HomosexualitätWir Kinder vom Busbahnhof

Als Junge flüchtete der Palästinenser Saleh nach Tel Aviv. Weil er schwul ist. Aber er fand weder Schutz noch Heimat, nur Elend und Angst. von Fritz Schaap

Sein Name ist nicht Saleh und er will nicht erkannt werden - aus Angst.

Sein Name ist nicht Saleh und er will nicht erkannt werden - aus Angst.  |  © Tobias Kruse

Saleh trägt Wollhandschuhe, obwohl es warm ist. Er trägt sie, damit in der Zeitung nicht steht, wie die Tätowierungen auf seiner Hand aussehen. Seine Familie könnte ihn dann leichter finden. Sein Vater und seine Brüder haben schon einmal versucht, ihn zu töten.

Zusammengesunken sitzt er auf einem weißen Plastikstuhl in einem Hof irgendwo in Tel Aviv , hier fällt es nicht auf, wenn zwei Männer sich unterhalten. Saleh heißt nicht Saleh, und dieser Hinterhof hat nichts mit ihm zu tun. Es hat viele Anrufe gebraucht, damit dieses Treffen stattfinden konnte. Der junge Mann ist sehr vorsichtig geworden, zu oft schon ist er in eine Falle geraten.

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Saleh hat nichts verbrochen, er ist schwul, geflohen aus Palästina und seit 16 Jahren in Israel. Illegal. Wäre er länger in seiner Heimat geblieben, er wäre vermutlich längst tot.

28 Jahre ist er alt, und es ist schwer zu sagen, ob er jünger oder älter aussieht. Vor allem sieht er müde aus. Müde und gehetzt. Er trägt die Haare kurz, und die Kapuze seines schwarzen Sweatshirts hat er tief ins Gesicht gezogen. Saleh erzählt die Geschichte seines Lebens. So langsam, dass man ahnt: Er hat sie noch nicht oft jemandem erzählt.

Etwa 400 schwule Palästinenser leben in Israel, weil ihnen zu Hause der Tod droht, schätzt Aguda, die größte israelische Schwulenvereinigung. Viele von ihnen arbeiten als Stricher am stillgelegten Busbahnhof von Tel Aviv, einem von Abgasen ergrauten Abfertigungsriegel, davor ein Platz, bedeckt mit aufgeplatztem Teer, umgeben von Bordellen und fensterlosen Kaschemmen. Eine wie die andere eingerichtet mit Plastiktischen und einem großen Kühlschrank voll Bier. In den Gassen zwischen den Häusern, in den Höfen: Schlafsäcke, Spritzen, Kondome, Rasierklingen. Über allem liegt der Geruch von Urin, Kot und Abgasen. Hierher kommen all die, die in der Stadt nicht gern gesehen sind. Vor dem alten Terminalgebäude sitzen ein paar Frauen, die Münder voller kleiner Beutel. Heroin, Crack, Koks? Die Fragen fliegen wie Drohungen über den Müll, der überall herumliegt. In der untergehenden Sonne taumelt ein Junge, höchstens fünfzehn, eine Nadel in der Ellenbeuge, bis er irgendwann stürzt. Hinter dem Bahnhof liegen die Hagalil Street und die Negev. Die Straßen der Stricher und der transsexuellen Prostituierten. Hierher flieht, wer in Palästina keine Chance hat. Es ist eine Flucht zum Feind, wo man nicht sicher ist, wo man als potenzieller Terrorist betrachtet wird.

Saleh schluckt mehrmals, bevor er zu reden beginnt. Als er zwölf ist, fängt für ihn jenes Leben an, das sich in unzähligen Narben auf seinem Körper eingeschrieben hat.

Dass er nicht wie die anderen war, dass er nicht den Mädchen hinterherschaute, das verdrängte er schon, seit er zehn war. Sein eigentliches Drama begann zwei Jahre später.

Es war Herbst, in den Bergen um Hebron , wo er mit seinen Eltern in einem Vorort wohnte, wurden die Weintrauben geerntet. Ein Nachbar bat den Zwölfjährigen zu sich ins Haus. Er sagte, er wolle ihm etwas zeigen, ein Geschenk. Der Junge folgte ihm, ein Geschenk bekam er nicht, stattdessen wurde er vergewaltigt. Weinend rannte Saleh nach Hause, Blut lief über seine Beine.

