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Prothesen, Höhentraining, Hightech-Geräte – die Grenze zum Doping ist fließend geworden. von  und

Wer ist hier gedopt?

Wer ist hier gedopt?  |  © Alexander Hassenstein/Getty Images Sport

Als der »schnellste Mann auf keinen Beinen« am vergangenen Sonntag endlich ausgeschieden war, atmeten viele auf. Oscar Pistorius, vierfacher Goldmedaillengewinner bei Paralympischen Spielen, war auf Beinprothesen auch im olympischen 400-Meter-Lauf bis ins Halbfinale gesprintet.

Dort war für ihn Schluss. Wäre er aber bis ins Finale gestürmt und hätte er am Ende gar eine Medaille gewonnen: Die Sportwelt wäre nicht mehr zur Ruhe gekommen. Pistorius, so fanden Beobachter, verdanke seinen Kohlefaser-Schenkeln einen Wettbewerbsvorteil. Der Internationale Sportgerichtshof CAS hatte dies jedoch nicht so gesehen und dem »blade runner« die Teilnahme an den Spielen ermöglicht.

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Pistorius ist nicht der erste beinamputierte Athlet bei Olympischen Spielen. Doch die australische Langstreckenschwimmerin Natalie Du Toit, die 2008 in Peking 16. wurde, ging ohne Prothese an den Start. Der Südafrikaner dagegen rannte in London auf seinen »Cheetah« (Gepard) genannten Ersatzteilen durch das Stadion. Damit trat erstmals ein Athlet an, der mit offiziellem Segen etwas nutzte, was grundsätzlich als verboten gilt: künstliche Hilfsmittel. Es sind die federnden Karbonstelzen, die ihm ermöglichen, seine Leistung zu entfalten. Pistorius ist der erste Hybridsportler, der um olympische Medaillen kämpfte.

Normalerweise steht künstliche Hilfe nur dann im Fokus, wenn über die Einnahme leistungssteigernder Substanzen oder das Tuning mit verbotenen Methoden diskutiert wird: Anabolika, Hormone, Blut- oder Gendoping. Erreichen Sportsleute dieselbe Wirkung (höhere Sauerstoffaufnahme des Blutes) nicht mit dem Blutbildungshormon Epo, sondern mit einem Höhentrainingslager oder in der Klimakammer, haben die Dopingfahnder nichts einzuwenden.

London 2012

Vom 27. Juli bis zum 12. August 2012 richtet London die größte Sportveranstaltung der Welt aus. Bei den Sommerspielen der 30. Olympiade wird es in 26 Sportarten 302 Entscheidungen geben. Insgesamt werden mehr als 10.000 Sportler aus mehr als 200 Ländern in England erwartet. Außerdem werden ungefähr 30.000 Journalisten aus aller Welt aus London von den Spielen berichten. Insgesamt stehen 6,6 Millionen Tickets zum Verkauf.

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In unserem Ticker verpassen Sie keinen olympischen Wettkampf, keine Medaille und keinen Termin der Sommerspiele in London. Den an jedem Olympiatag spannendsten Wettkampf stellen wir in der Serie "Mein Olympia" vor. Alle Interviews, Reportagen und Essays der Redaktion finden Sie auf der Olympia-Seite. Die englische Hauptstadt London ist nach 1908 und 1948 die erste Metropole, die zum dritten Mal Gastgeber der Spiele ist. Für ZEIT ONLINE berichten Christian Spiller und Christof Siemes aus London. Im Blog der Sportredaktion lesen Sie die Erfahrungen der Olympiareporter.

Die Prothesen von Pistorius machen ein Dilemma des Spitzensports offenkundig. Gibt es, wenn ein Athlet die Unzulänglichkeit seines Körpers kompensiert, einen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Einsatz künstlicher Präparate und dem Gebrauch von Gepardstelzen? Letztlich erzielen Ausdauersportler im erlaubten Höhentraining oder der Klimakammer dieselbe Wirkung wie mit dem geächteten Epo.

Die Geisteswissenschaften fühlen sich herausgefordert, diese Frage grundsätzlich anzugehen. Für die Frankfurter Sportphilosophin Claudia Pawlenka etwa ist die Grenze zwischen Doping und Nichtdoping, so wie sie heute gezogen ist, eine willkürliche. Sie basiert im Wesentlichen auf einer simplen Negativliste, die verbotene Substanzen aufzählt.

