Schummel-Studie»Vier von fünf Studenten schummeln«

Abschreiben, spicken, plagiieren: Ein Gespräch mit Sebastian Sattler, dem Leiter der ersten großen Studie zum Thema von  und

DIE ZEIT: Herr Sattler, sind Studenten Betrüger?

Sebastian Sattler:Die Mehrheit, rund 80 Prozent, bedient sich zumindest im Laufe eines Semesters unerlaubter Mittel, schreibt also einen Spickzettel, schaut in der Klausur vom Nachbarn ab oder gibt ein Plagiat ab. Das belegt unsere Studie. Ich würde aber nicht in allen Fällen von Betrug sprechen. Immerhin braucht es deutlich weniger kriminelle Energie, mal einen Spickzettel zu schreiben, als ein glasklares Plagiat abzugeben.

Anzeige

ZEIT: Sie haben über drei Jahre mehrere Tausend Studenten und Dozenten befragt. Das ist die erste Studie dieser Größenordnung zum Thema in Deutschland. Ihren Zahlen zufolge plagiiert jeder fünfte Student – und 94 Prozent aller Plagiate bleiben unerkannt. Wie kann das sein?

Sattler: Es wird nur wenig kontrolliert. Nur ein Viertel der Arbeiten wird stichprobenartig mit Suchmaschinen geprüft und nicht einmal jede fünfte mit einer Plagiatssoftware. Zwar sagen die meisten der von uns befragten Dozenten, dass sie beim Korrigieren auf Plagiate achten, und es mag ja sein, dass ein geschultes Auge viele Plagiate durchs Lesen aufspürt. Aber ist das die effizienteste Lösung? Wahrscheinlich nicht. Am meisten plagiieren übrigens die Ingenieurstudenten – fast jeder dritte hat es mindestens ein Mal im vergangenen Semester getan. Dabei schätzen die Dozenten, die wir in diesen Fächern befragt haben, Betrug kaum als Problem ein.

ZEIT: Ist den Dozenten das Problem egal?

Sattler: Nein. Seit den prominenten Plagiatsskandalen haben viele Doktorväter und -mütter Angst vor dem medialen Pranger, wenn sie einen Plagiator nicht entdecken. Einzelne Dozenten schauen seitdem auch bei Studenten verstärkt auf Text- und Ideenklau.

ZEIT: Aber?

Sattler: Aber es gibt strukturelle Gründe dafür, dass die meisten doch nicht so genau hinschauen: Viele Professoren sorgen sich um das Lernklima. Zu einem Schaffner, der in der Bahn überprüft, ob ich eine Fahrkarte gelöst habe, brauche ich kein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Vertrauen zwischen Professoren und Studierenden ist hingegen nützlich für beide. Viele Dozenten scheuen sich, grundsätzlich alle Arbeiten auf einen möglichen Betrug hin zu überprüfen, weil das wie ein Generalverdacht wirken könnte. Außerdem haben viele Wissenschaftler neben ihrer Forschung nur wenig Zeit. Für den Lebenslauf zählen meist Veröffentlichungen, die Qualität der Lehre hingegen zählt weniger. Die meisten Dozenten verzichten deshalb auf zeitaufwendige Kontrollen. Das gilt nicht nur für die Plagiatskontrolle: Nur jeder dritte Dozent verteilt unterschiedliche Klausurversionen, in denen Fragen unterschiedlich sortiert sind und so das Abschreiben erschwert wird. Auch in Laboren oder beim Erheben von Daten wird längst nicht jedem Fehlverhalten nachgespürt.

ZEIT: Ihr Ergebnis zum Abschreiben klingt nicht gerade spektakulär: Nur jeder dritte Student schielt im Laufe eines Semesters mal auf die Klausur seines Sitznachbarn.

Sattler: Das mag im Gesamtdurchschnitt harmlos erscheinen. Man muss sich aber die Zahlen der einzelnen Fächer anschauen. Mediziner zum Beispiel haben viel weniger Gelegenheit zu plagiieren als etwa Sprachwissenschaftler, weil sie kaum Hausarbeiten abgeben. Stattdessen schreiben sie besonders viele Klausuren – und dort schauen mehr als zwei von drei Medizinstudenten ab. Das halte ich für einen prekären Wert. Stellen Sie sich vor, dass sich Ihr Arzt durchs Studium gemogelt hat und jetzt über Ihre Gesundheit, womöglich sogar über Leben und Tod entscheiden muss. Ich weiß nicht, ob man sich da gut aufgehoben fühlt.

