1981Mitternachtskinder

Salman Rushdie, der Schriftsteller der Globalisierung, verändert unseren Blick auf die Welt.

Anfang der achtziger Jahre lernte ich auf einer Dau, einem arabischen Segelschiff, vor der kenianischen Küste einen bleichen, kettenrauchenden, arbeitslosen Lehrer aus Birmingham kennen. Wir verbrachten einige Tage in der alten Hafenstadt Lamu, über Jahrhunderte hinweg geprägt von arabischen, persischen und indischen Einflüssen. Zum Abschied drückte mir der Mann, der mich jeden Morgen mit seinem ausdauernden Husten geweckt hatte, ein Buch in die Hand. »Das wird dir gefallen, das ist ein Buch für dich.« Weder der Autor – Salman Rushdie – noch der Titel – Midnight’s Children – waren mir geläufig. Ich schlug das Buch auf und las, wie um Schlag Mitternacht am 15. August 1947 (»Uhrzeiger neigten sich einander zu, um mein Kommen respektvoll zu begrüßen«) ein kleiner Junge in Bombay »in die Welt purzelte«, »genau in dem Augenblick, in dem Indien die Unabhängigkeit erlangte«.

Zu Beginn der achtziger Jahre wurden Veränderungen in die Wege geleitet, die sich erst später als umwälzend erwiesen. Mit Ronald Reagan und Margaret Thatcher setzten zwei Befürworter neoliberaler Ideologie eine Wirtschaftspolitik durch, die durch Deregulierung, Abbau von Handelsschranken und Schwächung der Gewerkschaften (das Erscheinen von Mitternachtskinder wurde verzögert durch Druckerstreiks) die Grundlagen für eine entfesselte Marktwirtschaft schufen. Während die Staaten des Warschauer Paktes in selbst induzierter technologischer Rückständigkeit versanken, gaben 1981 die sogenannten race riots in Brixton und anderen englischen Vorstädten einen Vorgeschmack auf die explosive Mischung von ghettoisiertem Prekariat und religiös-kulturellem Eigensinn, die seitdem regelmäßig die Metropolen Europas erschüttert. Und mit Salman Rushdie (geboren 1947) betrat ein großer Epiker der Globalisierung, Hybridität und Multikulturalität die literarische Bühne.

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Wie im Rausch las ich die Aufzeichnungen des impotenten Ich-Erzählers Saleem Sinai, dessen persönliches Schicksal eng mit der Zeitgeschichte Indiens verbandelt ist, mal in symbolischer Übereinstimmung, mal als groteske Übertreibung oder düstere Spiegelung. Vor meinen erstaunten Augen rührte dieses Mitternachtskind Chutneys aus sehr reifen Früchten und sehr scharfen Gewürzen an, mischte High-Tea-Englisch mit in Tontassen serviertem Chai-Hinglisch. Umständlich-bürokratischer Kolonialsprech wurde unterwandert von idiolektalen Eigenwilligkeiten. In der Familiengeschichte der Sinais, als Kaschmiri Migranten im eigenen Land, explodierten die wichtigen Ereignisse der subkontinentalen Geschichte des 20. Jahrhunderts, mal als Knallfrösche, mal als Platzpatronen, mal als Bomben, stets aber als Feuerwerk eines Pyromanen, der es darauf anlegt, die Fantasie selbst in Brand zu stecken. Auf einmal wurde mir bewusst, dass nur auf diese überdreht polyphone Weise das Leben in Zeiten historischer Erdbeben zu erfassen ist, dass die Realitäten von Entwurzelung und dynamischer Identität mit der gebündelten Sprengkraft aller Widersprüche abgebildet werden müssen. Mir war, als wäre ich von Geburt an blind gewesen und mir würde zum ersten Mal ein Regenbogen so beschrieben, dass ich seine betörende Vielfarbigkeit erfassen konnte. Ich schwankte zwischen Verwirrung und Ekstase, mal wurde mir schwindlig vor den Augen, mal spürte ich, wie meinem Denken Flügel wuchsen. Ohne es zu gleich zu begreifen, hatte ich das entdeckt, wonach ich insgeheim gesucht hatte: eine Prosamaschine zur Zertrümmerung aller Homogenität.

