SüdafrikaKrieg im Busch

In Südafrika schlachten Wilderer Nashörner ab – das Horn wird als Wundermedizin nach Asien geschmuggelt. Ranger und Polizisten schlagen zurück, doch die Überfälle sind nicht zu stoppen. Tierschützer und Politiker streiten nun darüber, wie Afrikas Rhinozerosse vor der Ausrottung gerettet werden können. von 

Diesem Spitzmaulnashorn, schnitten Wilderer 2011 den Stumpf seines Horns heraus. Das Horn selbst hatte ein Tierarzt dem Nashorn schon abgenommen, um Wilderer abzuhalten.

Diesem Spitzmaulnashorn, schnitten Wilderer 2011 den Stumpf seines Horns heraus. Das Horn selbst hatte ein Tierarzt dem Nashorn schon abgenommen, um Wilderer abzuhalten.  |  © Brent Stirton/Reportage by Getty Images

Die Kugel hat den Schädel genau an der richtigen Stelle durchschlagen. Eine Handbreit hinter dem Auge, vier Zentimeter vor dem Ohr. »Ein perfekter Schuss. Das kann nur ein Vollprofi«, sagt Alwyn Wentzel, »ich schätze, es war ein Berufsjäger.« Er kniet über dem Nashornschädel und deutet auf das Einschussloch und die Bruchstellen, an denen die Hörner mit einer Machete abgeschlagen wurden. Hyänen und Geier haben das Fleisch abgenagt, nur das Hirn verwest noch in der Schädelhöhle und verströmt einen widerlichen Aasgestank. Der Kadaver wurde vor zwei Wochen entdeckt. »Ein weißes Nashorn, drei bis vier Jahre alt. Das bricht einem das Herz.« Wentzels Stimme bebt vor Zorn und Trauer, man würde sich nicht wundern, wenn der hochgewachsene Mann gleich zu weinen anfinge.

Alwyn Wentzel ist Manager im Privatreservat Thanda, zuständig für Sicherheit und Infrastruktur. In diesen Tagen leidet er oft an Schlaflosigkeit. Er macht sich Vorwürfe. Den Verlust des Tieres empfindet er als persönliche Niederlage. »Irgendwann musste es auch uns erwischen, ich habe immer damit gerechnet. Aber dann wollte ich es doch nicht glauben, als wir dieses tote Nashorn fanden.«

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In die amtliche Statistik geht es als das 75. Nashorn ein, das seit Jahresbeginn in Südafrika gewildert wurde. Bei gleichbleibendem Trend werden es am Jahresende mehr als 600 sein. Im Vorjahr zählten die Wildschutzbehörden 448. Alle zwanzig Stunden ein Rhinozeros weniger. In den staatlichen und privaten Tierschutzgebieten herrscht der Ausnahmezustand. »Da draußen läuft ein stilles Massaker«, sagt Wentzel, während er in die Savanne hinausschaut, die im Abendlicht honiggelb glüht. »Der kritische Punkt wird erreicht, wenn die Verluste höher sind als die Vermehrungsrate.« 24.800 Rhinozerosse gibt es noch in Afrika, 20.500 leben in den Savannen Südafrikas. Tierschützer befürchten, dass die Panzertiere in vierzig Jahren ausgerottet sein könnten, wenn die illegale Treibjagd in diesem Tempo weitergeht. Wentzel hält das für eine übertriebene Schreckensvision, aber auch er sagt: »Wir kämpfen um die Erhaltung einer Art. Wir befinden uns im Krieg.«

Kriminelle Geschäfte mit Nashörnern

In Afrika gibt es 24.800 Nashörner, mehr als 80 Prozent davon in Südafrika. Seit 2008 hat die Nashorn-Wilderei massiv zugenommen. Die Wilderer schlagen den Tieren die Hörner ab; die Nashörner verenden meist blutig. Ihr Horn wird nach China und Vietnam geschmuggelt, wo es in Pulverform als Heilmittel verkauft wird – es soll gegen Bluthochdruck und Krebs helfen. Bei einem Kilopreis von 80.000 Dollar ist Hornpulver wertvoller als Gold und Kokain.

Dass immer mehr afrikanische Nashörner abgeschlachtet werden, liegt an der gestiegenen Nachfrage nach Horn in Asien. Dort sind Nashörner selten geworden, nachdem zwei von drei heimischen Arten durch Wilderei ausgerottet wurden. Tierschützer befürchten, dass dies nun auch den afrikanischen Nashörnern bevorstehen könnte, deren Bestände sich in den Jahren zuvor gut entwickelt hatten.

Nashorn-Produkte zu verkaufen, ist seit 1975 verboten. Bei der Artenschutz-Konferenz 2013 in Bangkok könnte der Handel legalisiert werden. Dahinter steckt die Hoffnung, dass dann ein Preissturz einsetzt, der das Horn für Wilderer unattraktiv macht.

