StraßenbauDrei auf einen Streich

Eine Schutzwand schluckt Lärm, Staub und Gifte. Doch keiner will sie

Die Lämschutzwand Noxbox soll gleichzeitig für gute Luft sorgen.

Die Lämschutzwand Noxbox soll gleichzeitig für gute Luft sorgen.

Lärm, Stickoxide, Feinstaub – Anwohner viel befahrener Straßen sind gleich dreifach mit gesundheitsgefährdenden Umweltfolgen des Verkehrs gestraft. Seit Jahren melden zwei von drei Messstationen an innerstädtischen Hauptstraßen regelmäßige Überschreitungen der gesetzlichen Grenzwerte. Aus dem Schwarzwald kommt jetzt eine Technik, die diese drei gewichtigen Risikofaktoren gleichzeitig bekämpft.

Noxbox heißt die Mehrzwecklärmschutzwand, die der Holztechniker Michael Brüner und sein Geschäftspartner, der Landschaftsplaner Peter Kölsch, entwickelt haben. In einer Lärchenholzkonstruktion steckt eine dicke Schicht poröser Lavasteine aus der Vulkaneifel. Darin verfangen sich nicht nur die Schallwellen. Die Steine sind mit Titandioxid beschichtet, einem Katalysator, der die chemische Umwandlung der Stickoxide in der vorbeiströmenden Luft in relativ harmloses Nitrat bewirkt. Feinstaub- und Rußpartikel bleiben in den Poren des Lavagesteins und an einem dahinter eingebauten Vlies haften.

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Ein Teil der in der Wand gebundenen Schadstoffe wird vom Regen abgewaschen, der Rest muss bei starker Verschmutzung mit einem Schlauch abgespritzt werden. Staub, Ruß und Nitrat fließen dann mit dem Wasser in eine Rinne, die an die Kanalisation angeschlossen wird. »All das funktioniert wirklich gut«, sagt Ralf Kurtenbach, Physikochemiker an der Universität Wuppertal. Er testet die Noxbox schon seit über einem Jahr an der B7 in Wuppertal und findet: »Insgesamt ist die Wirkung größer als bei der Einführung einer Umweltzone.«

Luft, die durch die Wand strömt, wird von 80 bis 90 Prozent aller Stickoxide und Feinstäube gesäubert. »Allerdings müssen Sie die Luft erst einmal in die Wand bekommen«, sagt Kurtenbach. Fischmaulartige Öffnungen sollen dabei helfen und Ventilatoren, die alle fünf Meter eingebaut sind. Im Wuppertaler Versuch sank die Feinstaub- und Stickoxidbelastung am Straßenrand um rund fünf Prozent. Zusätzliche Ventilatoren könnten den Effekt noch verstärken. Die umstrittenen Umweltzonen reduzieren die Schadstoffbelastung dagegen nur um zwei bis drei Prozent.

Das Reinigungsprinzip Noxbox ist nicht neu. In Japan wird die Stickoxidbelastung in Krankenhäusern schon seit Jahrzehnten mit Titandioxid gesenkt. Der Sanitärkonzern Toto liefert dafür speziell beschichtete Keramikfliesen. Mitsubishi hat beschichtete Pflastersteine im Angebot, und in Europa untersuchen Wissenschaftler aus fünf Ländern im sogenannten Photopaq-Projekt den Nutzen von Titandioxid beim Schadstoffabbau in verschiedenen Tests.

Einer davon lief im vergangenen September über zwei Wochen im viel befahrenen Brüsseler Leopold-II-Tunnel, Belgiens längstem Straßentunnel. »Die Ergebnisse waren leider noch nicht überzeugend«, sagt die Ingenieurin Anne Beeldens von der Katholischen Universität in Leuven. Der Beton der Tunnelwände war als Untergrund für die Titandioxidbeschichtung wenig geeignet, und es fehlte Licht für den chemischen Umwandlungsprozess. Eigens im Tunnel installierte UV-Lampen waren zu schwach. Der Versuch soll mit neuer Beschichtung und stärkeren Lampen wiederholt werden. Bei einem positiven Ergebnis werde »die Technik bei der demnächst anstehenden Grundsanierung des Tunnels fest eingebaut«, sagt Beeldens.

Auch in Deutschland wird seit einigen Monaten der mögliche Nutzen von Titandioxid an einem besonders schadstoffbelasteten Abschnitt der A1 bei Osnabrück erprobt. Auf einem Kilometer Länge wurde dafür eine Betonlärmschutzwand mit dem Stoff beschichtet, den jeder kennt, als Weißpigment in Wandfarben oder Zahnpasten. Die Schadstoffkonzentration wird mit der eines unbehandelten Autobahnabschnitts in der Nähe verglichen, in zwei Jahren sollen Ergebnisse vorliegen.

Jedes Jahr werden auf einer Länge zwischen 50 und 100 Kilometern neue Lärmschutzwände an Bundesfernstraßen gebaut. Insgesamt stehen bereits fast 2500 Kilometer. Doch die Schwarzwälder »Umweltschutzwand« kam bisher nirgendwo zum Zug – obwohl ihr Nutzen nachgewiesen ist. »Wir kommen uns vor wie jemand, der in der Wüste einen Getränkestand aufgebaut hat, und die ganze Karawane zieht vorüber«, klagt Peter Kölsch, Geschäftsführer von Larix.

Leserkommentare
    • porph
    • 20.08.2012 um 10:46 Uhr

    Man versucht also zu hohe Lärm- und Schadstoffbelastung durch zu viel / zu schnellen Verkehr dadurch auszugleichen, indem man "intelligente" Wände aufbaut, die noch Strom verbrauchen um Ventilatoren anzutreiben. Also noch mehr Emissionen.

