Italienische MafiaStaatsfeinde an der Wall Street

Die US-Regierung sagt der Camorra den Kampf an. Die neapolitanische Mafia profitiert nicht nur von der Finanzkrise – sie soll auch Terroristen unterstützen. von Roberto Saviano

Börsengebäude in der New Yorker Wall Street

Börsengebäude in der New Yorker Wall Street  |  © Stan Honda/AFP/Getty Images

Der legendäre Mafia-Mann Lucky Luciano, der sich in Neapel einen seiner lukrativsten Standorte aufgebaut hatte, sagte einmal: »Verbrechen lohnt sich, vor allem wenn man es richtig organisiert.« Ein Teil der Camorra, der Casalesi-Clan, hat diesen Lehrsatz offenbar besonders verinnerlicht. Das Finanzministerium der Vereinigten Staaten jedenfalls hat sich jetzt zu einem besonders drastischen Schritt entschlossen:

Es will den Clan aus den USA verbannen. Alarmiert vom Eindringen der »Neapolitan Mafia«, wie die Camorra in Amerika genannt wird, hat die US-Regierung nicht nur Sanktionen gegen fünf Bosse des Clans verhängt, sondern jedwede Art von Geschäften mit ihnen untersagt. Ihre Vermögenswerte dürfen nicht mehr in die Vereinigten Staaten eingeführt, ihr Geld darf von keinem Kreditinstitut verwaltet werden; wer dennoch Finanzgeschäfte mit ihnen tätigt, soll hart bestraft werden.

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Das ehrgeizige Ziel von Finanzminister Timothy Geithner ist es, »die Camorra aus den Finanzmärkten zu drängen und das amerikanische Finanzsystem vor Geldwäscherei zu schützen«.

Geithners Wortwahl lässt am Ernst der Lage keinen Zweifel. Neu ist das nicht: Genau vor einem Jahr hatte Obamas Regierung der Camorra den Krieg erklärt. Zusammen mit den japanischen Yakuza, den mexikanischen Los Zetas und der russischen Mafia bezeichnete sie sie als »eine der vier gefährlichsten kriminellen Organisationen für die Interessen der Vereinigten Staaten«.

Doch wie haben es die kleinen Bosse aus der kampanischen Provinz geschafft, zum Schrecken der Wall Street zu werden? Zu verdanken haben sie das der Wirtschaftskrise.

Roberto Saviano
Roberto Saviano

geboren 1979, ist ein italienischer Autor und Journalist. In Gomorrha (2006) schrieb er über das organisierte Verbrechen und wird seitdem von der Mafia bedroht.

Durch ihre Unmengen an flüssigem Kapital war es den Casalesi-Bossen ein Leichtes, geeignete Geldwäschepartner für ihre riesigen Erlöse aus dem Drogenhandel zu finden, und das vor allem in Branchen, mit denen sie auch in Italien bestens vertraut sind: Zement, Abfall, Gaststättengewerbe, Bauwesen. Dass Geld nicht stinkt, gilt insbesondere für Banken: Laut Schätzungen der amerikanischen Antidrogenbehörde Drug Enforcement Administration werden von europäischen und amerikanischen Geldinstituten jährlich zwischen 500 und 1000 Milliarden Dollar Schwarzgeld gewaschen. 5500 Milliarden Dollar aus Erpressung, Drogenhandel, Menschenhandel und anderen kriminellen Machenschaften sind demnach seit den neunziger Jahren in die Vereinigten Staaten geflossen. In den vergangenen Jahren wurden Großbanken wie Citibank, HSBC und Wachovia illegaler Geschäfte mit kriminellen Organisationen beschuldigt.