Er hat jetzt keine Zeit mehr, der Mond steigt wie eine Milchglaskugel aus dem Horizont, gleich beginnt Wentzels Wache. Er wird die halbe Nacht auf einer Kuppe am Zaun von Thanda sitzen, in die Dunkelheit hineinhorchen, durch sein Infrarot-Fernglas in den Busch schauen. Er wird nach einem Feind Ausschau halten, der gefährlich und unberechenbar ist.

»Rettet unsere Rhinos!«, »Stoppt die Tragödie!«, rufen aufgebrachte Demonstranten vor den Union Buildings in Pretoria, dem Sitz der Regierung Südafrikas. Sie verbrennen Repliken von Hörnern und schwenken Plakate, die blutüberströmte, fürchterlich verstümmelte Nashörner zeigen.

Karte Südafrika
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Klicken Sie bitte auf die Grafik, um die Karte zu öffnen  |  © ZEIT-Grafik

Solche Bilder wühlen die Südafrikaner auf, denn das Nashorn ist ein nationales Kulturgut. Es schmückt den grünen Zehn-Rand-Schein, mit dem sie jeden Tag zahlen. Es ist das wehrhafte Wappentier afrikanischer Völker. Es gehört wegen seiner Tapsigkeit zu den Lieblingstieren der Kinder. Und es hat einen unschätzbaren ökonomischen Wert, weil es neben Elefant, Büffel, Löwe und Leopard zu den Big Five gehört, also zu den fünf Großtieren, die jedes Jahr von Millionen von Safaritouristen aus aller Welt bestaunt werden. Kein anderes Thema aus der Kaprepublik, der Gesundheitszustand Nelson Mandelas ausgenommen, findet so großen internationalen Widerhall wie das Schicksal der Nashörner.

Die tragische Geschichte der sterbenden Nashörner handelt jedoch nicht nur von Tierschutz in Südafrika, es ist eine viel größere Geschichte. In ihr geht es um Armut, Gier und Irrglauben, um Organisierte Kriminalität, korrupte Verwaltungsbeamte und ein globalisiertes Raubwesen, das am Beginn des 21. Jahrhunderts hemmungslos die letzten Naturschätze des Planeten plündert. Diese Geschichte beginnt nicht zwingend am Kap, sie könnte an vielen Orten beginnen, zum Beispiel in Hanoi, Vietnam, im Wohnzimmer von Nguyen Huong Giang, einem 24-jährigen Partygirl, das sich unlängst bei der Zubereitung eines Anti-Kater-Mittels aus Nashornmehl von der Nachrichtenagentur AP fotografieren ließ. Oder am Krankenbett jenes hochrangigen vietnamesischen Politikers, der vor Jahren behauptet haben soll, durch dieses Pulver vom Krebs geheilt worden zu sein.

Das Gerücht verbreitete sich in Windeseile im ganzen Land und ließ die Nachfrage explodieren – mit fatalen Folgen für das vietnamesische Java-Nashorn: Im April 2010 wurden die Überreste des letzten Exemplars dieser Subspezies im Nationalpark Cat Tien gefunden. Das vietnamesische Rhinozeros ist ausgerottet. Jetzt richtet sich die Begehrlichkeit auf seine Artgenossen in Afrika.

Leserkommentare
    • Laoyafo
    • 17. August 2012 19:37 Uhr

    Wahrscheinlich hat das Pulver eben doch Wirkung. Die Chinesen sind keine Idioten, sie hätten längst davon gelassen, wenn sie nichts merken würden. Vielleicht ist es auch nur der Glaube. Darum lassen sie sich das auch nicht ausreden. Und das ist das Schlimme!
    Vielleicht sollte man die Märkte mit gemahlenem Kuhhorn überschwemmen und es als Nashornpulver ausgeben. Und mit dem Erlös könnte man die noch lebenden Tiere lückenlos bewachen.

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    da sind die Händler schon selber draufgekommen

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/spiegel-tv-jagd-auf-afrikas-nas...

    "Sollten Ammanns Forschungen halbwegs repräsentativ sein, dann wäre das nicht unbedingt eine gute Nachricht. "Wenn so viel falsches Material auf dem Mark ist", so Harper, "würde das bedeuten, dass die Nachfrage nach Nashorn in Asien noch sehr viel höher ist als bisher angenommen.""

    vermeintlichen Wirkung wegen, oder aus anderen Gründen, eine Tierart ausrotten. Ob Tiger und Nashorn verbrauchende Chinesen oder walfangende Japaner oder Norweger ist dabei egal.

