Wolfram SiebeckBeim Griechen

Unser Autor reist nach Athen und stellt erfreut fest, dass es dort so viel mehr gibt als Demonstrationen und Fetakäse. von Wolfram Siebeck

Gourmetkritiker Wolfram Siebeck in Griechenland

Gourmetkritiker Wolfram Siebeck in Griechenland  |  © Barbara Siebeck

Wenn ich aus dem Hotelfenster blicke, sehe ich die Athener Bevölkerung demonstrieren. Dazwischen schläft und wuselt ein Rudel Hunde, freundliche Tiere, die durch die rasenden Autokolonnen schlendern, unter schlauer Beobachtung der Ampelphasen. Seit ich letztes Jahr die Steine fliegen gesehen habe, die von den Wutbürgern Kairos geworfen wurden, fürchte ich mich vor demonstrierenden Massen. Aber der Athener Syntagma-Platz ist nicht der Tahrir-Platz, das erkenne ich an den Plakaten mit griechischer Schrift, die die Demonstranten hier in die Luft halten. Wenn alles gut gegangen wäre, hätte ich auf dem Gymnasium Griechisch gelernt. Aber es ging nicht gut, und so kann ich nur hoffen, dass auf diesen Plakaten nicht etwa steht "Siebeck, go home!" . Uns Deutsche mögen sie zurzeit nicht sehr.

Man merkt es an Kleinigkeiten. Zum Beispiel der Taxifahrer. Er hat seine Kindheit in Stuttgart verbracht, wo seine Eltern das Geld verdienten, mit dem sie sich danach in Athen zur Ruhe setzten. Wenn er auf Frau Merkel zu sprechen kommt, entlockt er seinem Mercedes ein paar zusätzliche Drehzahlen (obwohl er längst schneller fährt als erlaubt) und faucht ihren Namen. Als weiteres Zeichen der Geringschätzung deutscher Kultur registriere ich, dass das Fernsehen meines Fünf-Sterne-Hotels (des Grande Bretagne ) nur einen deutschen Sender im Repertoire hat, und zwar Deutsche-Welle-TV.

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Es wäre ungerecht, mich in den aktuellen Knatsch zwischen Deutschland und Griechenland hineinzuziehen. Ich bin mit den allerbesten Absichten nach Athen geflogen. Griechisches Essen will ich loben; jeder Rohkostsalat aus Zwiebeln, Tomaten und Fetakäse – vor dem ich zu Hause Reißaus nehme – soll ein Anlass sein, die griechische Nationalhymne anzustimmen.

Türken mögen die Griechen übrigens noch weniger als Deutsche. Sie hatten nicht nur bis 1862 einen deutschen König als Staatsoberhaupt – Otto wurde den Griechen einfach oktroyiert wie heute der Milliardenschirm –, zuvor hatten schon die Osmanen das Land 400 Jahre lang besetzt. (Was Sarrazin unserem Vaterland prophezeit.)

Am Frühstücksbuffet meines Hotels sieht man die Folgen der Besatzung. So wie man in Athen unserer Sommerzeit um eine Stunde voraus ist, so isst man auch um eine Stunde orientalischer. Damit meine ich nicht nur das sanft-süße Halwa, die Karamellcreme und die gekochten Früchte, die man gern zum Frühstück addiert, sondern diesen wunderbar fetten Jogurt mit gekochten und enthäuteten Trauben.

2500 Jahre und immer vorneweg! Was der Besucher dieser erstaunlich sauberen Stadt als Erstes lernt, ist die Bedeutung Athens in der europäischen Geschichte. Vorher gab es nichts. Und danach nur Imitationen. Griechisch war die erste Sprache, die man schreiben konnte. Und das erste Kochbuch war ein Bestseller im antiken Athen. Die Römer ahmten nur nach, was sie vorfanden, als sie Griechenland besetzten und griechische Köche beschäftigten. Und schon gar nicht hat die türkische Küche die Essgewohnheiten der Griechen beeinflusst, es war nämlich umgekehrt. "Als die asiatischen Horden das Fleisch noch unter dem Sattel weich ritten...", diese bekannte Floskel wird von der Kochbuchautorin Chrissa Paradissis als Beweis dafür angeführt, dass hier nicht nur Philosophie, Physik und Demokratie erfunden wurden.

