Schummel-Studie"Vier von fünf Studenten schummeln"
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Zum ersten Mal belastbare Zahlen

ZEIT: Sie haben die Studenten gefragt, wie oft sie im vergangenen Semester abgeguckt, gespickt, plagiiert oder Ergebnisse gefälscht haben. Glauben Sie, dass die Befragten ehrlich geantwortet haben?

Sattler: Wir haben großen Wert auf Anonymität gelegt und den Studierenden das auch an vielen Stellen mitgeteilt. Sie mussten also keine negativen Konsequenzen fürchten. Wir halten die Zahlen für recht glaubwürdig, auch wenn die Dunkelziffer wohl noch etwas höher ist. Wichtig ist: Zum ersten Mal haben wir überhaupt belastbare Zahlen zu dem Thema. Bisher wurde vor allem über Gefühle und Vermutungen diskutiert, weil es nur prominente Einzelfälle, aber keine wirklich breit angelegten Studien gab.

ZEIT: Steigt durch die Plagiatsskandale das Interesse?

Sattler: Ja, langsam nimmt es zu. Konferenzen und Workshops zu dem Thema sind häufiger geworden, aber meistens sind es Praktiker, die dort referieren, nicht Leute, die das Thema wissenschaftlich fundiert anschauen. Und die Resonanz könnte größer sein, schließlich betrifft es ja jeden Lehrenden.

ZEIT: Die Universitäten müssen doch ein Interesse daran haben, ihren Ruf zu schützen.

Sattler: Es bewegt sich auch etwas. Erste Universitäten haben bereits eine Plagiatssoftware angeschafft. Oft sind das aber Insellösungen einzelner Fachbereiche. Oder es wird die Universitätsleitung aktiv, scheitert dann aber am Widerstand einzelner Fakultäten. Ich sehe nicht, dass der Betrug an allen Unis ausreichend angegangen wird.

ZEIT: Was raten Sie den Hochschulrektoren?

Sattler: Ein erster Schritt wäre, Arbeiten zentral auf Plagiate prüfen zu lassen. Das verschafft den Lehrenden mehr Zeit für Betreuungsleistungen und ist im Interesse der Uni – denn wenn ein Lehrender eine Arbeit bewertet und kommentiert, die plagiiert wurde, ist das verlorene Zeit. Schon allein die Ankündigung, Arbeiten sorgfältig zu prüfen, senkt bei Studenten die Bereitschaft zu schummeln.

ZEIT: Was können die Universitäten noch tun?

Sattler: Am wichtigsten ist es, wissenschaftliches Arbeiten und ein Verständnis dafür zu lehren: Recherche, Zitierweise, Fokussierung von Fragestellungen, aber auch Zeitmanagement und Lernstrategien. Nur etwa jeder dritte Student meint, das akademische Handwerk gut zu beherrschen. Und schlechte Methodenkenntnisse erhöhen natürlich dann die Wahrscheinlichkeit, dass ein Student versucht zu täuschen. Das zeigt unsere Studie sehr deutlich. Ähnliches gilt für Aufschiebeverhalten und Prüfungsangst. Wenn man solide Methodenkenntnisse und Lernstrategien vermittelt, kann man viele Probleme auf einmal angehen. Das muss von Beginn des Studiums an geschehen und dann immer wieder aufgefrischt werden. Es reicht nicht, diese Aufgaben studentischen Tutoren zu überlassen, die selbst vielleicht nicht ganz sicher sind. Außerdem halte ich es für sinnvoll, die Zahl der Prüfungen zu reduzieren und dafür mehr auf Qualität, Anleitung und Feedback zu achten.

ZEIT: Wie denken eigentlich die Studenten über das Schummeln?

Sattler: Es gibt eine amerikanische Studie, laut der 90 Prozent aller Studenten meinen, dass Betrug im Allgemeinen falsch ist. Unsere Untersuchung ergibt, dass zumindest etwas mehr als die Hälfte der Befragten das Plagiieren und rund 42 Prozent das Abschreiben für moralisch falsch halten. Deshalb könnten auch honor codes nach amerikanischem Vorbild helfen, die richtiges und falsches Verhalten klar benennen – das hilft den Lehrenden und den Lernenden, und keiner kann später sagen, er habe nichts gewusst. Wer Schummeln für moralisch falsch hält, schummelt weniger, auch das zeigen unsere Zahlen.