    Der Artikel kommt im letzten Teil aber dann doch noch auf die weitaus sinnvollere Alternative: Tempolimits und Verkehrsbeschränkungen. Nicht "mehr" mit "mehr" kontern, sondern einfach mal mit "weniger". Logischer, billiger, nachhaltiger...

    2 Leserempfehlungen
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    Das Warten auf schadstoffärmere Autos wird kurzfristig nichts helfen, daher würde eine derartige Lärmschutzwand durchaus Sinn machen. Und selbst wenn die deutschen Autos umweltfreundlicher würden, die ausländischen Fahrzeuge werden von den deutschen Gesetzen nicht erfasst, es sei denn man verbietet ihnen den Grenzübertritt.

    Für Mehrkosten von 100 EUR bekommen Sie einen Kat für die Straße. In besonders belasteten Gebieten wäre dies durchaus eine gute Wahl.

    Das Warten auf schadstoffärmere Autos wird kurzfristig nichts helfen, daher würde eine derartige Lärmschutzwand durchaus Sinn machen. Und selbst wenn die deutschen Autos umweltfreundlicher würden, die ausländischen Fahrzeuge werden von den deutschen Gesetzen nicht erfasst, es sei denn man verbietet ihnen den Grenzübertritt.

    Für Mehrkosten von 100 EUR bekommen Sie einen Kat für die Straße. In besonders belasteten Gebieten wäre dies durchaus eine gute Wahl.

  1. Funktioniert nicht. Besser sind schadstoffarme Fahrzeuge.
    Tempolimits sind ebenso unverantwortlich. Deutschland ist Transitland und hat es in der Hand Anforderungen an Fahrzeuge zu forden. man wird isch wundern wie schnell eine verfahrene Automobilindustrie auf neue Anforderungen reagiert.

  2. sicher mag es in der Summe besser sein, Tempolimits und Schadsstoffärmere Motore zu entwickeln. Aber jedes Prozent an Schadstoffen, die zusätzlich abgebaut werden können ist gut.
    Die Sache mit den Ventilatoren ist ein Problem, aber meiner Meinung nach kein unlösbares.

    Es ist ein Zeichen einer verkrusteten Bürokratie, dass Innovation als Feind angesehen wird, dass der Gedanke der Investition vollkommen fehlt. Denn wenn die Teile erstmal im großen Stil verbaut werden, werden die Mehrkosten viel kleiner werden.

    Oder hat da eine Firma etwas Neues entwickelt und die alten Platzhirsche haben Angst, dass ihre Produkte veralten? Wundern würde es mich nicht, öffentliche "Ausschreibungen" sind ja ab und an dann doch mal reine Farce um Vitamin B zu bedecken....

    Eine Leserempfehlung
  3. Ach Du liebe "Zeit",
    was hat "Strass" in obiger Thematik mit "Straße" zu tun? Sind "Strasssteine" (http://de.wikipedia.org/w...) vielleicht auch besonders Lärm-/Staub-/Giftschluckend, Herr Asendorpf?

    Merke:
    -langer Vokal - ß (z.B. Fuß, Floß, Fraß)
    -kurzer Vokal - ss (z.B. Nuss, Ross, Fass)

    Herzlich,
    Ihr Rechtschreibfehlerfinder

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    Redaktion

    Lieber Leser.

    Die Spitzmarke – also in diesem Fall das Wort "Straßenbau" – erscheint auf ZEIT ONLINE immer in Majuskeln – daher ist die Schreibweise mit Doppel-S an dieser Stelle korrekt.

    Viele Grüße.

    Redaktion

    Lieber Leser.

    Die Spitzmarke – also in diesem Fall das Wort "Straßenbau" – erscheint auf ZEIT ONLINE immer in Majuskeln – daher ist die Schreibweise mit Doppel-S an dieser Stelle korrekt.

    Viele Grüße.

  4. Ich fände das kleine "ß" immer noch besser als das falsche "ss" - wenn die Zeit schon nicht bereit ist ein großes "ß" in Ihren Zeichensatz aufzunehmen. (http://de.wikipedia.org/w...)

  5. Das Warten auf schadstoffärmere Autos wird kurzfristig nichts helfen, daher würde eine derartige Lärmschutzwand durchaus Sinn machen. Und selbst wenn die deutschen Autos umweltfreundlicher würden, die ausländischen Fahrzeuge werden von den deutschen Gesetzen nicht erfasst, es sei denn man verbietet ihnen den Grenzübertritt.

    Für Mehrkosten von 100 EUR bekommen Sie einen Kat für die Straße. In besonders belasteten Gebieten wäre dies durchaus eine gute Wahl.

    Antwort auf "Fragwürdiger Ansatz"
  6. Es sollte darauf geachtet werden dass das, was in der Kanalisation landet dann auch dementsprechend gut gereinigt wird. Sonst werden all die tollen Schadstoffe nicht entfernt, sondern einfach nur über das Grundwasser anders verteilt.

    Im Übrigen gibt es schon seit einer ganzen Weile ein ähnliches System, das in vielen Bereichen Ähnliches leisten kann. Und dieses System heißt "Wald".

    • CM
    • 20.08.2012 um 12:35 Uhr

    "Im Wuppertaler Versuch sank die Feinstaub- und Stickoxidbelastung am Straßenrand um rund fünf Prozent."

    Was für ein Witz.

    Ein paar Tempolimits würden viel mehr bringen.

    Dafür zu sorgen, daß die Deutschen sich kleine, sparsame Wagen statt der heutigen Dreckschleudern zu kaufen würde noch viel mehr bringen.

    Den Flugverkehr so zu besteuern wie den Autoverkehr, das würde auch weit entfernt von den Schnellstraßen etwas bringen.

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