Martenstein: »Ich bin kein Satiriker, ich bin nur Chronist meiner Epoche«
Harald Martenstein über den Erfolg interessanter Kiffermagazine
Ich bin nicht reich, aber ich habe eine todsichere Idee zum Reichwerden. Zum Beispiel habe ich ein paar Mal die Zeitschrift Landlust gekauft. Landlust ist hierzulande die erfolgreichste Zeitschriftengründung der letzten Jahrzehnte und fast schon das neue deutsche Leitmedium, wie früher Spiegel oder Bunte . Auflage: eine Million. Die Gründe dieses Erfolges begreift niemand, auch ich nicht. Es ist irgendwie die Sehnsucht nach irgendwas, die dahintersteckt. Dann bin ich nach Holland gefahren und habe in Holland einen sogenannten Headshop betreten. Headshops sind Fachgeschäfte für Kifferbedarf. Persönlich bevorzuge ich traditionelle Drogen, aber ich informiere mich immer gern über alles. In dem Headshop gab es die Zeitschrift Soft Secrets. Diese Publikation ist ebenso erfolgreich wie Landlust. Mehr als eine Million Auflage. In acht Sprachen. Es ist eine interessante Zeitschrift.
In Soft Secrets stand ein Bericht über die ersten »Cannalympics« in Haarlem, Olympische Spiele, bei denen die Sportler bekifft antreten. Es gibt keinen Medaillenspiegel, da gehen eh fast alle Medaillen nach Holland und Jamaika. Auch der Reiseteil widmet sich der Insel Jamaika. Im Feuilleton ging es um den Autor T. C. Boyle und die Musikerin Anne Clark, die beide für das Recht auf Rausch eintreten. Außerdem brachten sie was über den Hanfwandertag in Berlin und über das spanische Marihuana-Bauerndorf Rasquera, wo von der Euro-Krise wenig zu spüren ist.
Das große Porträt war im Mai dem »Growgott Ed Rosenthal« aus den USA gewidmet, der die »Cannabis-Bibel« mit zahlreichen Anbau-Tipps verfasst hat, Anbau für den Eigenbedarf ist vielerorts legal. Ed Rosenthal sieht dem Schriftsteller García Márquez verblüffend ähnlich. Er sagte: »Die Outdoor-Saison hat begonnen. Wer kifft, hat mehr vom Leben.« Der friesische Grower Foppe dagegen baut hoch im Norden seltene alte Cannabissorten an. Das große Interview führten sie mit einem berühmten russischen Dealer aus Berlin, der allerdings anonym blieb, angeblich ist seine Integration in Deutschland »eine Erfolgsgeschichte à la Wladimir Kaminer«.
Sie haben viele Anzeigen, meistens für Cannabissamen. Beliebte Sorten heißen Thai Widow oder Critical Jack. In der Blattmitte befindet sich immer eine Fotostrecke mit leicht bekleideten Leserinnen, die sich in Hanfplantagen rekeln oder sich bei der Lektüre von Soft Secrets ablichten lassen. Am meisten war ich von der Tatsache überrascht, dass schon seit Jahren ein hochseriöser »Cannabis Culture Award« für Verdienste um die Kifferkultur vergeben wird. 2012 überreichte der ehemalige holländische Ministerpräsident Dries van Agt, Christdemokrat, den Kiffernobelpreis an Thorwald Stoltenberg, Vater des norwegischen Regierungschefs. Der alte Stoltenberg war Außenminister und leitet jetzt das norwegische Rote Kreuz. Das ist alles keine Satire. Ich bin kein Satiriker, ich bin nur Chronist meiner Epoche.
Was Landlust betrifft, gibt es inzwischen etliche Zeitschriften, die ähnlich aussehen und ähnlich heißen und von denen sich einige ebenfalls recht ordentlich verkaufen, Landidee, Liebes Land, Lust auf Landleben. Auch Soft Secrets hat Konkurrenz, etwa das Hanfblatt. Trotzdem ist es meiner Ansicht nach eine sichere Sache, als Verleger genau jetzt ein richtig gut gemachtes Kiffer-Lifestyle-Magazin auf den Markt zu werfen, Hanflust, Hanfidee, Hanfraucher Abendblatt, wie auch immer. Man muss das rechtzeitig machen, bevor die großen Verlage ihre Hanfmagazine herausbringen.
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Das ZEITmagazin könnte ja mal einen beherzten Testballon starten..
oder vielmehr noch das Thema LSD, mit beigelegten Pröbchen.
Ich fürchte, Herr Martenstein hat eine todsichere Idee um zu verarmen, zumindest wenn man zuvor ein einigermaßen liquider Verleger war. Wahrscheinlich gibt es nämliich kaum etwas Riskanteres im Verlagsgeschäft als das Kopieren eines Erfolgsmodells aus einem anderen Land. Zu unterschiedlich sind oft die mikrokulturellen Unterschiede, die gerade über Erfolg und Misserfolg einer Zeitschrift entscheiden. Das Beispiel "Hanf" dürfte da so zienlich das Prägnanteste sein, wenn man die Unterschiede zwischen den Niederlanden und Deutschland betrachtet.
Berauschende Daten, Titel und Tricks!
Unser 68er Opas werden (wieder) ZEIT-Leser.
...sind Sie wohl noch kein Millionär, Herr Martenstein. Es gibt nämlich deutsche Pendants der "Kifferblätter", wie das halbwegs seriöse "Hanfjournal" in jedem heimischen Headshop- und zwar kostenlos zum Mitnehmen. Kein besonders einträgliches Geschäftsmodell, vermutlich aber angebracht angesichts geringer Zahlungsbereitschaft der Kundengruppe umwölkter Grasliebhaber.
Das Gras,liebevoll gepflegt,manchmal durch dubiose
Rasenmäher geschreddert,hat allein durch seine dem
menschlichen Auge angenehmem Grün seinen Bestand zu
wahren.
Dazu benötigt es keine Zeitschriften,keine Zweifler,
keine Negativ-Typen und keine Nobel-Preisträger.
In diesem Gras ist permanentes Leben vorhanden.
Hasen welche sich daran laben,Füchse auf der Jagd nach
Hasen und Mäusen.
Und dem Wort verantwortliche Journalisten nach einer Story.
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