Es war ein großer Tag für die arabische Welt: Am 1. Oktober 1918 zog der Haschemitenprinz Faisal, Sohn Husseins, des Scherifen von Mekka und Medina, hoch zu Ross in Damaskus ein. Die Menge jubelte. An Faisals Seite ritt Thomas Edward Lawrence, ein abenteuernder Engländer, der als Lawrence of Arabia zur Legende wurde. Mehr oder weniger im Auftrag des Arab Bureau in London, der eigentlichen Kommandozentrale des britischen Empires für den Krieg in der Region, hatte Lawrence dabei geholfen, die Araber im Kampf gegen das zerfallende Osmanische Reich zu einen. Als sich im Ersten Weltkrieg das Deutsche Kaiserreich mit dem Reich des Sultans in Istanbul verbündete, stritten die nach Unabhängigkeit strebenden Araber und die Briten gegen einen gemeinsamen Feind.

Das neue Syrien, auch Bilad as-Sham genannt, »das Land zur Linken« – von Mekka aus gesehen in Richtung Sonnenaufgang –, umfasste das Gebiet der heutigen Länder Syrien, Libanon, Jordanien, Israel, Palästina und Teile der Türkei. Doch noch handelte es sich um fiktive Grenzen. Denn da waren nicht nur die Araber und die Engländer – da gab es auch noch die Franzosen.

Im geheimen Sykes-Picot-Abkommen (benannt nach den Verhandlungsführern, dem Briten Mark Sykes und dem Franzosen François Georges-Picot) hatten die beiden Kolonialmächte 1916 die osmanische Beute bereits unter sich aufgeteilt: Großbritannien sollte die Herrschaft über das heutige Jordanien bekommen, über das Gebiet, das sich heute Israel und Palästina teilen, und den größten Teil des Iraks; Frankreich wurden Teile der heutigen Türkei, der Rest des Iraks, Syrien und der heutige Libanon zugeschlagen. Es war abzusehen, dass Frankreich die Umsetzung dieses Abkommens nach dem Ende des Weltkrieges einfordern würde. Damit wäre der Traum von einem arabischen »Groß-Syrien« rasch ausgeträumt gewesen.

Zunächst aber schien es noch so, als könne der neue Staat sich tatsächlich konstituieren, zumal jetzt auch die USA in den Konflikt eingriffen. Die Vereinigten Staaten traten gegenüber den Mittelmächten Deutschland und dem Habsburger Reich zwar als Siegerstaat auf, in die Geschehnisse des Nahen Ostens allerdings hatten sie sich nicht eingemischt und dem Osmanischen Reich auch nie den Krieg erklärt. US-Präsident Woodrow Wilson, der von einer neuen Weltfriedensordnung träumte, entsandte nun, im Juni 1919, eine Kommission unter Henry Churchill King und Charles R. Crane nach Syrien. Sie sollte das Volk über die gewünschte zukünftige Staatsform befragen. Das war zweifellos eine unverhoffte Chance auf Selbstbestimmung für die arabische Welt.

Zur selben Zeit, am 3. Juni, tagte in Damaskus zum ersten Mal der Syrische Nationalkongress. Dazu kamen Notabeln aus allen Städten »Groß-Syriens«: aus Aleppo, aus Amman, Beirut, Damaskus, Jerusalem und vielen anderen Orten. Auch sie wollten der King-Crane-Kommission ihre Vorstellungen erläutern.

Doch Wilsons Unternehmen war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Denn Frankreich bestand auf dem Sykes-Picot-Abkommen: Es war bereits zur Grundlage der Friedensverhandlungen in Versailles beziehungsweise Paris geworden, die zur selben Zeit begannen. Und die Franzosen zeigten sich nicht willens, auf ihren Teil der »Kriegsbeute« zugunsten Großbritanniens oder der arabischen Nationalbewegung zu verzichten.

In Paris begreift Faisal rasch, dass es kein unabhängiges Syrien geben wird

Die Engländer leisteten keinen großen Widerstand. Im Stillen hofften die viktorianisch geprägten Strategen des Empires sogar, das syrische Königreich, das »Kuckucksei im Neste der Franzosen«, werde dem alten Erzfeind und kolonialen Rivalen Frankreich noch viel Ärger bereiten. Denn der musste sich nun mit den arabischen Nationalisten herumschlagen.

Arabien indes sah sich verraten. Die syrisch-arabischen Nationalisten drängten darauf, sofort die Unabhängigkeit ihres Landes zu proklamieren. Sie wollten vollendete Tatsachen schaffen und die Franzosen von vornherein in die Defensive drängen. Sie einigten sich auf den 36-jährigen Haschemitenprinzen Faisal als König. Er hatte Charisma, er hatte das Vertrauen der Briten, und vor allem hatte er einen besonderen Ahnen: Er stammte aus der Familie des Propheten.