ZEIT: Nicht jeder macht seinen Job schlechter, nur weil er im Studium mal abgeguckt hat.

Sattler: Stimmt. Aber es wird viel Geld in die Bildung investiert – wenn Leute betrügen, ist das eine Fehlinvestition. Zudem soll an der Uni nicht nur Stoff vermittelt werden, sondern es muss auch um Werte gehen. Nicht zufällig gibt es in vielen Berufen Probleme mit Korruption, Diebstahl am Arbeitsplatz oder unzuverlässiger Zeitabrechnung.

ZEIT: Wer heute abguckt, ist morgen Plagiator?

Sattler: Nein, Plagiate macht man über Wochen und Monate, das hat eine andere Qualität als ein schneller Blick auf die Nachbarklausur. Aber zum Beispiel das Ergebnis einer Messung zu fälschen ist schon etwas anderes, als mal zu spicken. Man braucht dafür mehr kriminelle Energie und auch bessere Gründe, um es zu rechtfertigen. Uns geht es mit der Studie auch darum, den Blick zu erweitern und nicht nur über Plagiate, sondern auch über andere Formen des Betrugs zu sprechen. So wie in den Medien über studentischen Betrug diskutiert wird, sind die Naturwissenschaften fein raus – denn über das Fälschen und Erfinden von Messergebnissen redet niemand. Dabei betrifft es etwa ein Drittel aller Naturwissenschaftler und Mediziner.

Leserkommentare
    • ST_T
    • 29. August 2012 6:57 Uhr

    "Mediziner zum Beispiel haben viel weniger Gelegenheit zu plagiieren als etwa Sprachwissenschaftler, weil sie kaum Hausarbeiten abgeben. Stattdessen schreiben sie besonders viele Klausuren – und dort schauen mehr als zwei von drei Medizinstudenten ab. Das halte ich für einen prekären Wert. Stellen Sie sich vor, dass sich Ihr Arzt durchs Studium gemogelt hat und jetzt über Ihre Gesundheit, womöglich sogar über Leben und Tod entscheiden muss. Ich weiß nicht, ob man sich da gut aufgehoben fühlt."

    Erstens haben Sprachwissenschaftler gar keine Möglichkeit zum Plagiieren, da nicht lernen sofort auffällt. Außerdem bringt es herzlich wenig bei pro Semester ca. 2000 Vokabeln und mehr als 30 Seiten Grammatik.

    Zweitens haben theoretische Medizin-Prüfungen ebenso wenig mit der späteren Arzt-Ausbildung zu tun geschweige denn überhaupt mit der Befähigung als Arzt. Ich wüsste nicht wo rein auswendig gelerntes Wissen im Beruf später einen Arzt jemals dazu veranlasst hat ein Leben zu retten.

    Und drittens würde ich die Frage so stellen: Wenn man schon im Studium so mogeln kann dann fehlt wohl etwas...in unserem Fall Mitarbeiter; Wenn etwa 80 Studenten pro Semester ihre Arbeiten bei einem Prof abgeben dann ist eine vernünftige Korrektur dieser 20-Seiten-Arbeit nahezu unmöglich in einem adäquaten Zeitrahmen zu schaffen.

    Praxis?!?

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich habe es mehrfach erlebt, wie Leute in leitenden Funktionen in kritischen Situationen zu Salzsäulen erstarrten oder auf Tauchstation gegangen sind und dann gar nichts mehr kam. Ist man in einer leitenden Position, ist man jedoch genau in diesen Situationen gefragt.

    Um bei der Medizin zu bleiben: es gibt dort zwei ganz große Hürden, an denen sich die Spreu vom Weizen trennt - das Physikum und die Aprobation.

    • gorgo
    • 29. August 2012 8:36 Uhr

    "Stellen Sie sich vor, dass sich Ihr Arzt durchs Studium gemogelt hat und jetzt über Ihre Gesundheit, womöglich sogar über Leben und Tod entscheiden muss. Ich weiß nicht, ob man sich da gut aufgehoben fühlt."
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass das im Studium "auswendig" gelernte für die angeblich so andere "Praxis" unbedeutend sein soll.

