Cees Nooteboom : "Schimpfen gehört dazu"

Gibt es das, eine typisch europäische Literatur? Und wenn ja, verliert sie nicht durch die Globalisierung ihre Besonderheiten? Ein Gespräch mit dem Niederländer Cees Nooteboom.

DIE ZEIT: In Ihrem Buch Wie wird man Europäer? ist eine Rede abgedruckt, die Sie 1989 in Brüssel gehalten haben. Dort wurde die Frage gestellt: »Gibt es eine europäische Literatur?« Gibt es sie?

Cees Nooteboom: Ich habe mich über die Frage geärgert. Sie zu stellen heißt, sie zu beantworten. Man kann sie aber nicht mit einer Definition beantworten, sondern nur mit einer Fabel. Deshalb lasse ich in meinem Vortrag die literarischen Figuren großer Schriftsteller auftreten und miteinander reden, Prousts Baron de Charlus, Musils Ulrich und viele andere. Auch die hätten sich geärgert, weil die Frage ihre Existenz bezweifelt, sagen wir doch von jemandem, er sei lethargisch wie Oblomow oder er verhalte sich wie Don Quijote. Ja, es gibt eine europäische Literatur, ohne Zweifel, aber ich könnte sie nicht in einem Satz beschreiben.

ZEIT: Vielleicht aus der Ferne. Angenommen, Sie wären in Japan, ginge es dann leichter?

Nooteboom: Nein, denn die Japaner lesen schon seit langer Zeit die europäische Literatur, sie beziehen sich darauf, vor allem auf die französische, wie etwa Kawabata oder Tanizaki. Europa stand immer im Mittelpunkt des Interesses der Gebildeten auf vielen Kontinenten. Für die Argentinier, die ja selber eine große Literatur haben, war Paris lange das Zentrum der Welt. Es wurde dann abgelöst von Nordamerika, von New York.

ZEIT: Ist das heute noch so?

Nooteboom: Ich glaube, das ist vorbei. Während amerikanische Autoren auf der ganzen Welt übersetzt werden, übersetzen die Amerikaner nur noch sehr wenig, auch die meisten europäischen Autoren nicht. Dennoch sind einige weltweit bekannt, Italo Calvino zum Beispiel, er hat etwas spezifisch Europäisches. Oder Milan Kundera, José Saramago, Fernando Pessoa.

ZEIT: Worin zeigt sich das spezifisch Europäische?

Nooteboom: Jetzt, da nur noch vom Markt und vom Geld die Rede ist, muss ich sagen: Europa ist vor allem ein geistiger Raum. Darin bewegt sich die Literatur, sie bildet diesen Raum. Man kann ihn nicht in Paragrafen oder Verordnungen fassen. Es gab dieses geistige Europa schon, als Voltaire seine Bücher in Holland drucken ließ. Und es gab die Religion. Der Vatikan hat recht, wenn er sagt, dass Europa auf einem christlichen Grundriss – allerdings nicht nur einem katholischen – errichtet worden ist. Auch das Latein hat uns geprägt, das ist ja nicht alles weg. Tief unten ist eine Konstante. Die Bewegungen geschehen an der Oberfläche. Was diese Konstante ausmacht, das können Sie in der Literatur nachlesen. Dafür braucht man die EU allerdings nicht.

ZEIT: Welche Schriftsteller haben Sie beeinflusst?

Nooteboom: Proust, Calvino, Nabokov, Pessoa. Und auch holländische Schriftsteller, die außerhalb Hollands kaum jemand mehr kennt: Couperus, Slauerhoff.

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Kommentare

31 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

E pluribus unum

Lingua franca wird Latein wohl nie mehr werden ;-)
Allerdings sollte man nicht unterschätzen, welch stabilisierende Kraft von einem den literarischen Diskurs normierenden Element - in Europa traditionell Bezug auf die griechisch-römische Gedanken- und Sprachwelt - in einer dezentralisierten Gesellschaft der Vielfalt von Ethnien und Weltanschauungen auszugehen pflegt. Für ein Europa als "geistigen Raum" (schöner Begriff) anstatt nur einem Europa der Schuldner sicherlich eines der am stärksten verbindenden Elemente. Man sollte es wieder stärker betonten.

