Geschichte Italiens"Freiheit und Volk!"

Im Sommer 1512 kehrten die Medici aus dem Exil zurück nach Florenz. Es war der Anfang vom Ende einer Republik, die bis heute ein europäischer Mythos geblieben ist. von Friederike Hausmann

Michelangelos berühmter Marmor-David, ausgestellt in Florenz

Michelangelos berühmter Marmor-David, ausgestellt in Florenz  |  © Vincenzo Pinto/AFP/Getty Images

Ganz Florenz ist auf den Beinen. Männer der großen Familien reiten durch die Straßen, dichte Trauben ihrer Freunde und Anhänger ziehen ihnen nach. Einige der Reiter werden geradezu ehrfurchtsvoll begrüßt, die Menge ruft wieder und wieder ihren Namen, versucht sie zu berühren, ihre Hände zu küssen und sie zu umarmen. Bernardo Dovizi da Bibbiena berichtet an seinen Bruder in Venedig, er sei von allen erkannt worden, obwohl er selbst nur wenige gekannt habe, und schreibt gerührt: »Es war schön!«

Diesen 1. September 1512 hat Bernardo seit Langem ersehnt, und auf diesen Tag hat er seit 18 Jahren hingearbeitet, 18 lange Jahre, in denen er seine Heimatstadt nicht betreten durfte. Die Huldigung der Menge, die er nun so genießt, gilt freilich nicht ihm, sondern der Familie, mit der er sein Schicksal in all diesen Jahren auf Gedeih und Verderb verbunden hat: den Medici. Deshalb ist auch Bernardo auf dem Weg in die Via Larga, wo der Palazzo Medici mit seinen riesigen, grob behauenen Steinquadern als Trutzburg aus den niedrigen Häusern herausragt. Dort ist das Gedränge so groß, dass selbst auf den Fensterbrüstungen Menschen sitzen, die begeistert »Palle, palle!« rufen. Die Losung meint die Kugeln im Wappen der Familie, zugleich ist palle ein Argot-Wort für Hoden, weshalb der Jubel der Medici-Anhänger fast wie ein Schlachtruf klingt.

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Doch der, den alle suchen, lässt sich nicht blicken. Auch für Giuliano de’ Medici, den jüngsten Sohn von Lorenzo dem Prächtigen, haben sich nach 18 Jahren des Exils die Stadttore endlich wieder geöffnet, aber er begibt sich zunächst demonstrativ in den Palast des Antonfrancesco degli Albizi, der ihn im benachbarten Prato abgeholt und auf seinem Weg nach Florenz begleitet hat. Mit dieser Geste zeigt Giuliano nicht nur allen, dass Antonfrancesco zum engsten Kreis seiner Anhänger gehört, sondern er gibt sich dadurch auch ganz bescheiden. Als sei er nicht der neue Herr der Stadt, der jetzt an denjenigen Rache üben will, die ihn einst zu Unrecht vertrieben haben, sondern nur ein Bürger, der in den Kreis seiner Mitbürger zurückgekehrt ist. Im Haus seines Freundes rasiert er sich den Bart ab, der in der Stadt als Signum des Adels verpönt ist, und legt die schmucklose rote Tunika der Florentiner an, dann erst lässt er sich von der Menge feiern und im Triumph in die Via Larga führen.

Friederike Hausmann

Die Autorin ist Historikerin und lebt in München.

Das eigentliche Familienoberhaupt, Giulianos älterer Bruder, Kardinal Giovanni de’ Medici, hält sich zu dieser Stunde noch außerhalb von Florenz auf. Als schließlich auch er wieder durch seine Heimatstadt reitet, sieht es so aus, als hätte er einfach die Zeit um zwei Jahrzehnte zurückgedreht.

Die Florentiner nehmen die Geste an. Sie betrachten alles lediglich als eine mutazione, eine Veränderung, wie es schon so viele gegeben hat und noch einige geben wird. Der politische Philosoph Niccolò Machiavelli, der als Beamter der gestürzten Regierung bald selbst ins Exil gehen muss, beschreibt die Lage im September in einem Brief an eine adelige Dame bewusst harmlos: »Unsere Stadt ist seitdem denkbar ruhig und hofft nun, mit Hilfe der erlauchten Medici nicht weniger ruhmvoll leben zu können als in der Vergangenheit unter dem väterlichen Regiment Lorenzos des Prächtigen.«

»Nirgends kann man ein solches Maß an gleichen Rechten finden«

Die Medici, deren Name noch wenige Wochen zuvor nicht einmal in den Mund genommen werden durfte, galt er doch als Synonym für Tyrannenherrschaft, sind plötzlich wieder angesehene Bürger der Republik, einer Republik allerdings, die dem Ende entgegengeht.

Spätestens als Kardinal Giovanni de’ Medici 1513 in Rom den Stuhl Petri besteigt, kennt die Begeisterung – und die Vergesslichkeit – der Florentiner keine Grenzen mehr. Beim Besuch seiner Heimatstadt wird Leo X., wie er jetzt heißt, von Triumphbögen empfangen und in allerlei szenischen Darbietungen mit antiken Imperatoren und Halbgöttern gleichgesetzt. Die Stadt, die sich ohnehin als Tochter Roms, wenn nicht gar als zweites Rom versteht, sieht im Bündnis mit dem Kirchenstaat eine glänzende Zukunft vor sich. Von den republikanischen Werten und Idealen indes, die das Leben der Stadt 18 Jahre lang bewegt und geprägt haben, spricht niemand mehr.

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