Alain Claude SulzerDas implodierende Leben

Alain Claude Sulzers neuer Roman ist das Ereignis des anbrechenden Schweizer Literaturherbstes. Er zeigt in meisterhafter Komposition die Brüchigkeit des modernen Daseins. von 

Der Schriftsteller Alain Claude Sulzer (Archiv)

Der Schriftsteller Alain Claude Sulzer (Archiv)  |  © Boris Horvat/AFP/Getty Images

Man klagt ja gern über den Zustand der aktuellen Schweizer Literatur. Zu wenig welthaltig, zu unpolitisch, zu introvertiert sei sie. Man könnte diese Klage, die auch wir auf diesen Seiten schon angestimmt haben, wieder im Hinblick auf die anstehende Buchproduktion des Herbstes formulieren. Vieles kommt da, leider wenig Gutes. Einer aber ragt heraus, zumindest einer.

Alain Claude Sulzers neuer Roman Aus den Fugen ist ein Werk, wie wir es von einem Schweizer in den letzten Jahren selten lesen durften. Dieses Buch erfüllt alle Ansprüche an ein literarisches Ereignis: Form und Inhalt sind dergestalt beschaffen, dass der Roman im Kopf des Lesers über sich hinauswächst – und schlimme Dinge anrichtet. Ja, das ist ein Text, der einen beunruhigt.

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Der Basler Schriftsteller erzählt eine unerhörte Geschichte. Der weltberühmte Pianist Marek Olsberg, von seiner Assistentin behütet und umsorgt wie ein schwieriges Kleinkind, klappt während der Hammerklaviersonate von Beethoven den Deckel des Instruments zu und verlässt mit den Worten »Das war’s dann« die Berliner Philharmonie. Das geschieht ganz ohne Vorsatz, ganz ansatzlos. Der Mann, der sich plötzlich, ohne dass er es bewusst wollte, in die Freiheit katapultiert hat, geht zuerst mal ein Bier trinken.

Rund um diese Kerngeschichte gruppieren sich andere Figuren. Sie alle werden existenziell getroffen vom plötzlichen Weggang des Pianisten. Da ist zum Beispiel Esther, die wegen des vorzeitigen Abbruchs des Konzerts früher nach Hause kommt und entdecken muss, dass ihr Mann Thomas nicht, wie versprochen, mit Bier und Snacks vor dem Fernseher sitzt, sondern im Bett seiner Assistentin Sabine liegt. Da ist der Werber Johannes, der sich bei einem Zwischenstopp in Berlin ein Callgirl namens Marina bestellt. Auf dem Weg zu Olsbergs Konzert entscheidet sich der Entflammte aber für einen ziemlich direkten Weg ins Bett. Zu seinem Schrecken erkennt er, wieder Herr seiner Sinne, dass die Lieferantin der sexuellen Befriedigung die verlorene Tochter seines besten Freundes ist. Und da ist Sophie, die während des gemeinsamen Konzertbesuchs mit ihrer Nichte Klara von deren Verhältnis zu ihrer großen Liebe Klaus erfahren muss. Zu dem Mann, der Sophie für die Mutter ihrer Nichte verlassen hat.

Sulzer präsentiert in dieser zum Roman ausgefalteten Novelle ein Panoptikum plötzlich implodierender Lebensentwürfe. Und das macht er schnörkellos, da ist kein Quentchen Selbstverliebtheit, der Mann hat etwas zu sagen. Und das sagt er, einfach so – und mit verblüffender Eleganz. Da braucht es nicht, wie so oft, Irr- und Umwege, die vielen Autoren nur dazu dienen, die Bedeutsamkeit des eigenen Textes zu behaupten. Nein, Sulzer schildert Geschichten, die uns nahegehen, die unmittelbar etwas mit uns zu tun haben. Er zeigt, wie brüchig unsere manchmal so sorgsam konstruierten modernen Existenzen sind. Ein laues Lüftchen, und schon gerät alles, eben, aus den Fugen, es passt nicht mehr. Die meisten von uns sind ja Gefangene ihrer, eigentlich, selbst gewählten Lebensumstände. Aber irgendwann verwirrt sich das Ganze – und wir fühlen uns irgendwie unfrei.

Dieses Gefühl macht Sulzer, ganz Schöpfer, kenntlich, indem er ein reinigendes Gewitter über seine Protagonistinnen und Protagonisten niedergehen lässt. Sie wollen nicht ehrlich mit sich selbst sein, so geschieht es ihnen halt. Die Umstände verlangen es. Ob das gut ist oder nicht, lässt der Schriftsteller zum Glück offen.

Bloß, am Schluss dieses Buches sind fast alle allein, auf sich selbst zurückgeworfen. Neu anfangen können sie nicht, das kann keiner, aber ein paar Lebenslügen sind weggesprengt. Was kommt danach?

Einen Blick auf eine gangbare Zukunft nach der Katastrophe gibt Sulzer am Ende frei. Man mag finden, dies sei ein pathetischer Schluss, aber er ist von großer Wahrhaftigkeit. Der Pianist Olsberg, durch den Erfolg und die permanente Öffentlichkeit von sich selbst entfremdet, findet beim Bier in der Bar ein Gegenüber, einen Mann, den er als Menschen erkennen und annehmen kann. Das allein ist schon mehr, als den meisten von uns je zuteil wird.

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