In der Mode sind derzeit überall Blumenkinder unterwegs. Viele Designer zeigten ihre Sommerkollektionen komplett in floralen Prints. So zum Beispiel Nina Ricci, Vera Wang und Alexander Wang. Das New Yorker Mode-Label Proenza Schouler ließ sich von den Tropen inspirieren. Und die Mulleavy-Schwestern interpretierten die Sonnenblumen von Vincent van Gogh neu.

So unterschiedlich all die Blumenmuster auch ausfielen – eines war gleich: Stets waren die Models von Kopf bis Fuß darin gekleidet. Die Herbstkollektionen führten diese Idee fort. Miuccia Prada zeigte in beiden Kollektionen – bei Prada wie bei Miu Miu – klein gemusterte Mäntel und klein gemusterte Hosen mit geometrischen Formen im Stil der sechziger und siebziger Jahre. Hätten sich die Models vor eine entsprechend strukturierte Tapete gestellt, sie wären mit ihr verschmolzen. Aber wo findet sich noch so eine Tapete? Das Tapetenmuster verbreitet sich auf den Kleidern, weil es von den Wänden verschwunden ist. Außer in einigen Hipster-Wohnzimmern gibt es keine Tapeten mehr. Sogar die Raufasertapete gibt es nicht mehr.

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

Mit der Tapete sind uns 500 Jahre Kulturgeschichte abhandengekommen. Ostindische Handelskompanien brachten im 16. Jahrhundert handbemalte Papiertapeten nach Europa . Vor allem England machte sich einen Namen in Sachen Tapete mit traditionellen floralen Mustern, die bis heute in Teesalons und geschichtsträchtigen Häusern zu sehen sind. Wenn man sich einmal im Londoner Victoria and Albert Museum umschaut, kann man sehen, welcher Schatz der Wohnkultur hier verloren gegangen ist. Dort sind die Tapeten des Briten William Morris ausgestellt. Wer diese beeindruckenden Schöpfungen sieht, kann nicht begreifen, dass dieses Einrichtungs-Stilmittel heute völlig verschwunden ist. Die Tapete fiel dem Umschwung in der Wohnkultur zum Opfer. Seit Wohnzimmer nicht mehr repräsentieren, sondern praktisch sein sollen, sieht niemand mehr einen Sinn darin, die Wände zu schmücken.

Vorläufer der Tapete war der Wandteppich. Er diente nomadischen Völkern als Schmuck ihrer tristen Zelte. Normalerweise ist es das Böseste, was man über Mode sagen kann, wenn man sie mit einen Teppich vergleicht. Es sei denn, es handelt sich um einen Prada-Mantel.