Die Kugel hat den Schädel genau an der richtigen Stelle durchschlagen. Eine Handbreit hinter dem Auge, vier Zentimeter vor dem Ohr. »Ein perfekter Schuss. Das kann nur ein Vollprofi«, sagt Alwyn Wentzel, »ich schätze, es war ein Berufsjäger.« Er kniet über dem Nashornschädel und deutet auf das Einschussloch und die Bruchstellen, an denen die Hörner mit einer Machete abgeschlagen wurden. Hyänen und Geier haben das Fleisch abgenagt, nur das Hirn verwest noch in der Schädelhöhle und verströmt einen widerlichen Aasgestank. Der Kadaver wurde vor zwei Wochen entdeckt. »Ein weißes Nashorn, drei bis vier Jahre alt. Das bricht einem das Herz.« Wentzels Stimme bebt vor Zorn und Trauer, man würde sich nicht wundern, wenn der hochgewachsene Mann gleich zu weinen anfinge.

Alwyn Wentzel ist Manager im Privatreservat Thanda, zuständig für Sicherheit und Infrastruktur. In diesen Tagen leidet er oft an Schlaflosigkeit. Er macht sich Vorwürfe. Den Verlust des Tieres empfindet er als persönliche Niederlage. »Irgendwann musste es auch uns erwischen, ich habe immer damit gerechnet. Aber dann wollte ich es doch nicht glauben, als wir dieses tote Nashorn fanden.«

In die amtliche Statistik geht es als das 75. Nashorn ein, das seit Jahresbeginn in Südafrika gewildert wurde. Bei gleichbleibendem Trend werden es am Jahresende mehr als 600 sein. Im Vorjahr zählten die Wildschutzbehörden 448. Alle zwanzig Stunden ein Rhinozeros weniger. In den staatlichen und privaten Tierschutzgebieten herrscht der Ausnahmezustand. »Da draußen läuft ein stilles Massaker«, sagt Wentzel, während er in die Savanne hinausschaut, die im Abendlicht honiggelb glüht. »Der kritische Punkt wird erreicht, wenn die Verluste höher sind als die Vermehrungsrate.« 24.800 Rhinozerosse gibt es noch in Afrika, 20.500 leben in den Savannen Südafrikas. Tierschützer befürchten, dass die Panzertiere in vierzig Jahren ausgerottet sein könnten, wenn die illegale Treibjagd in diesem Tempo weitergeht. Wentzel hält das für eine übertriebene Schreckensvision, aber auch er sagt: »Wir kämpfen um die Erhaltung einer Art. Wir befinden uns im Krieg.«

Er hat jetzt keine Zeit mehr, der Mond steigt wie eine Milchglaskugel aus dem Horizont, gleich beginnt Wentzels Wache. Er wird die halbe Nacht auf einer Kuppe am Zaun von Thanda sitzen, in die Dunkelheit hineinhorchen, durch sein Infrarot-Fernglas in den Busch schauen. Er wird nach einem Feind Ausschau halten, der gefährlich und unberechenbar ist.

»Rettet unsere Rhinos!«, »Stoppt die Tragödie!«, rufen aufgebrachte Demonstranten vor den Union Buildings in Pretoria, dem Sitz der Regierung Südafrikas. Sie verbrennen Repliken von Hörnern und schwenken Plakate, die blutüberströmte, fürchterlich verstümmelte Nashörner zeigen.

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Solche Bilder wühlen die Südafrikaner auf, denn das Nashorn ist ein nationales Kulturgut. Es schmückt den grünen Zehn-Rand-Schein, mit dem sie jeden Tag zahlen. Es ist das wehrhafte Wappentier afrikanischer Völker. Es gehört wegen seiner Tapsigkeit zu den Lieblingstieren der Kinder. Und es hat einen unschätzbaren ökonomischen Wert, weil es neben Elefant, Büffel, Löwe und Leopard zu den Big Five gehört, also zu den fünf Großtieren, die jedes Jahr von Millionen von Safaritouristen aus aller Welt bestaunt werden. Kein anderes Thema aus der Kaprepublik, der Gesundheitszustand Nelson Mandelas ausgenommen, findet so großen internationalen Widerhall wie das Schicksal der Nashörner.

Die tragische Geschichte der sterbenden Nashörner handelt jedoch nicht nur von Tierschutz in Südafrika, es ist eine viel größere Geschichte. In ihr geht es um Armut, Gier und Irrglauben, um Organisierte Kriminalität, korrupte Verwaltungsbeamte und ein globalisiertes Raubwesen, das am Beginn des 21. Jahrhunderts hemmungslos die letzten Naturschätze des Planeten plündert. Diese Geschichte beginnt nicht zwingend am Kap, sie könnte an vielen Orten beginnen, zum Beispiel in Hanoi, Vietnam, im Wohnzimmer von Nguyen Huong Giang, einem 24-jährigen Partygirl, das sich unlängst bei der Zubereitung eines Anti-Kater-Mittels aus Nashornmehl von der Nachrichtenagentur AP fotografieren ließ. Oder am Krankenbett jenes hochrangigen vietnamesischen Politikers, der vor Jahren behauptet haben soll, durch dieses Pulver vom Krebs geheilt worden zu sein.

Das Gerücht verbreitete sich in Windeseile im ganzen Land und ließ die Nachfrage explodieren – mit fatalen Folgen für das vietnamesische Java-Nashorn: Im April 2010 wurden die Überreste des letzten Exemplars dieser Subspezies im Nationalpark Cat Tien gefunden. Das vietnamesische Rhinozeros ist ausgerottet. Jetzt richtet sich die Begehrlichkeit auf seine Artgenossen in Afrika.