In der Kentrikí Agorá , zu Deutsch Zentralmarkthalle, lässt sich das Ergebnis bewundern. Dort muss man gewesen sein, und sei es, um Vegetarier zu werden: kilometerlange Gänge, die rechts und links mit Fleischteilen dekoriert sind, Lammherden, zerhackt, zerschnitten, zur Schau gestellt, um den Besucher daran zu erinnern, dass das Dasein ein Gemetzel ist und nur erträglich wird, indem die Köpfe, das Gedärm, Herz, Leber, Hoden, Keulen und Füße auf gekonnte Art ins Essbare verwandelt werden. Ein minotaurisches Labyrinth aus Fett, Muskeln, Blut und Sehnen. Sensibelchen, die hier den Ausgang nicht finden, brauchen einen Psychologen oder einen Schnaps.

Leserkommentare
  1. und es beliebt ihm, über die "Athener Bevölkerung" zu räsonieren und, versteht sich, über die griechische Küche. Ich kann mich daran erinnern: Einst hat WF in diversen Kolumnen die Griechische Küche nieder gemacht, nun ist er anderer Meinung. Damit nicht genug: In seiner ZEIT-Kolumne kommentiert WF das Verhältnis zwischen Griechen und Türken (Zitat): "Türken mögen die Griechen übrigens noch weniger als Deutsche. Woher weiss WF, dass "Deutsche" "die Griechen " nicht mögen" ? Seit Studentenzeiten habe ich Ferien in Griechenland gemacht, vor allem auf den Inseln, ob nun auf Paros, Naxos oder Mykonos, und ich weiss seitdem die Gastfreundschaft der Griechen zu schätzen. Dies werde ich auch künftig so halten, indes nicht in einem Luxushotel in Athen, sondern bei liebenswerten, gastfreundlichen griechischen Familien, welche nach wie vor - ohne Vorurteile - gern Gastgeber für "Deutsche" sind. Ich werde beim kommenden Griechenlandurlaub am Hafen gucken, was die Fischer mitgebracht haben, dann werde ich in die Küche einer kleinen Familienwirtschaft gehen um zu gucken, was in den Töpfen bruzzelt....

    2 Leserempfehlungen
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    "Damit nicht genug: In seiner ZEIT-Kolumne kommentiert WF das Verhältnis zwischen Griechen und Türken (Zitat): "Türken mögen die Griechen übrigens noch weniger als Deutsche. Woher weiss WF, dass "Deutsche" "die Griechen " nicht mögen" ?"

    Dem Kontext ist leicht zu entnehmen, dass in dem von Ihnen zitierten Satz "die Griechen" das Subjekt und "Türken" sowie "Deutsche" Objekt sind...

    btw:

  2. ... man könnte W.S. auch nach Syrien schicken, und der Vorspann würde lauten:
    "Unser Autor reist nach Aleppo und stellt erfreut fest, dass es dort so viel mehr gibt als zerbombte Stadtviertel und tausende Tote.

    2 Leserempfehlungen
    • joG
    • 15. August 2012 14:20 Uhr

    ....hat er jedenfalls recht.

  3. Entfernt. Bitte kritisieren Sie den Artikel auf Basis sachlicher Gegenargumente. Danke. Die Redaktion/sh

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...zu Herr Siebeck fällt mir ausser Sarkasmus nichts mehr ein.

  4. aber bitte im Politikressort.
    Für die Zwischenzeit, empfehle ich die Lektüre des folgenden Artikels:
    http://www.nachdenkseiten...

    Nach Söder-Populismus und journalistischen Griechenland-Schelten mal etwas das zeigt, wie sehr Griechenland mit dem Rücken zur Wand steht.

    Ich glaube nämlich kaum, dass die meisten Griechen in der Armenspeisung die gleichen Genüsse vorfinden kann, wie der Autor.

    Eine Leserempfehlung
    • hermie9
    • 15. August 2012 17:03 Uhr

    Den gibt's doch schon seit langen Jahren im fast jeden deutschen Supermarkt!

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    • sauce
    • 19. August 2012 9:41 Uhr

    Soweit ich die bisherigen Artikel des Herrn Siebeck verstanden habe, kauft er nicht in Supermärkten ein. Das mag der Grund dafür sein, daß er den feinen fetten Joghurt bisher noch nicht entdeckt hatte ;)

  5. Endlich mal was anders als politisches Elend. Griechenland ist die Wiege unserer Kultur und der olympischen Spiele, so maches antike Theater Stück aus diesem Land ist heute total aktuell, das bei einem authentischen Abedessen nicht aus der Hochpreis Ecke, das hat was, ich liebe diese Stadt

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