@2Arlequin: Latein als euro. Amtssprache?

Sie schreiben: "Latein......war die Lingua Franca... Diese Zeit ist vorrüber."

Wirklich? Wenn ich mir die Landkarte anschaue, kommt die EU zumindest im europ. Bereich dem einstmaligen Imperium Romanum sehr nahe. Man könnte das auch als eine Art Rückkehr zu den Wurzeln betrachten.

Sie schreiben: "Außerdem: es ist wirklich etwas viel verlangt, wenn all die Chinesen, Inder.. jetzt plötzlich Latein lernen sollen."

Das wären deren Probleme, außerdem gibt es Übersetzungen. Wir lernen ja auch nicht alle chinesisch ...

Ich denke da vor allem an den Sprachenwirrwar in Brüssel - von den Kosten gar nicht zu reden. Ich vermute mal, eine einheitliche europ. (Amts-)Sprache könnte Einsparungen im zwei- bis dreistelligem Millionenbereich bringen - jährlich!

Israel hat es mit der Wiederbelegung des Hebräischen doch vorgemacht:

/Zitat
Bis vor hundert Jahren war kein Hebräisch in Jerusalem oder sonst in Israel zu hören, weder in der Stadt noch auf den Dörfern. Es war die Zeit der Türkenherrschaft, und man sprach türkisch und arabisch.
Zitat/
(http://www.hagalil.com/is...)

Natürlich wäre es eine andere Größenordnung - aber unmöglich?

Doch, diese Zeit...

...ist vorrüber. Meine Partnerin z.B. stammt aus dem buddhistischen Kulturkreis, und sie lebt seit über 10 Jahren in Europa. Sie findet ihre kulturellen Wurzeln nicht im Imperium Romanum. So geht es einem großen Teil der europäischen Bürger und ich bin mir insofern nicht einmal sicher, ob man im 21. Jh. wirklich noch von Europa als einem geistigen Raum sprechen kann.

Warum soll die globale Lingua Franca (Englisch) denn nicht die europäische Amtssprache sein?

@8 Arlequin: Englisch?

Sie fragen: "Warum soll die globale Lingua Franca (Englisch) denn nicht die europäische Amtssprache sein?"

- Weil damit ein Teilaspekt der europ. Kultur dem Ganzen übergespielt sind.

- Weil Sprache nicht nur Sprache ist, sondern Denkstruktur, Weltsicht, Geschichte ...

Die gegenwärtige Auseinandersetzung über "europ. Mentalitäten" zeigt das Ausmaß der Problematik. Mit Latein als gleichsam überwölbendem Dach hätten - so meine ich - diese Konflikte längst nicht die jetzt erlebte Schärfe.

Denn unter einem solch gemeinsamen Dach könnten sich die jeweiligen Individualitäten entfalten. Jetzt geht der Kampf darum, sich in der Konkurrenz mit den anderen zu behaupten. Denn keiner will untergehen oder gar zu kurz kommen - auch sprachlich, wie ein Blick nach Brüssel und der gängigen Praxis zeigt.

Sie schreiben, dass mit dem Englischen

'(...) ein Teilaspekt der europ. Kultur dem Ganzen übergespielt (...)' wuerde.

Aber trifft dieses denn nicht auch auf das Lateinische zu? Wie sehen Sie in Ihrem Konzept Nord- und Mitteleuropa integriert, oder die ehemals griechisch/byzanthinisch gepraegten Regionen? Das roemische Reich endete an der Weser, es umfasste weder Irland noch Schottland, ebensowenig wie Skandinavien, Polen und Russland.

@11 Arlequin: Latein die Wurzel - Englisch ein Ast

Sie zitieren mich und schreiben:" 'ein Teilaspekt der europ. Kultur dem Ganzen übergespielt (...)' wuerde.Aber trifft dieses denn nicht auch auf das Lateinische zu?"

Ich nehme einen Vergleich - er hinkt, ich weiß-, dennoch:

Europa ist ein Baum, die Wurzel Latein, alle europäischen Sprachen Äste.

Sie schreiben: "Das roemische Reich endete an der Weser, es umfasste weder Irland noch Schottland,"

Das ist nicht richtig. Quelle: http://de.wikipedia.org/w...