»Dann explodierte alles«, sagt er.

Eine Stunde später stand sein Vater vor der Tür des Nachbarn. Die Männer redeten, der Nachbar gab Saleh die Schuld. Er habe ihn verführt. Der Nachbar war ein angesehener Mann im Vorort, der Vater glaubte ihm. Die Ehre der Familie, so sah es der Vater, war zerstört. Der Sohn war schwul. Dass er noch ein Kind war, dass er misshandelt wurde: Nebensache.

Vergewaltigt als Kind, größerer Schrecken ist kaum denkbar. Doch für Saleh kam es noch schlimmer. Seine Stimme wird brüchig, als er weitererzählt. Seine Finger umklammern eine Windsor , sie ist schon bis zum Filter geraucht.

Als sein Vater damals von dem Nachbarn zurückkam, rief er die Brüder, die Mutter und die Schwester zusammen. Dann zog er den Draht aus einem Stromkabel. Die Brüder nahmen Stöcke. Die Schläge prasselten auf Saleh nieder, bis er das Bewusstsein verlor. Als er wieder aufwachte, konnte er nicht mehr aufstehen. Beide Beine waren gebrochen, knapp über den Knöcheln.

Leserkommentare
  1. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen, wir wünschen uns eine differenzierte Diskussion. Danke. Die Redaktion/kvk

  2. Eigentlich ist es sowohl verharmlosend als auch irreführend, diesen Artikel mit "Homosexualität" zu titulieren. Denn eigentlich geht es in dem Artikel nicht unbedingt um Homosexualität, und diese erfolgt noch dazu größtenteils als externe Zuschreibung. Denn der Junge wird von seiner Familie als Zwölfjähriger (und danach) als "schwul" bezeichnet, nach einer Vergewaltigung durch einen Mann (an der IHM die Schuld gegeben wird!) - er selber tituliert sich an keiner Stelle in dem Artikel als schwul, nur als "anders". Hier geht es vielmehr um Macht(-mißbrauch): Von Seiten der einzelnen Menschen (Nachbar, Verwandte, Freier) die Saleh mißbrauchen und Gewalt zufügen, die aber eingebettet in die institutionalisierte, strukturelle Gewalt von Seiten einer patriarchalischen Gesellschaft und eines Staates, der die Rechte palästinensischer Flüchtlinge mit Füßen tritt, handeln. Kindesmißbrauch und innerfamiliäre Gewalt gibt es leider überall auf der Welt. Doch Saleh und seine Leidensgenossen haben keine staatliche oder institutionelle Instanz, an die sie sich wenden könnten.

    2 Leserempfehlungen
    • mqzungo
    • 11. August 2012 12:34 Uhr

    Ohne die Zustände und den Druck, unter dem schwule palästinensische Jugendliche stehen, beschönigen zu wollen, stellt sich doch die Frage, ob es nicht auch weniger bluttriefend gegangen wäre. Die Photo-Gegenüberstellung auf den Seiten 16 und 17 der Print-Ausgabe ist an Trashigkeit kaum mehr zu überbieten.

    Interessierte Leser werden hier besser informiert: http://www.nytimes.com/20... - mit weiteren Links zu palästinensischen Schwulen-Organisationen.

    Und noch etwas: mehr als 40% der jugendlichen Obdachlosen in den USA(!) sind nach einer Untersuchung der University of California at Los Angeles schwul, lesbisch, etc. - die Verstoßung schwuler Jugendlicher durch ihre Eltern scheint keine palästinensische Spezialität zu sein. Ein bisschen mehr Kontext hätten sie Ihren Lesern doch zumuten können.

  3. Absolut ergreifender Artikel, der unparteiisch weder die palästinensische noch die israelische Seite schont.
    Der genauso schonungslos die archaisch-patriarchalische Kultur in Palästina beleuchtet, wie die Diskriminierungen denen Palästinenser in Israel ausgesetzt sind.

    • jkress
    • 15. August 2012 0:19 Uhr

    Ich habe mich ertappt zu denken, dass dieser Artikel eine Zumutung für mich sei.

