RusslandDer Mann der Pussy

Er twittert, gibt Interviews und weiß, wie man Aufmerksamkeit nutzt: Seit die Band Pussy Riot vor Gericht steht, ist der Ehemann einer Angeklagten ihr Sprachrohr geworden.

Der Arbeitsnachweis für Pjotr Wersilow an diesem Montag: Um 7.22 Uhr aufgestanden, nach nur etwas über einer Stunde Schlaf. Einer Abgeordneten des britischen Unterhauses die Hand geschüttelt und mit ihr über Menschenrechte geredet. Elf Stunden im Gerichtssaal gesessen. 76 Meldungen auf Twitter geschrieben, drei Beiträge auf Facebook gepostet, eine Handvoll Interviews gegeben. Weit nach Mitternacht endlich ins Bett gefallen.

Pjotr Wersilow, 25 Jahre alt, ist Künstler. Einer, der gern provoziert. Auf das Titelblatt einer Zeitung hat er es damit allerdings nie geschafft. Dort sieht er jetzt fast jeden Morgen beim Frühstück das Bild seiner Ehefrau. Sie heißt Nadeschda Tolokonnikowa, und Wersilow ist nun so etwas wie ihr PR-Manager. Zusammen mit Maria Aljochina und Jekaterina Samutsewitsch von der Band Pussy Riot steht Tolokonnikowa in Moskau vor Gericht – und gleichzeitig international im Rampenlicht. Pjotr Wersilow ist ein sehr guter PR-Mann. Er achtet darauf, dass die Scheinwerfer auch ab und zu auf ihn gerichtet werden.

Anzeige

Dieser Montag ist der sechste Prozesstag. 10 Uhr, Verhandlungsbeginn in einem Gerichtssaal, der in deprimierenden Brauntönen gehalten ist. Wie jeden Tag brüllt ein schwarz gekleideter Sicherheitsmann mit Schlagstock am Gürtel in den Saal: »Handys aus!« Wie jeden Tag ignorieren ihn fast alle Anwesenden. Kaum fallen die ersten Worte, haben sie die Telefone in den Händen, die Laptops aufgeklappt, um Nachrichten aus dem Gericht in die Welt zu schicken. Das Verteidigerteam stellt einen Befangenheitsantrag gegen die Richterin, es ist bereits der achte. Die Richterin lehnt ab, sie drückt aufs Tempo, am Abend schließt sie die Beweisaufnahme ab. Am Tag darauf wird die Staatsanwaltschaft drei Jahre Haft fordern. Schon Ende der Woche könnte das Urteil fallen.

Pjotr Wersilow sitzt im Gerichtssaal ganz vorn links, wie immer, nur zweieinhalb Meter von seiner Ehefrau entfernt. Wenn sie sich in dem Sicherheitskasten mit dem großen Schaufenster vorbeugt, kann er ihr Profil sehen, gerader Nasenrücken, volle Lippen, klassisch wie von einer antiken Statue. Von Wersilow sieht man meistens nur den gebeugten Hinterkopf mit dem kunstvoll zerzausten Haar. Wenn niemand mehr etwas mitzuteilen hat, klackern bei ihm immer noch die Tasten.

Der beste Moment von Nadeschda Tolokonnikowa an diesem Tag ist gleichzeitig auch seiner. Tolokonnikowa hat sich in Rage geredet, sie spricht vorgebeugt durch einen Schlitz im Plexiglas, ihre Stimme klingt laut und zerbrechlich zugleich. Wersilow schickt ihre Worte raus in die Online-Welt: »Am Tag der Verhaftung hat man mir meine Stimme genommen, und am Tag der Präsidentschaftswahl hat man dem ganzen russischen Volk die Stimme genommen.« Kurz darauf twittert er: »Die Polizistin in der Nähe des Kastens ist die ganze Zeit mit ihrer Maniküre beschäftigt.«

Man muss Pjotr Wersilow nicht lange kennen, um zu merken, dass er lieber selbst zitiert wird, als die Zitate seiner Ehefrau wie ein Assistent zu verwalten. Er ist das Kind wohlsituierter Eltern, die Mutter war Lehrerin, der Vater Physiker. Während der Schulzeit verbrachte er zwei Jahre in Kanada und zwei Jahre in Japan. Von zu Hause hat er das Bewusstsein mitbekommen, etwas Besonderes zu sein. Die eckigen Bewegungen und die Schmächtigkeit eines Jugendlichen hat er sich bewahrt, das gehört zu seinem Charme. Er schafft es, Alltagshandlungen als Erlebnis zu inszenieren. Zündet er sich eine Zigarette an, die er vorher irgendjemandem abgequatscht hat, sieht es aus, als sei ein Dandy aus dem 19. Jahrhundert auferstanden. Er ist zu cool, um lange über die Liebe zu reden. Aber er schickt seiner Frau Liebesbriefe in das Gefängnis. Immer eine Seite beschrieben, die Rückseite leer. Darauf schreibt sie dann zurück.

Nadeschda Tolokonnikowa und er trafen sich auf den Fluren des philosophischen Institutes der Moskauer Staatlichen Universität. Da war sie 17, er 20 Jahre alt. Kurz darauf bekamen sie eine Tochter und gründeten die Künstlergruppe Wojna (Krieg), die sich der politischen Aktionskunst verschrieb. Sie projizierten einen Totenkopf auf den Regierungssitz des Ministerpräsidenten, setzten Tausende Kakerlaken in einem Gerichtssaal aus. Auch wenn die Gruppe zu fünft oder sechst loszog, Frauen und Männer, waren es immer Männer wie Pjotr Wersilow, die erklärten, wie sich durch Provokation die russische Gesellschaft wachrütteln ließe.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service