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Leserkommentare
    • ST_T
    • 29. August 2012 6:57 Uhr

    "Mediziner zum Beispiel haben viel weniger Gelegenheit zu plagiieren als etwa Sprachwissenschaftler, weil sie kaum Hausarbeiten abgeben. Stattdessen schreiben sie besonders viele Klausuren – und dort schauen mehr als zwei von drei Medizinstudenten ab. Das halte ich für einen prekären Wert. Stellen Sie sich vor, dass sich Ihr Arzt durchs Studium gemogelt hat und jetzt über Ihre Gesundheit, womöglich sogar über Leben und Tod entscheiden muss. Ich weiß nicht, ob man sich da gut aufgehoben fühlt."

    Erstens haben Sprachwissenschaftler gar keine Möglichkeit zum Plagiieren, da nicht lernen sofort auffällt. Außerdem bringt es herzlich wenig bei pro Semester ca. 2000 Vokabeln und mehr als 30 Seiten Grammatik.

    Zweitens haben theoretische Medizin-Prüfungen ebenso wenig mit der späteren Arzt-Ausbildung zu tun geschweige denn überhaupt mit der Befähigung als Arzt. Ich wüsste nicht wo rein auswendig gelerntes Wissen im Beruf später einen Arzt jemals dazu veranlasst hat ein Leben zu retten.

    Und drittens würde ich die Frage so stellen: Wenn man schon im Studium so mogeln kann dann fehlt wohl etwas...in unserem Fall Mitarbeiter; Wenn etwa 80 Studenten pro Semester ihre Arbeiten bei einem Prof abgeben dann ist eine vernünftige Korrektur dieser 20-Seiten-Arbeit nahezu unmöglich in einem adäquaten Zeitrahmen zu schaffen.

    Praxis?!?

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    Ich habe es mehrfach erlebt, wie Leute in leitenden Funktionen in kritischen Situationen zu Salzsäulen erstarrten oder auf Tauchstation gegangen sind und dann gar nichts mehr kam. Ist man in einer leitenden Position, ist man jedoch genau in diesen Situationen gefragt.

    Um bei der Medizin zu bleiben: es gibt dort zwei ganz große Hürden, an denen sich die Spreu vom Weizen trennt - das Physikum und die Aprobation.

    • gorgo
    • 29. August 2012 8:36 Uhr

    "Stellen Sie sich vor, dass sich Ihr Arzt durchs Studium gemogelt hat und jetzt über Ihre Gesundheit, womöglich sogar über Leben und Tod entscheiden muss. Ich weiß nicht, ob man sich da gut aufgehoben fühlt."
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass das im Studium "auswendig" gelernte für die angeblich so andere "Praxis" unbedeutend sein soll.

    Worin besteht denn die Praxis der Ärztin? Doch wohl darin, dass sie/er mit sehr breitem Wissen an den einzelnen Patienten herangeht und aus diesem "Fundus" heraus Symptome wirklich beurteilen, verschiedene Beobachtungen gegeneinander logisch abwägen und alle Möglichkeiten in Betracht ziehen kann.

    Fehldiagnosen beruhen doch fast immer auf mangelndem Wissen über weitere Möglichkeiten und Zusammenhängen. Abgesehen davon dürfte man im Studium wohl kaum bloß auswendig, sondern insbesondere auch den Umgang mit Informationen, das "Auswerten" und Abwägens von Phänomenen lernen - so einfach wie klein Hänschen sich das mit der "Praxis" vorstellt, ist es wohl doch nicht.

    Zu den Folgen ein paar Zahlen aus der Süddeutschen: "Nach seriösen Schätzungen haben 0,1 Prozent aller Behandlungen im Krankenhaus den Tod zur Folge" - Hardy Müller Aktionsbündnis Patientensicherheit, d.h. 17.500 Menschen pro Jahr in Kliniken "40.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland durch Nebenwirkungen von Medikamenten. Zwischen 500.000 und einer Million Patienten infizieren sich jährlich im Krankenhaus mit Keimen, Tausende sterben daran."

    • DrNI
    • 29. August 2012 9:26 Uhr

    "Erstens haben Sprachwissenschaftler gar keine Möglichkeit zum Plagiieren, da nicht lernen sofort auffällt. Außerdem bringt es herzlich wenig bei pro Semester ca. 2000 Vokabeln und mehr als 30 Seiten Grammatik."

