Sport und Ethik : Künstlich sportlich

Prothesen, Höhentraining, Hightech-Geräte – die Grenze zum Doping ist fließend geworden.
Wer ist hier gedopt? © Alexander Hassenstein/Getty Images Sport

Als der »schnellste Mann auf keinen Beinen« am vergangenen Sonntag endlich ausgeschieden war, atmeten viele auf. Oscar Pistorius, vierfacher Goldmedaillengewinner bei Paralympischen Spielen, war auf Beinprothesen auch im olympischen 400-Meter-Lauf bis ins Halbfinale gesprintet.

Dort war für ihn Schluss. Wäre er aber bis ins Finale gestürmt und hätte er am Ende gar eine Medaille gewonnen: Die Sportwelt wäre nicht mehr zur Ruhe gekommen. Pistorius, so fanden Beobachter, verdanke seinen Kohlefaser-Schenkeln einen Wettbewerbsvorteil. Der Internationale Sportgerichtshof CAS hatte dies jedoch nicht so gesehen und dem »blade runner« die Teilnahme an den Spielen ermöglicht.

Pistorius ist nicht der erste beinamputierte Athlet bei Olympischen Spielen. Doch die australische Langstreckenschwimmerin Natalie Du Toit, die 2008 in Peking 16. wurde, ging ohne Prothese an den Start. Der Südafrikaner dagegen rannte in London auf seinen »Cheetah« (Gepard) genannten Ersatzteilen durch das Stadion. Damit trat erstmals ein Athlet an, der mit offiziellem Segen etwas nutzte, was grundsätzlich als verboten gilt: künstliche Hilfsmittel. Es sind die federnden Karbonstelzen, die ihm ermöglichen, seine Leistung zu entfalten. Pistorius ist der erste Hybridsportler, der um olympische Medaillen kämpfte.

Normalerweise steht künstliche Hilfe nur dann im Fokus, wenn über die Einnahme leistungssteigernder Substanzen oder das Tuning mit verbotenen Methoden diskutiert wird: Anabolika, Hormone, Blut- oder Gendoping. Erreichen Sportsleute dieselbe Wirkung (höhere Sauerstoffaufnahme des Blutes) nicht mit dem Blutbildungshormon Epo, sondern mit einem Höhentrainingslager oder in der Klimakammer, haben die Dopingfahnder nichts einzuwenden.

Die Prothesen von Pistorius machen ein Dilemma des Spitzensports offenkundig. Gibt es, wenn ein Athlet die Unzulänglichkeit seines Körpers kompensiert, einen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Einsatz künstlicher Präparate und dem Gebrauch von Gepardstelzen? Letztlich erzielen Ausdauersportler im erlaubten Höhentraining oder der Klimakammer dieselbe Wirkung wie mit dem geächteten Epo.

Die Geisteswissenschaften fühlen sich herausgefordert, diese Frage grundsätzlich anzugehen. Für die Frankfurter Sportphilosophin Claudia Pawlenka etwa ist die Grenze zwischen Doping und Nichtdoping, so wie sie heute gezogen ist, eine willkürliche. Sie basiert im Wesentlichen auf einer simplen Negativliste, die verbotene Substanzen aufzählt.

Grundsätzlicher ließe sich das Problem diskutieren, wenn man als Maßstäbe die Natürlichkeit und die Natur des Menschen nähme. Diese zu definieren fällt jedoch ungemein schwer. Im genetischen Sinn ist »natürlich«, was einen natürlichen Ursprung hat. »Natürlich« im qualitativen Sinn ist für die Philosophen jedoch, was sich von dem in der Natur Vorgefunden nicht unterscheidet. Wie ließe sich da der finnische Skilangläufer Eero Mäntyranta einordnen? Der Goldmedaillengewinner der 1960er Jahre ist wegen eines Gendefekts quasi mit »Natur-Epo« ausgestattet. Damit weist er sowohl genetische Natürlichkeit auf, als auch qualitative Unnatürlichkeit.

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Kommentare

45 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Also die Bezeichnungen

wie "Bladerunner" oder "Hybridsportler" haben mich schon etwas zum Schmunzeln gebracht.

Wie soll er denn laufen wenn er keine Beine hat?Beim Schwimmen kann man sicherlich auch ohne beine bzw Fueße gut vorwaerts kommen. Klar ist es die Frage zu stellen, ob er damit wirklich schneller ist als jemand mit gesunden Beinen. Jetzt ist er ausgeschieden , und das zeigt, er war auch nur m Schnitt genauso gut wie der Rest.

