SüdafrikaKrieg im Busch
Seite 2/5:

Gier nach den Hörnern frisst sich immer weiter um den Erdball

Der weltweite Handel mit bedrohten Arten bringt nach Schätzungen von Interpol einen jährlichen Gewinn von rund 14 Milliarden Dollar. Die größten Absatzmärkte liegen in China, Thailand und anderen asiatischen Aufsteigerländern. Dort entstanden infolge des rasanten Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahrzehnte breite Mittelschichten, die über eine erhöhte Kaufkraft verfügen. Der neue Wohlstand drückt sich auch im Konsum von exotischen Naturgütern aus. Elfenbein-Amulette, Tigerknochenpaste, Abalone-Muschel-Pulver, Haifischflossen und Bärengalle werden als Statussymbole, Prestigegeschenke, Aphrodisiaka und Heilmittel mit angeblich wundersamer Wirkung geschätzt. Die Vietnamesen schwören vor allem auf Nashornmehl. Es soll Fieber senken, Schmerzen lindern, die Potenz steigern und eben unheilbare Krankheiten kurieren.

»Das ist absoluter Blödsinn«, schimpft Joseph Okori vom World Wide Fund For Nature (WWF). Der Tierarzt aus Uganda ist der Koordinator für Rhinozeros-Fragen in Afrika, in seinem Büro in Kapstadt steht ein dackelgroßes Bronze-Nashorn. »Die medizinische Wirkung des Pulvers ist gleich null, die Leute könnten genauso gut ihre Fingernägel zerkauen oder Kuhhufe essen.« Okori verweist auf eine Materialanalyse der Universität von Ohio: Das Horn besteht hauptsächlich aus Keratin – dem Stoff, aus dem unsere Haare und Nägel sind. Aber die Mythen sind mächtig, ganz besonders in Vietnam.

Fotostrecke
Fotos zeigen die grausame Jagd auf die Hörner der letzten Rhinozerosse.

Fotos zeigen die grausame Jagd auf die Hörner der letzten Rhinozerosse.

Es ist ein trauriger Tag für Okori. Am Morgen haben sie im Krüger-Nationalpark das hundertste getötete Nashorn in diesem Jahr gefunden. Das kriminelle Geschäft werde immer attraktiver, sagt Okori, weil das Risiko im Vergleich zum Drogen- oder Menschenhandel gering sei – zudem lockten extrem hohe Profite. »Auf dem Schwarzmarkt kostet ein Kilo Horn bis zu 80.000 Dollar, also mehr als ein Kilo Gold!« Er rechnet vor, warum die Sache auch für legale Trophäenjäger sehr lukrativ ist. Am Kap bezahlen sie für das Abknallen eines weißen Nashorns 50.000 Dollar, für ein schwarzes sogar 150.000. Ein fünf Kilogramm schweres Durchschnittshorn – 3,5 bis sechs Kilo gelten als Normalgewicht – bringt 400.000.

So erklärt sich, warum zwei Drittel der Antragsteller, die in Südafrika zwischen 2009 und 2011 Abschussgenehmigungen erhalten haben, aus Vietnam kommen. Es sind keine Großwildjäger mit Spaß am Sport, sondern Geschäftemacher. Die staatlichen Naturschutzbehörden jedoch stellen nach wie vor Abschusslizenzen aus, als wäre die Welt noch in Ordnung.

Die Gier nach den Hörnern frisst sich immer weiter um den Erdball und schlägt inzwischen auch an Orten zu, wo man das niemals für möglich gehalten hatte. Zum Beispiel in Deutschland, im badischen Offenburg. Wolfgang Gall leitet dort das Museum im Ritterhaus. Als er am 18. Februar dieses Jahres die kolonialhistorische Abteilung betrat, traute er seinen Augen nicht. Unbekannte Täter hatten den 80 Kilo schweren Schädel eines Nashorns aus der Wandverankerung in vier Meter Höhe gerissen und die beiden Hörner mit einem Hammer abgeschlagen – ein dreister Raubüberfall mitten am Tag. »Einfach unglaublich«, sagt Gall, »das globalisierte Verbrechen reicht bis in unser kleines Provinzmuseum!«

Im Juni des vorigen Jahres verschwanden aus der Zoologischen Sammlung der Universität Hamburg fünf Hörner. Ähnliche Straftaten werden aus England, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Schweden, Tschechien, Österreich, Italien und Portugal gemeldet. 2011 seien in 15 europäischen Ländern insgesamt 72 Hörner gestohlen worden, gab Europol bekannt. Die Geschädigten sind Naturkunde- und Jagdmuseen, Galerien, Auktionshäuser, Depots, Antiquitätenhändler, Tierpräparatoren und Trophäensammler. Überall in Europa verschärfen Zoos und Safariparks die Sicherheitsvorkehrungen. Doch das wirkliche Drama vollzieht sich im Süden Afrikas.

»Keine Interviews, ich bin im Einsatz«, brummt ein Stentorbass aus dem Handy. Im Hintergrund knattern Hubschrauberrotoren. Die Stimme gehört einem Mann, den alle nur JP nennen. JP ist Chefermittler der Hawks, einer Eliteeinheit der südafrikanischen Polizei. Er leitet die Feldoperationen der Rhino Crime Task Force des Bundeslands KwaZulu-Natal – ein Spitzenpolizist, den die Wilderer fürchten. Aber JP darf nicht mit der Presse reden, die staatlichen Verfolgungsorgane haben wegen der allgemeinen Hysterie eine Nachrichtensperre verhängt.

Der Helikopter von JP überfliegt gerade das Wildreservat von iMfolozi, wo wir am Boden mit einer Patrouille von parkeigenen Rangern unterwegs sind. Die vier Männer – olivgrüne Uniformen, bewaffnet mit R1-Sturmgewehren und Pfefferspray – fahnden nach Eindringlingen. Sie stehen in ständigem Funkkontakt mit ihrer Kommandozentrale, denn ihre Mission ist lebensgefährlich. Vor den wilden Tieren, deren Verhalten sie sehr genau kennen, fürchten sie sich nicht. Sie fürchten sich vor äußerst skrupellos vorgehenden Kriminellen, die oft mit Kalaschnikows ausgerüstet sind und von ihren Kriegswaffen ohne Vorwarnung Gebrauch machen.

Brüllende Hitze, krachdürres, unwegsames Gelände, Dornen, Zecken, Wespen. An einer Wasserstelle die Fährte eines Löwen, daneben die Fußabdrücke von Nashörnern, groß wie Frisbeescheiben. Nach vierstündiger Pirsch plötzlich ein dunkler Fleck im Gestrüpp, keine 15 Meter vor uns: Diceros bicornis, eines der seltenen Spitzmaulnashörner! Es ist, als stünde uns ein Wesen aus der Urzeit gegenüber. Seit 50 Millionen Jahren bevölkern diese Unpaarhufer die Erde, nur ein paar Tausend haben es ins 21. Jahrhundert geschafft. »Guckt euch schon mal einen Baum aus!«, flüstert Jabulani Ngubane, der Kommandeur des Trupps. »Das Tier ist nervös und angriffslustig.« Die Ranger haben das Weibchen, dessen Partner vor ein paar Wochen von Wilderern abgeschlachtet wurde, wiedererkannt. Die Lichtung, in der die Verbrecher das Horn mit einer Axt abschlugen, ist nicht weit entfernt.

Der Kampf ums Nashorn ist gefährlich. Sieben Ranger wurden getötet

»Unsere Patrouillen kommen häufig zu spät an die Tatorte«, räumt Ngubane ein. Er ist diplomierter Naturschützer und Tourismusmanager und hat ein militärisches Spezialtraining absolviert. Jetzt koordiniert er die Abwehrmaßnahmen in den staatlichen Naturparks des Bundeslandes KwaZulu-Natal, alle Zwischenfälle laufen über seinen Laptop, den er immer dabeihat. Unter einer Schatten spendenden Akazie zeigt er uns Fotos von grausam zugerichteten Nashörnern. Die Datei mit Bildern, auf denen erschossene Kollegen zu sehen sind, will er nicht öffnen. Sieben seiner Männer wurden bereits getötet.

Leserkommentare
  1. Wahrscheinlich hat das Pulver eben doch Wirkung. Die Chinesen sind keine Idioten, sie hätten längst davon gelassen, wenn sie nichts merken würden. Vielleicht ist es auch nur der Glaube. Darum lassen sie sich das auch nicht ausreden. Und das ist das Schlimme!
    Vielleicht sollte man die Märkte mit gemahlenem Kuhhorn überschwemmen und es als Nashornpulver ausgeben. Und mit dem Erlös könnte man die noch lebenden Tiere lückenlos bewachen.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    da sind die Händler schon selber draufgekommen

    http://www.spiegel.de/wis...

    "Sollten Ammanns Forschungen halbwegs repräsentativ sein, dann wäre das nicht unbedingt eine gute Nachricht. "Wenn so viel falsches Material auf dem Mark ist", so Harper, "würde das bedeuten, dass die Nachfrage nach Nashorn in Asien noch sehr viel höher ist als bisher angenommen.""

    vermeintlichen Wirkung wegen, oder aus anderen Gründen, eine Tierart ausrotten. Ob Tiger und Nashorn verbrauchende Chinesen oder walfangende Japaner oder Norweger ist dabei egal.

    ...aber der Placeboeffekt spielt durchaus eine Rolle. Kann man schon mal daran erkennen, dass es über 100 verschiedene Traditionen gibt, wo denn genau die "richtigen" Akkupunkturpunkte liegen.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beiträge, die als diskriminierend verstanden werden. Danke, die Redaktion/jz

    • dth
    • 18.08.2012 um 14:34 Uhr

    Nun, die Chinesen sind nicht idiotischer als alle anderen auch. Es wäre für die Nashörner jedoch bedeutend besser, wenn sich die Chinesen mehr der Homöopathie zuwenden würden.
    Vielleicht könnte man erreichen, beide Ansätze zu kombinieren. Dann würde wenigstens ein Nashornhorn für alle Ewigkeit reichen.

    da sind die Händler schon selber draufgekommen

    http://www.spiegel.de/wis...

    "Sollten Ammanns Forschungen halbwegs repräsentativ sein, dann wäre das nicht unbedingt eine gute Nachricht. "Wenn so viel falsches Material auf dem Mark ist", so Harper, "würde das bedeuten, dass die Nachfrage nach Nashorn in Asien noch sehr viel höher ist als bisher angenommen.""

    vermeintlichen Wirkung wegen, oder aus anderen Gründen, eine Tierart ausrotten. Ob Tiger und Nashorn verbrauchende Chinesen oder walfangende Japaner oder Norweger ist dabei egal.

    ...aber der Placeboeffekt spielt durchaus eine Rolle. Kann man schon mal daran erkennen, dass es über 100 verschiedene Traditionen gibt, wo denn genau die "richtigen" Akkupunkturpunkte liegen.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beiträge, die als diskriminierend verstanden werden. Danke, die Redaktion/jz

    • dth
    • 18.08.2012 um 14:34 Uhr

    Nun, die Chinesen sind nicht idiotischer als alle anderen auch. Es wäre für die Nashörner jedoch bedeutend besser, wenn sich die Chinesen mehr der Homöopathie zuwenden würden.
    Vielleicht könnte man erreichen, beide Ansätze zu kombinieren. Dann würde wenigstens ein Nashornhorn für alle Ewigkeit reichen.

    • Zack34
    • 17.08.2012 um 19:40 Uhr
  2. Ich wünsche Ihr Artikel wird von vielen gelesen und verstanden. Bin ja so froh das (wegen "Pussi-Dings" Zutextung) es ihn gibt.