    Ich habe Sprachwissenschaft als Nebenfach studiert. Ich muss Ihnen leider sagen: Sprachwissenschaft ist eben nicht das Erlernen einer Sprache. Es gibt keine Vokabeln. Grammatik schon, aber aus einer ganz anderen Perspektive. Äußerungen wie die Ihrige lassen leider Inkompetenz vermuten und fallen gerade in Hausarbeiten sofort auf. ;-)

    Nun da ich die Seiten gewechselt habe, erfahre ich leider von KollegInnen öfter von Plagiaten in Hausarbeiten - auch in der Sprachwissenschaft.

  1. Exakt. Wo sollen denn die Kontrolleure Herkommen? Die Budgets für Hiwis sind eng und wenn 2 Hiwis auf 120 Studenten aufpassen kann es eben sehr leicht sein, zu spicken.
    Und zum Thema "Werte":
    Lernen sie mal den Vorlesungsstoff von 7 Veranstaltungen, wenn sie während des Semesters Hausarbeiten/Referate am Band abliefern müssen (pro Vorlesung eben noch ein Referat oder eine Hausarbeit). Lernen sie das noch mal, wenn sie nebenher arbeiten oder/und der zu lernende Stoff nicht klar umrissen ist ("Und dann wäre noch das Buch hier..und das hier...achja und das! Und die Zusatzliteratur nicht vergessen."). Lernen sie das noch mal wenn ihnen Bafögamt und Studienförderung oder gar Eltern im Nacken sitzen, weil ein Überziehen der Regelstudienzeit so gut wie nicht drin ist.

    Mal völlig davon abgesehen, dass das Lernen einiger Inhalte nicht leicht fällt, weil die intrinsische Motivation fehlt (Kurz: Es interessiert einen nicht). Und völlig davon abgesehen, dass das durchaus zu schaffen ist, sofern man denn den Luxus hat, kein Leben zu besitzen und sich voll und ganz auf die Uni zu konzentrieren.

    Werte? Wenn ich an eine Lehrinstitution gehe, die mich durch ihre Struktur zum "Bulimie"-Lernen zwingt, obwohl da eigentlich andere Werte zum Thema Wissen vermittelt werden sollten? Wann hat der gemeine Bachelor/Master-Student denn bitte mal Zeit in den Fachjournals zu Blättern, die IHN interessieren und sich selbstständig zu bilden?

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    "Wann hat der gemeine Bachelor/Master-Student denn bitte mal Zeit in den Fachjournals zu Blättern, die IHN interessieren und sich selbstständig zu bilden?"

    Genau das wiederum macht einen Hochschulabsolventen verdächtig - man schätzt es nicht, wenn jemand eigenständig etwas auf die Reihe bekommt und möglicherweise dumme Fragen stellt. Der Schock von 1968 steckt vielen in Politik und Wirtschaft immer noch in den Knochen und das Misstrauen gegenüber Hochschulabsolventen ist immer noch groß. Haben nicht die deutschen Hochschulen Leute, wie Rudi Dutschke, Ulrike Meinhof oder gar Mohammed Atta hervorgebracht? Landläufig sind manche der Meinung, dies wäre nur deshalb passiert, weil das deutsche Hochschulwesen ihnen zu viel Zeit und Raum gelassen hätte.

    "Lernen sie mal den Vorlesungsstoff von 7 Veranstaltungen, wenn sie während des Semesters Hausarbeiten/Referate am Band abliefern müssen (pro Vorlesung eben noch ein Referat oder eine Hausarbeit). Lernen sie das noch mal, wenn sie nebenher arbeiten oder/und der zu lernende Stoff nicht klar umrissen ist ("Und dann wäre noch das Buch hier..und das hier...achja und das! Und die Zusatzliteratur nicht vergessen."). Lernen sie das noch mal wenn ihnen Bafögamt und Studienförderung oder gar Eltern im Nacken sitzen, weil ein Überziehen der Regelstudienzeit so gut wie nicht drin ist."

    Ja, klar, Bachelor-Studenten stehen ja dermaßen unter Druck!
    Tut mir leid, aber ich kann das nicht mehr hören, erst recht nicht dann, wenn dieses Argument als Ausrede für Plagiieren herhalten soll.
    Ich studiere selbst, und neben meinem Präsenzstudium noch einen Fernstudiengang. Den angeblichen übermäßigen (von außen auferlegten) Stress konnte ich bisher nicht spüren. Nach meiner Erfahrung stehen Studenten vor allem dann unter Druck, wenn sie zu spät anfangen mit Lernen. Das ist mir durchaus auch schon mehrmals passiert. Aber im Gegensatz zu einigen anderen Studenten merke ich, dass das dann mein Fehler ist, und nicht der des Studiensystems!