In diesem riesigen Geldkarussell ist die Camorra ein Hauptakteur. Ihre wachsende Vormacht in Amerika ist auch dem Verfall der alten italoamerikanischen Mafia sizilianischen Ursprungs zu verdanken, die durch den Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act, das härteste Gesetz gegen das Organisierte Verbrechen, einen empfindlichen Schlag erlitten hat. Und während das traditionelle Mafiosi-Wesen mehr und mehr seinen Schrecken verlor und zu einer Art Kulturphänomen wurde, das sich in Fernsehserien mit knackigen Mädchen und durchtrainierten, goldkettenbehängten Jungs spiegelt, spann die Camorra neue Fäden.

Und knüpfte immer gefährlichere Bande. Das Vorgehen der US-Ermittlungsbehörden ist längst nicht mehr nur finanziell motiviert. Vergangenen Juni bekannte der Camorra-Aussteiger Biagio Di Lanno, einstiges Mitglied des einflussreichen Polverino-Clans, der tonnenweise Hasch verschiebt, der Clan habe bereits im Vorfeld von dem Terroranschlag des 11. März 2004 im Madrider Atocha-Bahnhof gewusst. Zwischen der Camorra und den durch sie mittels Drogengeschäften finanzierten Terrorgruppen habe absolutes Vertrauen geherrscht. Und nicht nur das: Laut Di Lanno sei die Camorra dank ihrer Kontakte auch über die Anschläge vom 11. September 2001 im Bilde gewesen. Einige der Bosse hätten sogar damit geprahlt, Al-Kaida-Terroristen beherbergt zu haben.

Auch deshalb verfolgen die Amerikaner die Camorra jetzt mit nie da gewesener Härte. Bei uns in Italien schließt man lieber die Augen: Bis vor Kurzem wurde sogar noch bestritten, dass der Clan bis in die Lombardei vorgedrungen sei.

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

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Leserkommentare
    • KoQ
    • 18. August 2012 21:55 Uhr

    Sind nicht alle die an diesem makaberen Zahlengeschiebe mitmachen und damit Das Leben von Millionen vernichten Verbrecher?

    Ich sehe keinen Unterschied zwischen Camorra und Banken, Hedgefonds und irgendwelche "Investoren" - Beide führen Illegale Geldgeschäfte durch, beide zerstören Millionen Leben.

    Ich sehe nur die Unterschiedlichen Methoden des Tötens bei Ihnen: Der eine durch Lebensmittelspekulationen und Wetten gegen ganze Staaten, der andere durch die Kugel.

    Wenn es nach mir ginge..... Aber das ist nicht jugendfrei hier ;D.

    20 Leserempfehlungen
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    Ich finde in diesem Zusammenhang kann man doch einfach die Artikelüberschrift für sich sprechen lassen:

    "Staatsfeinde an der Wall Street"

    Mehr muss man dazu auch nicht sagen...

  1. warum sollten die allgegenwärtigen Terrorgruppen das Risiko eingehen, der Camorra überhaup irgendetwas von ihren Aktionen zu berichten? Die Camorra besteht aus Männern anderer Nationalität/Ethnie und völlig anderen Milieus, wieso sollten die sich in irgendeiner Weise mit der Al Kaida verbunden fühlen?Das erscheint mir unlogisch.

    Wahrscheinlicher wird der Mafia nun noch eine Verbindung mit Terroristen angedichtet, um das härtere Vorgehen plausibel zu machen. Als ob sie nicht eh schon schlimm und brutal genug wäre.
    Wünsche mir mehr Artikel von Saviano. :)

    2 Leserempfehlungen
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    • Obscuro
    • 18. August 2012 23:22 Uhr

    Wenn jemand einen gefälschten Pass will an wen wendet er sich da?
    Wenn jemand illegal in ein Land einreisen will und sicher gehen möchte nicht erwischt zu werden, an wen wendet er sich da.
    Wer betreibt in Afghanistan die Mohn Plantagen? Das sind sicher keine Italiener. Nein die Kaufen die Wahre und verschieben sie weiter!
    Die Mafia wäscht seid Jahrzehnten Geld wieso sollten sie nicht für ein paar Prozente dieses Netzwerk mit einem Terror Netzwerk teilen?

