Eine Geschlechterideologie ersetze die andere, sagen Kritiker

Der deutsche Entwicklungspsychologe Peter Zimmermann, Professor an der Bergischen Universität Wuppertal, sieht hinter Egalia die gute Absicht, die Gleichwertigkeit der Geschlechter zu fördern, bringt aber die Frage auf, ob dort nicht eine vermeintliche Geschlechterideologie durch eine andere ersetzt werde und man so in eine andere Richtung ausgrenzend wirke. Und er hat noch einen Kritikpunkt: »Kinder kennen bereits sehr früh Geschlechtsunterschiede, aber durch diese Fokussierung bekommt das Thema Geschlecht eine Relevanz, die nicht alterstypisch für die Bewertungen und Handlungen der Kinder ist.« Das Verständnis gesellschaftlich bedingter Rollenbilder, das in Egalia verändert werden solle, werde erst deutlich später entwickelt.

Die Soziologin und ehemalige Gleichheitsexpertin der Schwedischen Akademiker-Organisation (Sveriges Akademikers Centralorganisation) Elise Claeson geht sogar noch weiter. In der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter kritisierte sie die Einführung des Begriffs hen. Das Schaffen eines dritten, neutralen Geschlechts sei nicht gut, sondern verwirrend für Kinder. Erwachsene sollten auf diese Weise nicht in das Entdecken von Geschlecht und Sexualität eingreifen.

Die Eltern scheinen diese Sorge nicht zu teilen. Die Wartelisten für Egalia sind lang. Ein bis zwei Jahre dauert es, bis man einen Platz bekommt. Auch Lotta Rajalin geht mit der Kritik an ihrem Projekt gelassen um – so gelassen, wie man es kann, wenn das Team hinter Egalia anonyme Drohbriefe bekommt und Beschimpfungen auf die Tür der Vorschule geschmiert werden, die den Erziehern vorwerfen, sie machten aus Jungen Mädchen und aus Mädchen Jungen.

»Wir wollen den Kindern nur die besten Startchancen geben, sodass sie Egalia als starke Persönlichkeiten verlassen und gelernt haben, dass sie alles machen können und es nicht auf ihr Geschlecht ankommt. Wir nehmen den Kindern nichts weg«, wehrt die Mutter von zwei leiblichen und drei Pflegekindern die Vorwürfe der Gegner ab, »wir haben eine eigene Art, zu reden und zu handeln. Wir versuchen, nur das sozial konstruierte Geschlecht zu negieren, nicht aber das biologische.« Dabei, betont sie, lasse man den Kindern alle Freiheiten. Mädchen, die mit Puppen spielen wollten, dürften das natürlich, ebenso werde den Jungen nicht verboten, mit Autos zu spielen.

Kajsa Wahlström ist Pädagogin und gilt als Schwedens Gleichheitscoach. Sie hat in den vergangenen Jahren viele Kindergärten in Europa in Sachen Geschlechterfragen beraten. Von der Philosophie Egalias ist sie jedoch nicht überzeugt. Weder die Einführung des Wortes hen noch die Tatsache, dass man auf Märchen und klassische Literatur verzichtet, sagen ihr zu: »Wörter oder Geschichten unsichtbar zu machen ist auch eine Art von Diskriminierung.« Ergänzen statt verstecken, das ist ihre Devise.

Egalia steht mit seinem Konzept nicht mehr allein da. Eine schwedische Grundschule verzichtet neuerdings auf Spielzeugautos, da Jungen ihnen eine größere Bedeutung beim Spielen beimessen, als es den Erziehern lieb ist. An einer anderen Schule wurde die freie Spielzeit von der Agenda gestrichen, mit der Begründung, die Kinder würden dabei auf stereotype Rollenmuster zurückfallen, man habe das Entstehen von Hierarchien und Ausgrenzungen beobachtet.

Dass ein Konzept wie Egalia eines Tages auch in deutschen Kindergärten Einzug halten könnte, daran zweifelt Ralf Haderlein, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit: »Wir erachten das Konzept als pädagogisch nicht sinnvoll und lehnen es daher ab.« Die Initiative sei ein Experiment, das auf sehr naiven Vorannahmen beruhe, »nach dem Motto, wir reden einfach nicht mehr über das biologische/soziale Geschlecht, dann sind wir auch die entsprechenden Ungleichheiten los«. Dabei könne es eine solche Neutralität einfach nicht geben. »Will man dafür sorgen, dass Kinder zukünftige Lebensanforderungen bewältigen können, dann müssen sie auch lernen, mit Geschlechtsdifferenzen umzugehen.«

Jungen schieben im Spiderman-Kostüm pinkfarbene Kinderwagen vor sich her

Seit dem Jahr 2008 wurden in Schweden rund zwölf Millionen Euro ausgegeben, um den traditionellen Stereotypisierungen in Schulen und Kindergärten entgegenzuwirken. Und die Diskussion ist noch lange nicht zu Ende. Einige Politiker fordern sogar, dass in jeder Vorschule in Stockholm ein Genderpädagoge anwesend sein soll, um zu überprüfen, inwieweit die Gleichstellung der Geschlechter durch die Erzieher umgesetzt wird. Das Thema Genderperspektive ist auch Bestandteil der Lehrerausbildung.

Während die Politik noch Pläne schmiedet, hat die Debatte um eine geschlechtsneutrale Erziehung die Räume von Kindergärten und Schulen bereits verlassen: In der Diskussion sind geschlechtsneutrale Toiletten. Eine Kleidermarke verzichtet in ihren Geschäften seit Kurzem auf Jungen- und Mädchenabteilungen, in Spielzeugkatalogen werden kleine Mädchen im Jeansoutfit auf Traktoren gezeigt, und Jungen schieben im Spiderman-Kostüm pinkfarbene Kinderwagen vor sich her. Die Geschlechterdebatte als Lifestylefrage – so schnell kann das manchmal gehen.