ZEIT: Sie haben die Studenten gefragt, wie oft sie im vergangenen Semester abgeguckt, gespickt, plagiiert oder Ergebnisse gefälscht haben. Glauben Sie, dass die Befragten ehrlich geantwortet haben?

Sattler: Wir haben großen Wert auf Anonymität gelegt und den Studierenden das auch an vielen Stellen mitgeteilt. Sie mussten also keine negativen Konsequenzen fürchten. Wir halten die Zahlen für recht glaubwürdig, auch wenn die Dunkelziffer wohl noch etwas höher ist. Wichtig ist: Zum ersten Mal haben wir überhaupt belastbare Zahlen zu dem Thema. Bisher wurde vor allem über Gefühle und Vermutungen diskutiert, weil es nur prominente Einzelfälle, aber keine wirklich breit angelegten Studien gab.

ZEIT: Steigt durch die Plagiatsskandale das Interesse?

Sattler: Ja, langsam nimmt es zu. Konferenzen und Workshops zu dem Thema sind häufiger geworden, aber meistens sind es Praktiker, die dort referieren, nicht Leute, die das Thema wissenschaftlich fundiert anschauen. Und die Resonanz könnte größer sein, schließlich betrifft es ja jeden Lehrenden.

ZEIT: Die Universitäten müssen doch ein Interesse daran haben, ihren Ruf zu schützen.

Sattler: Es bewegt sich auch etwas. Erste Universitäten haben bereits eine Plagiatssoftware angeschafft. Oft sind das aber Insellösungen einzelner Fachbereiche. Oder es wird die Universitätsleitung aktiv, scheitert dann aber am Widerstand einzelner Fakultäten. Ich sehe nicht, dass der Betrug an allen Unis ausreichend angegangen wird.

ZEIT: Was raten Sie den Hochschulrektoren?

Sattler: Ein erster Schritt wäre, Arbeiten zentral auf Plagiate prüfen zu lassen. Das verschafft den Lehrenden mehr Zeit für Betreuungsleistungen und ist im Interesse der Uni – denn wenn ein Lehrender eine Arbeit bewertet und kommentiert, die plagiiert wurde, ist das verlorene Zeit. Schon allein die Ankündigung, Arbeiten sorgfältig zu prüfen, senkt bei Studenten die Bereitschaft zu schummeln.

ZEIT: Was können die Universitäten noch tun?

Sattler: Am wichtigsten ist es, wissenschaftliches Arbeiten und ein Verständnis dafür zu lehren: Recherche, Zitierweise, Fokussierung von Fragestellungen, aber auch Zeitmanagement und Lernstrategien. Nur etwa jeder dritte Student meint, das akademische Handwerk gut zu beherrschen. Und schlechte Methodenkenntnisse erhöhen natürlich dann die Wahrscheinlichkeit, dass ein Student versucht zu täuschen. Das zeigt unsere Studie sehr deutlich. Ähnliches gilt für Aufschiebeverhalten und Prüfungsangst. Wenn man solide Methodenkenntnisse und Lernstrategien vermittelt, kann man viele Probleme auf einmal angehen. Das muss von Beginn des Studiums an geschehen und dann immer wieder aufgefrischt werden. Es reicht nicht, diese Aufgaben studentischen Tutoren zu überlassen, die selbst vielleicht nicht ganz sicher sind. Außerdem halte ich es für sinnvoll, die Zahl der Prüfungen zu reduzieren und dafür mehr auf Qualität, Anleitung und Feedback zu achten.

ZEIT: Wie denken eigentlich die Studenten über das Schummeln?

Sattler: Es gibt eine amerikanische Studie, laut der 90 Prozent aller Studenten meinen, dass Betrug im Allgemeinen falsch ist. Unsere Untersuchung ergibt, dass zumindest etwas mehr als die Hälfte der Befragten das Plagiieren und rund 42 Prozent das Abschreiben für moralisch falsch halten. Deshalb könnten auch honor codes nach amerikanischem Vorbild helfen, die richtiges und falsches Verhalten klar benennen – das hilft den Lehrenden und den Lernenden, und keiner kann später sagen, er habe nichts gewusst. Wer Schummeln für moralisch falsch hält, schummelt weniger, auch das zeigen unsere Zahlen.