DIE ZEIT: Herr Sattler, sind Studenten Betrüger?

Sebastian Sattler:Die Mehrheit, rund 80 Prozent, bedient sich zumindest im Laufe eines Semesters unerlaubter Mittel , schreibt also einen Spickzettel, schaut in der Klausur vom Nachbarn ab oder gibt ein Plagiat ab. Das belegt unsere Studie. Ich würde aber nicht in allen Fällen von Betrug sprechen. Immerhin braucht es deutlich weniger kriminelle Energie, mal einen Spickzettel zu schreiben, als ein glasklares Plagiat abzugeben.

ZEIT: Sie haben über drei Jahre mehrere Tausend Studenten und Dozenten befragt. Das ist die erste Studie dieser Größenordnung zum Thema in Deutschland. Ihren Zahlen zufolge plagiiert jeder fünfte Student – und 94 Prozent aller Plagiate bleiben unerkannt. Wie kann das sein?

Sattler: Es wird nur wenig kontrolliert. Nur ein Viertel der Arbeiten wird stichprobenartig mit Suchmaschinen geprüft und nicht einmal jede fünfte mit einer Plagiatssoftware. Zwar sagen die meisten der von uns befragten Dozenten, dass sie beim Korrigieren auf Plagiate achten, und es mag ja sein, dass ein geschultes Auge viele Plagiate durchs Lesen aufspürt. Aber ist das die effizienteste Lösung? Wahrscheinlich nicht. Am meisten plagiieren übrigens die Ingenieurstudenten – fast jeder dritte hat es mindestens ein Mal im vergangenen Semester getan. Dabei schätzen die Dozenten, die wir in diesen Fächern befragt haben, Betrug kaum als Problem ein.

ZEIT: Ist den Dozenten das Problem egal?

Sattler: Nein. Seit den prominenten Plagiatsskandalen haben viele Doktorväter und -mütter Angst vor dem medialen Pranger, wenn sie einen Plagiator nicht entdecken. Einzelne Dozenten schauen seitdem auch bei Studenten verstärkt auf Text- und Ideenklau.

ZEIT: Aber?

Sattler: Aber es gibt strukturelle Gründe dafür, dass die meisten doch nicht so genau hinschauen: Viele Professoren sorgen sich um das Lernklima. Zu einem Schaffner, der in der Bahn überprüft, ob ich eine Fahrkarte gelöst habe, brauche ich kein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Vertrauen zwischen Professoren und Studierenden ist hingegen nützlich für beide. Viele Dozenten scheuen sich, grundsätzlich alle Arbeiten auf einen möglichen Betrug hin zu überprüfen, weil das wie ein Generalverdacht wirken könnte. Außerdem haben viele Wissenschaftler neben ihrer Forschung nur wenig Zeit. Für den Lebenslauf zählen meist Veröffentlichungen, die Qualität der Lehre hingegen zählt weniger. Die meisten Dozenten verzichten deshalb auf zeitaufwendige Kontrollen. Das gilt nicht nur für die Plagiatskontrolle: Nur jeder dritte Dozent verteilt unterschiedliche Klausurversionen, in denen Fragen unterschiedlich sortiert sind und so das Abschreiben erschwert wird. Auch in Laboren oder beim Erheben von Daten wird längst nicht jedem Fehlverhalten nachgespürt.

ZEIT: Ihr Ergebnis zum Abschreiben klingt nicht gerade spektakulär: Nur jeder dritte Student schielt im Laufe eines Semesters mal auf die Klausur seines Sitznachbarn.

Sattler: Das mag im Gesamtdurchschnitt harmlos erscheinen. Man muss sich aber die Zahlen der einzelnen Fächer anschauen. Mediziner zum Beispiel haben viel weniger Gelegenheit zu plagiieren als etwa Sprachwissenschaftler, weil sie kaum Hausarbeiten abgeben. Stattdessen schreiben sie besonders viele Klausuren – und dort schauen mehr als zwei von drei Medizinstudenten ab. Das halte ich für einen prekären Wert. Stellen Sie sich vor, dass sich Ihr Arzt durchs Studium gemogelt hat und jetzt über Ihre Gesundheit, womöglich sogar über Leben und Tod entscheiden muss. Ich weiß nicht, ob man sich da gut aufgehoben fühlt.

ZEIT: Nicht jeder macht seinen Job schlechter, nur weil er im Studium mal abgeguckt hat.

Sattler: Stimmt. Aber es wird viel Geld in die Bildung investiert – wenn Leute betrügen, ist das eine Fehlinvestition. Zudem soll an der Uni nicht nur Stoff vermittelt werden, sondern es muss auch um Werte gehen. Nicht zufällig gibt es in vielen Berufen Probleme mit Korruption, Diebstahl am Arbeitsplatz oder unzuverlässiger Zeitabrechnung.

ZEIT: Wer heute abguckt, ist morgen Plagiator?