    ...aber der Placeboeffekt spielt durchaus eine Rolle. Kann man schon mal daran erkennen, dass es über 100 verschiedene Traditionen gibt, wo denn genau die "richtigen" Akkupunkturpunkte liegen.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beiträge, die als diskriminierend verstanden werden. Danke, die Redaktion/jz

    • dth
    • 18. August 2012 14:34 Uhr

    Nun, die Chinesen sind nicht idiotischer als alle anderen auch. Es wäre für die Nashörner jedoch bedeutend besser, wenn sich die Chinesen mehr der Homöopathie zuwenden würden.
    Vielleicht könnte man erreichen, beide Ansätze zu kombinieren. Dann würde wenigstens ein Nashornhorn für alle Ewigkeit reichen.

    • beka46
    • 12. Januar 2014 19:10 Uhr

    Ich verweise auf einen anderen ZEIT-Artikel:

    http://www.zeit.de/2011/25/N-Nashoerner/seite-2

    "...sagt Honnef (WWF) und verweist auf Studien, die dem Hornpulver allesamt Wirkungslosigkeit attestieren. Nur eine Untersuchung aus Hongkong ergab, dass das Heilmittel Rinoceri cornu fiebersenkend wirken kann – wenn man es in viel höheren Dosen einnimmt, als es normalerweise verschrieben wird. In der regulär empfohlenen Menge ist das Pulver des aus Keratin und Haaren bestehenden Horns so effektiv wie das Kauen von Fingernägeln."

    • Zack34
    • 17. August 2012 19:40 Uhr
  1. Ich wünsche Ihr Artikel wird von vielen gelesen und verstanden. Bin ja so froh das (wegen "Pussi-Dings" Zutextung) es ihn gibt.

  2. Mag sein, dass es irgendwo in den fünf Seiten steht, wenn nicht, hier noch ein Hinweis, der meistens fehlt: Man kann in Südafrika ganz legal Nashörner auf Jagdfarmen schießen, zerlegen und das Horn mit Einwilligung der südafrikanischen Zollbehörde außer Landes bringen. Und das ist in der Regel das einzige Problem, das die meisten Farmer da unten haben: Dass ihnen jemand das Tier vor der Nase wegschießt, ohne dass sie vorher dafür kassiert haben. Und so lange da unten jeder, der auch nur im Entferntesten etwas zu sagen hat (dazu gehört u.U. auch schon der Parkplatzwächter, denn auch der muss wegschauen) für 10 Rand die Augen zumacht, wird sich daran auch nichts ändern. Ein Ranger verdient in Südafrika umgerechnet etwa 70 EUR, 80 EUR wenn er bewaffnet ist, und 90 EUR, wenn die Waffe auch geladen ist. Das iphone, das er am Hals baumeln hat, kostet 800 EUR.

    • uweo
    • 17. August 2012 20:12 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Menschenverachtende Kommentare werden auf Zeit Online nicht geduldet. Die Redaktion/mak

  3. da sind die Händler schon selber draufgekommen

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/spiegel-tv-jagd-auf-afrikas-nas...

    "Sollten Ammanns Forschungen halbwegs repräsentativ sein, dann wäre das nicht unbedingt eine gute Nachricht. "Wenn so viel falsches Material auf dem Mark ist", so Harper, "würde das bedeuten, dass die Nachfrage nach Nashorn in Asien noch sehr viel höher ist als bisher angenommen.""

    • Bus-x
    • 17. August 2012 20:40 Uhr

    Die Chinesen sind keine Idioten sollte man glauben: aber kleine Leute im Glauben an Religionen und Hokus - Pokus zu lassen war immer bequem für die Regierenden.

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    • Laoyafo
    • 17. August 2012 23:54 Uhr

    in der Traditionellen Chinesischen Medizin ist ja gerade kein Hokuspokus, sondern fundiertes Erfahrungswissen. Darum ist es so haltbar. Ich habe schon viel Gutes dadurch erfahren. Aber es ist nicht akzeptabel, Produkte von hierfür getöteten Tieren zu nutzen, wie auch die aus quälerischer Haltung gewonnene Bärengalle. Es gibt eine Unzahl pflanzlicher und mineralischer Stoffe in der chinesischen Apotheke. Man kann nur auf die Vernunft der Menschen hoffen. Und es immer wieder sagen.

    • Extrakt
    • 17. August 2012 21:16 Uhr

    Wann kommen die Bewohner Asiens endlich drauf, dass die Zehennägel ihrer Lieblingsspeisehühner die gleiche Wirkung haben.
    Blogger der Welt schreit diese wunderbare Nachricht in alle Welt hinaus und rettet meine Nashörner - bitte!

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    • Aluni
    • 18. August 2012 0:30 Uhr

    Ja! Und die Suppe daraus schmeckt auch noch vorzüglich! Bald werden die Füße das teuerste an diesem Geflügel sein. Und nutzt noch dazu bei Erkältung.
    Also erklär doch mal einer diesen Asiaten, dass man von Nashorn-Nasenhorn die Pest an den Hals kriegt und impotent wird.

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