    Worin besteht denn die Praxis der Ärztin? Doch wohl darin, dass sie/er mit sehr breitem Wissen an den einzelnen Patienten herangeht und aus diesem "Fundus" heraus Symptome wirklich beurteilen, verschiedene Beobachtungen gegeneinander logisch abwägen und alle Möglichkeiten in Betracht ziehen kann.

    Fehldiagnosen beruhen doch fast immer auf mangelndem Wissen über weitere Möglichkeiten und Zusammenhängen. Abgesehen davon dürfte man im Studium wohl kaum bloß auswendig, sondern insbesondere auch den Umgang mit Informationen, das "Auswerten" und Abwägens von Phänomenen lernen - so einfach wie klein Hänschen sich das mit der "Praxis" vorstellt, ist es wohl doch nicht.

    Zu den Folgen ein paar Zahlen aus der Süddeutschen: "Nach seriösen Schätzungen haben 0,1 Prozent aller Behandlungen im Krankenhaus den Tod zur Folge" - Hardy Müller Aktionsbündnis Patientensicherheit, d.h. 17.500 Menschen pro Jahr in Kliniken "40.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland durch Nebenwirkungen von Medikamenten. Zwischen 500.000 und einer Million Patienten infizieren sich jährlich im Krankenhaus mit Keimen, Tausende sterben daran."

    • DrNI
    • 29. August 2012 9:26 Uhr

    "Erstens haben Sprachwissenschaftler gar keine Möglichkeit zum Plagiieren, da nicht lernen sofort auffällt. Außerdem bringt es herzlich wenig bei pro Semester ca. 2000 Vokabeln und mehr als 30 Seiten Grammatik."

    Ich habe Sprachwissenschaft als Nebenfach studiert. Ich muss Ihnen leider sagen: Sprachwissenschaft ist eben nicht das Erlernen einer Sprache. Es gibt keine Vokabeln. Grammatik schon, aber aus einer ganz anderen Perspektive. Äußerungen wie die Ihrige lassen leider Inkompetenz vermuten und fallen gerade in Hausarbeiten sofort auf. ;-)

    Nun da ich die Seiten gewechselt habe, erfahre ich leider von KollegInnen öfter von Plagiaten in Hausarbeiten - auch in der Sprachwissenschaft.

  1. Exakt. Wo sollen denn die Kontrolleure Herkommen? Die Budgets für Hiwis sind eng und wenn 2 Hiwis auf 120 Studenten aufpassen kann es eben sehr leicht sein, zu spicken.
    Und zum Thema "Werte":
    Lernen sie mal den Vorlesungsstoff von 7 Veranstaltungen, wenn sie während des Semesters Hausarbeiten/Referate am Band abliefern müssen (pro Vorlesung eben noch ein Referat oder eine Hausarbeit). Lernen sie das noch mal, wenn sie nebenher arbeiten oder/und der zu lernende Stoff nicht klar umrissen ist ("Und dann wäre noch das Buch hier..und das hier...achja und das! Und die Zusatzliteratur nicht vergessen."). Lernen sie das noch mal wenn ihnen Bafögamt und Studienförderung oder gar Eltern im Nacken sitzen, weil ein Überziehen der Regelstudienzeit so gut wie nicht drin ist.

    Mal völlig davon abgesehen, dass das Lernen einiger Inhalte nicht leicht fällt, weil die intrinsische Motivation fehlt (Kurz: Es interessiert einen nicht). Und völlig davon abgesehen, dass das durchaus zu schaffen ist, sofern man denn den Luxus hat, kein Leben zu besitzen und sich voll und ganz auf die Uni zu konzentrieren.

    Werte? Wenn ich an eine Lehrinstitution gehe, die mich durch ihre Struktur zum "Bulimie"-Lernen zwingt, obwohl da eigentlich andere Werte zum Thema Wissen vermittelt werden sollten? Wann hat der gemeine Bachelor/Master-Student denn bitte mal Zeit in den Fachjournals zu Blättern, die IHN interessieren und sich selbstständig zu bilden?