Einen historischen Moment lang wurde das geeinte Syrien Wirklichkeit

Am 13. November 1919 zogen die Briten ab. Faisal reiste zweimal nach Paris zur Friedenskonferenz, um dort für die syrische Unabhängigkeit zu kämpfen. Bereits beim ersten Besuch begriff er jedoch die Aussichtslosigkeit seines Ansinnens. Faisal wurde unmissverständlich bedeutet, dass ein arabischer Staat Syrien eine Fata Morgana sei. Staatspräsident Georges Clemenceau sprach persönlich mit dem Prinzen, auf dessen Forderungen nach einer arabischen Selbstverwaltung ging er kaum ein. Faisal zeigte sich kompromissbereit, er wollte die Interessen des Syrischen Nationalkongresses um jeden Preis wahren. Doch Clemenceau blieb hart. Souveränität werde es nicht geben, schließlich verstand sich Frankreich nach wie vor als Welt- und Kolonialmacht.

Allein den christlichen Syrern wollte Frankreich eine gewisse Autonomie gewähren. So wurde der Libanon als eigener Staat aus der Region »Groß-Syrien« herausgelöst. Um ihn wirtschaftlich überlebensfähig zu halten, war ihm das fruchtbare Land der Bekaa-Ebene zugedacht. Dass damit die von alters her gewachsenen Strukturen zwischen Damaskus und der Region um Baalbek unterbrochen wurden, ignorierten die Franzosen.

Faisal musste all diese Entscheidungen akzeptieren. Zweifellos, das war ihm bewusst, würde die Niederlage seine Position in Damaskus schwächen, zumal man ihn, den Beduinenfürsten, ohnehin in vielen Teilen Syriens nicht sonderlich mochte. Für die Damaszener zum Beispiel blieben die Beduinen der arabischen Wüste die alten Feinde aus der mehr als 5.000-jährigen Geschichte der Stadt.

Als Faisal nach Hause zurückkehrte, verschwieg er zunächst einige der Pariser Beschlüsse. Ja, er schürte sogar weiter die Hoffnung auf Syriens Souveränität. Der Nationalkongress stritt unterdessen um die Zukunft. So viele Regionen hier vertreten waren, so viele unterschiedliche Interessen gab es. Und dennoch: Alle einte der gemeinsame Wunsch nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Als Faisal schließlich mit der ganzen bitteren Wahrheit über die Pariser Konferenz herausrückte, war die Empörung in Damaskus groß.

Jetzt zeigte man sich zum Widerstand entschlossen. Kaum waren die Franzosen in Beirut gelandet, um den Libanon zu gründen, proklamierte der Nationalkongress am 7. März 1920 den syrischen Staat – inklusive Palästinas und des libanesischen Gebietes – und rief einen Tag später Faisal zum König aus. Da die Briten ja schon im Herbst abgezogen waren, wurde das geeinte Syrien einen historischen Moment lang Wirklichkeit. Doch im Sommer war der Traum vorbei: Trotz arabischer Gegenwehr drangen die Franzosen vom Libanon aus vor und besetzten Damaskus.

Die Franzosen zerstückeln das Land in Verwaltungszonen

Am 27. Juli verbannten sie Faisal offiziell aus Syrien. Der Kongress war bereits Tage zuvor aufgelöst worden. Faisal wurde von den Briten wenig später zum König des Iraks bestimmt und sein Bruder Abdullah zum König des neu geschaffenen Transjordanien ernannt. Damit erfüllten die Briten doch noch einen Teil ihres Versprechens gegenüber den Haschemiten, ein arabisches Königreich zu errichten. Syrien hingegen wurde unter der französischen Herrschaft weiter in verschiedene Verwaltungszonen zerstückelt. Erst 1946 konnte das Land seine Unabhängigkeit erlangen, blieb aber innerlich zerrissen.

Wer heute von den Perspektiven für Syriens Zukunft spricht, sollte diese Vorgeschichte und die Rolle der Kolonialmächte darin nicht vergessen. Ob der Syrische Nationalkongress selber an seinen inneren Spannungen zerbrochen wäre, bleibt dahingestellt. Dergleichen lässt sich von heute aus leicht projizieren. Tatsache ist: Er bekam keine Chance.

Und so verweisen die Ereignisse jener Tage vor bald hundert Jahren vor allem auf die Schwierigkeiten, die einem Eingreifen Frankreichs, Großbritanniens oder auch der Türkei (als »Nachfolgestaat« des Osmanischen Reiches) im Wege stehen. Wie immer Europa und die USA entscheiden, stets wird der Verdacht auf sie fallen, Syrien ein weiteres Mal dominieren oder einzelne Volksgruppen gegeneinander ausspielen zu wollen. Es bleibt nur eines: Syrien muss seinen Weg allein finden – zu seinen Nachbarn und sich selbst.