    Was ich damit sagen will ist das beide vernetzt sind und sich ganz einfach vertrauen müssen.Sonst Funktioniert die Geschäftsbeziehung nicht.
    Das bedeutet das sie zwangsläufig zusammen arbeiten.

    Ansonsten Schließe ich mich dem ersten Kommentar an. Die Banken unterscheiden sich nicht von der Mafia. Wenn das Geld stimmt vernichten sie ganze Länder und lassen Millionen verhungern.

    • wolla
    • 18. August 2012 23:20 Uhr

    Schon die Bezeichnung Terrorist ist absurd, weil in der hier aufgeführten Meinung unterstützen dies nur die USA, EU, Israel, Kolumbien und Peru. Das sind nur 17% der Nationen, die Terrorismus so verstehen, wie die USA es tut.
    In Kolumbien mussten notgedrungen auch die Paramilitärs auf diese ominöse Terrorliste, nachdem auf Drängen der USA die Guerillabewegung auch als Terroristen bezeichnet wurden.
    Mit Geldern aus Europa wurden dann die Terroristen (Paramilitärs) sauber gewaschen und dürfen sich jetzt anders nennen, aber weiter ihre Massaker begehen.
    Die Politiker sollten die Bezeichnung Terrorismus erst einmal definieren, bevor sie sie gebrauchen und dann werden sie sehen, dass sie seit Jahrzehnten mit ihnen gemeinsame Sache machen.
    Und die Presse sollte einmal genauer hinterfragen und nicht jeden Quatsch einfach verbreiten.

    5 Leserempfehlungen
    • Obscuro
    • 18. August 2012 23:22 Uhr

    Wenn jemand einen gefälschten Pass will an wen wendet er sich da?
    Wenn jemand illegal in ein Land einreisen will und sicher gehen möchte nicht erwischt zu werden, an wen wendet er sich da.
    Wer betreibt in Afghanistan die Mohn Plantagen? Das sind sicher keine Italiener. Nein die Kaufen die Wahre und verschieben sie weiter!
    Die Mafia wäscht seid Jahrzehnten Geld wieso sollten sie nicht für ein paar Prozente dieses Netzwerk mit einem Terror Netzwerk teilen?

    Was ich damit sagen will ist das beide vernetzt sind und sich ganz einfach vertrauen müssen.Sonst Funktioniert die Geschäftsbeziehung nicht.
    Das bedeutet das sie zwangsläufig zusammen arbeiten.

    Ansonsten Schließe ich mich dem ersten Kommentar an. Die Banken unterscheiden sich nicht von der Mafia. Wenn das Geld stimmt vernichten sie ganze Länder und lassen Millionen verhungern.

    11 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Interessant, aber"
  2. eine Krähe *hackt* der anderen ein Auge aus...

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  3. wurde von den USA bei der Landung 1945 in Italien wiedereingesetzt, das wird seine Gründe gehabt haben. Den Teufel den man rief, wird man nicht mehr los,,,,, siehe Spielcasinomafia in USA, etc.

    5 Leserempfehlungen
  4. Nur sie sind im Laufe der Jahre hoffähig geworden. Treten als Manager oder Finanzfachmann auf und haben sehr gute Umgangsformen. So oder so ähnlich kann man bei den Eliten Eindruck gewinnen. Daß die USA jetzt aktiv werden hat damit zu tun, dass die Clans in deren Geschäfte gedrängt sind. Waffen und Drogen. Wer mit Drogen handelt ist ein potentieller Mörder und muss auch als solches angesehen werden. Wenn alle führenden Industrienationen unter gleicher Flagge agieren - ist das Problem sehr schnell gelöst.
    Wie NYs ehem. OB Guillano die Stadt gereinigt hat so sollte es auf nationaler und internationaler Ebene möglich sein diesen Herren das handwerk zu legen.

  5. wenn in einem ihrer Mitglieder solche Zustände herrschen und man sich nicht drum kümmert, weil die Regulierung der Salatgurke wichtiger ist?

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