    12 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Wann hat der gemeine Bachelor/Master-Student denn bitte mal Zeit in den Fachjournals zu Blättern, die IHN interessieren und sich selbstständig zu bilden?"

    Genau das wiederum macht einen Hochschulabsolventen verdächtig - man schätzt es nicht, wenn jemand eigenständig etwas auf die Reihe bekommt und möglicherweise dumme Fragen stellt. Der Schock von 1968 steckt vielen in Politik und Wirtschaft immer noch in den Knochen und das Misstrauen gegenüber Hochschulabsolventen ist immer noch groß. Haben nicht die deutschen Hochschulen Leute, wie Rudi Dutschke, Ulrike Meinhof oder gar Mohammed Atta hervorgebracht? Landläufig sind manche der Meinung, dies wäre nur deshalb passiert, weil das deutsche Hochschulwesen ihnen zu viel Zeit und Raum gelassen hätte.

    "Lernen sie mal den Vorlesungsstoff von 7 Veranstaltungen, wenn sie während des Semesters Hausarbeiten/Referate am Band abliefern müssen (pro Vorlesung eben noch ein Referat oder eine Hausarbeit). Lernen sie das noch mal, wenn sie nebenher arbeiten oder/und der zu lernende Stoff nicht klar umrissen ist ("Und dann wäre noch das Buch hier..und das hier...achja und das! Und die Zusatzliteratur nicht vergessen."). Lernen sie das noch mal wenn ihnen Bafögamt und Studienförderung oder gar Eltern im Nacken sitzen, weil ein Überziehen der Regelstudienzeit so gut wie nicht drin ist."

    Ja, klar, Bachelor-Studenten stehen ja dermaßen unter Druck!
    Tut mir leid, aber ich kann das nicht mehr hören, erst recht nicht dann, wenn dieses Argument als Ausrede für Plagiieren herhalten soll.
    Ich studiere selbst, und neben meinem Präsenzstudium noch einen Fernstudiengang. Den angeblichen übermäßigen (von außen auferlegten) Stress konnte ich bisher nicht spüren. Nach meiner Erfahrung stehen Studenten vor allem dann unter Druck, wenn sie zu spät anfangen mit Lernen. Das ist mir durchaus auch schon mehrmals passiert. Aber im Gegensatz zu einigen anderen Studenten merke ich, dass das dann mein Fehler ist, und nicht der des Studiensystems!

    • rorossi
    • 29. August 2012 18:50 Uhr

    ... im Bachelor/Master Studiengang kennzeichnet die zugrunde liegenden Ursachen sehr treffend. Leider beschränkt sich das ZEIT-Interview auf die Schilderung der daraus resultierenden Folgen.

    mein lieber praefrontal,

    wenn ihnen das medizinstudium zu anspruchsvoll ist,
    sollten sie sich beruflich doch besser 2 stufen tiefer
    einordnen, inkompetente ärzte gibt es nämlich genug !
    leider spreche ich, als auf der anderen seite des skalpels
    stehender, aus leidvoller erfahrung !

  2. Ich habe es mehrfach erlebt, wie Leute in leitenden Funktionen in kritischen Situationen zu Salzsäulen erstarrten oder auf Tauchstation gegangen sind und dann gar nichts mehr kam. Ist man in einer leitenden Position, ist man jedoch genau in diesen Situationen gefragt.

    Um bei der Medizin zu bleiben: es gibt dort zwei ganz große Hürden, an denen sich die Spreu vom Weizen trennt - das Physikum und die Aprobation.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Frechheit!"
  3. "Wann hat der gemeine Bachelor/Master-Student denn bitte mal Zeit in den Fachjournals zu Blättern, die IHN interessieren und sich selbstständig zu bilden?"

    Genau das wiederum macht einen Hochschulabsolventen verdächtig - man schätzt es nicht, wenn jemand eigenständig etwas auf die Reihe bekommt und möglicherweise dumme Fragen stellt. Der Schock von 1968 steckt vielen in Politik und Wirtschaft immer noch in den Knochen und das Misstrauen gegenüber Hochschulabsolventen ist immer noch groß. Haben nicht die deutschen Hochschulen Leute, wie Rudi Dutschke, Ulrike Meinhof oder gar Mohammed Atta hervorgebracht? Landläufig sind manche der Meinung, dies wäre nur deshalb passiert, weil das deutsche Hochschulwesen ihnen zu viel Zeit und Raum gelassen hätte.