Wir werden ohnehin nicht drumherum kommen zukuenftig immer mehr Menschen mit Implantaten und anderen technischen Koerperhilfen zu beachten. Ich sage nur Deus EX ;)

Er hat mehr Nachteile als Vorteile

Nachdem ich mir seine Läufe angesehen habe, mich ein wenig über seine Prothesen informiert habe und einige Simulationen gesehen ist es klar:

Pistorius hat durch seine Beinprothesen eindeutig viel größere Nachteile als Vorteile. Die Diskussionen sind etwas unfair. Der einzige Grund, warum er so schnell ist, ist weil mindestens genauso hart trainiert wie die anderen Läufer. Inwiefern sein Körper als Läufer optimal ist, kann ich nicht beurteilen. Aber Gold kann er nicht gewinnen, weil er eben wirklich benachteiligt ist. Wenn er trotzdem eine Medaille erobert, dann sollte man sie ihm auch anerkennen, anstatt alles direkt auf irgendeinen technischen Vorteil zu deuten.

Und ehrlich gesagt möchte ich gar nicht wissen, wie viele "wissenschaftliche" Neuerungen in den anderen Läufern stecken.

Meiner Ansicht nach sind das ungleiche Startbedingungen, ...

... wenn Läufer mit natürlichen Beinen zusammen mit Pistorius laufen. Die Meinung der Gutachter in allen Ehren, aber ein Unterschied liegt z.B. darin, dass seine Carbonunterschenkel die Energie, die sie aufnehmen, wieder abgeben, ohne dass Muskeln und Sehnen daran beteiligt wären, die ermüden, oder Zerrungen erleiden können.

Ich bin dafür, dass das nicht weitergeführt wird, es sind ungleiche Voraussetzungen.

Irgendwo...

...muss die Energie doch herkommen. Und da Pistorius keine Unterschenkel hat, kommt sie aus seinen Oberschenkeln. Womit diese stärker beantsprucht werden als bei Läufern mit vollständigen Gliedmaßen.
Also, ich verstehe die ganze Aufregung nicht. War doch gut, dass Pistorius starten konnte/durfte. Er war nicht gut genug fürs Finale und damit ist die Sache erledigt. Hoffentlich kommt irgendwann ein körperbehinderter Sportler mit der gleichen Entschlossen- und Verbissenheit und schafft es noch weiter.

Dazu sollte aber berücksichtigt werden...

... daß der nicht vorhandenen muskuläre Belastung von Beinprothesen eine höhere Belastung der Knochen und Gelenke gegenüber steht, die bei "natürlich bebeinten" Läufern so nicht vorhanden ist.

Abgesehen davon ist die Belastung der verbliebenen Muskulatur am verbliebenen höher, als die Gesamtbelastung bei einem Läufer, der auf den eigenen Beinen läuft. Warum? letzterer hat Muskeln, die er kontrollieren kann. Da es diese bei der Beinprothese nicht mehr gibt, müssen andere Muskeln die zusätzliche Arbeit übernehmen.

Wenn mich nicht alles täuscht...

... laufen die Prothesen nicht von alleine.

Wie läuft es sich wohl leichter? Auf den eigenen Beinen oder auf Prothesen?

Mit Beinprothesen gehen zu lernen, ist schon eine äußerst schwierige Angelegenheit. Mit Beinprothesen zu laufen - und das noch in einer olympischen Disziplin, ist eine Meisterleistung.

Bis vor kurzem war es schlichtweg undenkbar, daß Läufer mit Beinprothesen nahezu ebenso gute Leistungen erreichen, wie unversehrte Läufer auf den eigenen Beinen. Jetzt holen behinderte Sportler dank Training und sicherlich auch Tüftelei für haltbare Prothesen, langsam auf - was im Grunde nur heißt, daß sie fast auf Augenhöhe mit "natürlich bebeinten" Läufern sind. Ihnen "technisches Doping" vorzuwerfen, zeugt für mich von wenig fair play, eher von Futterneid.

Außerdem: Sind High-Tech-Laufschuhe dann nicht auch "technisches Doping"?