    • rorossi
    • 29. August 2012 18:50 Uhr

    ... im Bachelor/Master Studiengang kennzeichnet die zugrunde liegenden Ursachen sehr treffend. Leider beschränkt sich das ZEIT-Interview auf die Schilderung der daraus resultierenden Folgen.

    mein lieber praefrontal,

    wenn ihnen das medizinstudium zu anspruchsvoll ist,
    sollten sie sich beruflich doch besser 2 stufen tiefer
    einordnen, inkompetente ärzte gibt es nämlich genug !
    leider spreche ich, als auf der anderen seite des skalpels
    stehender, aus leidvoller erfahrung !

  2. Ich habe es mehrfach erlebt, wie Leute in leitenden Funktionen in kritischen Situationen zu Salzsäulen erstarrten oder auf Tauchstation gegangen sind und dann gar nichts mehr kam. Ist man in einer leitenden Position, ist man jedoch genau in diesen Situationen gefragt.

    Um bei der Medizin zu bleiben: es gibt dort zwei ganz große Hürden, an denen sich die Spreu vom Weizen trennt - das Physikum und die Aprobation.

    Antwort auf "Frechheit!"
  3. "Wann hat der gemeine Bachelor/Master-Student denn bitte mal Zeit in den Fachjournals zu Blättern, die IHN interessieren und sich selbstständig zu bilden?"

    Genau das wiederum macht einen Hochschulabsolventen verdächtig - man schätzt es nicht, wenn jemand eigenständig etwas auf die Reihe bekommt und möglicherweise dumme Fragen stellt. Der Schock von 1968 steckt vielen in Politik und Wirtschaft immer noch in den Knochen und das Misstrauen gegenüber Hochschulabsolventen ist immer noch groß. Haben nicht die deutschen Hochschulen Leute, wie Rudi Dutschke, Ulrike Meinhof oder gar Mohammed Atta hervorgebracht? Landläufig sind manche der Meinung, dies wäre nur deshalb passiert, weil das deutsche Hochschulwesen ihnen zu viel Zeit und Raum gelassen hätte.

    • Chali
    • 29. August 2012 8:24 Uhr

    Was erwarten Sie?

    Nach allem, was ich aus Verwandschaft und Bekanntschaft höre, geht es bei dieser Art von Prüfung ja nicht um den Nachweis, dass man seinen Teil gelernt hat - wie etwa bei der Führerschein-Prüfung.

    Sondern es geht um die Herstellung einer Rangordnung. Die dann massgeblich ist für das weitere Leben. Und es geht eben nicht darum, dass man den Stoff verstanden hat und ihn kritisch hinterfragen kann, sondern um das Ankreuzen von Multliple Chaice. Dafür sind ganz andere Fähigkeiten gefragt als "im Beruf".

  4. Vielleicht wäre es hilfreicher mal genauer auf die Ursachen des "Schummelns" zu schauen. Dabei ist es etwas bequem zu glauben, es läge nur an mangelnder Methodenkenntnis.

    Inwieweit wird eigenständiges, kreatives, innovatives und ehrliches forschen wirklich gefordert, gefördert und belohnt?

    Es kommt nicht von ungefähr, dass sich die meisten Doktorarbeiten thematisch und inhaltlich ähneln, also auf Nummer Sicher gegangen wird.

    Selbst Forschungsinstitute neigen dazu die oftmals geringe Aussagekraft ihrer Studien als deutliche Erkenntnisse zu verkaufen. Oftmals weil der Auftrag-/Geldgeber lieber beschummelt werden will, als in weitere kosten- und zeitintensive Forschung zu investieren. Insofern wäre ein ehrlicher Student hier fehl am Platz.

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    • Chali
    • 29. August 2012 8:49 Uhr

    "Inwieweit wird eigenständiges, kreatives, innovatives und ehrliches forschen wirklich gefordert, gefördert und belohnt?"

    Zunächst:
    Gabz sicher ist das nicht Prüfungsthema.

    Aber das alles hebt ja darauf ab, dass man eine Antwort hat, wenn man die Frage stellt. "Man muss kein Koch sein, um zu wissen, dass die Suppe versalzen ist", sagt Lessing. Um aber etwa besseres zu erstellen - dafür braucht man ja Zeit. Wo soll die herkommen?

