Personenrätsel: Lebensgeschichte
Die Kinder arbeiteten mit, als älteste Tochter machte sie keine Ausnahme – auch wenn sie sich nach dem Tod der Mutter schon mit zwölf noch um die kleinen Brüder kümmern musste. Sie ging ihrem Vater zur Hand und lernte so von der Pike auf die Grundlagen seines Berufs. Schnell zeigte sich, dass sie – anders als die Brüder – dafür eine besondere Begabung besaß. Stolz förderte der Vater sein Wunderkind, bei manchem Produkt aus seiner Werkstatt ist nicht geklärt, was von seiner und was von ihrer Hand stammt. Ehrgeizig und eigensinnig, suchte sie schon früh zu beweisen, dass ihr Talent sich mit männlicher Konkurrenz messen oder diese sogar übertrumpfen konnte. Bald erkannte der Vater, dass er ihr nichts mehr beibringen konnte. Da arbeitete er gerade an einem großen Auftrag, gemeinsam mit einem Kollegen aus einer anderen Stadt, aus der dieser neue Erkenntnisse und Techniken mitgebracht hatte. Weil der Tochter der übliche Weg einer formellen Ausbildung versperrt war, bat er ihn, sie privat in diesen Fertigkeiten zu unterrichten. Monate später musste er erkennen, dass es nicht bei einem Lehrer-Schülerin-Verhältnis geblieben war. Zornentbrannt verklagte er den Gewissenlosen. Der Prozess, der die »Ehre« der Tochter wieder herstellen sollte, war für sie eine Tortur. Nicht nur stellte sich heraus, dass der Mann, der ihr die Ehe versprochen hatte, bereits verheiratet war, nun verunglimpfte er sie als Hure, sie wurde entwürdigenden Untersuchungen unterzogen und schließlich mit Daumenschrauben gefoltert. Um dem Skandal ein Ende zu machen, verheiratete sie der Vater, und sie zog in eine andere Stadt.
Trotz rasch aufeinanderfolgender Schwangerschaften und ständiger Geldnot machte sie sich dort einen Namen und verkehrte mit der intellektuellen und politischen Elite. Doch je erfolgreicher sie wurde, desto mehr versank ihr Mann in Schulden und Trunksucht. Nach einer existenziellen Berg- und Talfahrt mussten sie schließlich die Stadt verlassen. Jahre später erkundigte sie sich in einem Brief an einen Bekannten, ob er wisse, was aus ihrem Ehemann geworden sei. Da lebte sie, »zum Fürchten schön und tüchtig«, nach dem frühen Tod ihrer Söhne mit einer ehelichen und einer unehelichen Tochter von ihrer Arbeit. Sie unterhielt eine eigene Werkstatt mit mehreren Angestellten, musste sich aber mit kleineren Aufträgen begnügen, die erhofften großen blieben aus.
Über zwanzig Jahre hatte sie den Vater nicht gesehen, als sie dem Ruf in ein fremdes Land folgte, wo dieser an einem großen Werk arbeitete. Als er starb, führte sie es zu Ende, kehrte aber bald wieder in die Heimat zurück. Ihr Talent, ihre Schönheit, ihre starke Persönlichkeit und ihr Charme wurden in Versen und Briefen allenthalben gepriesen, doch musste sie bis zum Schluss ums Überleben kämpfen. Wann und wie sie starb, ist nicht bekannt, für die Nachwelt wurde sie zur Ikone einer mutigen, tatkräftigen Frau. Wer war’s?
Georges Simenon (1903 bis 1989) wuchs in Lüttich auf, wurde mit 17 Jahren Lokalreporter und kam mit 19 nach Paris, wo er Zeitungsbeiträge und Groschenhefte verfasste. Sein Werk umfasst 75 Kommissar-Maigret-Romane (die berühmte literarische Figur erfand er 1929) und mehr als 120 Non-Maigrets. Zahllose Reisen und mehr als 30 Umzüge prägten sein Leben. Er war zweimal verheiratet (seit 1923 mit Régine Renchon, genannt Tigy, seit 1950 mit Denise Quimet) und hatte zahllose Affären, u. a. fast 40 Jahre lang mit Hausmädchen »Boule« und Ende der zwanziger Jahre mit Josephine Baker. Mit Teresa Sburelin lebte er bis zu seinem Tod in Lausanne, hier entstand die Autobiografie »Intime Memoiren und das Buch von Marie-Jo«