Laufen macht es nicht so eindeutig

Man gönnt Pistorius den Erfolg vom ganzen Herzen. Aber trotzdem sind seine Karbon-Beine unfair gegenüber Muskeln, Sehnen und Knochen. Noch klarer als beim Laufen wäre es beim Schwimmen. Jemand ohne Beine könnte auf die Idee kommen sich Prothesen mit Flossen zu montieren und würde die Goldmedaille gewinnen. Für Prothesen gibt es noch keine vereinbarten Fairness-Kriterien. Daher sollten Prothesen bei der Olympiade im Moment nicht erlaubt sein.

Ich bitte sie!

Dieser Vergleich mit dem Schwimmen ist so unpassend.

Pistorius trägt doch keinen Jetpack, den er bei Startschuss zündet. Er trägt auch keine Springfedern und versucht damit den Hochsprungrekord zu knacken. Er läuft einfach, mit ungewöhnlichen Schuhwerk, aber keines was Vorteile bringt. Das wurde übrigens auch schon oft offiziell bestätigt. Und wie gesagt, man muss sich nur mal genauer befassen mit den Prothesen und so kommt man selbst zu diesem Schluss.

Wenn er nun plötzlich mit neu entwickelten Prothesen daher kommt, dann müsste man es natürlich wieder mal überprüfen.

Ist das nicht etwas voreilig?

Der Vergleich mit "Schwimmflossenprothesen" ist insofern unhaltbar, als daß Pistorius mit einer äußerst schlichten Beinprothese läuft, bei der es sich lediglich um eine Feder mit einen Prothesenschaft handelt. Keine Mikroprozessoren, keine Hydraulik, kein Furz, kein Feuerstein (würden die Belastungen eh nicht überstehen).

Es wäre naiv zu glauben, man würde mit einer simplen Karbonfeder zum "Bionic-Man". Das ist kein Raketenantrieb, die Feder dient lediglich der Energierückgabe, aber vor allem der Dämpfung (sonst würde sich der Sportler durch die auftretenden Kräfte die Lendenwirbelsäule brechen). Und was sie an Energierückgabe einbringt, wird durch die Dämpfung und den Verlust an Länge beim Auftreten ausgeglichen.

Pistorius ist nicht der einzige Sportler mit derartigen Prothesen. Er ist aber der einzige, der auf diesem sportlichen Niveau läuft.

Prothesen sind keine magischen Dinger.

es ist natürlich pervers

aber es steht ja jedem Sportler frei sich die Unterschankel amputieren zu lassen und mit Carbonbeinen anzutreten.
Würde ich von einem Beinlosen überholt will ich ihm gerne meine grösste Hochachtung zollen. Auch angesichts des Wissens das sein Körper ohne Unterschenkel in Sachen Blutzirkulatur usw. gar nicht so gut funktionier wie meiner, und allein daher seine Leistung nochmals höher bewertet werden muss!
Nicht gegen ihn anzutreten kaeme mir nie in den Sinn!

Es bleibt ein Präzedenzfall

Sie haben Recht, ich habe kein Physik-Labor im Keller, um die Eigenschaften mit den vielen Variablen experimentell und am Supercomputer zu analysieren. Aber dieser Präzedenzfall kann dafür sorgen, dass irgendwann das olympische Komitee in so ein Labor investieren muss. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass manche Staaten (z.B. ehemalige DDR und UDSSR) nichts unversucht lassen, damit ihre Sportler Goldmedaillen gewinnen. Es muss ja nicht gleich eine Amputation von Gliedmassen sein, sondern winzige (möglicherweise unsichtbare) Modifikationen. Wenn wir jetzt nach Medikamenten die Ära der bionischen oder genetischen Modifikationen betreten, denn werden bald die Teilnehmer der Olympischen Spiele wie Superhelden (Spider-Mann) aus Hollywood-Filmen aussehen. China z.B. hat das nötige Geld, die Wissenschaftler und die passende Attitüde dazu. Hoffen wir, dass es Science-Fiction bleibt.

Die beste Lösung...

...wäre es vielleicht, wenn man aufhören würde, an diesem Olympia-Spektakel und insbesondere den Medalliengewinnen so unglaublich viel Geld und Prestige festzumachen und stattdessen aus "Dabei sein ist Alles" wieder mehr als eine leere Phrase werden würde.

Dann könnte man sich einfach drüber freuen daß jemand ohne Beine trotzdem schnell laufen kann und müsste sich nicht in philosophisch-technische Streitgespräche darüber hinensteigern, ob es nun fair ist wenn er dadurch schneller werden könnte als mit Beinen.