Deutsches Olympia-TeamWie das Land, so die Mannschaft

Für das bescheidene Abschneiden der Deutschen in London gibt es gute Gründe. Keinen Grund gibt es, das Team deswegen zu beschimpfen. von 

Der deutsche Turner Fabian Hambüchen

Der deutsche Turner Fabian Hambüchen   |  © Emmanuel Dunand/AFP/GettyImages

Früher gab es mal den Spruch, Briten könnten Medaillen nur im Sitzen gewinnen. Rudern, Radfahren, Segeln – das waren ihre Domänen. Doch die Sportler von der Insel haben dazugelernt: Sie können jetzt auch rennen, springen – und sogar beim Tennis gewinnen! Das ist gut für die Spiele von London, weil die selbstkritische Nörgelei der Gastgeber und ihre Angst vor einer Blamage in totale Euphorie umgeschlagen ist. Und gute Stimmung in den Stadien beflügelt auch die Athleten anderer Nationen.

Trotz Überraschungsgold durch Jonas Reckermann und Julius Brink im Beachvolleyball und den (bisher) neun weiteren Goldmedaillen im Reiten, Rudern, Kanu, Radfahren, Diskuswerfen – die Deutschen haben die Erwartungen von Teilen der Öffentlichkeit nicht erfüllt und die Zielvorgaben der Politik deutlich unterschritten.

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Auch wenn die Medaillenzählerei zu den fragwürdigen Sportarten gehört: Es sagt doch etwas aus, nämlich dass deutsche Athleten sich seit der Wiedervereinigung immer schwerer tun, in der Weltelite dabei zu sein. Seit den Spielen von Barcelona wird die Medaillenausbeute der einstmals drittbesten Sportnation der Welt kontinuierlich geringer, in Peking war sie noch exakt halb so groß wie 1992. Vor zwanzig Jahren profitierte die gesamtdeutsche Mannschaft neben der Wiedervereinigungseuphorie auch von den Kaderschmieden des DDR-Sports. Heute gelingt es in den Olympiastützpunkten immer seltener, Weltklasseathleten hervorzubringen.

Das muss man gar nicht bedauern. Es gibt genug Gründe dafür, die Verlagerung des Nationenwettstreits von echten Schlachtfeldern auf Sportplätze und Tartanbahnen für eine fragwürdige Veranstaltung zu halten. Warum soll ein Land sich darüber definieren und seinen Liebreiz damit zur Schau stellen, dass einige seiner Bürger gut einen Hammer werfen oder Federball spielen können? Die Frage zeigt schon, dass man dem Sport nicht zu viel symbolische Bedeutung beimessen sollte. Und dennoch hat es etwas Symptomatisches, wenn eine Leistungsgesellschaft wie unsere den Leistungssport offenbar nicht mehr so richtig will.

Christof Siemes
Christof Siemes

Christof Siemes ist seit 1993 Redakteur bei der ZEIT und Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur. Er berichtet für DIE ZEIT und ZEIT ONLINE von den Olympischen Spielen in London.

In einer Sportart besser als jeder andere auf der Welt zu sein bedeutet, sich ihr von klein auf ganz zu verschreiben. Wer als Kind und Jugendlicher auch nur etwas breiter gefächerte Interessen verfolgt, wird es im Sport kaum an die absolute Spitze bringen. Dazu verdichten die ständigen Reformen im deutschen Schulsystem, vor allem die Einführung des achtjährigen Gymnasiums, die Stundenpläne derart, dass für systematisches Training nicht genug Zeit bleibt; die Sportvereine klagen schon lange darüber. Aber vor die Wahl gestellt, Sport oder Schule zu vernachlässigen, werden deutsche Eltern meistens und mit guten Gründen auf der Bildung beharren – und ohne die Rückendeckung und selbstlose Unterstützung durch die Familie wird kein Athlet wirklich groß.

Hinzu kommt, dass sich das jahrzehntelange Engagement finanziell nur für wenige herausragende Athleten einzelner Disziplinen auszahlt. Auch als Mittel für gesellschaftlichen und ökonomischen Aufstieg kommt der Sport hierzulande kaum mehr in Betracht. Bleibt neben dem Kick, den Körperertüchtigung auf hohem Niveau bringt, als Anreiz für die Quälerei nur der Ruhm, den man als erfolgreicher Olympionike erwirbt. Doch auch der ist in Deutschland eine zwiespältige Sache.

Nachdem man einmal falschen Vorbildern zujubelnd in ein Menschheitsverbrechen gefolgt ist, tut man sich schwer mit Heldenverehrung. Die patriotische Hysterie, in die sich die Briten auch mithilfe ihrer seriösen Medien gerade hineinsteigern, würde hierzulande einiges Unbehagen auslösen – zu Recht. Und dass sich der erste gesamtdeutsche Weltsportstar, Jan Ullrich, als Dopingbetrüger erwies, hat unser Verhältnis zur Höchstleistung auch nicht eben entspannt.

London 2012

Vom 27. Juli bis zum 12. August 2012 richtet London die größte Sportveranstaltung der Welt aus. Bei den Sommerspielen der 30. Olympiade wird es in 26 Sportarten 302 Entscheidungen geben. Insgesamt werden mehr als 10.000 Sportler aus mehr als 200 Ländern in England erwartet. Außerdem werden ungefähr 30.000 Journalisten aus aller Welt aus London von den Spielen berichten. Insgesamt stehen 6,6 Millionen Tickets zum Verkauf.

Olympia auf ZEIT ONLINE

In unserem Ticker verpassen Sie keinen olympischen Wettkampf, keine Medaille und keinen Termin der Sommerspiele in London. Den an jedem Olympiatag spannendsten Wettkampf stellen wir in der Serie "Mein Olympia" vor. Alle Interviews, Reportagen und Essays der Redaktion finden Sie auf der Olympia-Seite. Die englische Hauptstadt London ist nach 1908 und 1948 die erste Metropole, die zum dritten Mal Gastgeber der Spiele ist. Für ZEIT ONLINE berichten Christian Spiller und Christof Siemes aus London. Im Blog der Sportredaktion lesen Sie die Erfahrungen der Olympiareporter.

Viele Spitzensportler leiden unter dieser Achterbahnfahrt der öffentlichen Meinung: Die durchaus vorhandene Sehnsucht nach heldischen Vorbildern schlägt bei der ersten Schwäche in gnadenlose Kritik um – vielleicht, weil man sich der anfänglichen Begeisterung später schämt. Letztlich aber haben der Sport und seine Stars – vom Fußball einmal abgesehen – nicht mehr die gesellschaftliche Relevanz, die in anderen Ländern die Grundlage bildet für herausragende Erfolge.

Zum Spitzensport gehört eine gute Portion Unvernunft auf allen Seiten, damit tut sich die Vernunftrepublik Deutschland schwer. Schlimm ist das nicht. Aber man sollte die deutsche Olympiamannschaft nicht dafür beschimpfen, dass sie ist wie das Land.

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