    2 Leserempfehlungen
    • Chali
    • 29. August 2012 8:24 Uhr

    Was erwarten Sie?

    Nach allem, was ich aus Verwandschaft und Bekanntschaft höre, geht es bei dieser Art von Prüfung ja nicht um den Nachweis, dass man seinen Teil gelernt hat - wie etwa bei der Führerschein-Prüfung.

    Sondern es geht um die Herstellung einer Rangordnung. Die dann massgeblich ist für das weitere Leben. Und es geht eben nicht darum, dass man den Stoff verstanden hat und ihn kritisch hinterfragen kann, sondern um das Ankreuzen von Multliple Chaice. Dafür sind ganz andere Fähigkeiten gefragt als "im Beruf".

    2 Leserempfehlungen
  4. Vielleicht wäre es hilfreicher mal genauer auf die Ursachen des "Schummelns" zu schauen. Dabei ist es etwas bequem zu glauben, es läge nur an mangelnder Methodenkenntnis.

    Inwieweit wird eigenständiges, kreatives, innovatives und ehrliches forschen wirklich gefordert, gefördert und belohnt?

    Es kommt nicht von ungefähr, dass sich die meisten Doktorarbeiten thematisch und inhaltlich ähneln, also auf Nummer Sicher gegangen wird.

    Selbst Forschungsinstitute neigen dazu die oftmals geringe Aussagekraft ihrer Studien als deutliche Erkenntnisse zu verkaufen. Oftmals weil der Auftrag-/Geldgeber lieber beschummelt werden will, als in weitere kosten- und zeitintensive Forschung zu investieren. Insofern wäre ein ehrlicher Student hier fehl am Platz.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Chali
    • 29. August 2012 8:49 Uhr

    "Inwieweit wird eigenständiges, kreatives, innovatives und ehrliches forschen wirklich gefordert, gefördert und belohnt?"

    Zunächst:
    Gabz sicher ist das nicht Prüfungsthema.

    Aber das alles hebt ja darauf ab, dass man eine Antwort hat, wenn man die Frage stellt. "Man muss kein Koch sein, um zu wissen, dass die Suppe versalzen ist", sagt Lessing. Um aber etwa besseres zu erstellen - dafür braucht man ja Zeit. Wo soll die herkommen?

    • jknabe
    • 29. August 2012 8:34 Uhr

    Das Hauptproblem scheint mir zu sein, dass die Plagiatoren nur ein geringes Risiko haben, entdeckt und bestraft zu werden - wenn sie nicht gerade wie Guttenberg Erfolg in der Politik haben.
    Würden Unis flächendeckend ihre wissenschaftlichen Veröffentlichungen mit Plagiatssoftware [...] prüfen (im angelsächsischen Raum längst gang und gäbe) wäre die Gefahr, erwischt zu werden und damit die Abschreckung groß.
    Eine öffentliche Diskussion über wissenschaftliches Arbeiten ist gut, um dafür zu sensibilisieren.

    Link entfernt. Bitte verzichten Sie auf Werbung. Danke, die Redaktion/lv

    Eine Leserempfehlung
    • gorgo
    • 29. August 2012 8:36 Uhr

    "Stellen Sie sich vor, dass sich Ihr Arzt durchs Studium gemogelt hat und jetzt über Ihre Gesundheit, womöglich sogar über Leben und Tod entscheiden muss. Ich weiß nicht, ob man sich da gut aufgehoben fühlt."
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass das im Studium "auswendig" gelernte für die angeblich so andere "Praxis" unbedeutend sein soll.

    Worin besteht denn die Praxis der Ärztin? Doch wohl darin, dass sie/er mit sehr breitem Wissen an den einzelnen Patienten herangeht und aus diesem "Fundus" heraus Symptome wirklich beurteilen, verschiedene Beobachtungen gegeneinander logisch abwägen und alle Möglichkeiten in Betracht ziehen kann.

    Fehldiagnosen beruhen doch fast immer auf mangelndem Wissen über weitere Möglichkeiten und Zusammenhängen. Abgesehen davon dürfte man im Studium wohl kaum bloß auswendig, sondern insbesondere auch den Umgang mit Informationen, das "Auswerten" und Abwägens von Phänomenen lernen - so einfach wie klein Hänschen sich das mit der "Praxis" vorstellt, ist es wohl doch nicht.