Zu den anderen genannten Ländern gab es z, T. sehr intensive Handelsbeziehungen bis nach Südrussland, Indien, China.
Quell: http://de.wikipedia.org/w...

- "griechisch/byzanthinisch gepraegten Regionen": Da verwechseln sie vermutlich etwas:

- griechisch/byzanthinisch bezieht sich zum einen auf die Spaltung des röm. Reiches 395 in ein Ost-(byzantnisches) und ein Westreich.

Zum anderen ist griech./byzantinisch die Bezeichnung für die christliche Ostkirche.

/Zitat
Nach dem Mailander Edikt im Jahre 313 n. C. haben sich die Unterschiede kristallisiert und schließlich die einzelnen unterschiedlichen Riten (Liturgien) hervorgebracht.
Zitat/
(http://www.grkat.nfo.sk/d...)

Na ja, der von Ihnen als Quelle angegebene...

...Wikipedia-Eintrag belegt ziemlich eindeutig, daß Irland nicht Teil des römischen Reiches war. Im Süden Schottlands sind römische Kastelle in der Nähe von Edinburgh nachweisbar (z.B., Inveresk, Crammond) und es existieren die Reste eins römischen Befestigungswalles (Antonine-Wall) zwischen dem Firth of Forth und dem Firth of Clyde. Die weiter nördlich gelegenen Gebiete waren nicht Teil des 'Imperium Romanum'. Und dasselbe gilt für Nord- und Osteuropa.

Zum griechisch geprägten europäischen Kulturraum: Korrigieren Sie mich bitte wenn ich falsch liege. Ich vermute aber sehr, daß Latein NICHT die Sprache der Ostkirche war.

Es spricht m.E. nichts für Latein als europäische Lingua Franca. Die Sprache repräsentiert weder die nicht-römischen Regionen Europas noch die vielen europäischen Bürger mit kulturellen Wurzeln in Asien, Afrika, Lateinamerika, etc. Auch das Bild vom europäischen Baum mit den lateinischen Wurzeln ist nicht stimmig, weil viele europäische Sprachen indogermanische Wurzeln haben.

Europäische Identität (1)

@Arlequin:
Es geht lonetal sicher nicht um ein Wiederbeleben des Imperium Romanum. Schon deswegen ist dessen geographische Ausdehnung hier recht unerheblich. Weiterhin simplifizieren Sie die recht verschlungenen Pfade, durch die historisch-kultureller Einfluss hellenisch-römischen Gedankenguts in der europäischen Geistesgeschichte wirksam (geworden) ist. Drei grundsätzliche Kritikpunkte gg. ihre Einwände:
1.) das hellenisch-römische Erbe ist natürlich nicht der einzige prägende Faktor (wenn auch einer der beiden mit Abstand größten), insofern muss nicht jeder gleichermaßen stark daran teilhaben.
2.) der Wirkradius des Lateinischen fällt weder im Raum noch in der Zeit mit den Grenzen des Imperium zusammen. So ist Irland, um Ihr Beispiel aufzugreifen, natürlich lateinisch geprägt - durch das lateinische Mittelalter.
3.) Unmittelbares Fortwirken vs. bewusste Aneignung:
Dass jeder, was er ist, im Laufe seiner Geschichte wird, ist eine Binsenweisheit. Das passiert aber nicht immer einfach so: Eine Besonderheit der europäischen Geschichte und somit Identität ist eine - weit über den für jede Kulturbildung üblichen Anschluss an die vorhergehende Kultur hinausgehende - gesuchte "Symbiose" (Ch. Meier) mit der Vorgängerkultur (eine "Renaissance" jagt die nächste...).

Europäische Identität (2)

Hier boten und bieten sich Anknüpfungspunkte zu Hauf für, wie Sie schreiben, "nicht-römische" Regionen: Stichworte: Translatio Imperii, Zweites/Drittes Rom (für das häufig ausgeführte Bild von einem Vierten Rom kann man anlässlich eines solchen Artikels vielleicht auf den fantastischen Robert Lowell hinweisen - sehr lesenswert!) etc.