    • jknabe
    • 29. August 2012 8:34 Uhr

    Das Hauptproblem scheint mir zu sein, dass die Plagiatoren nur ein geringes Risiko haben, entdeckt und bestraft zu werden - wenn sie nicht gerade wie Guttenberg Erfolg in der Politik haben.
    Würden Unis flächendeckend ihre wissenschaftlichen Veröffentlichungen mit Plagiatssoftware [...] prüfen (im angelsächsischen Raum längst gang und gäbe) wäre die Gefahr, erwischt zu werden und damit die Abschreckung groß.
    Eine öffentliche Diskussion über wissenschaftliches Arbeiten ist gut, um dafür zu sensibilisieren.

    Link entfernt. Bitte verzichten Sie auf Werbung. Danke, die Redaktion/lv

    • gorgo
    • 29. August 2012 8:36 Uhr

    "Stellen Sie sich vor, dass sich Ihr Arzt durchs Studium gemogelt hat und jetzt über Ihre Gesundheit, womöglich sogar über Leben und Tod entscheiden muss. Ich weiß nicht, ob man sich da gut aufgehoben fühlt."
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass das im Studium "auswendig" gelernte für die angeblich so andere "Praxis" unbedeutend sein soll.

    Worin besteht denn die Praxis der Ärztin? Doch wohl darin, dass sie/er mit sehr breitem Wissen an den einzelnen Patienten herangeht und aus diesem "Fundus" heraus Symptome wirklich beurteilen, verschiedene Beobachtungen gegeneinander logisch abwägen und alle Möglichkeiten in Betracht ziehen kann.

    Fehldiagnosen beruhen doch fast immer auf mangelndem Wissen über weitere Möglichkeiten und Zusammenhängen. Abgesehen davon dürfte man im Studium wohl kaum bloß auswendig, sondern insbesondere auch den Umgang mit Informationen, das "Auswerten" und Abwägens von Phänomenen lernen - so einfach wie klein Hänschen sich das mit der "Praxis" vorstellt, ist es wohl doch nicht.

    Zu den Folgen ein paar Zahlen aus der Süddeutschen: "Nach seriösen Schätzungen haben 0,1 Prozent aller Behandlungen im Krankenhaus den Tod zur Folge" - Hardy Müller Aktionsbündnis Patientensicherheit, d.h. 17.500 Menschen pro Jahr in Kliniken "40.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland durch Nebenwirkungen von Medikamenten. Zwischen 500.000 und einer Million Patienten infizieren sich jährlich im Krankenhaus mit Keimen, Tausende sterben daran."

    Antwort auf "Frechheit!"
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    ... so einfach, wie klein Hänschen sich das mit der "Praxis" vorstellt, ist es eben nicht.
    Daher sind auch 500.000 Krankenhausinfektionen auf Nachlässigkeiten der Handhygiene beim Krankenhauspersonal und auf mangelnde Isolationsmöglichkeiten in den Krankenhäusern Deutschlands (wird beim Vergleich mit den Niederlanden gerne vergessen) und nicht auf Betrugsversuche im Medizinstudium zurückzuführen.
    Bei den tödlich ausgehenden Behandlungen gibt es natürlich Fälle, die auf Fahrlässigkeit oder Inkompetenz zurückzuführen sind, allerdings auch solche, die auf Fehler im nichtärztlichen Bereich oder gar auf die Tatsache zurückzuführen sind, dass der Patient entweder an einer (fortgeschrittenen) Grunderkrankung oder deren Behandlung stirbt- unabhängig davon wie die Ärzte sich entscheiden.
    Und nicht zu vergessen: Kein Arzt weiß 20 Jahre nach dem Studium noch, was er mal für eine kleine Klausur oder die zehn Kreuzfragen im Staatsexamen in einem der "kleinen Fächer", z.B. Augenheilkunde gelernt hat, wenn er nicht z.B. Augenarzt geworden ist. Hier ist sicher der Impact von berufsbegleitenden Fortbildungen und einer guten Facharztausbildung auf die Patientensicherheit größer als die Frage ob der Mediziner mal abgeguckt hat.

    Um es aber nocheinmal unmißverständlich zu sagen: Natürlich sollte nicht betrogen werden und natürlich müssen Medizinstudenten ihren Stoff gut lernen. Aber die o.g. Schlussfolgerungen halte ich für so nicht richtig.

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