Norbert LammertDemokratie ist unbequem

Stehen die Parlamente bei der Euro-Rettung nur im Weg? Bundestagspräsident Norbert Lammert wehrt sich gegen die Behauptung des Italieners Mario Monti, zu viel Mitsprache sei gefährlich.

DIE ZEIT: Herr Bundestagspräsident, der italienische Ministerpräsident Mario Monti behauptet, der Einfluss der Parlamente gefährde die Euro-Rettung. Liegt ein Körnchen Wahrheit in dieser Bemerkung?

Norbert Lammert: Die Einlassung des italienischen Ministerpräsidenten verkennt sowohl die Verfassungslage wie auch die Erwartungen der Öffentlichkeit an europäische Entscheidungsverfahren und an das Krisenmanagement.

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ZEIT: Macht der faktische Druck aufs Krisenmanagement langsam nicht auch andere, womöglich weniger demokratische Verfahren nötig? Und wären die nicht auch legitim?

Lammert: Legitim sind alle Verfahren, die sich im verfassungsmäßigen Rahmen bewegen und die getroffenen europäischen Vereinbarungen und Verträgen entsprechen. Jenseits dieser beiden Voraussetzungen lassen sich zwar Modelle denken, diese sind aber nicht legitim. Es ist allemal eher hinzunehmen, dass die Erwartungen der Märkte durch unsere Rechtsordnung und unsere demokratischen Verfahren enttäuscht werden, als dass umgekehrt die Erwartungen an unsere Rechtsordnung durch eine Verselbstständigung der Märkte leerlaufen.

ZEIT: Was wäre bei einer Zuspitzung der Lage? Ist dann der deutsche Weg, jede Entscheidung zur Rettung des Euro durch einen parlamentarischen Beschluss zu begleiten, nicht einfach zu langwierig?

Lammert: Ich kann überhaupt nicht erkennen – gerade auch nicht mit Blick auf das Krisenmanagement im Zusammenhang mit der Staatsverschuldung und den Euro-Turbulenzen –, dass die Regierungen keine Verhandlungsspielräume hätten. Davon kann doch keine Rede sein. Diese Spielräume führen manchmal sogar zu erstaunlich neuen Vereinbarungen gegenüber zuvor getroffenen Festlegungen, die allerdings regelmäßig vom Bundestag akzeptiert worden sind. Dass die Regierung sich in einem vom Bundestag mutwillig geschnürten Korsett nicht mehr bewegen könne, ist eine Fiktion.

ZEIT: Verhandlungsspielräume hat sie, ja, aber keine Beschlusskompetenzen...

Lammert: Ja, da sind wir bei der alten demokratischen Unbequemlichkeit, dass sich Parlamente daran gewöhnen müssen, dass sie nicht verhandeln können, und sich Regierungen daran gewöhnen müssen, dass sie nicht rechtsverbindlich entscheiden dürfen.

ZEIT: Wirken nationale Parlamente und Rechtsordnungen angesichts des Koordinierungszwangs auf EU-Ebene nicht wie Bremsklötze?

Lammert: Wir haben Probleme auf den Finanzmärkten nicht deshalb, weil diese zu viel, sondern weil diese zu wenig reguliert sind. Wir haben Probleme mit der Überschuldung von Haushalten, nicht weil dort den Regierungen zu viele Hindernisse im Wege gestanden hätten, sondern zu wenige. Die Mitsprache der Parlamente hat mit den Ursachen der Probleme nichts zu tun. Vielleicht hat die Kritik an lästiger parlamentarischer Mitwirkung damit zu tun, dass die vom Verfassungsgericht erzwungene gesetzliche Grundlage für eine Beteiligung des Bundestages die Verhandlungsposition der Bundesregierung nicht schwächt, sondern stärkt. Es gibt ja nicht nur einen Verzögerungseffekt, sondern auch einen Stabilisierungseffekt, was die Akzeptanz der Ergebnisse betrifft.

