An die Eingangstür des Hauses in Montagnola, in dem Hermann Hesse mit seiner dritten Ehefrau Ninon lebte, war ein Zettel geheftet mit der Abschrift einiger Zeilen von Meng Hsiä, aus dem Altchinesischen übertragen, die besagen, man solle einen alten Mann, der das Seine getan habe, nicht behelligen, sondern ihm Stille gewähren und an der Pforte seiner Behausung vorübergehen, als sei sie "Niemandes Wohnung". Am Ende seines "kurzgefassten Lebenslaufes" beschreibt Hesse, wie er sich klein macht und in ein von ihm selbst gemaltes Bild entschwindet. Genauer gesagt, in eine kleine Eisenbahn steigt, die in einen Tunnel fährt. Und nur für kurze Zeit ist der Rauch der Lokomotive auf dem Bild noch zu sehen, ehe er sich verflüchtigt. Eigentlich wollte Hermann Hesse gar nicht gefunden werden. Doch trotz seiner Fantasie, die weite Entfernungen zurücklegte, war er alles andere als ein Flüchtling. Höchstens im Sinne eines Songs von Leonard Cohen , in dem es heißt: Jeder wird zur Liebe kommen – aber als ein Flüchtling.

Was wir wissen: Hermann Hesse wurde 1877 in Calw geboren, einer kleinen Stadt im nördlichen Schwarzwald. Sein Vater Johannes war Sohn eines Arztes aus dem Baltikum, seine Mutter Marie wurde als Missionarstochter in Indien geboren. Es gab viele Kinder in Hesses Familie. Die Eltern waren beide Missionare, und ihre Gedanken waren vom Pietismus geprägt. Über dieses Elternhaus sollte Hesse später schreiben:

...es kreuzten darin viele Welten ihre Strahlen. Hier wurde gebetet und in der Bibel gelesen, hier wurde studiert und indische Philologie betrieben, hier wurde viel gute Musik gemacht, hier wusste man von Buddha und Lao Tse, Gäste kamen aus fernen Ländern, ein Hauch von Fremde und Ausland an den Kleidern... Arme wurden hier gespeist und Feste gefeiert, Wissenschaft und Märchen wohnten nah beisammen.

Doch der Ausblick in die Welt, den man dem Jungen zu gewähren gewillt war, erwies sich als eng bemessen. Als Hesse fünf Jahre alt ist, notiert die Mutter in ihr Tagebuch: "Hermännle hatte morgens die Schule geschwänzt, worauf ich ihn ins Gastzimmer einsperrte. Er sagte nachher: ›Das hilft Euch nicht viel, wenn Ihr mich dahin thut, ich kann da zum Fenster hinaussehn und mich unterhalten‹". Ein tapferer Satz, typisch für Hesse. Als ebenso tapfer empfinde ich den Satz, den er als Kind sagt, nachdem er abends, im Bett liegend, eine eigene kleine Dichtung gesungen hat: "Gelt, ich singe so schön wie die Sirenen und bin auch so bös wie sie."

Da die Eltern nicht recht wissen, wie mit diesem aufgeweckten und herausfordernden Jungen umzugehen ist, schicken sie ihn auf ein evangelisches Internat. Über Calw, seinen Heimatort, der für ihn zu diesem Zeitpunkt bereits mehr oder minder verloren war, schrieb er im Rückblick:

...wenn ich jetzt wieder eine Viertelstunde auf der Brückenbrüstung sitze, über die ich als Knabe tausendmal meine Angelschnur hinabhängen hatte, dann fühle ich tief und mit einer wunderlichen Ergriffenheit, wie schön und merkwürdig dies Erlebnis für mich war: einmal eine Heimat gehabt zu haben! Einmal an einem kleinen Ort der Erde alle Häuser und ihre Fenster und alle Leute dahinter gekannt zu haben! Einmal an einem bestimmten Ort dieser Erde gebunden gewesen zu sein, wie der Baum mit Wurzeln und Leben an seinen Ort gebunden ist...

Unsere Herzschläge gehören nicht nur unserem Körper. Wir betten sie in die Weite der Tage, und sie sind stets leise gerade an den Orten zu vernehmen, die wir zurücklassen müssen. Schreiben hat häufig mit den Orten zu schaffen, die man zurücklässt. Und mit dem Horchen nach dem eigenen Herzschlag.

Mit zwölf Jahren liest Hesse das Gedicht Die Nacht von Hölderlin, das ihn bezaubert. Mit sechzehn beschließt er, entweder Dichter zu werden oder gar nichts. Der Institution Schule, der "feigen Übermacht der Lehrer" gegenüber – wie er es später nennen sollte – ist er feindlich gesinnt. Theologe soll er werden, doch aus dem Kloster Maulbronn, an dem er Schüler ist und das als Mariabronn in seinem Roman Narziß und Goldmund auflebt und das wahrscheinlich auch das Urbild für das Kastalien im Glasperlenspiel ist – aus diesem Kloster läuft er eines Morgens fort und bleibt den restlichen Tag und die Nacht über verschwunden, ehe ein Landjäger den erschöpften Ausreißer wieder zurückbringt. Es folgt eine Zeitspanne großer innerer Bangigkeit und Zerrissenheit, die schließlich zu Nervenkrisen führt. Es beginnt der Kampf des angehenden Dichters gegen die religiösen Traditionen der Familie und gegen alle Autoritäten.