    Zuerst.
    Die Geschichte von Saleh ist entsetzlich und ergreifend, die Vorstellungen der Gewalt und Schmerzen sind schwer zu ertragen und schwer zu verdrängen.

    Mal ehrlich, in Anbetracht dieses Schicksals weshalb sollte der Autor sich nach einem solchen Interview damit zufrieden geben "interessierte Leser zu informieren" - wenn Salehs Geschichte echte Empörung, Unwohlsein, Wut hervorruft? Wir brauchen mehr, nicht weniger Meinung und Entrüstung!
    Und, was tut es zur Sache ob es in den USA mehr schwule Obdachlose gibt?

    Mich würde interessieren, was hat der Autor Saleh gegeben, oder versprochen für das Interview? Was können wir gemeinsam tun um die Aufmerksamkeit für ihn/sein Drama zu erhöhen oder anders zu helfen?

  4. Hallo jkress,

    ich fand den Artikel auch erschütternd.

    Allerdings glaube ich, dass man da nicht viel machen kann. Mir fällt nur ein, einen Protesbrief an Israel zu schreiben für den menschlicheren Umgang mit den palästinensischen Flüchtlingen und sich dabei auf die Studie von Anat Ben-Dor (http://www.law.tau.ac.il/...) zu stützen.

    Wenn das natürlich nur 2 Briefe sind, von uns beiden, hilft es wohl nichts. Wäre aber der Anfang...

    Evtl. an Avaaz schreiben, damit sie auch zu einer Protestaktion aufrufen? Das wären dann schon mehr Stimmen. Vielleicht würde es langfristig etwas ändern.

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    Ich würde mal sagen, das Problem ist der Umgang mit Vergewaltigungsopfern sowie der Umgang mit Homosexualität im Islam.

    Ok., nicht nur im Islam, aber tödlich dürfte Homosexualität im Juden- und Christentum im Normalfall heute nicht mehr sein. "Durchgeknallte" gibt es immer, aber im Christentum steht fundamental das Verbot der Menschentötung davor, auch wenn Homosexualität in der Bibel verurteilt wird. Und es ist ja wohl ein Unterschied, ob ich fliehe, weil ich mir des Lebens nicht mehr sicher sein kann, oder ob mich mein Vater daheim rausschmeißt, weil er keinen Schwulen unter seinem Dach will.

    Der Islam scheint da eher zweigeteilt zu sein, weil es sehr wohl Suren gibt, die Homosexualität, ja sogar - sagen wir mal vorsichtig - die Zuneigung zu sehr jungen Männern predigen und gutheißen (..Jünglinge, „gleich verborgenen Perlen“ (Sure 52, Vers 24)

    http://de.wikipedia.org/w...ät_im_Islam

    Insofern streiten da wohl zwei Seelen in der Brust des Islam?!

    Dass Vergewaltigungsopfer für die Tat selbst verantwortlich sind und den Täter nur "verführt" haben, ist in islamischen Kulturen gängig. Quellen dafür dürfte es im Netz und in geschriebener Literatur sowie im täglichen Leben vieler Länder genügend geben. Empfehlen kann ich dieses Buch, wo auch der Themenbereich der Sexualität im Islam breit abgehandelt wird:

    http://www.amazon.de/Gabr...üsterungen-historisch-kritische-Bestandsaufnahme-Islam/dp/3894846011/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1359534553&sr=8-1

  5. Ich würde mal sagen, das Problem ist der Umgang mit Vergewaltigungsopfern sowie der Umgang mit Homosexualität im Islam.

    Ok., nicht nur im Islam, aber tödlich dürfte Homosexualität im Juden- und Christentum im Normalfall heute nicht mehr sein. "Durchgeknallte" gibt es immer, aber im Christentum steht fundamental das Verbot der Menschentötung davor, auch wenn Homosexualität in der Bibel verurteilt wird. Und es ist ja wohl ein Unterschied, ob ich fliehe, weil ich mir des Lebens nicht mehr sicher sein kann, oder ob mich mein Vater daheim rausschmeißt, weil er keinen Schwulen unter seinem Dach will.