ZEIT: Länder mit anderen parlamentarischen Traditionen, sagen wir mal Italien, wollen Beschlüsse schneller fassen. Kann man angesichts der faktischen Abläufe noch seinen Stil durchhalten und so tun, als lebte man für sich in seiner Nation?

Lammert: Zum unveränderbaren Kernbestand unserer Rechtsordnung gehört, dass die faktischen Abläufe sich an der Rechtsordnung zu orientieren haben, und nicht umgekehrt. Kein Mitgliedsland, auch nicht Deutschland, kann den Anspruch erheben, die eigene Rechtsordnung zum abschließenden Maßstab der Abläufe in anderen Ländern zu machen. Wir müssen allerdings zur Kenntnis nehmen, dass die Asymmetrie zwischen der wirtschaftlichen und der politischen Integration der Gemeinschaft eine dauerhafte Gleichgewichtsstörung erzeugt hat, die nur dadurch aufgelöst werden kann, dass wir langfristig wieder eine Parallelität herstellen. Wenn man die ökonomische Integration nicht zurückführen will, was ich nicht empfehle, dann muss man sich die politische Vergemeinschaftung zutrauen, die wir in der Vergangenheit immer vermieden, jedenfalls nicht vollzogen haben. Dann wird sich in Zukunft auf der europäischen Ebene aber die gleiche Legitimationsfrage stellen wie jetzt auf der nationalen.

Leserkommentare
  1. Sowohl Finanzmärkte und Investoren als auch die nationalen Parlamente haben heute ihre Legitimität.

    Die Investoren, die den Staaten Geld leihen, indem sie die wirtschaftliche Lage von Staaten überprüfen.
    Die Parlamente als Vertretung des Volkes und damit als demokratische Stützpfeiler.

    Was, wenn sich diese beiden Ansprüche auf Legitimität nicht ergänzen, sondern im Gegensatz zueinander stehen?
    Oder noch schlimmer, die Politik ihr Recht und ihre Legitimation zugunsten der Investoren und Anleger teilweise aufgibt (s. Merkels Aussage von einer "marktkonformen Demokratie")?

    Dass Lammert solchen Tendenzen entgegenwirkt und sagt: "Es ist allemal eher hinzunehmen, dass die Erwartungen der Märkte durch unsere Rechtsordnung und unsere demokratischen Verfahren enttäuscht werden, als dass umgekehrt die Erwartungen an unsere Rechtsordnung durch eine Verselbstständigung der Märkte leerlaufen," finde ich unbedingt notwenig.

    Denn wie er selbst sagt, können wir nicht auf die(hoffentlich) langfristig überlegenden, nachdenkenden und stabilisierenden Parlamente verzichten.

    Parlamente haben nämlich (hoffentlich) die gesamte Gemeinschaft im Blick. Und nicht, wie die Finanzmärkte, nur die eigene, häufig selbstsüchtige, Sache.

    Eine Leserempfehlung
  2. Die hinreichend belegt einzig im Stillen (Richter, W.: Die "großen" und die "kleinen" Fächer, in: Bahrdt, H. P. u. a.: Die Universität, Göttingen, 1964, S. 67) gesellschaftlich leistbaren Dienste von allgemeinem Interesse fordert das den Vertrag von Lissabon ergänzende Protokoll zwar ausdrücklich von den per nicht erhobenem Einspruch von der Bevölkerung demokratisch dazu berufenen ausdrücklich ein. Die allfälligen Entäußerungen von Parlamentariern gleich welchen Fraktion oder auch von Seiten europäischer Regierungsvertreter jedweder Couleur erzeugen indes fortgesetzt derzeit ein solches Getöse in der Öffentlichkeit, dass diese ausschließlich zum Wohle aller notwendigen Arbeiten sämtlich dem hiesig längst geltendem Zivilrecht zuwider unmöglich werden und nur noch unter immensen Verlusten an körperlicher Gegenwart zu erbringen sind. Disziplinierten sich insofern nicht wenige der besagten Amtsträger politisch, verminderten sich die Unwägbarkeiten für den Einzelnen nahezu völlig.

