ExporthandelEin Boom für alle

Vielen Ländern ist es unheimlich, dass die Deutschen weiter so erfolgreich exportieren. Warum eigentlich? von 

An einem Wochenende während der Olympischen Sommerspiele fanden kürzlich auch die Berliner Slowlympics statt. Das Sportevent auf dem Tempelhofer Feld ist als Protest gegen den Leistungswahn in der modernen Zeit gedacht, und deshalb zählen zu den Disziplinen: der 100-Meter-Rückwärtssprint, das Hinfallenlassen und ein Radrennen, bei dem der Langsamste gewinnt.

Es erinnerte schon sehr an die Slowlympics, als zum Wochenbeginn die jüngste internationale Ermahnungswelle über die Wirtschaftsnation Deutschland hinwegrollte. Die deutschen Exporte werden 2012 wieder deutlich mehr als eine Billion Euro wert sein, heißt es in den neuesten Prognosen, und sie werden die Importe um etwa 170 Milliarden Euro übersteigen. Das ist der größte Handelsbilanzüberschuss der Welt. Und die Reaktion?

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Organisationen wie der Internationale Währungsfonds beschwerten sich, dass Deutschlands Exporterfolge bloß zu neuen Ungleichgewichten und Spannungen in der Weltwirtschaft beitrügen. Aus Brüssel kam die Meldung, dass Deutschland wohl bald mit einer »Ermahnung« der EU-Kommission rechnen müsse, denn es gefährde die Stabilität Europas. Bei der Financial Times Deutschland titelten sie sogar: Deutschland gerät auf die schiefe Bahn.

Die deutsche Art zu wirtschaften: Uneuropäisch und unmoralisch?

Die Deutschen, das ist wohl die Botschaft dahinter, hätten bei Slowlympics nichts verstanden. Sie jagten blindlings ihren Weltmarkterfolgen hinterher, auf Kosten krisengeplagter Nachbarn. Die deutsche Art zu wirtschaften sei uneuropäisch und wahrscheinlich sogar unmoralisch.

Bei oberflächlicher Betrachtung leuchtet das ja sogar ein. Im Welthandel ist der Überschuss des einen das Defizit eines anderen. Und während Deutschland am Weltmarkt Überschussrekorde einfährt, leben Länder wie Portugal oder Griechenland derzeit mit klaffenden Handelsdefiziten. Wer ständig mehr importiert als exportiert, muss auch immer weitere Schulden aufnehmen. Früher, als diese Länder noch eigene Währungen hatten, hätten sie solche Ungleichgewichte durch die Anpassung ihrer Wechselkurse beseitigt. Die gemeinsame Währung Euro aber verfestigt sie.

Also können die Deutschen durchaus etwas gegen die Krise tun, indem sie für einige Zeit ökonomische Slowlympics betreiben. Etwa weniger arbeiten, weniger herstellen und folglich auch weniger verkaufen – so wie die Franzosen, die gerade das Rentenalter herabgesetzt haben. Sie können auch die Löhne massiv erhöhen, was erst zu teureren Exporten führt und dann zu weniger Exporten. Sie können große Konjunkturprogramme auflegen, bei denen viel Geld für Konsumartikel und Investitionsgüter ausgegeben wird, die teilweise aus dem Ausland kommen. All das würde den deutschen Handelsüberschuss verringern und den Nachbarn helfen.

Bei näherem Hinsehen sind diese Ideen aber gefährlich. Deutschland spezialisiert sich schon seit den fünfziger Jahren auf die Herstellung von Produkten, die in der Welt gefragt sind: allen voran Autos, Maschinen und chemische Erzeugnisse, aber auch Windräder und quadratische Schokoladentafeln, Armprothesen und Anhängerachsen, Jachten und Dämmplatten, Bürosoftware und Tunnelbohrmaschinen. All das exportieren die Deutschen gar nicht vornehmlich in die Krisenländer des Südens. Die wichtigsten Exportziele sind Frankreich und die USA, und rasant wächst die Bedeutung neuer Wirtschaftsmächte wie China und Brasilien. China ist schon das Exportziel Nummer eins für deutsche Maschinenbauer und, gemessen an den Stückzahlen, der wichtigste Absatzmarkt für Autos.

Diese deutschen Exporterfolge sind höchstens teilweise durch innereuropäische Währungs- und Bilanzschieflagen zu erklären oder durch die Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre. Sie sind zunächst einmal das Ergebnis guter Arbeit: zielorientierter Forschung, solider Ausbildung, konstruktiver Zusammenarbeit der Tarifpartner. Viele Firmen und ihre Verbände haben sich frühzeitig in den Zukunftsmärkten Asiens engagiert, Service- und Beratungsnetze wurden aufgebaut, Produkte erfolgreich angepasst. Da ist Know-how entstanden, das andere noch nicht haben.

Eine vernünftige Krisenstrategie im Rest Europas könnte also lauten, sich von den Deutschen etwas abzugucken. Oder beim deutschen Exportboom mitzumachen. Und siehe da, genau das findet statt. Deutschlands boomende Exportfirmen führen jetzt zunehmend Teile und Vorprodukte aus dem Rest Europas ein, Deutschlands Importe aus der Euro-Zone steigen. Kürzlich ging die Meldung um, dass Deutschland erstmals mehr spanische Autoteile eingeführt habe als spanische Oliven – und nichts gegen Oliven, aber: Das ist der richtige Weg.

Dass Deutschland wegen seiner Exporterfolge so gut durch die Krise gekommen ist, hilft den Nachbarn übrigens auch ganz direkt. Hierzulande steigen, gerade in den erfolgreichen Exportsektoren, wieder die Löhne. Da entsteht also zusätzliche Kaufkraft, die teilweise für Importprodukte ausgegeben wird oder für Reisen in den Süden. Es ist also Unsinn, Deutschland vorzuwerfen, es betreibe Exportpolitik auf Kosten seiner Nachbarn, und zu fordern, es solle mal eine Runde aussetzen. Die Weltwirtschaft ist etwas anderes als die Slowlympics, sie ist kein Wettrennen um den letzten Platz – aber manchmal ein Teamsport: Man kann mit den Deutschen gemeinsam exportieren und dabei gewinnen.

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