Sattler: Nein, Plagiate macht man über Wochen und Monate, das hat eine andere Qualität als ein schneller Blick auf die Nachbarklausur. Aber zum Beispiel das Ergebnis einer Messung zu fälschen ist schon etwas anderes, als mal zu spicken. Man braucht dafür mehr kriminelle Energie und auch bessere Gründe, um es zu rechtfertigen. Uns geht es mit der Studie auch darum, den Blick zu erweitern und nicht nur über Plagiate, sondern auch über andere Formen des Betrugs zu sprechen. So wie in den Medien über studentischen Betrug diskutiert wird, sind die Naturwissenschaften fein raus – denn über das Fälschen und Erfinden von Messergebnissen redet niemand. Dabei betrifft es etwa ein Drittel aller Naturwissenschaftler und Mediziner.

Zum ersten Mal belastbare Zahlen

ZEIT: Sie haben die Studenten gefragt, wie oft sie im vergangenen Semester abgeguckt, gespickt, plagiiert oder Ergebnisse gefälscht haben. Glauben Sie, dass die Befragten ehrlich geantwortet haben?

Sattler: Wir haben großen Wert auf Anonymität gelegt und den Studierenden das auch an vielen Stellen mitgeteilt. Sie mussten also keine negativen Konsequenzen fürchten. Wir halten die Zahlen für recht glaubwürdig, auch wenn die Dunkelziffer wohl noch etwas höher ist. Wichtig ist: Zum ersten Mal haben wir überhaupt belastbare Zahlen zu dem Thema. Bisher wurde vor allem über Gefühle und Vermutungen diskutiert, weil es nur prominente Einzelfälle, aber keine wirklich breit angelegten Studien gab.

ZEIT: Steigt durch die Plagiatsskandale das Interesse?

Sattler: Ja, langsam nimmt es zu. Konferenzen und Workshops zu dem Thema sind häufiger geworden, aber meistens sind es Praktiker, die dort referieren, nicht Leute, die das Thema wissenschaftlich fundiert anschauen. Und die Resonanz könnte größer sein, schließlich betrifft es ja jeden Lehrenden.

ZEIT: Die Universitäten müssen doch ein Interesse daran haben, ihren Ruf zu schützen.

Sattler: Es bewegt sich auch etwas. Erste Universitäten haben bereits eine Plagiatssoftware angeschafft. Oft sind das aber Insellösungen einzelner Fachbereiche. Oder es wird die Universitätsleitung aktiv, scheitert dann aber am Widerstand einzelner Fakultäten. Ich sehe nicht, dass der Betrug an allen Unis ausreichend angegangen wird.

ZEIT: Was raten Sie den Hochschulrektoren?

Sattler: Ein erster Schritt wäre, Arbeiten zentral auf Plagiate prüfen zu lassen. Das verschafft den Lehrenden mehr Zeit für Betreuungsleistungen und ist im Interesse der Uni – denn wenn ein Lehrender eine Arbeit bewertet und kommentiert, die plagiiert wurde, ist das verlorene Zeit. Schon allein die Ankündigung, Arbeiten sorgfältig zu prüfen, senkt bei Studenten die Bereitschaft zu schummeln.

ZEIT: Was können die Universitäten noch tun?

Sattler: Am wichtigsten ist es, wissenschaftliches Arbeiten und ein Verständnis dafür zu lehren: Recherche, Zitierweise, Fokussierung von Fragestellungen, aber auch Zeitmanagement und Lernstrategien. Nur etwa jeder dritte Student meint, das akademische Handwerk gut zu beherrschen. Und schlechte Methodenkenntnisse erhöhen natürlich dann die Wahrscheinlichkeit, dass ein Student versucht zu täuschen. Das zeigt unsere Studie sehr deutlich. Ähnliches gilt für Aufschiebeverhalten und Prüfungsangst. Wenn man solide Methodenkenntnisse und Lernstrategien vermittelt, kann man viele Probleme auf einmal angehen. Das muss von Beginn des Studiums an geschehen und dann immer wieder aufgefrischt werden. Es reicht nicht, diese Aufgaben studentischen Tutoren zu überlassen, die selbst vielleicht nicht ganz sicher sind. Außerdem halte ich es für sinnvoll, die Zahl der Prüfungen zu reduzieren und dafür mehr auf Qualität, Anleitung und Feedback zu achten.

ZEIT: Wie denken eigentlich die Studenten über das Schummeln?

Sattler: Es gibt eine amerikanische Studie, laut der 90 Prozent aller Studenten meinen, dass Betrug im Allgemeinen falsch ist. Unsere Untersuchung ergibt, dass zumindest etwas mehr als die Hälfte der Befragten das Plagiieren und rund 42 Prozent das Abschreiben für moralisch falsch halten. Deshalb könnten auch honor codes nach amerikanischem Vorbild helfen, die richtiges und falsches Verhalten klar benennen – das hilft den Lehrenden und den Lernenden, und keiner kann später sagen, er habe nichts gewusst. Wer Schummeln für moralisch falsch hält, schummelt weniger, auch das zeigen unsere Zahlen.