Hermann HesseSiddhartha im Schwarzwald

In Calw warnte man einst die Kinder, sie könnten enden wie Hermann Hesse. Der Dichter revanchierte sich mit einer Liebeserklärung an seine Heimatstadt. Fünfzig Jahre nach seinem Tod wird er gefeiert – weil man ihn braucht. von Andreas Maier

Die Statue "Hermann Hesse 1877- 1962 zwischen Verweilen und Aufbruch" des Bildhauers Kurt Tassotti steht auf der Nikolausbrücke in Calw.

Die Statue "Hermann Hesse 1877- 1962 zwischen Verweilen und Aufbruch" des Bildhauers Kurt Tassotti steht auf der Nikolausbrücke in Calw.  |  © Jan-Philipp Strobel dpa/lsw

Im Zentrum von allem steht das Katzenklo. Diesen Sommer hatte es seinen großen Auftritt, als Udo Lindenberg kam. »Udo«, wie er in Calw vertraulich genannt wird, ist seit einiger Zeit geouteter Hermann-Hesse-Fan (sein Buch Mein Hermann Hesse ist im Suhrkamp Verlag erschienen). Manche sagen, Lindenberg sei einer, der seine Scham besiegt und sich im Alter zur literarischen Liebe seiner jungen Jahre bekannt habe. Das macht nicht jeder. Es ist nach wie vor ein gewisser Schamfaktor damit verbunden, wenn von Hesse die Rede ist.

Vor vier Wochen hat Udo wieder einmal auf dem Calwer Marktplatz gespielt. Jedes Jahr findet »Calw rockt« statt, seit der ersten großen Hermann-Hesse-Feier vor zehn Jahren. Letzten Sommer waren Suzi Quatro und Sweet da. Dieses Jahr auch Peter Maffay . Es ist die Versammlung der älteren Semester. »Hermann« sagt hier allerdings keiner. Da ist man nicht so vertraulich. Er heißt nach wie vor »der Hesse«.

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Hermann Hesse ist Weltruhm pur. Kein Deutscher wird im Ausland häufiger gelesen. Generationen sind mit Unterm Rad oder Steppenwolf aufgewachsen. Sein lebenslanges Motto »Werde, wer du bist« hat ihn für viele zum Ur-Heros der Selbsterfahrung gemacht, für andere zu einer nicht ganz ernst zu nehmenden Figur mit einem Hang zum Erbaulichen. In Calw wurde er geboren.

Die kleine Stadt liegt im Nordschwarzwald, eingepfercht in ein schluchtartiges Tal, durch das die Nagold fließt. Das Zentrum ist seit einigen Jahren vom Verkehr entlastet, er ergießt sich jetzt unwetterartig weiter draußen am Nagoldufer.

Auf den ersten Blick ist Calw ein schönes Städtchen. Fachwerk, malerische Winkel, ein paar Straßencafés. In vielen Schaufenstern hängen historische Ortsansichten. Fuhrwerke, Flößer auf der Nagold, Handwerker. So sah es hier also aus, als Hesse jung war und Calw weit davon entfernt, sich Hermann-Hesse-Stadt zu nennen. Als man noch eher davon redete, wie der junge Bursche an der Nagold herumlungerte und das Schlimmste tat, was man in der fleißigen Leder- und Tuche-Stadt tun konnte: gar nichts. Damals war er 16 und kurz zuvor aus dem Seminar in Maulbronn geflohen.

Wie konnte er nur? Ihm hatten doch alle Türen offen gestanden. Als einer der wenigen war er durchs württembergische Landexamen gekommen, das bedeutete: kostenlose Ausbildung zum Pfarrer mit anschließend garantierter Stelle bis ans Lebensende. Undenkbar, dass man so etwas ausschlug. Die Eltern steckten den widerspenstigen Schüler sogar in die Nervenheilanstalt. Von dort bat er seinen Vater in einem Brief »um 7 M [Mark] oder gleich um den Revolver«.

In etwa dreißig Erzählungen kommt Calw vor, unter dem Namen Gerbersau

Als er heimkehrte, betrachtete man sein Leben als verpfuscht. Eltern ermahnten ihre Kinder, folgsam zu sein, damit sie nicht endeten wie der Hesse. Noch als Nobelpreisträger galt er manchen Calwern hauptsächlich als einer, der die Jugend verdirbt.

Der Satz mit den sieben Mark und dem Revolver könnte heutzutage auch als Udo-Lindenberg-Textzeile durchgehen und wäre dann unter allgemeinem Applaus auf dem Marktplatz zu hören, wenn Calw mal wieder gerockt wird. Das Catering übernimmt wie üblich der ortsansässige Sportverein.

