Marina Weisband © Sean Gallup/Getty Images

ZEITmagazin: Frau Weisband, wollten Sie schon immer Politikerin werden?

Marina Weisband: Nein, und dass ich es bin, ist im Grunde der absolute Wahnsinn. Ich bin eine sehr empfindliche Person und sehr schnell verletzt. Kein Vorteil im Politikbetrieb. Aber das ist gelerntes Verhalten, das ich so leicht nicht abstellen kann. Ich habe schon immer sehr darauf geachtet, wie die Leute auf mich reagieren. Ich registriere die kleinsten Zeichen bei meinem Gegenüber und deute sie aus, um herauszufinden, ob ich mich gerade angemessen verhalte oder nicht. Das habe ich meine ganze Kindheit über gemacht.

ZEITmagazin: Wieso waren Sie denn so unsicher?

Weisband: Ich bin aufgewachsen in einer Umgebung, in die ich nicht gehörte. Ich bin in der und für die Ukraine erzogen worden, und mit sechs kam ich dann hierher nach Deutschland. Und musste eine zweite Sozialisation durchleben.

ZEITmagazin: Was war hier anders?

Weisband: Alles. Die Leute auf der Straße gingen alle so schnell. Wenn ich mit meiner Mutter in Wuppertal Einkäufe machte, dann überholten uns immer alle. Und der Umgangston war rauer. Einmal wurde ich in der Schule als »doof« beschimpft, da habe ich drei Tage lang geweint. In Kiew in der Vorschule hatte ich so was nie gehört. Oder später, da habe ich mich, als wir unsere Klassenarbeiten zurückbekamen, lautstark über meine gute Note gefreut. Schlimmer Fehler. Erst in der siebten Klasse habe ich kapiert, dass man schlecht sein muss, um cool zu sein. Ich hab alles falsch gemacht. Ständig. Und meine Eltern konnten mir auch nicht so recht helfen. Die hatten ja auch keine Ahnung, wie das in Deutschland abläuft. Die hatten mich einfach am ersten Schultag in die Schule geschickt und gedacht, damit sei ich integriert. Und dann stand ich da alleine, ohne Schultüte, zwischen all den gut gekleideten Familien.