Milan Kundera, der tschechische Autor mit kommunistischer Vergangenheit, lebte bereits seit neun Jahren in Frankreich, als er 1984 Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins veröffentlichte. Es ist ein Buch der Freiheit, auch wenn es in einer Diktatur spielt, ein Buch des Überlebens und des trotzigen Anspruchs auf Glück – gegen die Zeitläufte und ihre Gewaltsamkeit, mit der diese den Einzelnen zu bezwingen versuchen. Nach 28 Jahren wiedergelesen, fällt es schwer, die Bewunderung zu verstehen, die Kundera damals zuflog. Es ist kein wirklich bedeutender Roman. Aber 1984 wirkte die melancholische Liebesgeschichte von Tomas und Teresa unwiderstehlich, die politische Haltung, die sich in ihnen ausdrückte, ebenso wie die Einstellung zum Leben im Allgemeinen, genauer gesagt zum Eigensinn des erotischen Begehrens und zu den Versuchen, es in einer lebenslangen Liebe zu zügeln. Kunderas Roman war politisch korrekt und verhieß eine erotische Utopie, er war antitotalitär und libertär. So wurde er eines der wichtigsten Bücher der achtziger Jahre.

Tomas ist Chirurg, Teresa Serviererin. In Prag lernen sie einander kennen und sind ein glückliches Paar, bis 1968 die russischen Panzer einrollen. Sie emigrieren und kehren doch zurück, können sich mit dem Regime nicht arrangieren, werden gedemütigt. Am Ende hausen sie auf einem Dorf, hüten die Kühe und fahren den Laster. Bei einem Unfall kommen sie ums Leben. Es wäre dies nur eine bittere Parabel der Nach-Invasionszeit in der Tschechoslowakei, wenn Kundera seinen Helden nicht die Liebe mit all ihren Risiken und Traurigkeiten, ihren Tröstungen und Ekstasen mitgegeben hätte: die Liebe als Gegen-Wirklichkeit und Gegen-Geschichte.

»Der Roman«, heißt es da, »ist nicht die Beichte eines Autors, sondern die Erforschung dessen, was das menschliche Leben bedeutet in der Falle, zu der die Welt geworden ist.« Teresa ist eine große Liebende, Tomas ein beachtenswerter Erotomane der Literaturgeschichte. In der Unterdrückung, sagt Kundera, sucht das Individuum sein Recht, egoistisch, manchmal verzweifelt. Nicht einmal der Kommunismus vermag die Poesie aus dem Dasein zu verbannen, fährt Kundera fort, ja das Leben selbst hat eine ästhetische Struktur, weil es unwiederholbar ist und komponiert werden muss wie Musik. Dafür muss man die Leichtigkeit des Seins tragen.

All diese Lehren wurden 1984 gierig vernommen. Das Leben: ein Spiel, eine Verschiebung von Signifikanten, ohne schicksalhafte Kettung an ein biografisches oder historisches Signifikat. In einer Zeit, die weltpolitisch bleiern auf der Stelle verharrte, signalisierte das Hoffnung. Kunderas Buch war ein genuin postmoderner Roman – und ein Plädoyer für die Freiheit. Vielleicht brachte er seinen Lesern auch die Lage der tschechoslowakischen Dissidenz in Erinnerung, wirklich wirkungsmächtig war jedoch eine simplere Botschaft: Du bist der Autor deines Lebens, der Schöpfer deiner Schönheit. Manche verstanden das als Anregung, sich der Lebenskunst zu widmen, andere als Lizenz zur sexuellen Freizügigkeit. Obgleich es eher ein trauriger Roman ist, warf er ein helles, optimistisches Licht auf die Achtziger. Die Rezeption des Buches war ein großer gemeinsamer Genuss, dann dachte man wieder an Aids und die Zerstörung der Umwelt. Fünf Jahre später ging dem Ostblock wimmernd der Atem aus.