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Der Künstler Jeremy Deller schickt das britische Nationalheiligtum Stonehenge auf Tournee – als Hüpfburg im Originalformat. von 

Junge  Hüpfer erkunden Jeremy Dellers Plastik-Stonehenge.

Junge Hüpfer erkunden Jeremy Dellers Plastik-Stonehenge.  |  © Jeff J Mitchell/Getty Images

Es ist eine wissenschaftliche Sensation: Das Geheimnis von Stonehenge ist gelüftet! Bislang war ja nicht bekannt, was die Menschen der Jungsteinzeit, die vor knapp 5000 Jahren den gigantischen Steinkreis im Süden Englands errichteten, darin eigentlich trieben. War Stonehenge ein Ort für kultische Feiern? Ein Observatorium? Eine Grabstätte? Ein Kalender? Man wisse zu höchstens zehn Prozent, wie die Anlage in Gänze ausgesehen habe und was sie eigentlich bedeute, haben britische Forscher noch jüngst behauptet.

Nun hat, pünktlich zu den Olympischen Spielen in London, der Künstler Jeremy Deller in einem groß angelegten Feldversuch Licht in das rätselhafteste Dunkel der englischen Geschichte gebracht. Deller, geboren 1966 in London, ist eine Autorität, 2004 hat er den Turner-Preis gewonnen, eine der weltweit wichtigsten Auszeichnungen für Arbeiten auf dem Feld der zeitgenössischen Kunst. Seine jüngsten Experimente lassen keinen Zweifel mehr zu: Stonehenge war eine typisch britische Picknickzone, in deren Zentrum Menschen jeden Alters ausgelassen herumtobten und sich freudig quiekend gegen die aufrecht stehenden Steine warfen.

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Nein, halt, stopp! Das ist natürlich ein Witz. Aber ein ziemlich guter, großer. Deller hat Stonehenge als Hüpfburg in Originalgröße nachbauen lassen, Durchmesser 30 Meter. Auf dem quietschgrünen Boden aus dicken PVC-Rippen erheben sich die berühmten Steine, selbst deren Farbe und Maserung ist mit viel Liebe zum Detail nachgebildet. Ein einfaches Seil, zwischen kniehohen Plastiksteinen rund um die Anlage gespannt, genügt, um den Besucheransturm zu kanalisieren, die Briten sind höfliche Leute. Brav stellen sie sich an, ganz Junge und ganz Alte, und warten, bis sie jeweils als Teil einer 100-köpfigen Gruppe für zehn Minuten Stonehenge als Ganzkörpererfahrung erleben dürfen. Erster Eindruck nach einem Selbstversuch in Hampstead Heath, London: ziemlich anstrengend, diese Jungsteinzeit! Spirituell angehauchte Menschen sagen dem Steinkreis ja mysteriöse Kräfte nach. Wer das Plastikpendant betritt, kann jedenfalls gar nicht anders, als ekstatisch herumzurasen, juchzend sich fallen zu lassen, entrückt auf und ab zu hüpfen. Da der Boden ziemlich wabbelig ist, geht die Ekstase rasch in die Beine. Zu Dellers Plastik-Heiligtum gehört deshalb immer auch ein Ring von Verschnaufenden auf Picknickdecken.

Die Idee hatte der Künstler vor gut drei Jahren, als ganz Großbritannien, im Vorfeld der Olympischen Spiele und gebeutelt von der Finanzkrise, über die eigene Seele nachdachte. »Stonehenge ist Teil der englischen Identität«, sagt Deller beim Gespräch am Rande des Trubels in Hampstead Heath. »Aber ein Besuch dort ist eine ziemliche Enttäuschung. Man kann gar nicht richtig ran, alles ist abgesperrt. Ich wollte Stonehenge zugänglicher machen, zu einer schöneren, absurderen Erfahrung.« Und weil er annahm und hoffte, dass sich viele aufregen würden über sein Spiel mit einer englischen Ikone, nannte er sein Projekt Sacrilege. Der »Frevel« wurde dennoch ganz ordentlich mit Mitteln des olympischen Kulturprogramms gefördert.

Die Umsetzung war einfach, die genauen Maße jedes Steins fand Deller online. Nur einmal musste er mit seinem Team zum Original fahren, um noch einmal Farben, Texturen und Oberflächen zu überprüfen. Umgesetzt hat die Pläne dann dieselbe englische Traditionsfirma, die vor 40 Jahren das Prinzip Hüpfburg erfunden hat.

Nun kann dieses Weltwunder-Plagiat, für dessen Original seine Erbauer geschätzte 23 Millionen Arbeitsstunden benötigten, in drei bis vier Minuten an jedem denkbaren Ort aufgeblasen werden. Eine Website verzeichnet die geplanten britischen Tour-Stationen bis zum September (Bristol, Belfast...), aber vielleicht geht es sogar weiter, eine Welttournee. Allein der Besuch der Homepage, eine Orgie in Keltenkitsch, ist eine spirituelle Erfahrung. »Ich wollte, dass sie so unolympisch wie möglich aussieht«, erzählt der Künstler. »Kosmisch. Wie ein Albumcover einer Progressive-Rock-Band von 1973.«

Bei vielen von Dellers Kunstprojekten kann, darf, soll, muss das Publikum mitmachen, aber so gut, so fröhlich wie hier hat das selten funktioniert. Ständig kommen Besucher mit leuchtenden Augen zu ihm und stammeln atemlos: »Brilliant, fantastic, thank you!« Sogar Autogramme muss er schreiben, wenn er selbst zugegen ist. »Es ist das Interaktivste, was ich je gemacht habe«, sagt er und eilt zu einem Interview mit der BBC, die ihn hüpfend sprechen will. Eine Frage noch: Hat sich denn niemand über den Frevel beschwert? »Ein Druide war nicht einverstanden!«, ruft Deller, dann verschwindet er hinter einem Stein aus PVC.

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