Als der »schnellste Mann auf keinen Beinen« am vergangenen Sonntag endlich ausgeschieden war, atmeten viele auf. Oscar Pistorius, vierfacher Goldmedaillengewinner bei Paralympischen Spielen, war auf Beinprothesen auch im olympischen 400-Meter-Lauf bis ins Halbfinale gesprintet.

Dort war für ihn Schluss. Wäre er aber bis ins Finale gestürmt und hätte er am Ende gar eine Medaille gewonnen: Die Sportwelt wäre nicht mehr zur Ruhe gekommen. Pistorius, so fanden Beobachter, verdanke seinen Kohlefaser-Schenkeln einen Wettbewerbsvorteil. Der Internationale Sportgerichtshof CAS hatte dies jedoch nicht so gesehen und dem »blade runner« die Teilnahme an den Spielen ermöglicht.

Pistorius ist nicht der erste beinamputierte Athlet bei Olympischen Spielen. Doch die australische Langstreckenschwimmerin Natalie Du Toit, die 2008 in Peking 16. wurde, ging ohne Prothese an den Start. Der Südafrikaner dagegen rannte in London auf seinen »Cheetah« (Gepard) genannten Ersatzteilen durch das Stadion. Damit trat erstmals ein Athlet an, der mit offiziellem Segen etwas nutzte, was grundsätzlich als verboten gilt: künstliche Hilfsmittel. Es sind die federnden Karbonstelzen, die ihm ermöglichen, seine Leistung zu entfalten. Pistorius ist der erste Hybridsportler, der um olympische Medaillen kämpfte.

Normalerweise steht künstliche Hilfe nur dann im Fokus, wenn über die Einnahme leistungssteigernder Substanzen oder das Tuning mit verbotenen Methoden diskutiert wird: Anabolika, Hormone, Blut- oder Gendoping. Erreichen Sportsleute dieselbe Wirkung (höhere Sauerstoffaufnahme des Blutes) nicht mit dem Blutbildungshormon Epo, sondern mit einem Höhentrainingslager oder in der Klimakammer, haben die Dopingfahnder nichts einzuwenden.

Die Prothesen von Pistorius machen ein Dilemma des Spitzensports offenkundig. Gibt es, wenn ein Athlet die Unzulänglichkeit seines Körpers kompensiert, einen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Einsatz künstlicher Präparate und dem Gebrauch von Gepardstelzen? Letztlich erzielen Ausdauersportler im erlaubten Höhentraining oder der Klimakammer dieselbe Wirkung wie mit dem geächteten Epo.

Die Geisteswissenschaften fühlen sich herausgefordert, diese Frage grundsätzlich anzugehen. Für die Frankfurter Sportphilosophin Claudia Pawlenka etwa ist die Grenze zwischen Doping und Nichtdoping, so wie sie heute gezogen ist, eine willkürliche. Sie basiert im Wesentlichen auf einer simplen Negativliste, die verbotene Substanzen aufzählt.

Grundsätzlicher ließe sich das Problem diskutieren, wenn man als Maßstäbe die Natürlichkeit und die Natur des Menschen nähme. Diese zu definieren fällt jedoch ungemein schwer. Im genetischen Sinn ist »natürlich«, was einen natürlichen Ursprung hat. »Natürlich« im qualitativen Sinn ist für die Philosophen jedoch, was sich von dem in der Natur Vorgefunden nicht unterscheidet. Wie ließe sich da der finnische Skilangläufer Eero Mäntyranta einordnen? Der Goldmedaillengewinner der 1960er Jahre ist wegen eines Gendefekts quasi mit »Natur-Epo« ausgestattet. Damit weist er sowohl genetische Natürlichkeit auf, als auch qualitative Unnatürlichkeit.