Saleh trägt Wollhandschuhe, obwohl es warm ist. Er trägt sie, damit in der Zeitung nicht steht, wie die Tätowierungen auf seiner Hand aussehen. Seine Familie könnte ihn dann leichter finden. Sein Vater und seine Brüder haben schon einmal versucht, ihn zu töten.

Zusammengesunken sitzt er auf einem weißen Plastikstuhl in einem Hof irgendwo in Tel Aviv , hier fällt es nicht auf, wenn zwei Männer sich unterhalten. Saleh heißt nicht Saleh, und dieser Hinterhof hat nichts mit ihm zu tun. Es hat viele Anrufe gebraucht, damit dieses Treffen stattfinden konnte. Der junge Mann ist sehr vorsichtig geworden, zu oft schon ist er in eine Falle geraten.

Saleh hat nichts verbrochen, er ist schwul, geflohen aus Palästina und seit 16 Jahren in Israel. Illegal. Wäre er länger in seiner Heimat geblieben, er wäre vermutlich längst tot.

28 Jahre ist er alt, und es ist schwer zu sagen, ob er jünger oder älter aussieht. Vor allem sieht er müde aus. Müde und gehetzt. Er trägt die Haare kurz, und die Kapuze seines schwarzen Sweatshirts hat er tief ins Gesicht gezogen. Saleh erzählt die Geschichte seines Lebens. So langsam, dass man ahnt: Er hat sie noch nicht oft jemandem erzählt.

Etwa 400 schwule Palästinenser leben in Israel, weil ihnen zu Hause der Tod droht, schätzt Aguda, die größte israelische Schwulenvereinigung. Viele von ihnen arbeiten als Stricher am stillgelegten Busbahnhof von Tel Aviv, einem von Abgasen ergrauten Abfertigungsriegel, davor ein Platz, bedeckt mit aufgeplatztem Teer, umgeben von Bordellen und fensterlosen Kaschemmen. Eine wie die andere eingerichtet mit Plastiktischen und einem großen Kühlschrank voll Bier. In den Gassen zwischen den Häusern, in den Höfen: Schlafsäcke, Spritzen, Kondome, Rasierklingen. Über allem liegt der Geruch von Urin, Kot und Abgasen. Hierher kommen all die, die in der Stadt nicht gern gesehen sind. Vor dem alten Terminalgebäude sitzen ein paar Frauen, die Münder voller kleiner Beutel. Heroin, Crack, Koks? Die Fragen fliegen wie Drohungen über den Müll, der überall herumliegt. In der untergehenden Sonne taumelt ein Junge, höchstens fünfzehn, eine Nadel in der Ellenbeuge, bis er irgendwann stürzt. Hinter dem Bahnhof liegen die Hagalil Street und die Negev. Die Straßen der Stricher und der transsexuellen Prostituierten. Hierher flieht, wer in Palästina keine Chance hat. Es ist eine Flucht zum Feind, wo man nicht sicher ist, wo man als potenzieller Terrorist betrachtet wird.

Saleh schluckt mehrmals, bevor er zu reden beginnt. Als er zwölf ist, fängt für ihn jenes Leben an, das sich in unzähligen Narben auf seinem Körper eingeschrieben hat.

Dass er nicht wie die anderen war, dass er nicht den Mädchen hinterherschaute, das verdrängte er schon, seit er zehn war. Sein eigentliches Drama begann zwei Jahre später.

Es war Herbst, in den Bergen um Hebron , wo er mit seinen Eltern in einem Vorort wohnte, wurden die Weintrauben geerntet. Ein Nachbar bat den Zwölfjährigen zu sich ins Haus. Er sagte, er wolle ihm etwas zeigen, ein Geschenk. Der Junge folgte ihm, ein Geschenk bekam er nicht, stattdessen wurde er vergewaltigt. Weinend rannte Saleh nach Hause, Blut lief über seine Beine.

»Dann explodierte alles«, sagt er.

Eine Stunde später stand sein Vater vor der Tür des Nachbarn. Die Männer redeten, der Nachbar gab Saleh die Schuld. Er habe ihn verführt. Der Nachbar war ein angesehener Mann im Vorort, der Vater glaubte ihm. Die Ehre der Familie, so sah es der Vater, war zerstört. Der Sohn war schwul. Dass er noch ein Kind war, dass er misshandelt wurde: Nebensache.

Vergewaltigt als Kind, größerer Schrecken ist kaum denkbar. Doch für Saleh kam es noch schlimmer. Seine Stimme wird brüchig, als er weitererzählt. Seine Finger umklammern eine Windsor , sie ist schon bis zum Filter geraucht.

Als sein Vater damals von dem Nachbarn zurückkam, rief er die Brüder, die Mutter und die Schwester zusammen. Dann zog er den Draht aus einem Stromkabel. Die Brüder nahmen Stöcke. Die Schläge prasselten auf Saleh nieder, bis er das Bewusstsein verlor. Als er wieder aufwachte, konnte er nicht mehr aufstehen. Beide Beine waren gebrochen, knapp über den Knöcheln.