  3. Ich habe die Äußerungen Montis so verstanden, dass er ausgesprochen hat, was eh schon längst Realität ist.

    Welche Regierung oder welcher Regierungschef setzt denn ein zu eins das um, was ein Parlament vorher beschlossen hat?
    Das geht auch gar nicht, denn einen gewissen Verhandlungsspielraum muss jede Regierung haben, wenn sich die Leute im Sitzungssaal nicht schweigend anstarren wollen.

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    Der vormalige Goldman-Sachs Manager Mario Monti hat schon gemeint, was er gesagt hat: Parlamente stören nur, wenn Regierungen und Finanzwirtschaft Vereinbarungen treffen, um den Mittelstand zugunsten von Finanzjongleuren einerseits und scheinbaren sozialen Wohltaten andererseits auszuplündern.

    In der politischen Praxis verlaufen alle großen Verhandlungen mehrphasig. Weder kann ein Vertreter der Gewerkschaften oder Arbeitgeber ein Angebot verbindlich zusagen, ohne sich vorher rückzukoppeln noch funktioniert so etwas bei Friedensverhandlungen.

    Das Problem liegt aber ganz woanders. Es fehlt ein Plan und ein strategisches Ziel. Um den Kahn wieder auf Kurs zu bringen sind substanzielle Einschnitte notwendig und viele Kröten zu verkaufen. Das ist aber nicht Merkels Ding. So wird halt im stillen Kämmerlein herumgewurschtelt und der Stein der Weisen gesucht. Nebenbei: Für solche fundamentalen Änderungen fehlen den Regierungen und Parlamenten einfach auch die demokratische Legitimierung, die nur durch das Volk erreicht werden kann. Aber der Pöbel war ja in Deutschland schon immer verpönt.

    Der vormalige Goldman-Sachs Manager Mario Monti hat schon gemeint, was er gesagt hat: Parlamente stören nur, wenn Regierungen und Finanzwirtschaft Vereinbarungen treffen, um den Mittelstand zugunsten von Finanzjongleuren einerseits und scheinbaren sozialen Wohltaten andererseits auszuplündern.

    In der politischen Praxis verlaufen alle großen Verhandlungen mehrphasig. Weder kann ein Vertreter der Gewerkschaften oder Arbeitgeber ein Angebot verbindlich zusagen, ohne sich vorher rückzukoppeln noch funktioniert so etwas bei Friedensverhandlungen.

    Das Problem liegt aber ganz woanders. Es fehlt ein Plan und ein strategisches Ziel. Um den Kahn wieder auf Kurs zu bringen sind substanzielle Einschnitte notwendig und viele Kröten zu verkaufen. Das ist aber nicht Merkels Ding. So wird halt im stillen Kämmerlein herumgewurschtelt und der Stein der Weisen gesucht. Nebenbei: Für solche fundamentalen Änderungen fehlen den Regierungen und Parlamenten einfach auch die demokratische Legitimierung, die nur durch das Volk erreicht werden kann. Aber der Pöbel war ja in Deutschland schon immer verpönt.

  4. Das wurde gerade erst wieder bei Günther Jauch bestätigt. Da meint zum Beispiel Thomas Selter, weil soviel Unsinn mit Steuergeld angestellt wird keine/weniger Steuern zahlen zu müssen oder Wolfgang Kubicki, dass er für 40.000€ im Jahr nicht mehr arbeiten gehen würde.

    Also wenn in einer Demokratie jeder dahergelaufene Hanswurst selbst entscheidet, wann er noch Steuern zahlt und für wieviel er noch arbeiten geht, sollte man in manchen Bereichen vielleicht doch ein weniger demokratische Verhältnisse zulassen, damit die Leute mal wieder ein bisschen zu Verstand kommen.

