In der rechten Szene von Rostock, der größten Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, gaben bis vor Kurzem vor allem zwei Männer den Ton an. Die beiden sind gute Bekannte, sie waren beide 2011 Landtagskandidaten der NPD – und beide haben es auf ganz unterschiedliche Weise in den vergangenen Wochen zu einiger Bekanntheit gebracht. Der eine wurde als möglicher Empfänger von Beutegeld der NSU-Terroristen identifiziert; in einem Nazimagazin, als dessen Herausgeber er sich zu erkennen gab, stand schon vor zehn Jahren: »Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen ;-) Der Kampf geht weiter...«. Das ist das Milieu, um das es hier geht: Nicht ältere Herren mit schlecht verarbeiteten Kriegserinnerungen, sondern junge, entschlossene Gewalttäter.

Der andere der beiden Männer macht dieser Tage Schlagzeilen, nicht wegen möglicher Übergriffe, sondern weil er der Lebensgefährte einer deutschen Olympia-Teilnehmerin ist. Sein Name ist Michael Fischer, offenbar ein Feierabendpolitiker mit Ambitionen, der bis vor Kurzem noch die Öffentlichkeit suchte, jedenfalls legt das seine Landtagskandidatur nahe. Das lädt zu einer Untersuchung ein: Wer ist dieser Michael Fischer? Anfang der Woche hat er erklärt, in Zukunft mit der rechten Szene nichts mehr zu tun haben zu wollen – nicht etwa, weil sich seine politischen Ansichten geändert hätten, sondern seiner Freundin zuliebe. Kann man ihm das glauben?

Fischer ist 1988 geboren, studiert ein Fach mit der Bezeichnung »Wirtschaft, Gesellschaft, Recht, Good Governance«, seit etwa fünf Jahren ist er in der rechten Szene aktiv, aber wahrscheinlich ist er erst seit 2011 in der NPD. Im Landtagswahlkampf kandidierte er ohne Listenplatz als chancenloser Direktkandidat im Wahlkreis Rostock IV.

Lange bevor Fischer die politische Bühne betrat, hatte er sich als Sportler einen Namen gemacht. Bei der Ruderweltmeisterschaft der Junioren saß er 2006 im deutschen Achter und wurde Vizeweltmeister. Irgendwann fielen seine politischen Ansichten im Ruderverein auf; der Vorstand bat ihn zu einem Gespräch – und Fischer verließ den Verein. In dieser Zeit begann auch seine Beziehung mit Nadja Drygalla.

Die Szene, in der Fischer sich seither hauptsächlich bewegt hat, führt keine Mitgliederlisten. Seine Gruppe nennt sich »Nationale Sozialisten Rostock« (NSR). Vor etwa fünf Jahren entstanden, taucht sie erstmals 2008 im mecklenburgischen Verfassungsschutzbericht auf. Der NSR gehört zu jenen Neonazi-Kameradschaften, die sich als »Autonome Nationalisten« bezeichnen – sie vertreten NS-Ideologie, orientieren sich äußerlich und in ihren Aktionsformen aber an linken Autonomen: Dunkle Kleidung, Kapuzenpullis und Sonnenbrillen, ihre Aufkleber und Transparente sind oft im Graffiti-Stil gestaltet und von denen ihrer linken Widersacher im Lager der Antifa kaum zu unterscheiden. Die Autonomen Nationalisten bilden auf Demonstrationen Schwarze Blöcke und greifen gezielt und geplant Polizisten, Journalisten und Gegendemonstranten an.

In der extremen Rechten sind diese Autonomen die jüngste und am schnellsten wachsende Strömung, in Mecklenburg-Vorpommern sind sie allerdings eher eine Randerscheinung. Hier prägen völkische Jungmänner mit ordentlichen Scheiteln und gebügelten Hemden das Erscheinungsbild der Rechten. Und anders als die aggressiv auftretenden Autonomen Nationalisten finden diese vor allem in entlegenen Gegenden Vorpommerns viel Zuspruch.

Ein »loser Verbund« von Aktivisten sei das, sagt Fischer selbst in einem Interview über seine Kameradschaft. Der Verfassungsschutz bescheinigt den Mitgliedern der Gruppe »eine verfestigte neonazistische Ausrichtung«. Er sei »schon Nazi« gewesen, räumt Fischer ein, »aber ich bin nirgendwo rumgerannt und habe meinen rechten Arm hochgerissen«.

Vielleicht nicht zum Hitlergruß. Im Februar dieses Jahres attackierte im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel, der zu Fischers Wahlkreis gehört, ein Trupp von gut fünfzehn Rechtsextremisten eine Gedenkveranstaltung für die Opfer der rechtsterroristischen NSU-Mordserie. Ein Polizist wurde durch eine Eisenstange verletzt. Einer der Angreifer, das belegen Fotos der Antifa-Szene, war Michael Fischer. Daneben trat er publizistisch in Erscheinung, als Autor extremistischer Tiraden auf der Naziseite MuP-Info. Und er fotografierte politische Gegner, deren Bilder später nebst Adressen auf Internetseiten der sogenannten Anti-Antifa auftauchten, ein bewährtes Mittel der Einschüchterung.

Und damit soll nun Schluss sein?