Der Verteidigungsminister möchte eine breite Diskussion über die Frage, ob Deutschland bewaffnete Drohnen anschaffen soll. Und macht selbst den Anfang. Her mit ihnen, sagt Thomas de Maizière (CDU). Es sei doch unlogisch, dass Kampfjets Waffen tragen dürften, unbemannte Flugzeuge hingegen nicht. Außerdem: »Ethisch ist eine Waffe stets als neutral zu betrachten.«

Dem Minister ist zu danken für diesen Auftakt der Debatte. Genau so leicht nämlich darf man sich die Sache nicht machen.

Denn natürlich gibt es zutiefst unethische Waffen. Dazu gehören Landminen, Streubomben, Granaten, deren Fragmente im Körper durch Röntgenstrahlung nicht entdeckt werden können, blind machende Laserwaffen sowie atomare, biologische und chemische Waffen. Aus gutem Grund gibt es völkerrechtliche Abkommen, die den Gebrauch all dieser Kriegsmittel ächten oder ihre Verbreitung verbieten.

Wenn bestimmte Waffen mehr ungezielte als gezielte Wirkungen entfalten oder wenn sie unnötiges Leid selbst unter Kombattanten hervorrufen, gehören sie nicht in das Arsenal der Armee eines Rechtsstaates. Es ist richtig, dass die Bundeswehr solch heimtückisches Gerät weder besitzt noch anschafft.

Auch die Drohne ist eine heimtückische Waffe. Ihre Raketen treffen die Opfer buchstäblich aus heiterem Himmel, in oft völliger Wehr- und Ahnungslosigkeit. Trotzdem, die traditionellen Ächtungskriterien erfüllt die Drohne gerade nicht. Im Gegenteil, sie ist, richtig eingesetzt, die präziseste und damit schonendste Luftwaffe. Der Pilot, der ein – im Militärjargon – UAV (Unmanned Aerial Vehicle) steuert, kann sein Ziel im besten Fall tagelang von seinem Monitorpult aus beobachten.

Er kann Bewegungsgewohnheiten von, sagen wir, einem mutmaßlichen Terroristen in Afghanistan erkennen, kann darauf warten, dass dessen Frau und Kinder das Haus verlassen, kann den günstigsten Moment abpassen, bevor er die tödliche Rakete auslöst. All das kann ein Pilot in einem Kampfjet längst nicht so gut. Und natürlich wird keine Flugzeugbesatzung selbst gefährdet. Im Libyenkrieg setzten die USA vergangenes Frühjahr zuallererst Drohnen ein, um Gaddafis Luftabwehr anzugreifen. Vieles spricht dafür, dass es auch deswegen keine Verluste unter den Nato-Piloten gegeben hat.

Genau hier aber, in der Leichtigkeit ihres Einsatzes, liegt zugleich das Zweifelhafte der Joystick-Bomber. Wer selbst keine Opfer fürchten muss, entscheidet sich schneller für einen Beschuss. Die US-Regierung führte neben den Kriegen in Afghanistan und im Irak de facto schon lange einen weiteren, unsichtbaren Krieg in Pakistan, im Jemen und in Somalia. Er wird nicht aus dem Pentagon gesteuert, sondern direkt aus dem Weißen Haus.

Barack Obama hat in den vergangenen drei Jahren der CIA laut amerikanischen Zeitungsberichten mindestens 239 Befehle zum targeted killing, zum gezielten Töten, erteilt, mehr als fünfmal so viele wie George W. Bush, der 44-mal in seiner gesamten Amtszeit den Einsatz erlaubte. Die außergerichtliche kill list, die Obama im Oval Office abarbeitet, beeinträchtigt offenbar weder seine Friedensnobelpreiswürdigkeit noch seinen Ruf als globaler Versöhner.

Was passiert, wenn man eine solche politische Versuchung in die Hände der Bundesregierung legt? Für ein Land wie Deutschland, in dem die Bevölkerung allergisch auf alles Kriegerische reagiert, wären Kampfdrohnen die perfekte Leisetreter-Option: Nach außen ließen sich mit ihnen Bündnisverpflichtungen erfüllen, ohne im Inneren Fronten zu eröffnen.

Deutschland zieht bis 2014 seine Soldaten aus Afghanistan ab. Wäre es danach überhaupt als »Auslandseinsatz« zu qualifizieren, wenn ein Bundeswehroffizier vom Fliegerhorst Jagel aus einen Drohnenangriff auf einen Talibantrupp bei Faisabad dirigieren würde? Der Bundestag muss laut Entsendegesetz dem »Einsatz bewaffneter deutscher Streitkräfte« im Ausland zustimmen. Wem eigentlich gilt der dahinterstehende Schutzgedanke? Den deutschen Soldaten? Oder auch solchen Leuten wie den Taliban?

Bisher musste die Politik darüber nicht entscheiden. Demnächst wird es sicher Regierungsjuristen geben, die argumentieren, »Parlamentsarmee« bedeute lediglich, dass die Demokratie ihre eigenen Bürger schützen müsse. Andererseits, wenn der Bundestag zustimmen muss, heißt das dann auch, dass er sich zum Richter über Leben und Tod von anvisierten Drohnenzielen aufschwingen darf?

All dies sind Fragen, die geklärt werden müssen, bevor die erste Kampfdrohne an die Bundeswehr ausgeliefert werden darf. Ja, sie sollte damit ausgerüstet werden. Technik, die im Krieg Leben schützen kann, ist geradezu Pflicht. Gegen die Versuchung hilft derweil nur eines: eine breite Diskussion – die mit dem Kauf nicht enden darf.