    Der Islam scheint da eher zweigeteilt zu sein, weil es sehr wohl Suren gibt, die Homosexualität, ja sogar - sagen wir mal vorsichtig - die Zuneigung zu sehr jungen Männern predigen und gutheißen (..Jünglinge, „gleich verborgenen Perlen“ (Sure 52, Vers 24)

    http://de.wikipedia.org/w...ät_im_Islam

    Insofern streiten da wohl zwei Seelen in der Brust des Islam?!

    Dass Vergewaltigungsopfer für die Tat selbst verantwortlich sind und den Täter nur "verführt" haben, ist in islamischen Kulturen gängig. Quellen dafür dürfte es im Netz und in geschriebener Literatur sowie im täglichen Leben vieler Länder genügend geben. Empfehlen kann ich dieses Buch, wo auch der Themenbereich der Sexualität im Islam breit abgehandelt wird:

    http://www.amazon.de/Gabr...üsterungen-historisch-kritische-Bestandsaufnahme-Islam/dp/3894846011/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1359534553&sr=8-1

    Antwort auf "erschütternd"
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    dazu, diesmal eine islamische Quelle.

    http://www.ahlu-sunnah.co...

    Bemerkenswert finde ich, dass hier ellenlang geschrieben wird, warum im Islam Vergewaltigung (hier in der Ehe) nicht erlaubt sein soll.

    Schon komisch, warum man dazu zig Urteile und gelehrte Sprüche rezitieren muss, weil angeblich die meisten Muslime diese nicht kennen (die kennen dann wohl wieder andere Sprüche und Suren, die diese vergewaltigungen gutheißen, frage ich mal ketzerisch?!)

    Mit Koransuren gibt sich der Autor eigenartigerweise sehr sparsam, obwohl gerade die zählen - und nicht die Meinungen diverser Gelehrter.

    Zumindest steht davor die Pflicht der Frau (ich sage mal allgemein des Vergewaltigungsopfers), die Tat dem Täter nachzuweisen (ist z.B. in Pakistan Gesetz)...und genau da liegt in den meisten Fällen der Hase im Pfeffer, wie man auch im Falle des jungen Mannes aus dem Artikel sehen kann. Man gluabt eher einem angesehenen älteren Herren als einem Kind, das schreiend und blutend durch die Gegend rennt!

    Noch einige Links, die ich auf die Schnelle dazu gefunden habe, wegen Quellen und so; Ausführlicheres lässt sich für Interessierte sicher leicht finden:

    www.islaminstitut.de/file...

    (hier dritter Absatz zur Nachweispflicht von Vergwaltigungen in Pakistan)

    Todesstrafe für "vollzogene" homosexuelle Neigungen:

    http://de.wikipedia.org/w...

  6. dazu, diesmal eine islamische Quelle.

    http://www.ahlu-sunnah.co...

    Bemerkenswert finde ich, dass hier ellenlang geschrieben wird, warum im Islam Vergewaltigung (hier in der Ehe) nicht erlaubt sein soll.

    Schon komisch, warum man dazu zig Urteile und gelehrte Sprüche rezitieren muss, weil angeblich die meisten Muslime diese nicht kennen (die kennen dann wohl wieder andere Sprüche und Suren, die diese vergewaltigungen gutheißen, frage ich mal ketzerisch?!)

    Mit Koransuren gibt sich der Autor eigenartigerweise sehr sparsam, obwohl gerade die zählen - und nicht die Meinungen diverser Gelehrter.

    Zumindest steht davor die Pflicht der Frau (ich sage mal allgemein des Vergewaltigungsopfers), die Tat dem Täter nachzuweisen (ist z.B. in Pakistan Gesetz)...und genau da liegt in den meisten Fällen der Hase im Pfeffer, wie man auch im Falle des jungen Mannes aus dem Artikel sehen kann. Man gluabt eher einem angesehenen älteren Herren als einem Kind, das schreiend und blutend durch die Gegend rennt!

    Noch einige Links, die ich auf die Schnelle dazu gefunden habe, wegen Quellen und so; Ausführlicheres lässt sich für Interessierte sicher leicht finden:

    www.islaminstitut.de/file...

    (hier dritter Absatz zur Nachweispflicht von Vergwaltigungen in Pakistan)

    Todesstrafe für "vollzogene" homosexuelle Neigungen:

    http://de.wikipedia.org/w...

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