"...noch die vielen europäischen Bürger mit kulturellen Wurzeln in Asien, Afrika, Lateinamerika, etc" - hier verstehe ich Sie nicht so ganz. Wie sollte eine Europäische Identität auch Nicht-Europäer repräsentieren? Wenn Europa Europa sein soll, dann kann es natürlich nicht "Asien, Afrika, Lateinamerika, etc" sein. Genau darum geht es: ein kulturelles Angebot zu machen, das eine gemeinsame Identität stiftet und erwiesenermaßen neue Elemente erfolgreich integrieren kann.

Diese etwas unglueckliche...

...Geographiedebatte ist nicht von mir ausgegangen, sondern von lonetal. Kommentar #7 verweist auf die geographische Ausdehnung des antiken Rom, verbunden mit dem Vorschlag, mit der Staerkung des Lateinischen zu den antiken Wurzeln des alten Europa zurueckzukehren.

Ein solches Bild von Europa ist naiv, weil es mehr oder weniger willkuerlich eine bestimmte historische Epoche herauspickt und diese dann als identitaetsstiftend definiert. So einfach ist das aber nicht. Die schottische Kirche, z.B., ist erst seit der Synode von Whitby (665AD) roemisch gepraegt (zuvor folgte sie fuer ca. 300 Jahre Irisch/Keltischer Liturgie)und dieser Gegensatz zwischen keltischen und lateinischen Traditionen praegt die britisch/irische Gesellschaft bis heute (denken Sie z.B. nur an die beiden Glasgower Fussballclubs Celtic und Rangers).

Natuerlich haben Sie nicht Unrecht, wenn Sie die Bedeutung des Hellenisch/Roemischen Erbes betonen. Das nachantike Europa ist aber in allererster Linie ein Produkt von Wanderungsbewegungen, die im Asien des 4. Jh. ihren Ausgang nahmen. Das Bild vom europaeischen Baum mit den lateinischen Wurzeln ist insofern nicht nur simplistisch, somdern schlichtweg falsch.

Wann ist man denn ein Nicht-Europaeer?

Ich habe in meinem Kommentar #8 erwaehnt, dass meine Partnerin aus Asien stammt. Sie lebt seit etlichen Jahren in Europa, aber es mag wohl angehen, dass sie nicht europaeisch ist. Wie sieht es denn mit unseren Kindern und deren kultureller Praegung aus? Warum sollen die sich im Lateinischen wiederfinden?

Wir fuehren hier im Grunde eine Debatte des 19. Jahrhunderts.

Keine Zeit

Aus Zeitmangel (es scheint aber eigtl. auch alles gesagt) jeweils nur eine kurze Stellungnahme zu Ihren 3 Punkten:

"...Geographiedebatte ist nicht von mir ausgegangen, sondern von lonetal. " - Geschenkt. Wie gesagt: irrelevant.

"...weil es mehr oder weniger willkuerlich eine bestimmte historische Epoche herauspickt und diese dann als identitaetsstiftend definiert" - aber eben sehr viel weniger als mehr willkürlich.

"Das nachantike Europa ist aber in allererster Linie ein Produkt von Wanderungsbewegungen, die im Asien des 4. Jh. ihren Ausgang nahmen" - Mitnichten.

Kurze Antwort

Punkt 1: wirklich irrelevant
Punkt 2: es laesst sich durchaus ueber den slawischen und keltischen Beitrag zur europaeischen Identitaet streiten.
Punkt 3: zugegebenermassen vielleicht nicht in 'allererster Linie'. Negiert werden sollte dieser Punkt dennoch nicht. Es gibt nicht DEN europaeischen Baum mit den lateinischen Wurzeln.

Leider sind Sie nicht auf Kommentar #20 eingegangen.

Übersehen

Hatte ich überlesen.
Da ich den Eindruck gewonnen habe, Sie meinen, ich wollte "Nicht-Europäer" konstruieren (als ob mir das zustünde!), doch noch eine kurze Antwort:
Es geht nicht um Ausgrenzung! Ihre Freundin kann natürlich Europäerin sein (eben dann, wenn man Europa mit Nooteboom - oder Isokrates - als "geistigen Raum" konzipiert, wie ich es tue und vorschlage), Ihre Kinder sowieso!
"Warum sollen die sich im Lateinischen wiederfinden?" - Es geht nicht um "sollen", nicht um ein Vorschreiben, vielmehr um ein Angebot - ein Angebot, an der "Great Conversation" (die schönste Chiffre für die westl. Kultur, die ich kenne) teilzunehmen, jenem abenteuerlichen Dialog, der seit etwas über 2500 Jahren geführt wird und vielleicht gerade abreißt: das wäre dann tatsächlich das vielbeschworene "Ende des Abendlandes". Das muss man nicht schlimm finden - vllt. kommt ja etwas besseres - aber als Sachverhalt konstatieren.