    Zu den Folgen ein paar Zahlen aus der Süddeutschen: "Nach seriösen Schätzungen haben 0,1 Prozent aller Behandlungen im Krankenhaus den Tod zur Folge" - Hardy Müller Aktionsbündnis Patientensicherheit, d.h. 17.500 Menschen pro Jahr in Kliniken "40.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland durch Nebenwirkungen von Medikamenten. Zwischen 500.000 und einer Million Patienten infizieren sich jährlich im Krankenhaus mit Keimen, Tausende sterben daran."

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Frechheit!"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Mit Ihrer Vorstellung zur Praxis der Ärztin haben Sie wohl Recht. Breites Fakten- und Zusammenhangswissen wird mit den vorliegenden Informationen über den kranken Menschen abgeglichen.

    Wo Sie leider nicht Recht haben, ist in Ihren Vorstellungen vom Studium: Wer Prüfungen gut und mit wenig Aufwand bestehen will, lernt Altfragen aus den Prüfungsprotokollen seiner Vorgänger auswendig (oder schreibt ab.). Auch fürs schriftliche Staatsexamen ist das Auswendig Lernen von Altfragen eine gute Taktik, wenn hier auch die Wiederholungsrate nicht ganz so hoch ist wie in den einzelnen Fachprüfungen (wenigstens Abschreiben geht hier aber nicht).
    Durch die Multiple-Choice-Struktur der Fragen wird zudem zum Großteil nur Faktenwissen ohne Zusammenhänge abgefragt, außer im Staatsexamen, wo sich die Fragenautoren mehr Mühe geben. Zudem ist für die schriftlichen Multiple-Choice-Prüfungen nur passives Wissen (richtige/falsche Informationen erkennen) gefragt, nicht aktives (Informationen selbst wiedergeben).

    Natürlich kann der Medizinstudent auch auf aktives Wissen und in Zusammenhängen lernen, das ist allerdings wesentlich aufwändiger, ein Aufwand der in der Prüfung (außer in den wenigen mündlichen) nicht gewürdigt wird.

    Auf diese Missstände weisen Vertreter der Medizinstudenten schon lange hin, es ändert sich aber wenig, da diese Form der Prüfung auch für die Dozenten die wenigste Arbeit macht und Lehre meist hinter Forschung und Behandlung hintenan steht.

    ... so einfach, wie klein Hänschen sich das mit der "Praxis" vorstellt, ist es eben nicht.
    Daher sind auch 500.000 Krankenhausinfektionen auf Nachlässigkeiten der Handhygiene beim Krankenhauspersonal und auf mangelnde Isolationsmöglichkeiten in den Krankenhäusern Deutschlands (wird beim Vergleich mit den Niederlanden gerne vergessen) und nicht auf Betrugsversuche im Medizinstudium zurückzuführen.
    Bei den tödlich ausgehenden Behandlungen gibt es natürlich Fälle, die auf Fahrlässigkeit oder Inkompetenz zurückzuführen sind, allerdings auch solche, die auf Fehler im nichtärztlichen Bereich oder gar auf die Tatsache zurückzuführen sind, dass der Patient entweder an einer (fortgeschrittenen) Grunderkrankung oder deren Behandlung stirbt- unabhängig davon wie die Ärzte sich entscheiden.
    Und nicht zu vergessen: Kein Arzt weiß 20 Jahre nach dem Studium noch, was er mal für eine kleine Klausur oder die zehn Kreuzfragen im Staatsexamen in einem der "kleinen Fächer", z.B. Augenheilkunde gelernt hat, wenn er nicht z.B. Augenarzt geworden ist. Hier ist sicher der Impact von berufsbegleitenden Fortbildungen und einer guten Facharztausbildung auf die Patientensicherheit größer als die Frage ob der Mediziner mal abgeguckt hat.

    Um es aber nocheinmal unmißverständlich zu sagen: Natürlich sollte nicht betrogen werden und natürlich müssen Medizinstudenten ihren Stoff gut lernen. Aber die o.g. Schlussfolgerungen halte ich für so nicht richtig.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
Service