ZEITmagazin: Wann wurde das besser?

Weisband: Erst viel später. Lange Zeit war mein vorherrschendes Gefühl, auf jede erdenkliche Weise inadäquat zu sein. Ich wurde meine ganze Schulzeit über ausgeschlossen und geärgert. In den Pausen habe ich mir immer einen Heizkörper im Keller gesucht und die zwanzig Minuten dort zugebracht.

ZEITmagazin: Hatten Sie Freunde außerhalb der Schule?

Weisband: Mit 13 habe ich einen Internetanschluss bekommen, und dort habe ich Freunde gefunden. Da hatte ich dann meine virtuelle Clique. Sobald wir von der Schule heimkamen, haben wir uns alle in einem bestimmten Forum getroffen und uns hin und her geschrieben, bis wir eingeschlafen sind. Wir waren uns sehr nah. Ich habe auch meinen ersten Freund online kennengelernt.

ZEITmagazin: Waren Sie erleichtert?

Weisband: Das war eine Erlösung für mich. Ich hatte ja gedacht, ich sei falsch. Mit zwölf Jahren bin ich mit einem Klemmbrett zu jedem meiner Klassenkameraden hingegangen und habe ihn gefragt, was er an mir hasst, und die ganzen Punkte habe ich dann in einer Liste gesammelt, um mich nach den Wünschen der anderen zu verändern. Und erst mit den Leuten, die ich im Internet gefunden habe, hat sich das gedreht. Die haben mir gezeigt, dass ich okay bin, wie ich bin. Das hat mich gerettet. Denn ich hätte mich sonst angepasst. Ich wäre auch eines dieser Kinder geworden, die schlecht in der Schule sind und das cool finden, andere ausgrenzen, weil sie die falsche Schuhmarke tragen, irgendwelchen Hobbys nachgehen, weil die gerade hip sind. Und ich wäre garantiert nicht bei den Piraten gelandet.

ZEITmagazin: Wieso?

Weisband: Die Überzeugung, dass in unserer Gesellschaft etwas anders laufen sollte, die hat man selten, wenn man in ihr immer gut funktioniert hat. Ich weiß, dass es bei den Piraten viele Lebensgeschichten gibt, die meiner ähneln. Leute, die dachten, dass sie nichts können und nicht nützlich sind, aber dann im Internet Bestätigung gefunden haben und daraus Kraft schöpfen. Gewinner des Systems sind keine guten Politiker. Die hatten es immer zu einfach.

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ZEITmagazin: Inzwischen werden Sie aber auch ganz schön gefeiert. Von Ihrer Partei, von Politikern anderer Parteien, bei Twitter, von den Medien. Genießen Sie das?

Weisband: Klar. Aber irgendwie ist es auch gerecht. Ich habe so lange gelitten, und jetzt kommt endlich Lob zurück. Und zwar genau für die Eigenschaften, die mich damals haben leiden lassen. Dieses Sensible und Empfindliche, das hilft mir jetzt bei meiner Parteiarbeit ungemein. Ich erkenne Konflikte früh und kann oft schlichten. Das ist mein Talent, und jetzt ist es endlich nützlich. Das fühlt sich toll an. Aber ich bin davon nicht abhängig. Meine Lebensgeschichte hat mir auch die Kraft gegeben, zu wissen, dass ich nicht mit den coolen Jungs spielen muss.