Grundsätzlicher ließe sich das Problem diskutieren, wenn man als Maßstäbe die Natürlichkeit und die Natur des Menschen nähme. Diese zu definieren fällt jedoch ungemein schwer. Im genetischen Sinn ist »natürlich«, was einen natürlichen Ursprung hat. »Natürlich« im qualitativen Sinn ist für die Philosophen jedoch, was sich von dem in der Natur Vorgefunden nicht unterscheidet. Wie ließe sich da der finnische Skilangläufer Eero Mäntyranta einordnen? Der Goldmedaillengewinner der 1960er Jahre ist wegen eines Gendefekts quasi mit »Natur-Epo« ausgestattet. Damit weist er sowohl genetische Natürlichkeit auf, als auch qualitative Unnatürlichkeit.

Leserkommentare
  1. "Außerdem: Sind High-Tech-Laufschuhe dann nicht auch "technisches Doping"?"

    Sicher, mit dem kleinen, aber wichtigen Unterschied, dass sie allen Läufern zur Verfügung stehen. Es geht einfach um die ungleichen Vorausetzungen, nicht darum, ob das Laufen so oder so einfacher ist.

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    • matzi02
    • 10. August 2012 16:54 Uhr

    aber es steht ja jedem Sportler frei sich die Unterschankel amputieren zu lassen und mit Carbonbeinen anzutreten.
    Würde ich von einem Beinlosen überholt will ich ihm gerne meine grösste Hochachtung zollen. Auch angesichts des Wissens das sein Körper ohne Unterschenkel in Sachen Blutzirkulatur usw. gar nicht so gut funktionier wie meiner, und allein daher seine Leistung nochmals höher bewertet werden muss!
    Nicht gegen ihn anzutreten kaeme mir nie in den Sinn!

    • brazzy
    • 10. August 2012 14:58 Uhr

    ...wäre es vielleicht, wenn man aufhören würde, an diesem Olympia-Spektakel und insbesondere den Medalliengewinnen so unglaublich viel Geld und Prestige festzumachen und stattdessen aus "Dabei sein ist Alles" wieder mehr als eine leere Phrase werden würde.

    Dann könnte man sich einfach drüber freuen daß jemand ohne Beine trotzdem schnell laufen kann und müsste sich nicht in philosophisch-technische Streitgespräche darüber hinensteigern, ob es nun fair ist wenn er dadurch schneller werden könnte als mit Beinen.

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    • charele
    • 10. August 2012 15:21 Uhr
  2. ... daß der nicht vorhandenen muskuläre Belastung von Beinprothesen eine höhere Belastung der Knochen und Gelenke gegenüber steht, die bei "natürlich bebeinten" Läufern so nicht vorhanden ist.

    Abgesehen davon ist die Belastung der verbliebenen Muskulatur am verbliebenen höher, als die Gesamtbelastung bei einem Läufer, der auf den eigenen Beinen läuft. Warum? letzterer hat Muskeln, die er kontrollieren kann. Da es diese bei der Beinprothese nicht mehr gibt, müssen andere Muskeln die zusätzliche Arbeit übernehmen.

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  3. wie schnell einer 100m laufen kann? Die angebliche Königsdisziplin der Spiele ist ja auch gleichzeitig die banalste. Führt man sich vor Augen, dass die Mneschheit Flugzeuge und Autos erfunden hat, ist es doch nahezu lächerlich jemanden zu bewundern, der schneller als ein Fahrrad laufen kann. Wahrscheinlich ist es die Sehnsuch nach Einfachheit und etwas Ursprünglichem. Und dann sind wir beleidigt/ enttäuscht, wenn die Leistungen mit Höhentrainings, speziellen Equipment oder gar Doping erreicht werden. Die Diskussion um Prothesen definiert nur den Grad der Scheinheiligkeit, der für die breiten Massen noch erträglich scheint ohne etwas hinterfragen zu müssen. Noch einen Schenkelklopfer hinterher: Recht hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun und Spitzensport nichts mit Fairness

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