelos wunderbarer David.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Assassin's Creed 2 kenn ich die Geschichte XD
    Da soll noch einer sagen das Videospiele nicht bilden ^^

    2 Leserempfehlungen
    • joG
    • 19. August 2012 12:50 Uhr

    ...Gleichheitsanspruchs waren die italienischen Republiken keine im modernen Sinn demokratischen Staaten. "

    Ein wenig hört sich das an angesichts der letzten Entwicklungen hier bei uns und in Euroland, Schengen und der EU wie Hybris. Es ist zwar viel besser als zur Zeit der Florentiner Republik. Aber den Ansprüchen an freiheitliche und demokratische Bedingungen "im modernen Sinn", sind wir doch erheblich entfernt. Die Parlamente sind Zyklus um Wahlzyklus in Hand der der öffentlichen Hand nahen Gruppen, die Führer der Mehrheit der Legislativen sind personenidentisch mit der Exekutiven. Die Judikative entstammt der sozioökonomischen Gruppe der öffentlichen Hand, während Ausbildung, Höhere Bildung, Staatsanwaltschaft, Polizei und nur sehr wichtig geworden das Militär ebenfalls dieser Interessengemeinschaft angehören.

    Wie sehr das sich vom "Freiheits- und Gleichheitsanspruchs waren die italienischen Republiken keine im modernen Sinn demokratischen Staaten" entfernt ist, kann man an so vielen negativen Folgen dieses Systems nunmehr in allen Aspekten der Politik erkennen. Und die ungebremste Arroganz aus ihrer Unantastbarkeit, mit der die öffentliche Klasse ihre eigenen Interessen durchsetzt sieht man alleine schon am Unterschied in ihrer Gesundheitsvorsorge oder ihren Pensionen im Vergleich zu den Normalos.

    Also bitte, Frau Autorin, machen Sie sich nicht lustig über die Bevölkerung.*)

    *) Wobei ich vermute, dass Sie es gar nicht bemerkten.

    3 Leserempfehlungen
  2. Wenn ich die details des sehr lesenswerten Artikels mal genauser brachte, so fällt mir folgendes auf: Beim Herrschaftssystem von Florenz handelt es sich um eine Oligarchie von mächtigen Kaufmanns/Handwerker-Ständen, die schon mal zu machtsüchtige aus der Stadt jagen.

    Wo ist jetzt der große fundamentale Unterschied zu den freien (und) Reichsstädten, wie z.B. Köln? Die Stadt Köln hatte z.B. seit dem 1400 Jahrhundert einen Stadtrat, der sich an den Gaffeln (grob Handwerkerverbünden) orientierte. Beide Städte waren um 1400 auch Teil des Heiliges Römisches Reichs.

    Wo ist eigentlich das besondere? Mal jenseits von Michelangelos David?

    3 Leserempfehlungen
    • Tiroler
    • 21. August 2012 17:05 Uhr

    Der vitale Papst Julius II. (Giuliano della Rovere), Vater dreier Töchter, hat zwar mit seinen Kriegen das militärische Gleichgewicht auf der italischen Halbinsel durcheinandergebracht, dass aber deswegen die ganze Halbinsel "schließlich zum Raub der Habsburger" wurde, ist falsch und würde die Bedeutung dieses Papstes überschätzen. Die Toskana ist ja erst 200 Jähre später, nach dem Aussterben der von Kaiser Karl V. zu Großherzögen beförderten Medici 1737 durch Erbschaft und nicht durch Raub an Kaiser Stephan von Lothringen gefallen. Dessen Sohn Peter Leopold hat als Großherzog Pietro Leopoldo die Toskana zu einem aufgeklärten Musterstaat gemacht, in dem als erstem Staat der Welt die Todesstrafe abgeschafft wurde.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Italien | Florenz | Geschichte | Renaissance
Service