1997Die Welt hinter Dukla

Andrzej Stasiuk blickt in die polnische Weite, poliert den schäbigen Glanz des Ostens und versenkt sich in die Tiefe der Zeit. von 

Als die Welt in den neunziger Jahren plötzlich im Westen nicht mehr gleich hinter der Elbe zu Ende war, sondern dort im Gegenteil endlos Richtung Osten weiterging, war dies für die Westeuropäer nicht nur ein geografischer Schock. Zum ungewohnten Gefühl der endlosen Ausdehnung im Raum auf der bisher immer gut abgedichteten östlichen Seite (im Westen lag das Meer und hinter dem Meer Amerika, das man zumindest aus dem Fernsehen kannte) kam damit eine Öffnung der Zeit. Bisher war die Zeit im Westen gut verschlossen, nach hinten durch massive Verdrängungsleistungen vakuumverpackt, lebte man in einer Gegenwartskapsel, alles war brandneu, Menschen, Dinge, Tage. In Deutschland sogar das Geld, die Politik und die Gesetze. Und irgendwie auch die Seelen, die ein bisschen sein wollten wie die pflegeleichten Einbauküchen, die es inzwischen in jedem Haushalt gab.

Andrzej Stasiuk (geboren 1960) ist um die Jahrtausendwende im Westen sehr schnell eine Art osteuropäischer Undergroundstar geworden, weil seine hochpoetischen Romane uns wieder tief in den Raum und in die Zeit zurückgeführt haben. In der Welt hinter Dukla sind die Häuser und die Dörfer keine Festungen im Jetzt, sondern stehen windschief, ausgesetzt einer langen Geschichte, die durch sie hindurchgegangen ist. »Die Rückseite des Sichtbaren«, schreibt Stasiuk, »war im Grunde identisch mit der Vorderseite, aber unendlich anziehender, erlöst von der Schwerkraft.«

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Das polnische Karpatenstädtchen Dukla ist der Held dieses verzauberten Buches. Der Erzähler besucht dieses weltverlorene Örtchen immer wieder, beschreibt sein Licht, den Himmel, die alten Frauen in ihren Kittelschürzen, die Kinder, die Hunde, den Zerfall, die Leere und ein paar alte Škoda 105 auf dem Marktplatz. Er ist fasziniert von den Zwiebelschichten der Zeit, die im Zerfall sichtbar werden, und glaubt durch die Ritzen dieser Kleinhäuslerwelt ein paar Blicke in die Ewigkeit werfen zu können. Kritiker haben Stasiuk deswegen gelegentlich der Armuts- und Zurückgebliebenheitsromantisierung angeklagt. Allerdings kennt er sehr gut, wovon er schwärmt: Er selbst lebt (wenn er nicht gerade durch die osteuropäischen Weiten nomadisiert oder in deutschen Literaturhäusern auftritt) seit 1986 zurückgezogen in einem Bergdorf der Beskiden, unweit von Dukla. Dass sich Europa eher an der zerzausten Peripherie befindet als in den verspiegelten Hochhäusern seiner Metropolen, ist eine neue »geopoetische« Provokation, mit der er uns herausfordert.

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    • Serie Literaturkanon
    • Schlagworte Roman | Belletristik | Buch | Literatur
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