Börsengebäude in der New Yorker Wall Street © Stan Honda/AFP/Getty Images

Der legendäre Mafia-Mann Lucky Luciano, der sich in Neapel einen seiner lukrativsten Standorte aufgebaut hatte, sagte einmal: »Verbrechen lohnt sich, vor allem wenn man es richtig organisiert.« Ein Teil der Camorra, der Casalesi-Clan, hat diesen Lehrsatz offenbar besonders verinnerlicht. Das Finanzministerium der Vereinigten Staaten jedenfalls hat sich jetzt zu einem besonders drastischen Schritt entschlossen:

Es will den Clan aus den USA verbannen. Alarmiert vom Eindringen der »Neapolitan Mafia«, wie die Camorra in Amerika genannt wird, hat die US-Regierung nicht nur Sanktionen gegen fünf Bosse des Clans verhängt, sondern jedwede Art von Geschäften mit ihnen untersagt. Ihre Vermögenswerte dürfen nicht mehr in die Vereinigten Staaten eingeführt, ihr Geld darf von keinem Kreditinstitut verwaltet werden; wer dennoch Finanzgeschäfte mit ihnen tätigt, soll hart bestraft werden.

Das ehrgeizige Ziel von Finanzminister Timothy Geithner ist es, »die Camorra aus den Finanzmärkten zu drängen und das amerikanische Finanzsystem vor Geldwäscherei zu schützen«.

Geithners Wortwahl lässt am Ernst der Lage keinen Zweifel. Neu ist das nicht: Genau vor einem Jahr hatte Obamas Regierung der Camorra den Krieg erklärt. Zusammen mit den japanischen Yakuza, den mexikanischen Los Zetas und der russischen Mafia bezeichnete sie sie als »eine der vier gefährlichsten kriminellen Organisationen für die Interessen der Vereinigten Staaten«.

Doch wie haben es die kleinen Bosse aus der kampanischen Provinz geschafft, zum Schrecken der Wall Street zu werden? Zu verdanken haben sie das der Wirtschaftskrise.

Durch ihre Unmengen an flüssigem Kapital war es den Casalesi-Bossen ein Leichtes, geeignete Geldwäschepartner für ihre riesigen Erlöse aus dem Drogenhandel zu finden, und das vor allem in Branchen, mit denen sie auch in Italien bestens vertraut sind: Zement, Abfall, Gaststättengewerbe, Bauwesen. Dass Geld nicht stinkt, gilt insbesondere für Banken: Laut Schätzungen der amerikanischen Antidrogenbehörde Drug Enforcement Administration werden von europäischen und amerikanischen Geldinstituten jährlich zwischen 500 und 1000 Milliarden Dollar Schwarzgeld gewaschen. 5500 Milliarden Dollar aus Erpressung, Drogenhandel, Menschenhandel und anderen kriminellen Machenschaften sind demnach seit den neunziger Jahren in die Vereinigten Staaten geflossen. In den vergangenen Jahren wurden Großbanken wie Citibank, HSBC und Wachovia illegaler Geschäfte mit kriminellen Organisationen beschuldigt.

In diesem riesigen Geldkarussell ist die Camorra ein Hauptakteur. Ihre wachsende Vormacht in Amerika ist auch dem Verfall der alten italoamerikanischen Mafia sizilianischen Ursprungs zu verdanken, die durch den Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act, das härteste Gesetz gegen das Organisierte Verbrechen, einen empfindlichen Schlag erlitten hat. Und während das traditionelle Mafiosi-Wesen mehr und mehr seinen Schrecken verlor und zu einer Art Kulturphänomen wurde, das sich in Fernsehserien mit knackigen Mädchen und durchtrainierten, goldkettenbehängten Jungs spiegelt, spann die Camorra neue Fäden.

Und knüpfte immer gefährlichere Bande. Das Vorgehen der US-Ermittlungsbehörden ist längst nicht mehr nur finanziell motiviert. Vergangenen Juni bekannte der Camorra-Aussteiger Biagio Di Lanno, einstiges Mitglied des einflussreichen Polverino-Clans, der tonnenweise Hasch verschiebt, der Clan habe bereits im Vorfeld von dem Terroranschlag des 11. März 2004 im Madrider Atocha-Bahnhof gewusst. Zwischen der Camorra und den durch sie mittels Drogengeschäften finanzierten Terrorgruppen habe absolutes Vertrauen geherrscht. Und nicht nur das: Laut Di Lanno sei die Camorra dank ihrer Kontakte auch über die Anschläge vom 11. September 2001 im Bilde gewesen. Einige der Bosse hätten sogar damit geprahlt, Al-Kaida-Terroristen beherbergt zu haben.

Auch deshalb verfolgen die Amerikaner die Camorra jetzt mit nie da gewesener Härte. Bei uns in Italien schließt man lieber die Augen: Bis vor Kurzem wurde sogar noch bestritten, dass der Clan bis in die Lombardei vorgedrungen sei.

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull