SüdafrikaKrieg im Busch
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"Wir haben es mit weitverzweigten und hochkomplexen Netzwerken zu tun"

»Das Problem beginnt bei der Armut dort draußen.« Ngubane zeigt auf die Hütten am Rande des Reservats, die im Hitzeflimmern kaum zu erkennen sind. »Dort leben jede Menge arbeitslose junge Männer, die Wilderei bringt schnelles Geld.« Und überall gebe es Kollaborateure, »bei der Polizei, bei den Banken, in den Parkverwaltungen – und in der eigenen Truppe«. Man nennt es inside job, wenn sich Ranger, Sicherheitsleute oder Torwächter von den Syndikaten anheuern lassen. »Sie verdienen in der Regel nicht viel, die Versuchung ist groß.« Für ein Kilo Horn zahlen die Auftraggeber den einfachen Helfern 40.000 Rand, rund 4.000 Euro – einen Bruchteil des späteren Gewinns. Im vergangenen Jahr wurden in iMfolozi vier korrupte Wildhüter gefeuert oder versetzt, zwei Parkangestellte sitzen in Untersuchungshaft. »Sie sollen die Rhinos schützen und verraten ihre Standorte. Eine Schande!«

Ngubane hat in Zusammenarbeit mit der Polizei einen internen Geheimdienst aufgebaut, der Mobiltelefone abhört und Verdächtige observiert; Informanten berichten aus den umliegenden Kommunen oder infiltrieren Wildererkartelle. »Eigentlich brauchten wir Profis wie die US-Agenten, die Osama bin Laden aufgestöbert haben. Wir haben es mit weitverzweigten und hochkomplexen Netzwerken zu tun.« Die Ermittler der Hawks gliedern sie in vier Funktionsebenen. Ganz unten agieren die Wilderer und ihre unmittelbaren Zuarbeiter: Ranger, Berufsjäger, Buschpiloten, Polizeibeamte, Exsoldaten, Fährtenleser, die die Bewegungen der Herden auskundschaften, Veterinärmediziner, die das Betäubungsgift M99 liefern. Auf der nächsthöheren Ebene arbeiten Mittelsleute und Kuriere: Lokalpolitiker, Safariveranstalter, Jagdfarmer, Viehhändler. Auf der Ebene darüber operieren die Bandenchefs und Drahtzieher. Sie stellen die Verbindung zu Schmugglerringen her, die ihrerseits Frachtunternehmen, Zollinspektoren, Hafenbehörden und Flughafenangestellte auf ihrer Bestechungsliste führen. Ganz oben sitzen die Diplomaten, die grauen Eminenzen in den Botschaften, die dafür sorgen, dass die begehrte Ware ungehindert zu den Großhändlern in ihren Heimatländern gelangt. Letztes Jahr sind in der vietnamesischen Botschaft in Pretoria drei Entsandte aufgeflogen, die in illegalem Besitz von Hörnern waren.

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»Manche Wilderer versuchen es auch auf eigene Faust und entwickeln dabei die unverfrorensten Strategien«, erzählt Ngubane. Einmal quartierten sich zwei weiße Farmer als ganz normale Touristen in Mpila ein, dem Übernachtungscamp im Zentrum von iMfolozi. In der Abenddämmerung gingen sie auf Pirschfahrt, schraubten Schalldämpfer auf ihre Jagdgewehre und knallten in aller Ruhe einen prächtigen Nashornbullen ab. Als sie anderntags das Reservat verlassen wollten, wurde das blutverschmierte Horn im Kofferraum ihres Geländewagens entdeckt. Zehn Jahre Haft beträgt die Höchststrafe für unerlaubten Waffenbesitz und Wilderei, doch das schreckt die Täter nicht ab, der astronomisch hohe Profit ist einfach zu verlockend.

Ngubanes Handy schrillt. Es ist JP. Seine Leute hätten soeben ganz in der Nähe einen Kerl auf frischer Tat ertappt und Felle, Häute und Knochen beschlagnahmt. Offenbar handelt es sich nicht um einen professionellen Gangster, sondern um einen ganz normalen Wilddieb, einen Dörfler, der kleine Nebengeschäfte macht. Die Bewohner der angrenzenden Siedlungen streifen regelmäßig durch die Reservate. Sie sammeln Feuerholz, suchen Heilpflanzen oder jagen Antilopen, damit mal frisches Fleisch auf den Teller kommt. Sie fühlen sich dabei nicht als Gesetzesbrecher, die Nutzung des Landes ihrer Ahnen ist ein traditionelles Recht, das seit Jahrhunderten galt – also schon lange bevor die weißen Siedler aus Europa kamen und die vermeintlich herrenlose Wildnis eroberten.

Auf der Rückfahrt zu unserer Herberge im Camp Mpila bleiben wir in der Staubfahne eines vorbeirasenden Pritschenwagens stehen. Auf der Ladefläche liegen Felle, Häute, Knochen. JP und sein Greiftrupp. Der Mann ist wie ein Phantom. Erst drei Tage später werden wir ihn endlich zu Gesicht bekommen.

Es ist der Morgen, an dem das 126. Nashorn seit Jahresbeginn getötet wurde, wieder im Krüger-Park. Dulcie Oliver, die für das Project Rhino in den Dorfschulen rund um den Wildpark Thanda arbeitet, sagt: »Wir werden den Kampf verlieren, wenn wir die schwarze Bevölkerung nicht einbeziehen. Die Menschen sollen die Wildtiere als schützenswertes Gut betrachten, das auch ihnen Jobs und Einkommen bringt.«

In der Mitte des Wildparks Thanda thront eine luxuriöse Fünf-Sterne-Lodge. Thanda bedeutet Liebe in der Sprache isiZulu. Die Liebe endet am Hochsicherheitszaun. Jenseits leben die Habenichtse, die Ausgegrenzten, die Hungrigen, diesseits erfüllen sich die Wohlhabenden und Satten ihren Traum von Afrika. Oliver schiebt ein Stachelschwein über den Tisch, einen dekorativen Zahnstocherspender. »Die Kinder aus den Dorfschulen hielten es für ein Nashorn. Sie haben noch nie eines leibhaftig gesehen! Deshalb bedeutet es ihnen auch nicht viel, wenn so ein Tier verschwindet.«

Zwei Tage später landet neben der Logistikzentrale von Thanda ein weiß-blauer Polizeihubschrauber. Heraus klettert ein dicker, stämmiger Mann, ein Burenriese mit Sonnenbrille und einem weißen T-Shirt mit knallroter Aufschrift: Hawks. »Hi guys, I am JP.« Jean Pierre Roux, der Oberjäger. Das von den Behörden verhängte Auskunftsverbot kümmert ihn nicht, er plaudert munter drauflos, schließlich gibt es große Erfolge zu vermelden. »Wir haben in dieser Woche sechs Wilderer erwischt, den letzten gestern. Er wollte uns eine Hornspitze andrehen. Wenn du einen dieser Burschen kriegst und ordentlich ausquetschst, kriegst du den nächsten.« Zwei Monate lang haben seine Leute die verdeckte Operation vorbereitet, am Ende gelang es ihnen, ein Syndikat zu zerschlagen, und der dürre Mann mit der roten Kappe, der kettenrauchend neben JP steht, hatte entscheidenden Anteil an diesem Coup.

»Pieter, das muss genügen«, stellt er sich vor. »Ich bin freischaffender Spion.« Pieter war ein Soldat des Apartheid-Regimes, voller Veteranenstolz zählt er seine Einsatzorte auf: Sambia, Angola, Mosambik, Simbabwe, Namibia. Zuletzt war er Vorarbeiter auf einer Farm. Eines Abends fragte ihn der Sohn des Eigentümers, ob er für ihn Nashörner schießen könne. »Der ist ein richtiger Gauner. Er treibt illegalen Handel mit allem, was ordentlich Geld bringt: Marihuana, Schlangenhäute, Agrargifte, seltene Palmfarne.« Irgendwann hat er gemerkt, dass Nashörner viel einträglicher sind.

Leserkommentare
  1. Wahrscheinlich hat das Pulver eben doch Wirkung. Die Chinesen sind keine Idioten, sie hätten längst davon gelassen, wenn sie nichts merken würden. Vielleicht ist es auch nur der Glaube. Darum lassen sie sich das auch nicht ausreden. Und das ist das Schlimme!
    Vielleicht sollte man die Märkte mit gemahlenem Kuhhorn überschwemmen und es als Nashornpulver ausgeben. Und mit dem Erlös könnte man die noch lebenden Tiere lückenlos bewachen.

    4 Leserempfehlungen
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    da sind die Händler schon selber draufgekommen

    http://www.spiegel.de/wis...

    "Sollten Ammanns Forschungen halbwegs repräsentativ sein, dann wäre das nicht unbedingt eine gute Nachricht. "Wenn so viel falsches Material auf dem Mark ist", so Harper, "würde das bedeuten, dass die Nachfrage nach Nashorn in Asien noch sehr viel höher ist als bisher angenommen.""

    vermeintlichen Wirkung wegen, oder aus anderen Gründen, eine Tierart ausrotten. Ob Tiger und Nashorn verbrauchende Chinesen oder walfangende Japaner oder Norweger ist dabei egal.

    ...aber der Placeboeffekt spielt durchaus eine Rolle. Kann man schon mal daran erkennen, dass es über 100 verschiedene Traditionen gibt, wo denn genau die "richtigen" Akkupunkturpunkte liegen.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beiträge, die als diskriminierend verstanden werden. Danke, die Redaktion/jz

    • dth
    • 18.08.2012 um 14:34 Uhr

    Nun, die Chinesen sind nicht idiotischer als alle anderen auch. Es wäre für die Nashörner jedoch bedeutend besser, wenn sich die Chinesen mehr der Homöopathie zuwenden würden.
    Vielleicht könnte man erreichen, beide Ansätze zu kombinieren. Dann würde wenigstens ein Nashornhorn für alle Ewigkeit reichen.

    da sind die Händler schon selber draufgekommen

    http://www.spiegel.de/wis...

    "Sollten Ammanns Forschungen halbwegs repräsentativ sein, dann wäre das nicht unbedingt eine gute Nachricht. "Wenn so viel falsches Material auf dem Mark ist", so Harper, "würde das bedeuten, dass die Nachfrage nach Nashorn in Asien noch sehr viel höher ist als bisher angenommen.""

    vermeintlichen Wirkung wegen, oder aus anderen Gründen, eine Tierart ausrotten. Ob Tiger und Nashorn verbrauchende Chinesen oder walfangende Japaner oder Norweger ist dabei egal.

    ...aber der Placeboeffekt spielt durchaus eine Rolle. Kann man schon mal daran erkennen, dass es über 100 verschiedene Traditionen gibt, wo denn genau die "richtigen" Akkupunkturpunkte liegen.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beiträge, die als diskriminierend verstanden werden. Danke, die Redaktion/jz

    • dth
    • 18.08.2012 um 14:34 Uhr

    Nun, die Chinesen sind nicht idiotischer als alle anderen auch. Es wäre für die Nashörner jedoch bedeutend besser, wenn sich die Chinesen mehr der Homöopathie zuwenden würden.
    Vielleicht könnte man erreichen, beide Ansätze zu kombinieren. Dann würde wenigstens ein Nashornhorn für alle Ewigkeit reichen.

    • Zack34
    • 17.08.2012 um 19:40 Uhr
  2. Ich wünsche Ihr Artikel wird von vielen gelesen und verstanden. Bin ja so froh das (wegen "Pussi-Dings" Zutextung) es ihn gibt.

  3. Mag sein, dass es irgendwo in den fünf Seiten steht, wenn nicht, hier noch ein Hinweis, der meistens fehlt: Man kann in Südafrika ganz legal Nashörner auf Jagdfarmen schießen, zerlegen und das Horn mit Einwilligung der südafrikanischen Zollbehörde außer Landes bringen. Und das ist in der Regel das einzige Problem, das die meisten Farmer da unten haben: Dass ihnen jemand das Tier vor der Nase wegschießt, ohne dass sie vorher dafür kassiert haben. Und so lange da unten jeder, der auch nur im Entferntesten etwas zu sagen hat (dazu gehört u.U. auch schon der Parkplatzwächter, denn auch der muss wegschauen) für 10 Rand die Augen zumacht, wird sich daran auch nichts ändern. Ein Ranger verdient in Südafrika umgerechnet etwa 70 EUR, 80 EUR wenn er bewaffnet ist, und 90 EUR, wenn die Waffe auch geladen ist. Das iphone, das er am Hals baumeln hat, kostet 800 EUR.

    2 Leserempfehlungen
    • uweo
    • 17.08.2012 um 20:12 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Menschenverachtende Kommentare werden auf Zeit Online nicht geduldet. Die Redaktion/mak

  4. da sind die Händler schon selber draufgekommen

    http://www.spiegel.de/wis...

    "Sollten Ammanns Forschungen halbwegs repräsentativ sein, dann wäre das nicht unbedingt eine gute Nachricht. "Wenn so viel falsches Material auf dem Mark ist", so Harper, "würde das bedeuten, dass die Nachfrage nach Nashorn in Asien noch sehr viel höher ist als bisher angenommen.""

    Eine Leserempfehlung
    • Bus-x
    • 17.08.2012 um 20:40 Uhr

    Die Chinesen sind keine Idioten sollte man glauben: aber kleine Leute im Glauben an Religionen und Hokus - Pokus zu lassen war immer bequem für die Regierenden.

    2 Leserempfehlungen
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    in der Traditionellen Chinesischen Medizin ist ja gerade kein Hokuspokus, sondern fundiertes Erfahrungswissen. Darum ist es so haltbar. Ich habe schon viel Gutes dadurch erfahren. Aber es ist nicht akzeptabel, Produkte von hierfür getöteten Tieren zu nutzen, wie auch die aus quälerischer Haltung gewonnene Bärengalle. Es gibt eine Unzahl pflanzlicher und mineralischer Stoffe in der chinesischen Apotheke. Man kann nur auf die Vernunft der Menschen hoffen. Und es immer wieder sagen.

    in der Traditionellen Chinesischen Medizin ist ja gerade kein Hokuspokus, sondern fundiertes Erfahrungswissen. Darum ist es so haltbar. Ich habe schon viel Gutes dadurch erfahren. Aber es ist nicht akzeptabel, Produkte von hierfür getöteten Tieren zu nutzen, wie auch die aus quälerischer Haltung gewonnene Bärengalle. Es gibt eine Unzahl pflanzlicher und mineralischer Stoffe in der chinesischen Apotheke. Man kann nur auf die Vernunft der Menschen hoffen. Und es immer wieder sagen.

  5. Wann kommen die Bewohner Asiens endlich drauf, dass die Zehennägel ihrer Lieblingsspeisehühner die gleiche Wirkung haben.
    Blogger der Welt schreit diese wunderbare Nachricht in alle Welt hinaus und rettet meine Nashörner - bitte!

    7 Leserempfehlungen
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    • Aluni
    • 18.08.2012 um 0:30 Uhr

    Ja! Und die Suppe daraus schmeckt auch noch vorzüglich! Bald werden die Füße das teuerste an diesem Geflügel sein. Und nutzt noch dazu bei Erkältung.
    Also erklär doch mal einer diesen Asiaten, dass man von Nashorn-Nasenhorn die Pest an den Hals kriegt und impotent wird.

    • Aluni
    • 18.08.2012 um 0:30 Uhr

    Ja! Und die Suppe daraus schmeckt auch noch vorzüglich! Bald werden die Füße das teuerste an diesem Geflügel sein. Und nutzt noch dazu bei Erkältung.
    Also erklär doch mal einer diesen Asiaten, dass man von Nashorn-Nasenhorn die Pest an den Hals kriegt und impotent wird.

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