Kunstmarkt-Preise"Flucht in die Qualität"

Warum gerade in der Krise viele irrwitzige Preisrekorde für Kunstwerke erzielt werden – ein Gespräch mit dem Ökonomen Benjamin Mandel. von Tobias Timm

Auf dem Kunstmarkt ging es in diesem Jahr bereits zu wie bei den Olympischen Spielen: Das Auktionshaus Christie’s meldete kürzlich gleich mehrere Rekorde für das erste Halbjahr 2012, es verkaufte Kunst für 3,5 Milliarden Dollar, 11 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2011. Es gab neue Rekordpreise für die sogenannte zeitgenössische Kunst von Mark Rothko, Yves Klein, Henry Moore, Gerhard Richter, aber auch für die Kunst der Altmeister wie John Constable. Was fasziniert viele Sammler so sehr an der Kunst? Und warum profitieren vor allem jene Werke, die besonders teuer sind? Ein Gespräch mit Benjamin Mandel, der als Ökonom an der Federal Reserve Bank of New York arbeitet und in zahlreichen Studien den internationalen Kunsthandel erforscht hat.

DIE ZEIT: Seit 2008 haben gleich mehrere globale und regionale Krisen die Weltwirtschaft erschüttert. Gleichzeitig wurden auf dem internationalen Kunstmarkt immer neue Rekordpreise erzielt. Wie passt das zusammen?

Anzeige

Benjamin Mandel: Das hat sicherlich mit der Zusammensetzung und der Preisgestaltung dieses besonderen Marktes zu tun. Wenn man sich den Aufbau des Kunstmarkts anschaut, dann versteht man, wieso es dort im Durchschnitt besser zu laufen scheint als auf vielen anderen Märkten. Ein Trend, den ich beobachte: Dem hochpreisigen Teil des Marktes geht es sehr viel besser als dem mittleren und unteren Teil. Und ein weiterer wichtiger Trend: Das Geschäft mit der Kunst wächst in den Schwellenländern besonders kräftig.

ZEIT: Wie erklärt das die Gleichzeitigkeit von allgemeiner Krise und steigenden Preisen für ohnehin schon teure Kunstwerke?

Mandel: Wenn man Kunstverkäufe über lange Zeit beobachtet, dann sieht man, wie abhängig sie von den Entwicklungen der Einkommen sind. Doch ist nicht nur das gesamtgesellschaftliche Einkommen von Bedeutung, sondern vor allem die Einkommensentwicklung unter den Superreichen. Der Boom auf dem Kunstmarkt entspricht also dem anhaltenden Einkommensboom unter den Bestverdienern, den oberen 0,1 Prozent der Gesellschaft. Auch historisch gesehen hat sich der Kunstmarkt immer parallel zum Einkommen dieser Superreichen entwickelt. Der Kunstmarkt funktioniert also etwas abgetrennt von den wirtschaftlichen Problemen der Gesamtgesellschaft.

ZEIT: Der Kunstmarkt profitiert, wenn die gesellschaftliche Ungleichheit wächst?

Mandel: Nicht, wenn nur die Ärmsten ärmer werden, es müssen auch die Reichsten noch reicher werden.

ZEIT: Und wieso ist es gerade der Kunstmarkt für die hochpreisigen Meisterwerke, der heute besonders floriert?

Mandel: Die teuersten Gemälde werden derzeit als eine besonders sichere Anlage angesehen, viel sicherer als mittel- oder niedrigpreisige Kunstwerke. Es gibt eine Flucht in die vermeintliche Qualität – die sich in hohen Preisen ausdrückt.

ZEIT: Und stimmt das, sind teure Kunstwerke besonders werthaltig? Ist etwa Edvard Munchs Bild Der Schrei, das kürzlich für 120 Millionen Euro bei Sotheby’s an den amerikanischen Private-Equity-Investor Leon Black versteigert wurde, denn wirklich eine gute Investition?

Mandel: Das kann man so einfach nicht beantworten. Wenn man sich den Profit anschaut, den Kunstwerke im Durchschnitt über die letzten Jahrhunderte brachten, dann liegt dieser bloß bei zwei bis drei Prozent im Jahr. Das ist sehr wenig im Vergleich zu anderen Anlageformen. Und die Preise für Kunst sind gleichzeitig sehr volatil. Ganz allgemein betrachtet, scheint Kunst also kein sehr gutes Anlagegut zu sein. Aber beim Kunstsammeln geht es eben nicht nur um Anlage, sondern auch um eine sehr spezielle Form von Konsum. Kunstsammlern geht es meist nicht oder nicht nur darum, besonders viele Kunstwerke zu besitzen, sondern es geht auch um die Höhe des Preises. Kunst zu kaufen ist eine sehr auffällige Form des Konsums. Der Akt des Kaufs hat für den Käufer einen Wert an sich.

ZEIT: Man zeigt, dass man 120 Millionen Dollar für eine bemalte Leinwand ausgeben kann. Wird es auch in den kommenden Jahren immer neue Preisrekorde geben?

Mandel: Das hängt davon ab, wie sich die Weltwirtschaft entwickelt. Wenn sich die Verteilung der Einkommen wieder angleicht, wenn es ein größeres Gefühl der Sicherheit gibt, dann wird sicherlich auch der Markt für die Kunstwerke im mittleren und niedrigeren Preisbereich wieder florieren.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • CM
    • 17. August 2012 16:04 Uhr

    Wenn alle einem Trend hinterher laufen und glauben, das sei normal und vernünftig, dann steigen die Preise - bevor sie irgendwann in die Tiefe stürzen. So läuft das an der Börse, bei Immobilienblasen und im Kunstmarkt.

    Gerade in der Krise auf unbekannte, hungerleidende Künstler zu setzen wäre antizyklisch. Nur ein kleiner Teil der Investitionen wird sich rechnen, das dann aber umso mehr.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Kunstmarkt | Kunst | Kunsthandel | Kunstwerk
Service