P.S. Die Fixierung auf das Lateinische, das mir tatsächlich sehr am Herzen liegt, unterstellen Sie mir übrigens bisher nur - allerdings nicht ganz zu Unrecht ;-)

@19 Arlequin: Text und Interpretation

Sie schreiben: "Diese etwas unglueckliche...
...Geographiedebatte ist nicht von mir ausgegangen, sondern von lonetal. Kommentar #7 verweist auf die geographische Ausdehnung des antiken Rom,"

Ich hatte geschrieben:

"Wenn ich mir die Landkarte anschaue, kommt die EU zumindest im europ. Bereich dem einstmaligen Imperium Romanum sehr nahe. Man könnte das auch als eine Art Rückkehr zu den Wurzeln betrachten."

Sie schreiben: "verbunden mit dem Vorschlag, mit der Staerkung des Lateinischen zu den antiken Wurzeln des alten Europa zurueckzukehren."

Ich hatte geschrieben: "Ich denke da vor allem an den Sprachenwirrwar in Brüssel - von den Kosten gar nicht zu reden. Ich vermute mal, eine einheitliche europ. (Amts-)Sprache könnte Einsparungen im zwei- bis dreistelligem Millionenbereich bringen - jährlich!"

Kein weiterer Kommentar dazu von mir.

@26 Arlequin: Auf der Suche nach Streit

Sie schreiben: "Sie blicken hier doch ganz eindeutig auf die Landkarte, so what?"

Nein. Ich hatte mir das so etwa vorgestellt.

Sie schreiben: "Welche Regionen umfassen übrigens den nicht-europäischen Teil der EU?"

Sie haben Recht. Aussage ergibt keinen Sinn.

Ich hatte geschrieben:

"Wenn ich mir die Landkarte anschaue, kommt die EU zumindest im europ. Bereich dem einstmaligen Imperium Romanum sehr nahe."

Dar Satz war leider verunglückt. Hätte sich durch ein freundliche Nachfrage klären lassen. Er sollte heißen:

"Wenn ich mir die Landkarte anschaue, kommt zumindest der europ. Bereich des einstmaligen Imperium Romanum der EU sehr nahe."

Sie schreiben: "Sie plädieren in Kommentar #1 für Latein als Lingua Franca und begründen dies in Kommentar #7 mit der Möglichkeit so 'zu den Wurzeln' zurückkehren zu können. Again, so what?"

Nein, das mache ich nicht. Ich wiederhole meine Aussage nochmals.

"Man könnte das auch als eine Art Rückkehr zu den Wurzeln betrachten."

Sie machen daraus: "Das ist eine Möglichkeit, zu den Wurzeln zurückzukehren."

Sie wollen Recht haben und suchen Streit - ich nicht.
Deshalb Ende der Diskussion mit ihnen.

Wissen Sie...

...ich hatte mich ein wenig über Ihre recht paternalistisch daherkommende Belehrung bezüglich der Reichsspaltung 395 in Kommentar #10 geärgert und insofern müssen Sie es sich schon gefallen, wenn Ihnen der Sprachpräzisionsspiegel vorgehalten wird. Als Streitsuche sollten Sie das hier nicht mißverstehen.

Sie haben inhaltlich übrigens auf keines meiner Argumente geantwortet (...ich wüßte z.B. immer noch gerne, ob die Texte der Ostkirche nun in Latein verfaßt waren oder nicht).