  3. Mag sein, dass es irgendwo in den fünf Seiten steht, wenn nicht, hier noch ein Hinweis, der meistens fehlt: Man kann in Südafrika ganz legal Nashörner auf Jagdfarmen schießen, zerlegen und das Horn mit Einwilligung der südafrikanischen Zollbehörde außer Landes bringen. Und das ist in der Regel das einzige Problem, das die meisten Farmer da unten haben: Dass ihnen jemand das Tier vor der Nase wegschießt, ohne dass sie vorher dafür kassiert haben. Und so lange da unten jeder, der auch nur im Entferntesten etwas zu sagen hat (dazu gehört u.U. auch schon der Parkplatzwächter, denn auch der muss wegschauen) für 10 Rand die Augen zumacht, wird sich daran auch nichts ändern. Ein Ranger verdient in Südafrika umgerechnet etwa 70 EUR, 80 EUR wenn er bewaffnet ist, und 90 EUR, wenn die Waffe auch geladen ist. Das iphone, das er am Hals baumeln hat, kostet 800 EUR.

    2 Leserempfehlungen
    • uweo
    • 17.08.2012 um 20:12 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Menschenverachtende Kommentare werden auf Zeit Online nicht geduldet. Die Redaktion/mak

  4. da sind die Händler schon selber draufgekommen

    http://www.spiegel.de/wis...

    "Sollten Ammanns Forschungen halbwegs repräsentativ sein, dann wäre das nicht unbedingt eine gute Nachricht. "Wenn so viel falsches Material auf dem Mark ist", so Harper, "würde das bedeuten, dass die Nachfrage nach Nashorn in Asien noch sehr viel höher ist als bisher angenommen.""

    Eine Leserempfehlung
    • Bus-x
    • 17.08.2012 um 20:40 Uhr

    Die Chinesen sind keine Idioten sollte man glauben: aber kleine Leute im Glauben an Religionen und Hokus - Pokus zu lassen war immer bequem für die Regierenden.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    in der Traditionellen Chinesischen Medizin ist ja gerade kein Hokuspokus, sondern fundiertes Erfahrungswissen. Darum ist es so haltbar. Ich habe schon viel Gutes dadurch erfahren. Aber es ist nicht akzeptabel, Produkte von hierfür getöteten Tieren zu nutzen, wie auch die aus quälerischer Haltung gewonnene Bärengalle. Es gibt eine Unzahl pflanzlicher und mineralischer Stoffe in der chinesischen Apotheke. Man kann nur auf die Vernunft der Menschen hoffen. Und es immer wieder sagen.

    in der Traditionellen Chinesischen Medizin ist ja gerade kein Hokuspokus, sondern fundiertes Erfahrungswissen. Darum ist es so haltbar. Ich habe schon viel Gutes dadurch erfahren. Aber es ist nicht akzeptabel, Produkte von hierfür getöteten Tieren zu nutzen, wie auch die aus quälerischer Haltung gewonnene Bärengalle. Es gibt eine Unzahl pflanzlicher und mineralischer Stoffe in der chinesischen Apotheke. Man kann nur auf die Vernunft der Menschen hoffen. Und es immer wieder sagen.

  5. Wann kommen die Bewohner Asiens endlich drauf, dass die Zehennägel ihrer Lieblingsspeisehühner die gleiche Wirkung haben.
    Blogger der Welt schreit diese wunderbare Nachricht in alle Welt hinaus und rettet meine Nashörner - bitte!

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Aluni
    • 18.08.2012 um 0:30 Uhr

    Ja! Und die Suppe daraus schmeckt auch noch vorzüglich! Bald werden die Füße das teuerste an diesem Geflügel sein. Und nutzt noch dazu bei Erkältung.
    Also erklär doch mal einer diesen Asiaten, dass man von Nashorn-Nasenhorn die Pest an den Hals kriegt und impotent wird.

    • Aluni
    • 18.08.2012 um 0:30 Uhr

    Ja! Und die Suppe daraus schmeckt auch noch vorzüglich! Bald werden die Füße das teuerste an diesem Geflügel sein. Und nutzt noch dazu bei Erkältung.
    Also erklär doch mal einer diesen Asiaten, dass man von Nashorn-Nasenhorn die Pest an den Hals kriegt und impotent wird.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service