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    Wenn Sie also mal gegen Monatsende mit einem Blutgerinsel im Gehirn in den Operationssaal geschoben werden, soll also der Neurochirurg, der seit Monatsmitte Rosen züchtet und sich versucht als Segler und Golfer zu vervollkommnen, weil er da schon die erlaubten 40.000 € eingenommen hat, von der Polizei vorgeführt werden, um sie zu operieren?

    Wenn Sie also mal gegen Monatsende mit einem Blutgerinsel im Gehirn in den Operationssaal geschoben werden, soll also der Neurochirurg, der seit Monatsmitte Rosen züchtet und sich versucht als Segler und Golfer zu vervollkommnen, weil er da schon die erlaubten 40.000 € eingenommen hat, von der Polizei vorgeführt werden, um sie zu operieren?

  5. Frage: Was wäre bei einer Zuspitzung der Lage? Ist dann der deutsche Weg, jede Entscheidung zur Rettung des Euro durch einen parlamentarischen Beschluss zu begleiten, nicht einfach zu langwierig?

    Das heißt: Wenn mit einem Mal europaweit die Menschen ihr Geld vom Konto abziehen und Banken massenweise zu kollabieren drohen, muss eine Regierung sofort handeln.

    Das bezweifelt auch niemand. Doch es scheint mir falsch, dass langfristige Lösungen immer zugunsten kurzfristiger als momentan nicht relevant verworfen werden.

    Ist es überhaupt sinnvoll, in solchen Kategorien von Kurz- und Langfristigkeit zu denken?

    Gibt es nicht eine Alternative zu den politisch-kurzfristigen Lösungen?
    Langfristige Lösungen z.B., ein Plan davon, wohin Europa steuern soll? So ein Plan würde vielleicht auch kurzfristig wirken. Denn verlangen Finanzmärkte nicht vielmehr danach als nach immer neuen Milliarden?

    Warum fragt eigentlich niemand mal die Finanzmärkte, die Investoren, die "Börsianer"? Oder ist die Antwort so klar, dass man nicht mehr fragen muss?

  6. Der vormalige Goldman-Sachs Manager Mario Monti hat schon gemeint, was er gesagt hat: Parlamente stören nur, wenn Regierungen und Finanzwirtschaft Vereinbarungen treffen, um den Mittelstand zugunsten von Finanzjongleuren einerseits und scheinbaren sozialen Wohltaten andererseits auszuplündern.

    Antwort auf "Monti hat gesagt..."
  7. Wenn Sie also mal gegen Monatsende mit einem Blutgerinsel im Gehirn in den Operationssaal geschoben werden, soll also der Neurochirurg, der seit Monatsmitte Rosen züchtet und sich versucht als Segler und Golfer zu vervollkommnen, weil er da schon die erlaubten 40.000 € eingenommen hat, von der Polizei vorgeführt werden, um sie zu operieren?

  8. In der politischen Praxis verlaufen alle großen Verhandlungen mehrphasig. Weder kann ein Vertreter der Gewerkschaften oder Arbeitgeber ein Angebot verbindlich zusagen, ohne sich vorher rückzukoppeln noch funktioniert so etwas bei Friedensverhandlungen.

    Das Problem liegt aber ganz woanders. Es fehlt ein Plan und ein strategisches Ziel. Um den Kahn wieder auf Kurs zu bringen sind substanzielle Einschnitte notwendig und viele Kröten zu verkaufen. Das ist aber nicht Merkels Ding. So wird halt im stillen Kämmerlein herumgewurschtelt und der Stein der Weisen gesucht. Nebenbei: Für solche fundamentalen Änderungen fehlen den Regierungen und Parlamenten einfach auch die demokratische Legitimierung, die nur durch das Volk erreicht werden kann. Aber der Pöbel war ja in Deutschland schon immer verpönt.

    Antwort auf "Monti hat gesagt..."

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