Erst nach einer Weile merkt man, dass mit dieser schönen Stadt etwas nicht stimmt. Die Läden, in deren Schaufenstern die alten Fotografien hängen, stehen allesamt leer. Selbst das gewaltige Rathaus auf dem Marktplatz beherbergt nichts mehr. Es ist in seiner Statik erheblich beschädigt, weil die Stadt die tonnenschwere Registratur ausgerechnet ins Obergeschoss geräumt hatte. Das alte Gebäude wurde inzwischen aufwendig entkernt, aber wozu, weiß keiner so recht. Vor zwei Wochen hat es der Schwarzwälder Bote, das Ortsblatt, als »Feldscheune« bezeichnet. Neben dem Artikel stand ein Foto des Inneren, das alle Bürger etwas geschockt hat. Udo Lindenberg rockt also vor vollem Marktplatz, aber mit leeren Häusern. Der Übergang zur Kulissenstadt ist in Calw fließend geworden.

Leserkommentare
    • Sagsco
    • 09. August 2012 8:59 Uhr

    ... ist ein Text, vom alt gewordenen Hesse selbst gesprochen, eines der wenigen Tondokumente von ihm...er beschreibt dort einen durch und durch berührenden Glücksmoment als Kind in Calw. Jeder der Hesse liebt, sollte sich das anhören. Hermann Hesse - eine der ganz großen Lieben meines Lebens - ich möchte Worte aus seiner Feder immer wieder einatmen. Da wird aus einer Frau im gesetzten Alter doch tatsächlich noch eine jugendliche Schwärmerin ...

    6 Leserempfehlungen
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    Glück - Hermann Hesse

    Solang du nach dem Glücke jagst,
    Bist du nicht reif zum glücklich sein.
    Und währe alles Liebste dein.

    Solange du nach Verlorenem klagst
    Und Ziele hast und rastlos bist,
    Weißt du noch nicht, was Friede ist.

    Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
    Nicht Ziele mehr, noch Begehren kennst,
    Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,

    Dann reicht dir des Geschehens Flut
    Nicht mehr ans Herz - und deine Seele ruht.

  1. Glück - Hermann Hesse

    Solang du nach dem Glücke jagst,
    Bist du nicht reif zum glücklich sein.
    Und währe alles Liebste dein.

    Solange du nach Verlorenem klagst
    Und Ziele hast und rastlos bist,
    Weißt du noch nicht, was Friede ist.

    Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
    Nicht Ziele mehr, noch Begehren kennst,
    Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,

    Dann reicht dir des Geschehens Flut
    Nicht mehr ans Herz - und deine Seele ruht.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Über das Glück ..."
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    • Layer 8
    • 09. August 2012 10:58 Uhr

    "Ja; renn nur nach dem Glück
    doch renne nicht zu sehr!
    Denn alle rennen nach dem Glück
    Das Glück rennt hinterher.
    Denn für dieses Leben
    ist der Mensch nicht anspruchslos genug
    drum ist all sein Streben
    nur ein Selbstbetrug."

    Ich glaube Brecht war im Grunde seines Herzens auch Buddhist

    • Layer 8
    • 09. August 2012 10:08 Uhr
    3. Glück

    Hesse hat das einzig Richtige gemacht! Schwäbische Provinzialität mit der großen Welt getauscht. Calw kenne ich nur als miefigen protestantisch-pietistischen-spießigen Ort im Schwarzwald. Hübsch anzuschauen und dann gleich weiterfahren...

    Ich war mal oft und lange mit Rucksack in Indien und Südostasien unterwegs und hatte da immer Goethes Faust (Reclam) dabei, sowie Hesses Siddharta. So konnte ich diese Länder mental einigermaßen bewältigen, es war wunderbar. Ich möchte diese Zeiten niemals missen!

    Das sag ich jetzt als in Berlin lebender Provinzbadener

    4 Leserempfehlungen
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    Indien braucht man aber nicht zum Siddharta werden ;)

    • Kometa
    • 09. August 2012 10:38 Uhr

    Calw als Kulissenstadt für ... Udo und ansonsten für - im Dradio hörte heut ich's, als n verdienten Sprachrutscher von Denis Scheck gsprochn? - für "Piet-Congs".

    "'Es geht vorwärts!' rief ein Specht, der am Stamme ... lümmelte, pardon: "hämmerte, und sah den wachsenden Wald und den herrlichen, grünenden Fortschritt auf Erden zufrieden an."
    [Schlusssastz der Erzählung "Die Stadt" (1910]
    Vgl.:
    http://www.dradio.de/aktu...