Rushdies epischer Trommelwirbel inspirierte eine Vielzahl von Autoren. Sein Chutney-Stil – sowohl der mündlichen Erzähltradition Indiens als auch englischen Romanciers wie Laurence Sterne und Charles Dickens verpflichtet, nicht zu vergessen dem ästhetisch fruchtbaren Kuddelmuddel der Bollywood-Filme – befreite die indische sowie andere postkoloniale Literaturen von einer gewissen epigonalen Patina. Nach der Publikation von Mitternachtskinder erschien eine Vielzahl von Nachahmungen, die teilweise gelungen waren (etwa The Trotter-Nama von Allan Sealy), die aber meist nicht den sprühenden Witz und die sprachliche Flexibilität des Vorbildes aufwiesen.

So verspielt und lustvoll fabuliert die frühen Romane von Salman Rushdie auch sein mögen, sie enthalten eine Reihe düsterer Prophezeiungen und grimmiger Szenen, die einen Schatten auf die Zukunft werfen – und nicht nur auf jene der Romanfiguren. In einer der eindrücklichsten Szenen von Mitternachtskinder zischen die sichelförmigen Messer des religiösen Fanatismus durch die Luft und bohren sich in den harten, aber wehrlosen Körper von Mian Abdullah, Visionär eines religiös vereinten Indiens, der umso lauter zu summen beginnt, je röter sich die Messer färben. Ein Summen, so hoch, dass es nur von den Hunden der Stadt gehört wird, von den Tausenden Straßenkötern, die zum Ort des Attentats rasen und die Meuchelmörder zerfleischen. In Romanen können Tiere den religiösen Wahn der Menschen bestrafen.

Sieben Jahre nach dem enormen Welterfolg von Mitternachtskinder erschienen Die satanischen Verse, ein hochkomplexer Roman über die Desorientierung und Entfremdung von Migranten im fremdenfeindlichen und sozialdarwinistischen England von Thatcher, über Rassismus und Provinzialität, über Fundamentalismus und Kommunalismus unter Muslimen wie auch Hindus. Doch all diese kunstvoll verwobenen Themen wurden zerstückelt von den zischenden Messern eines religiösen Fanatismus, der in Zeiten globalisierter Öffentlichkeit die Gelegenheit ergriff, die eigenen Reihen im Kampf gegen den zum Blasphemisten erklärten Rushdie zu schließen. Besonders schmerzhaft für den Autor war die Tatsache, dass just sein geliebtes Indien als weltweit erster Staat den Roman offiziell verbot. Die muslimischen Stimmen spielen im indischen Wahlkampf als Zünglein an der Waage oft eine entscheidende Rolle, und Rushdie hatte sich bei der regierenden Kongresspartei durch seine kritische Schilderung der Premierministerin Indira Gandhi in Mitternachtskinder unbeliebt gemacht. Bald darauf wurde im Iran die berüchtigte Fatwa ausgesprochen, die Rushdie auf Jahre hinaus in den Untergrund zwang, zum Tod seines japanischen Übersetzers Hitoshi Igarashi und zur schweren Verletzung seines norwegischen Verlegers William Nygaard führte. Nun war auf tragische Weise Rushdies Leben, wie jenes seiner Figur Saleem Sinai, mit der Zeitgeschichte verwoben und sein anspruchsvollster Roman zum Schlachtfeld eines Krieges zwischen säkularen und frommen Vorstellungen von Wahrheit geworden.

Doch seine frühen Romane, allen voran Mitternachtskinder, der den Booker Prize gewann und von Karin Graf hervorragend ins Deutsche übersetzt wurde, sind unverwüstlich. Gegenwärtig wird dieses mitternächtliche Feuerwerk von der Regisseurin Deepa Mehta verfilmt. Die Premiere ist für den Oktober dieses Jahres geplant. Dann werden die übergroßen Figuren von Rushdie in jenem Format auftreten, das ihnen am ehesten entspricht: dem der Breitleinwand.

 
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