Marina Weisband : »Ich muss nicht mit den coolen Jungs spielen«

Die Politikerin Marina Weisband wurde ihre ganze Schulzeit über gemobbt, das hat sie tief verletzt – aber auch unabhängig gemacht
Marina Weisband © Sean Gallup/Getty Images

ZEITmagazin: Frau Weisband, wollten Sie schon immer Politikerin werden?

Marina Weisband: Nein, und dass ich es bin, ist im Grunde der absolute Wahnsinn. Ich bin eine sehr empfindliche Person und sehr schnell verletzt. Kein Vorteil im Politikbetrieb. Aber das ist gelerntes Verhalten, das ich so leicht nicht abstellen kann. Ich habe schon immer sehr darauf geachtet, wie die Leute auf mich reagieren. Ich registriere die kleinsten Zeichen bei meinem Gegenüber und deute sie aus, um herauszufinden, ob ich mich gerade angemessen verhalte oder nicht. Das habe ich meine ganze Kindheit über gemacht.

ZEITmagazin: Wieso waren Sie denn so unsicher?

Weisband: Ich bin aufgewachsen in einer Umgebung, in die ich nicht gehörte. Ich bin in der und für die Ukraine erzogen worden, und mit sechs kam ich dann hierher nach Deutschland. Und musste eine zweite Sozialisation durchleben.

ZEITmagazin: Was war hier anders?

Marina Weisband

24, geboren in Kiew, kam mit sechs Jahren mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder nach Deutschland, weil sie sehr krank war und auf medizinische Versorgung angewiesen. Weisband war bis April dieses Jahres politische Geschäftsführerin der Piratenpartei. Im Moment schreibt sie an ihrer Diplomarbeit in Psychologie. Im November muss sie sich entscheiden: Kandidiert sie für den Bundestag oder nicht? Weisband lebt gemeinsam mit ihrem Verlobten in Münster.

Weisband: Alles. Die Leute auf der Straße gingen alle so schnell. Wenn ich mit meiner Mutter in Wuppertal Einkäufe machte, dann überholten uns immer alle. Und der Umgangston war rauer. Einmal wurde ich in der Schule als »doof« beschimpft, da habe ich drei Tage lang geweint. In Kiew in der Vorschule hatte ich so was nie gehört. Oder später, da habe ich mich, als wir unsere Klassenarbeiten zurückbekamen, lautstark über meine gute Note gefreut. Schlimmer Fehler. Erst in der siebten Klasse habe ich kapiert, dass man schlecht sein muss, um cool zu sein. Ich hab alles falsch gemacht. Ständig. Und meine Eltern konnten mir auch nicht so recht helfen. Die hatten ja auch keine Ahnung, wie das in Deutschland abläuft. Die hatten mich einfach am ersten Schultag in die Schule geschickt und gedacht, damit sei ich integriert. Und dann stand ich da alleine, ohne Schultüte, zwischen all den gut gekleideten Familien.

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Kommentare

114 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

Genau dieselbe Erfahrung

habe ich gemacht, als ich mit 7 "nach Deutschland" kam. Meine Familie war aus dem Baltikum, meine Erfahrung exakt so, wie Frau Weisband es beschreibt, und das ist 56 Jahre her, dass ich das erlebt habe. Es hat sich nichts geändert! Anscheinend nehmen nicht einmal die Lehrer die Begabteren in Schutz, sondern überlassen sie dem "freien Spiel der Kräfte". Deutschland wird dumm sterben. Nach dem großen Aderlass an geistiger Elite vor 74 Jahren immer noch nichts gelernt.

Welcome

oder nicht, auch als gebürtige Deutsche hab ich sehr ähnliche Erfahrungen machen "dürfen". Bei mir waren es auch die guten Noten (ja, Wissen war auch vor 20 Jahren schon verpönt) und v.a. die falsche Kleidung. Allerdings begann das Mobbing bei mir erst mit der Pubertät. Dennoch kann ich sehr gut nachfühlen, wie es MW erging. Ich hatte damals aber einen Vorteil nicht: die virtuelle Welt, in der man schnell andere Leute trifft, die die eigenen, von der kleinstädtischen Umwelt abweichenden Interessen teilen und einem zeigen, dass man doch nicht ganz so "verkehrt" ist. Bei mir kam dieser Ausbruch erst durch Wegzug und Uni. Und ich kann auch diese Unabhängigkeit nachempfinden: ich lege keinen Wert darauf , zu den Coolen, Tonangebenden oder wie auch immer man sie nennt, zu gehören. Das macht ein bisschen freier.