Englisch vs. Latein

Meine Meinung zu dem Thema ist, dass Latein als gemeinsame Sprache eher dem Zusammenwachsen Europas hinderlicher ist als es Englisch derzeit sein könnte.
Zur Begründung: Das britische Empire hatte auf dem Zenit seiner Ausdehnung 25% der "verfügbaren" globalen Landmassen unter seiner Kontrolle, Englisch war damit eine der ersten globalen Sprachen wie zuvor nur Spanisch und dem spanischen entlehnten Portugiesisch (Latein-Amerika). Die meist-vertretenen Amtsprachen bzw. in Schulen unterrichteten Sprachen weltweit sind
1. Englisch (global)
2. Französisch (Europa, Afrika)
3. Spanisch/Portugiesisch (Europa, Süd- u. Mittelamerika)
Ein übriges zur Verbreitung der englischen Sprache tat übrigens auch der zweite Weltkrieg.
Außerdem fallen umgangssprachlich Anglizismen fast überall an: So werden z. B. Flüge in Deutschland nicht mehr abgesagt, sondern gecancelt.
Da die latinische Sprache (außer für medizinisches, juristisches und wissenschaftliches Personal) ausgedient hat, die englische Sprache aber durchaus das europäische Alltagsleben durchsetzt, wäre meiner Meinung nach die Lösung des europäischen Sprachgewirrs die Beibehaltung der jeweiligen Landessprache mit Englisch als zweiter, sozusagen alternativer Amtssprache. Brüssel ist dann parlamentarisch gesehen englischsprachig, was schon schwer genug zu verstehen ist, wenn Herr Oettinger dort Englisch mit badischem Akzent spricht. Stellen Sie sich jetzt mal Latein mit dem Akzent vor...

Schönes Interview!

Jemand der es ganz gelassen sieht mit Europa.

Vermutlich deswegen, weil er "seinem" Europa im geistigen Raum verbunden ist.

Die Novellen, dieses Schriftstellers habe ich gemocht, kann mich an eine Geschichte erinnern, da kamen selbstgestrickt Wollpullover vor.

Und er hat recht, als Dichter ist man ohnehin dem Konkreten, also immer dem Regionalen verbunden, was haben in dieser regionalen, konkreten Welt schon Paragraphen zu sagen. Sie haben keine Bedeutung: eine Rose ist eine Rose.

Auswahl Kanon ist lachhaft

Spätestens mit den 90ern ist die Auswahl dieses Kanon endgültig lachhaft. Ein Kanon der europäischen Literatur ohne
Genet
Yourcenar
Perec
Saramago (Ricardo Reis, Stadt der Blinden)
Kadare
Goytisolo
Magris (Donau!!!)
Nadas (Buch der Erinnerungen)
Tabucchi
also bitte...

ganz zu schweigen von Krasznahorkai, Cartarescu, Tokarczuk, Ugresic, Schischkin etc.. (ok ein paar der letzteren kommen vielleicht noch in den 2000ern, aber ich glaube es nicht mehr)

Und dann die Auswahl der Bücher, Sebald mit die Ausgewanderten anstatt von Saturn oder Austerlitz, das ist doch albern. Herta Müller der Fuchs statt Herztier oder Atemschaukel??? Golding der Herr der Fliegen anstatt sein spaeteres Werk??

14/60 Autoren deutschsprachig?? Ich will ja nicht leugnen, dass die deutschsprachige Literatur wichtig ist in Europa, aber 25% der Buecher???

12 BirneHelene: Europa - für wen?

Sie schreiben: "Spätestens mit den 90ern ist die Auswahl dieses Kanon endgültig lachhaft. Ein Kanon der europäischen Literatur ohne ..."

Ich stimme ihnen zu und ergänze: ... ohne die Autoren der Antike wie Äschylos, Euripides; Sophokles, Vergil ... die entsprechenden Philosphen ganz zu schweigen, ebenso wie die europ. Autoren vor dem 20. Jhdt.

Europa als geistiger Raum ist erheblich mehr, als hier angetippt wurde. Wobei das mit dem "geistigen Raum" auch zu hinterfragen wäre: Wie viele der ~200 Mill. Europäer fühlen sich darin zu Hause und beheimatet? 10 Prozent? Was ist mit den anderen? Wollten wir nicht immer ein Europa für alle?

Europa ist christlich geprägt?

Das kann nur jemand sagen, der sich nie für das spanische Festland oder den Balkan interessiert hat. Was da in der spanischen und balkanischen Musik so beschwingt tönt ist morgenländisch, die grellen Farben Süditaliens sind orientalisch. Europa für christlich zu halten ist nicht dumm an sich, basiert aber wie viele Dummheiten auf Informationsmangel.