    Aus den vormaligen Wäldern der USA hören wir dreimal pro Generation, immer wieder als Entdeckung bejubelt, die großen Literatenrufe auf "Walden", das einzige Buch von Henry David Thoreau.

    Schon gut.
    Von Hesse kann man wohl - mindestens als Bestware - 30 Gedichte, fünf Romane, zwanzig Erzählungen, dreißig Aufsätze (oder Aufsätzchen) und hunderte Briefe lesen (und zu leben versuchen), die ihn - H.H. ohne Calw (was ersetzbar ist) - erklären als Antinationalisten, Pazifisten ... und der eigene Psychologe zu sein (was beim Lesen "rüberkommt").
    Das macht für jeden Jung-Leser ... Mut gegenüber dem Zäh-Alten!

    Und "Alte" können es ihm verzeihen, wenn sie von Zeile zu Zeile mal hüpfen.

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    Ich habe nicht ganz verstanden, was Sie mit dem Seitenhieb auf Henry David Thoreau eigentlich wollen, aber er hat auf jeden Fall deutlich mehr als EIN Buch geschrieben:

    http://en.wikipedia.org/w...

    Aulus Persius Flaccus (1840)[84]
    The Service (1840)[85]
    A Walk to Wachusett (1842)[86]
    Paradise (to be) Regained (1843)[87]
    The Landlord (1843)[88]
    Sir Walter Raleigh (1844)
    Herald of Freedom (1844)[89]
    Wendell Phillips Before the Concord Lyceum (1845)[90]
    Reform and the Reformers (1846–48)
    Thomas Carlyle and His Works (1847)[91]
    A Week on the Concord and Merrimack Rivers (1849)[92]
    Resistance to Civil Government, or Civil Disobedience (1849)[93]
    An Excursion to Canada (1853)[94]
    Slavery in Massachusetts (1854)[95]
    Walden (1854)[96]
    A Plea for Captain John Brown (1859)[97]
    Remarks After the Hanging of John Brown (1859)[98]
    The Last Days of John Brown (1860)[99]
    Walking (1861)[100]
    Autumnal Tints (1862)[101]
    Wild Apples: The History of the Apple Tree (1862)[102]
    Excursions (1863)[103]
    Life Without Principle (1863)[104]
    Night and Moonlight (1863)[105]
    The Highland Light (1864)
    The Maine Woods (1864)[106][107]
    Cape Cod (1865)[108]
    Letters to Various Persons (1865)[109]
    A Yankee in Canada, with Anti-Slavery and Reform Papers (1866)[110]
    Early Spring in Massachusetts (1881)
    Summer (1884)[111]
    Winter (1888)[112]
    Autumn (1892)[113]
    Miscellanies (1894)[114]
    Familiar Letters of Henry David Thoreau (1894)[115]
    Poems of Nature (1895)

  2. dieser zerzausten wehmütigen Aufbruch- und Endzeitstimmung zwischen den letzten Weltkriegen so stark Ausdruck verliehen wie niemand sonst! Eine erstaunliche und höchst bemerkenswerte Mischung von Klarem Denken, höchster Sensibilität, musischer Begabung und fast jesuanischer Konsequenz. Bei beiden hatte man immer wieder das Gefühl, sie stünden mit einem Bein schon fast im eigenen Grab. Aber gerade dies spenderte uns Verzweifelten so großen Trost! Kostbarkeit ohnegleichen!

  3. Es ist zwar eine abgegriffene Bibelstelle, trotzdem: »Nirgendwo gilt ein Prophet weniger als in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner eigenen Familie.«

    2 Leserempfehlungen
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    Wer aus so einem Dorf oder Städtchen kommt und so gestrickt ist, dass er nicht umgehen kann, mit dem was die Menschen dort anständig finden, während sie doch ungesehen nur hauen und stechen gegen alles was ihnen fremd ist, der weiß, wie es Hermann Hesse zumute gewesen sein muss. Und für so einen sind seine Bücher Trost und sein Leben Anleitung, sich den Mut nicht nehmen zu lassen. Obwohl es immer alle besser wissen. Für die Städtchen oder Dörfer ändert sich gar nichts. Die werden ihren Hesse auch in tausenden von Jahren erst in dem Moment erkennen, in dem sie mit ihm Reklame machen können.

  4. 8. schön

    Indien braucht man aber nicht zum Siddharta werden ;)

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    • malakö
    • 09. August 2012 20:42 Uhr

    Mich erstaunt, dass Sie als Hesse-Kenner nicht Bescheid wissen!

    1. Es heißt "Landexamen" und nicht "Landesexamen".
    2. Hesse konnte mit Bestehen des Landexamens württembergischer evangelischer Pfarrer werden und nicht Priester!

    Freundliche Grüße

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